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Nation

1. Der Begriff der Nation



Es gibt keinen allgemein anerkannten und eindeutigen Begriff der Nation (N.), noch weniger der dt. N. Das liegt in der vielschichtigen Funktion dieses und ähnlicher Begriffe (z. B. → freiheitlich-demokratische Grundordnung) begründet: sie haben sowohl erklärende wie legitimierende und normierende Aufgaben. Begriffe dieser Art wollen nicht nur die Wirklichkeit erfassen und analysieren helfen, sondern sie setzen auch politische Ziele für die Zukunft und werden zur Rechtfertigung der Gegenwart eingesetzt. Der Anspruch auf Selbstbestimmung, auf Selbstorganisation nach innen und Unabhängigkeit nach außen steht mit diesem Konzept in Verbindung.

Die nationalstaatlichen Bewegungen des späten 18. und des 19. Jh.s haben den Begriff der N. höchst unterschiedlich verwandt. In der Literatur wird unterschieden zwischen (a) der N. als einer ethnisch homogenen Gruppe ("Volksnation"); (b) der Idee von der "Kulturn." (vgl. Meinecke 1908), die an die Gemeinsamkeit der Verhaltensweisen im Allgemeinen und der Sprache, Literatur, Musik im Speziellen anknüpft; (c) dem Konzept der "Staatsn.", das keine spezifischen Kriterien für die Nationsvorstellung angibt, sondern das Vorhandensein einer staatlichen Verbandsordnung bezeichnet und auf der Grundlage der "Volksn." oder der "Kulturn." bestehen kann; (d) der Idee von der "Staatsbürgern.", die "sich über die individuellen staatsbürgerlichen Gleichheitsrechte und die Verfahren der demokratischen Legitimation der Herrschaft durch die Staatsbürger" (Lepsius 1990: 242) konstituiert.

Für M. Weber (1980: 528) kann die N. "nicht nach empirischen gemeinsamen Qualitäten der ihr Zugerechneten definiert werden", vielmehr besage der Begriff der N., "daß gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei", er ist somit subjektiv und gehört "der Wertsphäre an". Auf welcher Vorstellung dieses "Solidaritätsempfinden" beruht, ist damit noch nicht festgelegt; so nennt Weber neben der Sprache und dem "‚ethnischen‘ Gemeinsamkeitsglauben" (Weber 1980: 237) auch die Erinnerungsgemeinschaft (vgl. Fitzi 2004: 198-202). Auch E. Renan (1996: 35) betont dieses Element, wenn er schreibt: "Eine Nation ist also eine große Solidargemeinschaft, getragen vom Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer die man noch bringen will. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und läßt in der Gegenwart in eine handfeste Tatsache münden: in der Übereinkunft, den deutlich geäußerten Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Das Dasein einer N. ist – erlauben Sie mir dieses Bild – ein Plebiszit Tag für Tag, wie das Dasein des einzelnen eine dauernde Behauptung des Lebens ist."

Geschichte als Begriffsmerkmal der N. stellt auf die Gemeinsamkeit der Erinnerung und Erfahrung der Vergangenheit ab, auf der das Selbstverständnis und Handeln der Nationsangehörigen in der Gegenwart und Zukunft beruhen. Die Geschichte spielt in der Entwicklung der Nationalbewegungen insofern ein Rolle, als dass sie eine generationenübergreifende Gemeinschaft konstruiert, die über das Leben des einzelnen Individuums hinausreicht (Anderson 1993; Hobsbawm 1983). Diese Traditionsschöpfung legitimiert die "Volksn." und "Kulturn." ebenso wie die "Staatsn.".

Die vieldeutige und wertende Dimension des Begriffes der N. prägt die Versuche, ihn genauer zu bestimmen, er differiert aufgrund unterschiedlicher Überzeugungen wissenschaftlicher wie politischer Art. Gleich welche Definition für den Begriff der N. verwendet wird, stets überschneidet oder deckt er sich mit anderen Begriffen, wie dem der Nationalität als einer ethnischen Einheit oder des Volkes als einer kulturellen Gemeinschaft. Vielfach wird daher auch N. und Nationalstaat gleichgesetzt, zumindest für jede N. ein einheitlicher Nationalstaat gefordert. Dies ist das Ziel, das der Nationalismus verfolgt. Als eine ideologische, politische und soziale Bewegung versucht er, Eindeutigkeit zu erzeugen und die Übereinstimmung von ethnischen und politischen Grenzen zu erreichen, dabei tendiert er zur Ausgrenzung.

Welche konstitutiven Attribute der N. (z. B. Sprache, Geschichte, Kultur, Abstammung oder politisches Bekenntnis) auch zugeschrieben werden, sie decken nur einen Teilbereich jenes komplexen sozialen Gebildes ab, das N. genannt wird. Dementsprechend kann kaum von einer einheitlichen, sozialwissenschaftlichen Theorie der N. gesprochen werden.

2. Deutschland als "verspätete Nation"



Die Entwicklung der dt. N. ist im Vergleich zu den westeuropäischen Nationalstaaten durch die lange Zeit gekennzeichnet, in der ihre Einheit bloß auf kulturellen Gemeinsamkeiten beruhte. Als schließlich 1871 mit der Errichtung des Dt. Reiches auch die staatliche Einheit erreicht wurde, war diese Nationalstaatsgründung in vielfacher Hinsicht vorbelastet. Nachdem 1848/49 in der bürgerlichen Revolution das Bemühen gescheitert war zugleich "Einheit und Freiheit" zu erringen, beruhte die Gründung des Bismarck-Reiches nicht auf einer nationalen und demokratischen Massenbewegung, sondern auf dem obrigkeitsstaatlichen Einigungsbeschluss der Fürsten. Er brachte mit dem kleindt. Reich die staatliche Einheit nur eines Teils der dt. N. und ließ die Dt.-Österreicher außen vor; im Laufe der 1880er Jahre entwickelte sich in Teilen der Bevölkerung der Donaumonarchie ein "volksdt." Selbstverständnis im ethnischen Sinne. Auf der anderen Seite umfasste das neugegründete Dt. Reich nationale Minderheiten (Polen, Dänen, Elsass-Lothringer), deren Zugehörigkeit zur dt. N. in Frage gestellt wurde und die sich aufgrund der oftmals repressiven Politik nicht oder nicht mehr zur N. bekennen konnten. Aber auch religiöse Minderheiten, die sich eindeutig zur N. bekannten (z. B. die dt. Staatsbürger jüdischen Glaubens) waren vor Anfeindungen nicht geschützt. Somit war die "verspätete Nation" (Plessner 1992) schon 1871 kein unbestrittener und saturierter Nationalstaat. Ds demokratisches Defizit und seine territoriale Instabilität schlugen in das aggressive und imperialistische Denken und Handeln des wilhelminischen Machtsstaates um. Auch der Untergang dieses Staates durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg, die territoriale Reduzierung des Dt. Reiches und die Einführung einer parlamentarischen Republik brachten noch keine Aussöhnung von demokratischer Selbstbestimmung und nationaler Selbstbescheidung. Die Nationalsozialisten verstanden es vielmehr, das Ungenügen des dt. Bürgertums an seiner nationalen Existenz aufzugreifen. Durch die imperialistische und diktatorische Politik verloren zunächst politische Gegner und die dt. Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte und später ihr Leben. Die Eroberungen der nationalsozialistischen Großraumpolitik dehnten die dt. Herrschaft weit über die dt. N. aus und raubten vielen europäischen Nationen ihre staatliche Existenz, wenn sie nicht gar deren physische Existenz durch den Völkermord auslöschen wollten. Diese Entwicklung des dt. Volkes schien mit der totalen Expansion und Niederlage des Dritten Reiches auch zum Untergang der dt. N. zu führen (→ Nationalsozialismus).

3. Das geteilte Deutschland (1945-1990)



Dennoch hielten nach 1945 alle dt. Politiker in Ost und West an der Idee der dt. N. fest, wollten sie aber in spezifischer Weise geläutert wissen. Ganz gleich, was unter N. im Einzelnen verstanden wurde, allen führenden Politikern der BRD war die Auffassung gemeinsam, dass an der Einheit der N. festzuhalten sei. Als konstitutiv für die dt. N. wurden das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und der Wille zu ihrer Erhaltung angesehen.

In der → DDR erhob die Führung zunächst den Anspruch, die Einheit Ds zu vertreten. Ab 1955 verfolgte die Führung als Reaktion auf die Nichtanerkennung die Politik der zwei dt. Staaten, hielt aber an der Einheit der N. fest. Als die sozial-liberale → Bundesregierung (BReg.) jedoch 1969 diese Konzeption übernahm, wurde sie von der DDR-Führung abrupt fallen gelassen, um nun die Entwicklung eines eigenständigen sozialistischen Nationalstaates zu propagieren.

Nachdem die SED-Führung während des Sommers 1989 in eine Legitimitätskrise geraten war zeigte sich, dass auch die Akzeptanz einer "DDR-N." zunehmend schwand. Strebte in der → Opposition zunächst die Mehrheit eine demokratische Erneuerung in der DDR an, wurde die politische Option der Eigenstaatlichkeit nach der Öffnung der Berliner Mauer (9.11.1989) von großen Teilen der ostdt. Bevölkerung nicht mehr geteilt. Auf den großen Demonstrationen wurde ab Dez. 1989 die Parole "Wir sind das Volk" durch die auf die N. bezogenen Leitsprüche "Wir sind ein Volk" und "Deutschland einig Vaterland" ersetzt.

Der Vereinigungsprozess war auch verbunden mit der Angst vor dem Erstarken des dt. Nationalismus. Insbesondere in Großbritannien und in Frankreich befürchteten Politikerinnen und Politiker ein Wiedererwachen des nationalen Hegemoniestrebens, das man von dt. Seite aber zu zerstreuen versuchte. Nach Gesprächen mit allen vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges erlangte die BRD mit dem Abschluss des "Vertrages über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland (12.9.1990) wieder die vollständige Souveränität in inneren und äußeren Angelegenheiten. Durch den Grenzvertrag mit Polen (14.11.1990) erkannte das vereinigte D die Oder-Neiße-Linie als endgültige dt.-polnische Grenze an. Dieser Vertrag sowie die Änderung des → GG, dass dessen territorialer Geltungsbereich nach der Vereinigung unabänderlich ist, zeigte den vollständigen Verzicht auf alle früher zum Dt. Reich gehörenden Gebiete, auch das Wiedervereinigungsgebot wurde am 3.10.1990 aus dem GG gestrichen. Auch dadurch konnte in den Nachbarstaaten der BRD Akzeptanz für die Vereinigung der beiden dt. Staaten gewonnen werden, die unter dem nationalen Großmachtsstreben Ds in der Vergangenheit mehr als einmal zu leiden hatten. Die "nationale Frage" schien damit beantwortet zu sein.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Christian Bala




 

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