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Land Mecklenburg-Vorpommern

1. Historischer Hintergrund

Dank der erstmaligen Erwähnung in einer Urkunde Ottos III. vom 10.9.995 kann Mecklenburg (M) auf eine lange Geschichte zurückblicken. M und Vorpommern (V) besitzen geographische, siedlungsgeschichtliche und kulturelle Gemeinsamkeiten, zu einer verwaltungsmäßigen Einheit wurden sie jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam ist beiden Landesteilen die slawische Herkunft: In Pommern endete die Greifendynastie mit dem Tode Bogislaw XIV. 1637, in M dauerte die obotritische Herrschaft bis zur Abdankung Großherzogs Friedrich Franz IV. im Zuge der Novemberrevolution 1918.

Der Name M wird auf den Stammsitz des obotritischen Slawenfürsten Niklot zurückgeführt. Einen Aufschwung erlebte die Region im 15. Jh., als sich die Städte Rostock, Anklam, Wismar, Stralsund und Greifswald unter lübischem Stadtrecht zum "Wendischen Kontor" der Hanse zusammenschlossen. Die 1419 in Rostock gegründete erste Universität im Ostseeraum galt als "Leuchte des Nordens". Der in seiner Blütezeit mehr als 200 Ostseestädte umfassende Bund spielt in der historischen Erinnerung nach wie vor eine Rolle. Im Jahre 1701 entstand das Herzogtum M-Strelitz neben dem viermal größeren M-Schwerin.

Tiefe Spuren hinterließ der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), mehr als die Hälfte der Bevölkerung verlor damals das Leben. Vom 16. bis 18. Jh. verfügten die Herzöge und der Landadel weitgehend über den Grundbesitz, der Einfluss der Städte blieb gering. Die meisten Bauern mussten als "Erbuntertänige" und Tagelöhner arbeiten. Auch deswegen wanderten in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s aus den beiden mecklenburgischen Großherzogtümern ca. 200.000 Menschen nach Übersee aus, davon 90 % nach Nordamerika. Neben Irland verzeichneten M und V damals die größte Auswanderung in Europa.

Reichskanzler Bismarck soll gesagt haben, wenn der Untergang der Welt vorausgesagt werde, gehe er nach M, weil dort alles hundert Jahre später passiere. Er bezog sich wohl auf die Verfassung von 1755, den "Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich", der den Adel und die Ritterschaft bevorzugte.

Das heutige Bundesland MV geht auf drei historische Gebietseinheiten zurück: Bis zur Revolution 1918/19 bestanden die Großherzogtümer M-Schwerin und M-Strelitz. Beide Gebiete wurden zu Freistaaten der Weimarer Republik. Eine parlamentarische Verfassung löste die ständische Herrschaftsordnung ab, die im Unterschied zu anderen deutschen Ländern bis dahin bestanden hatte. Ende 1918 konnten erstmals Landtags- und Kommunalwahlen in beiden Freistaaten stattfinden. Die Nationalsozialisten vereinigten zum 1.1.1934 die beiden Ms zum Gau M-Lübeck. Vorpommern gehörte als dritte historische Gebietseinheit als Teil der Provinz Pommern zu Preußen.

Mit Befehl vom 9.7.1945 richtete die Sowjetische Militäradministration (SMAD) zunächst das Land MV (ohne Stettin und Odermündung) ein. Im Zusammenhang mit der Liquidierung Preußens durch den Alliiertenkontrollrat wurde 1947 die Bezeichnung V wieder abgeschafft. Schon 1952 wurde das Land M als Folge der Zentralisierung der → DDR in die Bezirke Neubrandenburg, Rostock und Schwerin aufgeteilt, den Bezirken Schwerin und Neubrandenburg wurden dabei ehemals brandenburgische Teilregionen zugeschlagen. Die letzten halbwegs freien Landtagswahlen fanden 1946 statt.

Nach 1945 nahm die Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung aus dem Osten zu. Rostock wurde in den 1960ern als einziger Überseehafen der DDR zum "Tor zur Welt" ausgebaut. Mit staatlicher Protektion erfolgten ein weiterer Aufbau der Werftenindustrie sowie der Nationalen Volksarmee (NVA); bis heute ist das Militär einer der größten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region.

Die politische Wende setzte im Norden mit einer gewissen Verzögerung ein. Schwierig gestaltete sich der Transformationsprozess aufgrund der bis dahin von staatlicher Seite massiv geförderten und protektionistisch geschützten maritimen Wirtschaft. Mittlerweile sind in Rostock, Wismar und Stralsund hochmoderne Werften Europas entstanden, die allerdings weniger als ein Viertel der früheren Beschäftigtenzahl haben.

2. Bevölkerung – Gesellschaft – Wirtschaft

2.1 Bevölkerung

MV hat eine Fläche von 23.189 km2 (etwa 6,5 %. von D). Mit 1,642 Mio. (1.642.327 Einwohner [EW], rund 2,0 % von D) und ca. 71 EW, pro km2 ist es das am dünnsten besiedelte Bundesland. MV zählt zu den "Bindestrich-Ländern", 1,2 Mio. sind Mecklenburger und knapp 400.000 verstehen sich als Pommern. 1990 hatte MV noch den höchsten Anteil an Kindern und Jugendlichen und den geringsten Seniorenanteil. Durch Abwanderung und Veränderung des Geburtenverhaltens im Zuge des sog. Wende- und Geburtenschocks ging die Bevölkerung seit 1989 um über 200.000 zurück. In MV leben 30.068 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, d. h. 1,2 %. Landeshauptstadt ist Schwerin (95.228 EW), das im Stil der Neorenaissance Mitte des 19. Jh.s umgebaute Schloss der Herzöge von M ist Sitz des "schönsten" Landtages von D. Rostock (lt. Einwohnermelderegister 2011: 202.631 EW) gilt als eigentliches Oberzentrum und einzige Großstadt. Mittelstädte sind Neubrandenburg (65.282 EW), Stralsund (57.670 EW) sowie die "Hauptstadt" Vs Greifswald (54.610 EW) mit der 1456 gegr. Ernst-Moritz-Arndt-Universität. Das Städtenetz zeigt das Bild eines vorwiegend agrarisch geprägten Landes. Einige Städte – wie Wismar (44.397 EW) – erlebten einen Aufschwung mit der Hanse, Güstrow (30.018 EW) und Neustrelitz (21.207 EW) waren früher Residenzstädte. Mit einer Gesamtlänge von 1.945 km gilt MV zum einen als Küstenland, zum anderen als Land der Seen (13 % der Gesamtfläche) und Flüsse. Rügen ist die größte deutsche Insel mit 930 km2 Landfläche. Die Region präsentiert sich als Urlaubs- und Gesundheitsland und wirbt im Wettbewerb der Länder mit dem Satz "MV tut gut". Ein leichter Zuzug ist im Küstenstreifen und der Mecklenburgischen Seenplatte feststellbar; auch die westlich gelegenen Gebiete profitieren von der Lagegunst zu den Metropolen Hamburg und Berlin. Innerhalb des Landes verzeichnen die Städte Rostock, Greifswald, Schwerin und Neubrandenburg leichte Zugewinne auf Kosten der Landkreise. Prognostiziert wird indessen eine weitere Schrumpfung, innerhalb der EU gehört MV zu den Regionen mit dem stärksten Einwohnerrückgang. Für das Jahr 2020 geht man von noch etwa 1,5 Mio. Einwohnern aus. Die religiöse Bindung bleibt schwach: 18 % sind Protestanten, 3 % Katholiken, die Zahl der Konfessionslosen oder anderen Religionen liegt bei 79 %. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die politische Öffentlichkeit schwächer ausgeprägt.

2.2 Wirtschaft

Die agrarische Prägung zeigt sich nach wie vor. Immer noch leben rund 35 % der Bevölkerung auf dem Land. Der Umbau der früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) der DDR hat zu einer hochproduktiven Großagrarwirtschaft geführt, die allerdings kaum neue Arbeitsplätze schafft. 3,9 % aller Erwerbstätigen sind in der Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei tätig (28.400), was MV in das bäuerlichste Bundesland verwandelt. Zukunftschancen besitzt der Flächenstaat beim Ackerbau, der Viehzucht, dem Biolandbau und bei den nachwachsenden Rohstoffen. Entlang der Autobahnen haben sich Firmen der Nahrungsmittelindustrie angesiedelt. Rund ein Drittel der Umsätze im verarbeitenden Gewerbe des Landes erfolgen in der Ernährungsindustrie. Schwach entwickelt ist der industrielle Sektor. MV trug mit rund 35,78 Mrd. € (2010) 1,4 % zum BIP der Bundesrepublik bei, im Jahr 2000 waren es 30,06 Mrd. €, d. h. 1,5 %. Die Arbeitslosenquote lag im Aug. 2011 bei 11,3 % (98.600). Nach einem schwierigen Transformationsprozess erholten sich die Werften als folge der weltwirtschaftlichen Konjunktur, sie konzentrieren sich mittlerweile auf Spezialaufträge. Aufgrund der Abwanderung von vielen Fachkräften im Zuge der Transformation mussten ab 2007 Facharbeiter im Ausland gesucht werden.

2006 erreichte das Land erstmals einen ausgeglichenen Haushalt. Im Förderzeitraum 2007-2013 erhält MV 2,6 Mrd. € aus Brüssel. 2013 endet die EU-Höchstförderung, 2019 läuft der Solidarpakt aus. Das Parlament nahm 2011 die Schuldenbremse in die Landesverfassung auf; ab 2020 darf MV nur noch in Notsituationen Kredite aufnehmen.

Chancen sieht man für MV vor allem als Gesundheitsland und im Tourismus. In den vergangenen Jahren hatte es die größten Zuwachsraten in diesem Bereich zu verzeichnen, jeder siebte Arbeitnehmer ist in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Sowohl die Infrastruktur als auch die Hotels sind modernisiert, die historischen Innenstädte wurden in den küstennahen Zonen und der Landeshauptstadt aufwändig renoviert. MV bietet eine der reizvollsten Kultur- und Erholungslandschaften Ds. Zu den Anziehungspunkten gehören Heiligendamm als ältestes, bereits 1793 gegründetes deutsches Seebad, die berühmten Kreidefelsen der Insel Rügen und die Strände um Usedom, die als "Badewanne Berlins" bezeichnet werden. Auch das Landesinnere und die Seenplatte um die Müritz sind touristisch interessant.

2.3 Verkehr

Das heutige MV galt lange Zeit als "Land am Rand". Mittlerweile verfügt es über 552 km Bundesautobahnen, 1.992 km Bundesstraßen, 3.307 km Landstraßen, 4.158 km Kreisstraßen und 17.573 km kommunale Straßen.

Eine Autobahn verbindet Rostock mit der Hauptstadt Berlin und bildet einen Ausgangspunkt für den Fährverkehr in den Ostseeraum. Die Autobahn und ICE-Strecke Hamburg-Berlin sorgen im südlichen M für recht gute Verkehrsanbindungen. Als Verkehrsprojekt "Deutsche Einheit" entstand die unter Umwelt- und Naturschützern umstrittene West-Ost-Autobahn A 20 von Lübeck nach Stettin. Sie hat zu einer spürbaren Entlastung des Verkehrs an der Küste geführt und den Zugang zu den touristischen Gebieten sowie den Betrieben der Nahrungsmittelindustrie erleichtert. Zurzeit wird ihre Fortsetzung als Nordseeküsten-Autobahn A 22 diskutiert. Das Schienennetz umfasst 1.441 km, es bestehen jedoch nur wenige IC- oder ICE-Verbindungen. Möglichkeiten zum weiteren Ausbau des Verkehrsaufkommens ergeben sich mit Blick auf die Zukunftsregion Ostseeraum. Umstritten bleibt im Land die Fehmarnbelt-Querung zwischen Dänemark und SH, die zu einer Verlagerung des Verkehrs von der "nassen Autobahn" (Ostsee) über eine 20 km lange Straßenbrücke in Richtung Hamburg führen könnte. Die Anbindung des wichtigsten Flughafens Rostock-Laage an den internationalen Flugverkehr ist ausbaufähig.

2.4 Kultur

Das bevölkerungsarme Land hat zwei traditionsreiche (Voll)-Universitäten, zwei Fachhochschulen in Neubrandenburg und Stralsund sowie eine Hochschule in Wismar. 1994 erfolgte die Gründung der Hochschule für Musik und Theater in Rostock mit vielen Studierenden aus dem Ausland. Dennoch hat MV bundesweit den geringsten Anteil von Beschäftigten in Forschung und Entwicklung. Der Umbau des Schulsystems hat Diskussionen hervorgerufen, zwischenzeitlich wuchs die Zahl privater Schulen. Das Angebot an Kinderbetreuungs- und Fördereinrichtungen liegt über dem Bundesdurchschnitt.

MV verfügt über vier Mehrfachspartentheater und zwar in den wirtschaftlichen bzw. politischen Zentren Rostock und Schwerin, darüber hinaus in Neubrandenburg in Verbindung mit dem Theater von Neustrelitz sowie einem weiteren Verbundtheater für Stralsund und Greifswald. Die Fritz-Reuter-Bühne, die nach dem niederdeutschen Mundartdichter benannt wurde, gehört zum Mecklenburgischen Staatstheater. Über Zusammenlegungen wird unter dem Eindruck des demographischen Wandels diskutiert. Des Weiteren bestehen Bespiel- und Freilichtbühnen in den touristischen Gebieten. Im Sommer finden im Rahmen der Festspiele MV in den renovierten Schlössern musikalische Veranstaltungen statt.

Die Museumslandschaft ist beachtlich. Das Land unterhält mit dem Staatlichen Museum in Schwerin, dem neu ausgebauten Pommerschen Landesmuseum in Greifswald und dem Meereskundemuseum in Stralsund Sammlungen von internationaler Bedeutung. In der Hansestadt Rostock nahm der seit 2006 eintrittsfreie Besuch in den ständigen Ausstellungen wieder zu. Insgesamt bestehen in MV mehr als 200 museale Einrichtungen. Zum Teil neu aufgebaut wurden die Literaturhäuser: auf der Insel Hiddensee das Gerhart-Hauptmann-Haus, das Hans-Fallada-Haus in Carwitz bei Feldberg, das Ehm-Welk-Haus in Bad-Doberan, das Brigitte-Reimann-Haus in Neubrandenburg, das Uwe-Johnson-Haus bei Güstrow und das Ernst-Richter-Haus in Binz sowie das Wolfgang-Koeppen-Haus in Greifswald. Eine Reihe von bedeutenden Malern und Bildhauern wie Caspar David Friedrich (Greifswald) und Ernst Barlach (Güstrow) kamen aus bzw. lebten in der Region.

3. Politisches System

3.1 Verfassung

Mit dem im Juli 1990 verabschiedeten Ländereinführungsgesetz wurde das Land MV wieder errichtet. Der im Okt. 1990 gewählte Landtag setzte eine Kommission zur Erarbeitung einer Landesverfassung ein. Die neue Verfassung wurde im Mai 1993 mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Landtag (gegen die Stimmen der PDS) verabschiedet; sie trat nach den Landtagswahlen 1994, die mit einer Volksabstimmung über die Verfassung verbunden waren, in Kraft. Mit Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid enthält sie auch plebiszitäre Elemente.

3.2 Organisation des politischen Systems

MV hat mit 71 Abgeordneten den kleinsten Landtag in den fünf neuen → Bundesländern. Im → Bundesrat verfügt MV über drei Stimmen, im → Bundestag sind in der 17. Wahlperiode seit 2009 14 Abgeordnete gewählt worden (sieben direkt, sieben über Landeslisten). Mit 23.442 EW je Landtagsabgeordneten besitzt MV nach dem SL die höchste Einwohner-Parlamentarier-Relation. Ab 1990 wurde die Kommunal- und Landesverwaltung mit Unterstützung aus SH und den Hansestädten HH und HB aufgebaut. Im Zuge des Rückgangs der Bevölkerung wurden weitere Reformen notwendig. Anfang 2005 gab es noch 871 Gemeinden. Die große Mehrheit lebte in Gemeinden, die bis zu 2.000 EW haben. Seit 1994 wohnten die EW in sechs kreisfreien Städten und zwölf Landkreisen. Mit der sechsten Landtagswahl am 4.9.2011 trat eine Kreisgebietsreform in Kraft, wonach das Land nur noch sechs Kreise und zwei kreisfreie Städte, Rostock und Schwerin, haben wird. Vorausgegangen war eine knappe Entscheidung des Landesverfassungsgerichtes in Greifswald, nachdem fünf Kreise Beschwerde erhoben hatten. Damit liegen nun die bundesweit größten Landkreise im Nordosten. Hintergrund für solche Reformen sind Bevölkerungsprognosen, darüber hinaus entfallen 2019 die Sonderzuweisungen aus dem Solidarpakt II, aus dem MV zurzeit rund 1 Mrd. € erhält. Die Verwaltungsreform soll zu Deregulierung und Bürokratieabbau führen, die Funktionalreform, d. h. eine Neuordnung der Verwaltungsaufgaben zwischen Land, Kreis und Amt bzw. Gemeinde, zur Modernisierung beitragen.

Die Legislaturperiode betrug zunächst vier Jahre, erst 2006 wurde sie auf fünf Jahre verlängert. Zunächst ähnelte die Regierungskoalition in MV der im Bund. Von 1990 bis 1994 regierte eine → Koalition aus CDU und FDP unter Ministerpräsident Alfred Gomolka auf den 1992 nach der Werftenkrise Berndt Seite folgte, der die Regierung von 1994 bis 1998 mit einer großen Koalition aus CDU und SPD fortsetzte. Unter Harald Ringstorff kam es von 1998 bis 2006 zur ersten rot-roten Koalition aus SPD und PDS in der Geschichte Ds. Ab 2006 regierte Ministerpräsident Ringstorff mit einer großen Koalition aus → SPD und → CDU; nach seinem Rücktritt wurde im Okt. 2008 Erwin Sellering vom Landtag zum Regierungschef gewählt.

3.3 Parteiensystem, Wahlen, Wählerverhalten

3.3.1 Parteiensystem

Die jüngere Parteiengeschichte ist geprägt durch den Übergang vom System der Blockparteien zu einem demokratischen → Parteiensystem. Die vormaligen Blockparteien haben seit 1990 viele Mitglieder verloren, die seit 1994 (mit)regierende SPD hat 2.802 Mitglieder. Mittlerweile liegt die Gesamtzahl aller Parteimitglieder bei unter 16.000. Eine weitere Herausforderung für die demokratischen Parteien und die politische Bildung ist die Tatsache, dass es sich um einen Flächenstaat handelt. Die Verkehrsbedingungen und die dünne Besiedelung erschweren die Tätigkeit der Parteien vor allem im ländlichen Raum. Bis 1994 waren vier Parteien im Landtag vertreten, zwischen 1994 und 2006 handelte es sich um ein Drei-Parteien-System mit der CDU und der PDS als entgegen gesetzten Polen und der SPD in einer mittleren Position. Damit hatte die SPD stets zwei Koalitionsmöglichkeiten, während für die CDU die Koalitionsoptionen begrenzt blieben. In den Landtag 2006 zogen die → FDP und erstmals die rechtsextreme NPD ein. Bei den Wahlen 2011 wurden erstmals B 90/Die Grünen in den Landtag gewählt; die FDP blieb unter der Fünf-Prozent-Hürde, die NPD knapp darüber, womit ein Fünf-Parteiensystem besteht.

3.3.2 Wahlen

Bei der ersten Landtagswahl im Okt. 1990 hatte MV noch die schwächste Wahlbeteiligung aller fünf neuen Länder. Von 1994 bis 2002 fanden die Landtags- und Bundestagswahl zeitgleich statt. Die in keinem anderen Bundesland über einen so langen Zeitraum vorhandene Koinzidenz sorgte stets für eine hohe Wahlbeteiligung, 1998 war es sogar die höchste, die in einem der fünf neuen Länder erreicht wurde. Sie ermöglichte zunächst finanzielle Einsparungen bei der Wahlorganisation, vereinfachte die Suche nach Wahlhelfern und erleichterte den größeren → Parteien die Mobilisierung im Wahlkampf. Sie führte allerdings zu einer Überlagerung der Landesebene durch den Bundestrend, besonders durch den Kanzler- und Regierungsbonus.

Beim → Wahlkampf 1990 stand die schnelle dt. Einigung im Vordergrund, schon 1994 wurden jedoch Ost-Themen aufgegriffen. Bereits damals wäre eine rot-rote Koalition möglich gewesen, die ab 1998 im Land regierte. Mit dem Umzug der Hauptstadt nach BE ging der Anti-Bonn-Affekt verloren, seit 2005 regiert mit → Bundeskanzlerin Angela Merkel in D darüber hinaus eine Politikerin, die ihren Wahlkreis in MV hat. 2006 versuchten die Parteien durch eine Mobilisierung der Wähler den Einzug der NPD in den Landtag zu verhindern. Die Wahlbeteiligung sank auf 59,1 % (1990 74,7 %). Das auffälligste Merkmal im Bindestrich-Land ist das unterschiedliche Wählerverhalten in M und V: Während in dem westlicher gelegenen M die SPD traditionell gute Resultate erzielt, wählt V in stärkerem Maße CDU. Zu den Besonderheiten im nordöstlichsten Bundesland gehörten darüber hinaus zunächst die guten Wahlergebnisse der PDS. Als Erklärung können u. a. die hohe Bedeutung staatlicher und militärischer Einrichtungen in den drei Nordbezirken der DDR angeführt werden. Die Regierungsbeteiligung seit 1998 hat jedoch zur "Entzauberung" der PDS beigetragen. Von dem Protestwählerpotenzial profitierte nicht zuletzt die NPD. Sie erreichte 2006 bei der Landtagswahl 7,3 % der Stimmen vor allem in Klein- und Mittelstädten und im ländlichen Raum. Die FDP konnte nach zwölfjähriger Abwesenheit nur vorübergehend wieder in den Landtag einziehen. Die Landtagswahlen 2011 brachten folgendes Ergebnis: SPD 35,7 %, CDU 23,1 %, Die Linke 18,4 %, Grüne 8,4 % und NPD 6,0 %. Ministerpräsiden Sellering (SPD) kann die große Koalition mit der CDU gestärkt fortsetzen. Möglicherweise aufgrund der Gleichzeitigkeit von Land- und Bundestagswahlen zeigt sich in MV eine bemerkenswerte Kontinuität im Wählerverhalten. Dennoch war spätestens nach der Wahl 1998 ein rechtsradikales Wählerpotenzial besonders bei jungen Männern nicht zu verkennen.

3.4 Politische Rolle in Deutschland

MV hatte im Zuge der Transformation schwierige Jahre zu durchlaufen. Mit seinen Erfolgen als Tourismusland, dem weiteren Ausbau des Straßennetzes sowie der durch die Weltwirtschaft begünstigten Konjunktur bei der Werftenindustrie und im Ernährungsanbau hat sich die Situation ab 2006 gebessert, die Neuverschuldung wurde auf null begrenzt. Diese Tatsache limitiert den Handlungsspielraum der Koalitionspartner. Die Regierung in Schwerin setzt neben dem weiteren Ausbau zum Tourismus- und Gesundheitsland vor allem auf die Ostseeregion. Als "Tor zum Norden und Bindeglied zum Osten" möchte man in den kommenden Jahren die Kontakte zu Polen ausbauen. Über die Bildung eines Nordstaates mit HH und SH wird hin und wieder diskutiert.

Für die Zukunft setzt auch MV auf erneuerbare Energien. Mit einer Kreisgebietsreform wurde auf den Rückgang der Bevölkerung reagiert, das Land versucht seine Naturschönheiten und kulturellen Chancen zu nutzen. Zumindest indirekt könnte dabei helfen, dass Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel aus der Region kommen.

Literatur

Kuhn, Heinrich-Christian 2006: Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns, in: Politische Landeskunde Mecklenburg-Vorpommern, Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung MV. Schwerin, S. 4-32.

Lexikon Mecklenburg-Vorpommern 2007: Rostock.

Schoon, Steffen 2007: Wählerverhalten und politische Traditionen in Mecklenburg-Vorpommern. Düsseldorf.

Schoon, Steffen/Lehmann, Arne (Hrsg.) 2009: Die Kommunalwahlen 2009 in Mecklenburg-Vorpommern. Rostock.

Werz, Nikolaus/Schmidt, Jochen (Hrsg.) 1998: Mecklenburg-Vorpommern im Wandel. Bilanz und Ausblick. München.

Werz, Nikolaus/Hennecke, Hans Jörg (Hrsg.) 2000: Parteien und Politik in Mecklenburg-Vorpommern. München.

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Nikolaus Werz


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