1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Massenmedien

Bei einschneidenden Ereignissen wie dem 9. Nov. 1989 oder dem 11. Sept. 2001 wird schlaglichtartig der Stellenwert der Medien für das politische Geschehen und die Kräfteverhältnisse deutlich – von der bewegenden Kraft der Bilder bis zum Kampf um die öffentlichen Deutungsmuster. Nicht nur bei derartigen Zäsuren, auch im politischen Alltag bilden Medien einen Faktor von zentraler Bedeutung.

1. Das deutsche Mediensystem im Überblick



Bereits ein oberflächlicher Vergleich zwischen verschiedenen Staaten zeigt: Jedes Land hat sein eigenes Mediensystem – mit spezifischen Funktionen, Strukturen und Entwicklungsverläufen (vgl. Hans-Bredow-Institut 2009). Selbstverständlich wirken Faktoren wie die Verflechtung in der Weltwirtschaft oder die europäische Integration homogenisierend, aber gerade in einem Mediensystem bleiben kulturelle und politische Eigentümlichkeiten in hohem Maße erhalten. Die höchst wechselhafte deutsche Geschichte hat auch das Mediensystem geprägt; jede der vielen unterschiedlichen Phasen hat Spuren darin hinterlassen und ihm sein originäres Profil gegeben – von der territorialen Zersplitterung über die Schwäche des Liberalismus bis hin zur Westintegration (vgl. Vowe/Opitz/Dohle 2008). Das dt. Mediensystem ist strukturell stark differenziert und funktional sehr leistungsfähig. Kennzeichen sind eine stark dezentrale Verteilung der Ressourcen und eine vergleichsweise große Staatsferne. Der Einfluss auf andere Mediensysteme ist groß, insbesondere im deutschen Sprachraum. Im Vergleich dazu ist der Einfluss von außen gering.

Die Analyse des Mediensystems bekommt erst dann Tiefenschärfe, wenn nach einzelnen Medien differenziert wird, da jeder Medienbereich seinen eigenen Entwicklungspfad aufweist (siehe Bentele u. a. 2003; Hans-Bredow-Institut 2006; die Daten stammen aus Media Perspektiven 2011). Auf die medienübergreifenden Elemente des Mediensystems (Nachrichtenagenturen, Öffentlichkeitsarbeit, Ausbildungseinrichtungen, Interessenvertretungen u. a. m.) und auf den Hörfunk kann hier nicht eingegangen werden.

1.1 Presse

Die Grundstruktur der dt. Presselandschaft hat sich in der zweiten Hälfte des 19. Jh. herausgebildet, wobei die Wurzeln bis in das 17. Jh. Zurückreichen (Stöber 2005; Pürer/Raabe 1996). Bei den Tageszeitungen ist der Typ der Parteizeitung mittlerweile ganz verschwunden. Es dominiert die regional verbreitete Abonnementzeitung (z. B. "Sächsische Zeitung") mit zahlreichen unterschiedlichen Lokalausgaben in einem übergreifenden "Mantel" (vor allem Politik und Wirtschaft). Ihr politisches Profil ist schwach ausgeprägt. Weitere Typen sind: die überregionale politisch profilierte Abonnementzeitung (u. a. "taz", "FAZ", "Süddeutsche Zeitung", "Welt"); die regionale Boulevardzeitung (z. B. "Express" in Köln) und die überregionale Boulevardzeitung (einzig "BILD"). Zeitungen finanzieren sich etwa jeweils zur Hälfte aus Werbung und aus Vertriebserlösen. Zeitungen sind ausschließlich für den nationalen Markt produziert; die Verlage operieren aber mit erheblichem Erfolg im Ausland, insbesondere in Osteuropa. Der dt. Zeitungsmarkt wird von fünf Verlagsgruppen beherrscht; weit voran der Axel Springer-Verlag mit über 19 % Marktanteil. Danach folgen Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung/Rheinpfalz/Südwest Presse, Verlagsgruppe WAZ, DuMont Schauberg und die Verlagsgruppe Münchener Zeitungsverlag/Zeitungsverlag tz/Westfälischer Anzeiger/Ippen. Über 40 % der Bevölkerung haben infolge der Konzentration nicht mehr die Möglichkeit, zwischen zwei Zeitungen mit Lokalteil zu wählen. Zeitungen verlieren seit geraumer Zeit in der Mediennutzung an Bedeutung. Noch erreichen sie täglich 44 % der Bevölkerung, "BILD" allein ca. 18 %, aber in jüngeren Altersgruppen wächst deutlich die Distanz zur Zeitung. Auf die tägliche Zeitungslektüre wird durchschnittlich 23 Minuten verwendet. Ihr politischer Stellenwert ist nach wie vor hoch, nicht nur im lokalen Bereich. Ihre publizistische Funktion besteht darin, durch Hintergrundberichterstattung und Kommentierung zur Orientierung beizutragen (Wilke 2002). Der Bereich der Zeitschriften – periodische Druckschriften, die nicht täglich erscheinen – ist sehr unübersichtlich. Dies betrifft die Typen, die Titel, die Anbieter und die Nutzungsformen. Politisch sind die publizistisch profilierten Wochentitel (u. a. "Spiegel", "Stern", "Zeit") von besonderer Bedeutung, vor allem durch ihre Leitfunktion für andere Journalisten. Hinzu kommen Titel in der Sonntagslücke der Zeitungen ("BamS", "WamS", "FASZ" u. a.).

1.2 Fernsehen

Das Fernsehen hat sich in D in den 50er und 60er Jahren durchgesetzt. Am Anfang stand ein von den Landesrundfunkanstalten gemeinschaftlich produziertes Fernsehprogramm (heute: "Das Erste"). Hinzu traten das "ZDF" als Programm einer von allen Bundesländern gegründeten zentralen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt und die dritten Fernsehprogramme einiger Landesrundfunkanstalten. Alle diese Anbieter finanzieren sich überwiegend aus den Rundfunkgebühren der Zuhörer und -schauer (gegenwärtig: 17,98 €). Ab Mitte der 80er Jahre durften auch privat-kommerzielle Unternehmen werbefinanzierte Fernsehprogramme anbieten. Es hat sich dann daraus ein Duopol aus Bertelsmann mit der "RTL Group" und der Kirch-Gruppe mit der "Pro SiebenSAT.1 Media-AG" herausgebildet – eine stabile Konstellation, in der mittlerweile an die Stelle des insolventen Kirch-Konzerns ein Unternehmen getreten ist, bei dem zwei Beteiligungsgesellschaften – KKR und Permira – die Hauptanteilseigner der "ProSiebenSAT.1 Media-AG" geworden sind. Jeder der beiden Konzerne hat etwa ein Viertel des deutschen Fernsehmarkts erobert. Etwa 40 % entfällt auf die öffentlich-rechtlichen Anbieter. Die Anteile anderer privater Anbieter sind von wachsender Bedeutung. Gegenwärtig sind in einem Haushalt mit Kabel- oder Satellitenanschluss – d. h. in fast neun von zehn Fernsehhaushalten – mehr als 30 deutschsprachige Programme zu empfangen – etliche Vollprogramme mit Mischungen aus Unterhaltungs- und Informationselementen und viele ergänzende Spartenprogramme mit eingeschränkten Inhalten (z. B. "Kinderkanal" oder "VIVA"). Das Pay-TV ("Sky", "Arena") hat sich demgegenüber nicht durchsetzen können. Es erreicht etwa 2 % der Bevölkerung (KEK 2010). Ebenso wenig hat sich Fernsehen in einzelnen Ballungsräumen auf Dauer kommerziell betreiben lassen. Für bestimmte Zielgruppen sind noch weitere über Kabel oder Satellit empfangbare Programme von Bedeutung (z. B. türkische oder englische Programme). Mit der Umstellung auf digitale Übertragung verbindet sich die Möglichkeit einer weiteren Ausdehnung des Programmspektrums. Das Fernsehen erreicht Tag für Tag ca. 86 % der Bevölkerung; durchschnittlich ist ein Fernsehgerät über 3,5 Stunden täglich eingeschaltet (mit einem inzwischen hohen Anteil von Nebenbei-Nutzung). Darüber hinaus haben die deutschen Programme auch in Österreich und in der deutschsprachigen Schweiz erhebliche Resonanz. Dem Fernsehen wird eine enorme publizistische Bedeutung zugeschrieben. Politische Information in Form von Nachrichtensendungen, Gesprächsrunden, Magazinen und Regionalsendungen haben einen hohen Stellenwert im Programm – nicht nur bei öffentlich-rechtlichen Anbietern. Im Zuge der Konkurrenz haben öffentlich-rechtliche Programme ihren Unterhaltungsanteil vergrößert, die großen privaten Vollprogramme dagegen ihren Informationsanteil (Konvergenzthese: Marcinkowski 1991)

1.3 World Wide Web

Das Internet ist nicht nur die Basis für neue Formen der Individual- und Gruppenkommunikation und für die Verteilung herkömmlicher Rundfunkprogramme, es ist auch die Basis für neue Formen der Massenkommunikation. In den neunziger Jahren entwickelte sich das World Wide Web, der multimediale Teil des Internets, zum Massenmedium (vgl. Kammer 2001). Der publizistisch bedeutsame Teil des WWW ist im Verhältnis zu den übrigen Angeboten sehr klein, gewinnt aber in der Internetnutzung und gegenüber den klassischen publizistischen Medien an Bedeutung, auch weil Journalisten diese Angebote stark nutzen (z. B. "Spiegel Online"). In wachsendem Maße wird die Möglichkeit genutzt, dass ein Nutzer des WWW nicht nur rezipieren, sondern mit geringem Aufwand zum Kommunikator werden kann, insbesondere im Rahmen von Weblogs ("Carta"), Social-Networks ("facebook"), Videoplattformen ("YouTube") oder Microblogging ("twitter"). Hinter den PC-basierten Diensten zeichnen sich mobilfunkbasierte Dienste ab, die auch massenmedial relevant sind, z. B. die "Apps" von etablierten Presseangeboten. Die publizistisch relevanten Anbieter im WWW sind vor allem die Online-Ableger von Presse- oder Rundfunkanbietern (mit besonderem Erfolg: "BILD", "Spiegel", "ProSieben", vgl. www. ivw. de.). Durch die Nutzung der spezifischen Möglichkeiten des WWW (Interaktivität, Hypertextualität, Aktualität) bildet sich ein originäres publizistisches Profil heraus. Neben den Anbietern von Inhalten sind die Anbieter von Dienstleistungen rund um das Netz von Belang. Das Spektrum reicht von Anbietern, die lediglich den technischen Zugang zum Internet bieten, bis zu Anbietern von Online-Diensten mit exklusiven Inhalten und Möglichkeiten auch von publizistischer Bedeutung (z. B. "google-news"). Beachtung verdienen auch die Anbieter, die Orientierung im Internet geben und als "Gatekeeper" fungieren: die Betreiber von Suchmaschinen (wie "Google") oder von thematisch einschlägigen Portalen (z. B. zu Wirtschaftsfragen). Bisher ist es nur in geringem Maße gelungen, Nutzungsentgelte durchzusetzen. Auch Werbung und Vermittlungsgebühren können bislang nicht für ausreichende Re-Finanzierung sorgen. Genutzt wird das WWW gegenwärtig von ca. 73 % der Bevölkerung mit weiterhin steigender Tendenz. Durchschnittlich sind die deutschen Online-Nutzer etwa 80 Minuten pro Tag online (Mailen und Chatten eingeschlossen). Politische Information spielt dabei eine untergeordnete Rolle (vgl. Emmer/Vowe/Wolling 2011).


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Gerhard Vowe




 

Lexika-Suche

Dossier

Deutsche Demokratie

In der deutschen Demokratie ist die Macht auf mehr als 80 Millionen Menschen verteilt: Alle Bürger sind für den Staat verantwortlich. Aber wie funktioniert das genau? Wer wählt den Kanzler, wer beschließt die Gesetze? Und wie wird man Verfassungsrichter? Weiter... 

Dossier

Grundgesetz und Parlamentarischer Rat

Am 1. September 1948 traf in Bonn zum ersten Mal der Parlamentarische Rat zusammen, um das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten. Viele Fragen mussten beantwortet werden: Wie sollte der neue Staat aussehen? Nach welchen Prinzipien sollte er funktionieren? Weiter... 

Mediathek

Wie ein Gesetz entsteht

Gesetze bilden die Grundlage für das Zusammenleben in Deutschland. Bei ihrer Erstellung sind viele verschiedene Akteure eingebunden: der Bundestag, der Bundesrat, die Bundesregierung und der Bundespräsident. Wie funktioniert das Zusammenspiel? Was passiert bei Konflikten zwischen den Akteuren? Und was sind "Einspruchsgesetze"? Der Infofilm zeigt anschaulich die Entstehung eines Gesetzes - von der Initiative bis zur Verabschiedung. Weiter...