Meinungsforschung

Meinungsforschung (Mf.) ist ein Verfahren zur Ermittlung von Einstellungen, Ansichten, Verhalten und Wünschen bei Individuen und Gruppen. Im akademischen wie im kommerziellen Bereich bezeichnet Mf. (auch Umfrageforschung) eine Methode der Beschaffung von Daten. Im → politischen System dient Mf. der Erhebung von Urteilen und (potenziellen) Entscheidungen zu meist aktuellen politischen Fragen in der Bevölkerung oder in Bevölkerungsgruppen (z. B. Jugendliche, Alte, Wähler, Ausländer, Familien) und ist damit ein Instrument der Umweltbeobachtung, mit dem die Politik ihre entscheidungsbezogenen Diskussionen anreichert.

Methodisch arbeitet die Mf. vor allem mit den Standarderhebungsverfahren der empirischen Sozialforschung. Neben standardisierten und teilstandardisierten Befragungen kommen auch – besonders in der Markt- und Konsumforschung – weitere Datenerhebungsformen wie Gruppendiskussionen, Experimente oder Panelbefragungen zum Einsatz. Grundgedanke der Mf. ist, von einer Verteilung von Merkmalsausprägungen (Meinungen, Absichten etc.) in einer bewusst oder zufällig ausgewählten Gruppe von Individuen auf der Basis wahrscheinlichkeitstheoretischer Verfahren auf eine Verteilung dieser Merkmale in einer größeren definierten Gruppe zu schließen. Dazu wird zunächst eine Grundgesamtheit bestimmt (z. B. alle Wahlberechtigten in D oder in einem Bundesland). Anschließend wird eine Stichprobe entweder bezüglich definierter relevanter Variablen (z. B. Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, Wohnort) bewusst gebildet, die bei der Verteilung der relevanten Merkmale der Grundgesamtheit entspricht, oder nach einem Zufallsverfahren ausgewählt (repräsentative Stichprobe). Von der Merkmalsverteilung (z. B. Wahlabsichten, Meinungen, Bewertungen) in der Stichprobe wird dabei auf eine (nahezu) gleiche Verteilung in der Grundgesamtheit (z. B. bei allen Wahlberechtigten) geschlossen. In der politischen Mf. liegen bei Fragen zum Wahlverhalten die Stichproben oft bei ca. 1.000 Befragten.

Als Instrumente der Datengewinnung sind neben persönlichen und schriftlichen Befragungen heute vor allem telefonische Interviews, die mittlerweile fast immer computergestützt realisiert werden (CATI: Computer Assisted Telephone Interviewing), sowie Onlinebefragungen verbreitet. Bei letzteren stellt sich das Problem der mangelnden Repräsentativität, weil die Internetnutzung in verschiedenen Bevölkerungsgruppen noch ungleich verteilt ist.

Auf dem Markt der Meinungs-, Konsum- und Marktforschungsinstitute ist es in den vergangenen Jahren zu Unternehmenszusammenschlüssen sowie zu europäischen und internationalen Kooperationen gekommen. Viele der großen Institute bieten politische Mf. als Zusatzgeschäft an. Bekannte Meinungsforschungsinstitute, die auch für politische Organisationen arbeiten, sind beispielsweise das Institut für Demoskopie (Allensbach, URL: www.ifd-allensbach.de), TNS Emnid (Bielefeld, URL: www.tns-emnid.com), Infratest dimap (Berlin, URL: www.infratest-dimap.de), Infas (Bonn, URL: www.infas.de), die Forschungsgruppe Wahlen (Mannheim, URL: www.forschungsgruppe.de), Forsa (Berlin URL: www.forsa.de).

Für politische Akteure stellt die Mf. ein wichtiges Instrument zur Erhebung von Einschätzungen und Absichten in der Bevölkerung dar. Mit Hilfe der Demoskopie (im angelsächsischen Sprachraum: Public Opinion Research) werden Einstellungen zu Sachfragen und bezogen auf politisch Handelnde ermittelt. Die dabei gewonnenen Daten können politische Planungsentscheidungen ebenso beeinflussen wie die Programme und Personalauswahl von → Parteien. Bekannte Umfragen im → politischen System liefern kontinuierliche Ergebnisse zur Verteilung von Wahlpräferenzen (Sonntagsfrage) und zur Beliebtheit des politischen Führungspersonals (Ranking von Politikern) (→ Wahlkampf). Regelmäßige Meinungsumfragen werden im politischen System als eine Form – wenn auch nicht als einzige Form – der Messung der → öffentlichen Meinung angesehen. Es ist umstritten, welche Effekte die politische Mf. auf die Politik (Gefahr für die repräsentative Demokratie durch Berücksichtigung kurzzeitiger Umfragewerte; Personalisierung von Sachfragen; Unterstützung in Planungsprozessen) und die politischen Akteure (Inszenierung, strategische Planung) hat.

Während in Nationalstaaten die politische Öffentlichkeit stark durch die aktuelle Berichterstattung der → Massenmedien geprägt wird, fehlt es auf europäischer Ebene, in der Europäischen Union, an europäischen Massenmedien, die eine Diskussionsplattform für relevante politische Fragen bieten. Hier spielt die Mf. eine wichtige Rolle, weil sie Einstellungen und Urteile der Bevölkerung zu Entscheidungen und Entwicklungen der EU abbildet. Die wichtigste europäische Umfrage in diesem Feld ist das Eurobarometer (URL: http://ec.europa.eu/public_opinion/index_en.htm), eine halbjährlich im Auftrag der Europäischen Kommission realisierte Meinungsumfrage, die u. a. die Einstellung der Bevölkerung zur europäischen Politik, zum Einigungsprozess und zu den Akteuren und Institutionen der EU erfasst.


Literatur



Atteslander, Peter 2006: Methoden der empirischen Sozialforschung. Berlin.

Donovitz, Frank 1999: Journalismus und Demoskopie. Wahlumfragen in den Medien. Berlin.

Kruke, Anja 2007: Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland. Meinungsforschung, Parteien und Medien. Düsseldorf.

Noelle-Neumann, Elisabeth/Petersen, Thomas 2005: Alle, nicht jeder. Einführung in die Methoden der Demoskopie. Berlin.

Scholl, Armin 2009: Die Befragung. Sozialwissenschaftliche Methode und kommunikationswissenschaftliche Anwendung. Konstanz.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Bernd Blöbaum




 

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