Massenmedien

3. Mediatisierung der Politik: Einfluss der Massenkommunikation auf die Politik

Im Zentrum dieses Bildes von Massenmedien steht die Vorstellung, dass starke Medien direkte und allgemeine Wirkungen auf schwache Massen erzielen. Zu dieser Vorstellung verknüpfen sich zahlreiche Einzelvermutungen und überlieferte Erfahrungen. Um die Validität dieser Vorstellung zu überprüfen, ist es sinnvoll, einzelne Ebenen politischer Medienwirkung zu unterscheiden (Jarren u. a. 1998; Schenk 2007; Vowe 2003a).

3.1 Mikroebene: Wirkung auf Bürger

Politische Akteure sehen die starken Medienwirkungen vor allem im Hinblick auf Individuen in deren politischen Rollen, insbesondere auf die Wahlentscheidungen der Bürger. In der Tat ist empirisch nachgewiesen, dass die Medien einen Einfluss darauf haben, wie die relative Wichtigkeit von politischen Themen, die Eigenschaften von Kandidaten und die politischen Stimmungslagen wahrgenommen werden (im Überblick: Brettschneider 2005). Aber: wie groß der Einfluss ist und unter welchen Bedingungen er politisch etwa bei → Wahlen wirksam ist, darüber ist sich die Kommunikationsforschung keineswegs einig. Die Lage in diesem zentralen Forschungsfeld ist ausgesprochen unübersichtlich. Zum einen variiert der Zeithorizont der Wirkungsuntersuchungen: das Spektrum reicht von unmittelbaren Effekten bis zu historischen Veränderungen. Zum anderen variiert, welche Aspekte des Rezipienten als Varianten bevorzugt modelliert werden: das Spektrum reicht von seinen Kognitionen (z. B. Kenntnisse des → Wahlsystems) über seine Emotionen (z. B. Sympathie für einen Kandidaten) und Handlungen (z. B. Wahlteilnahme) bis zur sozialen Einbindung (z. B. Zugehörigkeit zu Gruppen). Zum dritten variiert der Status, den man dem einzelnen Bürger zurechnet: Wird er eher als Objekt gesehen (Medienwirkungsansatz) oder eher als Subjekt (Mediennutzungsansatz)? Das Spektrum reicht von dezidierten Wirkungsansätzen (z. B. "Agenda-Setting") über Ansätze, in denen die mentale Aktivität des einzelnen Rezipienten betont wird (z. B. "Kognitive Schemata"), bis zu Ansätzen, die das soziale Umfeld des Rezipienten einbeziehen (z. B. "Schweigespirale"). Diese heterogene Forschungslage deutet auf komplexe Wechselwirkungen hin. Einen ambitionierten Versuch, dies zu modellieren, stellt der Ansatz der "dynamischen Transaktion" dar, mit dem eine Synthese von Nutzung und Wirkung, von Kognition und Motivation, von Kommunikator und Rezipient versucht wird und dies dann empirisch geprüft wird (Früh 1994).

3.1 Mesoebene: Wirkung auf politische Organisationen

Dies wird durch die Annahme ergänzt, auch die politischen Organisationen veränderten sich durch die Medien. So wird z. B. in der Debatte um die "Amerikanisierung" des → Wahlkampfes behauptet, die Entscheidungen in politischen Parteien über Kandidaten berücksichtigten bevorzugt medienbezogene Qualifikationen als Kriterium; oder die Strukturen der Organisationen änderten sich, indem die Schnittstellen zu den Medien an Gewicht gewönnen; oder die Strategien würden eher auf mediale Belange abgestellt und die Handlungslogik der Medien in das Kalkül der Organisation übernommen. Dafür gibt es eine Vielzahl von empirischen Belegen (vgl. Jarren/Donges 2011; Schulz 2011). Aber: die Forschung hat andererseits zeigen können, in welchem Maße der Journalismus durch PR-Maßnahmen der politischen Organisationen beeinflusst wird. Die politischen Organisationen bestimmen Themen und Timing der Berichterstattung zumindest im Routinefalle. Dafür sorgt nicht nur der stete Strom an Pressemitteilungen und Pressekonferenzen, sondern auch die Inszenierung von "Events" ("Pseudo-Ereignissen") und die Skandalisierung, also die öffentliche Thematisierung von Verfehlungen des politischen Gegners (Kepplinger 1992).

Auch hier deutet also einiges auf komplexe Wechselwirkungen hin. Dies wird in einem interaktionsorientierten Ansatz modelliert, der die "Beziehungsspiele" zwischen Journalisten und Repräsentanten der politischen Organisationen in einem Tauschmodell abbildet (Donsbach u. a. 1993).

3.2 Makroebene: Wirkung auf politische Systeme

Zum dritten wird vermutet, dass die Medien für eine Verschiebung der Gewichte im politischen System sorgen; es komme zu einer "Mediokratie" (Meyer 2001), zu einem von Medien dominierten politischen System. Auch diese Vermutung ist nicht abstrus, sondern durchaus erfahrungsgesättigt; einige Indikatoren deuten darauf hin, dass herkömmliche Machtträger wie Parteien und Verbände im Vergleich zu den Medienorganisationen an politischem Einfluss verlieren. Daraus erwachsen Probleme für das eingespielte System von "checks and balances". Aber wie oben gezeigt, sind die Aktivitäten der Medienorganisationen in ein enges Korsett von Regeln gezwängt. Diese Rahmenvorgaben werden in der ständigen Auseinandersetzung zwischen politischen Organisationen und Medienorganisationen weiter entwickelt – angeschoben durch regelmäßig auftretende Skandalisierungen des Handelns von Medienakteuren.

Also ergibt sich auch hier die Schlussfolgerung: Wir finden ein Wechselspiel von politischer Ordnung und Ausdehnung des Spielraumes für Medienorganisationen, das es in einem entsprechenden Ansatz zu modellieren gilt (vgl. z. B. Norris 2000).


Literatur

Bentele, Günter/Brosius, Hans-Bernd/Jarren, Otfried (Hrsg.) 2003: Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden.

Brettschneider, Frank 2005: Massenmedien und Wählerverhalten, in: Falter, Jürgen W./Schoen, Harald (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung. Wiesbaden, S. 473-500.

Donges, Patrick (Hrsg.) 2007: Von der Medienpolitik zur Media Governance. Köln.

Donsbach, Wolfgang/Jarren, Otfried/Kepplinger, Hans-Mathias u. a. (Hrsg.) 1993: Beziehungsspiele – Medien und Politik in der öffentlichen Diskussion. Gütersloh.

Dussel, Konrad 1999: Deutsche Rundfunkgeschichte. Konstanz.

Emmer, Martin/Vowe, Gerhard/Wolling, Jens 2011: Bürger Online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. Konstanz.

Fechner, Frank 82007: Medienrecht. Tübingen.

Früh, Werner 1994: Realitätsvermittlung durch Massenmedien. Wiesbaden.

Hans-Bredow-Institut für Medienforschung (Hrsg.) 2009: Internationales Handbuch Medien 2009. Baden-Baden.

Hans-Bredow-Institut für Medienforschung (Hrsg.) 2006: Medien von A – Z. Wiesbaden.

Jarren, Otfried/Donges, Patrick 32011: Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Wiesbaden.

Jarren, Otfried/Sarcinelli, Ulrich/Saxer, Ulrich (Hrsg.) 1998: Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft: Ein Handbuch mit Lexikonteil. Opladen/Wiesbaden.

Kammer, Manfred 2001: Geschichte der Digitalmedien, in: Schanze, Helmut (Hrsg.): Handbuch der Mediengeschichte. Stuttgart, S. 519-554.

Kepplinger, Hans Mathias 1992: Ereignismanagement: Wirklichkeit und Massenmedien. Zürich.

Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) 2010: Zuschaueranteile. Abrufbar unter http://www.kek-online.de/cgi-bin/esc/zuschauer.html (27.09.11).

Marcinkowski, Frank 1991: Die Zukunft der deutschen Rundfunkordnung aus konvergenztheoretischer Sicht, in: Gelner, Winand (Hrsg.): An der Schwelle zu einer neuen deutschen Rundfunkordnung. Grundlagen, Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Berlin, S.51-74.

Media Perspektiven 2011: Basisdaten. Daten zur Mediensituation in Deutschland 2011. Frankfurt a. M.

Meyer, Thomas 2001: Mediokratie. Frankfurt a. Main.

Norris, Pippa 2000: A Virtous Circle. Political Communication in Postindustrial Societies. Cambridge.

Pürer, Heinz/Raabe, Johannes 21996: Medien in Deutschland. Bd. 1: Presse. München.

Puppis, Manuel 22010: Einführung in die Medienpolitik. Konstanz.

Schenk, Michael 32007: Medienwirkungsforschung. Tübingen.

Schulz, Winfried 32011: Politische Kommunikation. Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung. Wiesbaden.

Schütz, Walter J. (Hrsg.) 1999: Medienpolitik: Dokumentation der Kommunikationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland von 1945-1990. Konstanz.

Stöber, Rudolf 22005: Deutsche Pressegeschichte. Konstanz.

Stuiber, Heinz-Werner 1998: Medien in Deutschland. Bd. 2: Rundfunk. Konstanz.

Vowe, Gerhard 2003a: Politische Kommunikation, in: Münkler, Herfried (Hrsg.): Politikwissenschaft. Ein Grundkurs. Hamburg, S. 519-552.

Vowe, Gerhard 2003b: Medienpolitik: Regulierung der medialen öffentlichen Kommunikation, in: Bentele, Günter/Brosius, Hans-Bernd/Jarren, Otfried (Hrsg.): Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden, S. 210-227.

Vowe, Gerhard/Opitz, Stephanie/Dohle, Marco 2008: Medienpolitische Weichenstellungen in Deutschland – Rückblick und Vorausschau, in: Medien & Kommunikationswissenschaft. 56. S. 159-186.

Wilke, Jürgen 2002: Presse. In: Noelle-Neumann, Elisabeth/Schulz, Winfried/Wilke, Jürgen (Hrsg.). Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt a. M., S. 422-459.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Gerhard Vowe



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