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Politikwissenschaft

1. Ältere Lehre der Politik



Die Lehre von der Politik an den Universitäten ist so alt wie diese selbst: Beide gehen auf das europäische Mittelalter zurück. War im Mittelalter unter dem dominierenden Einfluss der Lehren von Aristoteles die Lehre der Politik mehr ein Anhängsel der praktischen Philosophie, so wurde sie in der frühen Neuzeit im Gefolge der protestantischen Reformation in den Rang eines unabhängigen Faches mit eigenständigen Lehrstühlen erhoben.

Neben dieser Politikwissenschaft (PW) in der Einzahl entwickelte sich in der frühen Neuzeit entsprechend den sich ausdifferenzierenden staatlichen Tätigkeitsbereichen ein ganzes Spektrum von politischen Wissenschaften in der Mehrzahl. Zu diesen gehörte die ältere Policeywissenschaft als das Fach von der Organisation und den Inhalten der inneren Verwaltung – das ältere Verständnis von "Policey" war viel umfassender als der moderne Polizeibegriff, der sich auf die Erhaltung von Sicherheit und Ordnung beschränkt –, die Kameralwissenschaft als die Lehre von den fürstlichen Finanzen, die Ökonomik sowohl als Haus- wie auch als Staatswirtschaftslehre, die ältere Statistik als beschreibend-historische Lehre von den Zuständen der Staaten und ein ganzer Kranz von technologischen Fächern (Landwirtschaftslehre, Forstwissenschaft, Bergbau u. a.). Ab der Mitte des 18. Jh.s bürgerte sich für diese Vielzahl von politischen Wissenschaften der Begriff der Staatswissenschaften ein (vgl. Bleek 2003).

Unter dem Einfluss der Aufklärung wurde gegen Ende des 18. Jh.s nicht nur an der Vielregiererei des absolutistischen und merkantilistischen Verwaltungsstaates, sondern auch am Utilitarismus seiner politischen Wissenschaften Anstoß genommen. Die Policeywissenschaft mauserte sich zur Verwaltungsrechtswissenschaft, die Staatswirtschaftslehre zur von Adam Smith revolutionierten Nationalökonomie, die Staatenkunde zur modernen Statistik sowie Geschichtswissenschaft. Das Kernfach der Politik überlebte in der ersten Hälfte des 19. Jh.s in Gestalt einer philosophisch (z. B. Hegel und Schleiermacher) oder historisch (insbesondere Dahlmann) orientierten liberal-bürgerlichen Verfassungslehre. Die Ausstrahlungskraft der "politischen Professoren" in dieser Zeit der Spätblüte der älteren Politiklehre reichte weit über das Bildungsstudium an den reformierten wissenschaftlichen Hochschulen hinaus in die politische Öffentlichkeit, sie wurden auch durch Widerstandsakte wie den Protest der Göttinger Sieben unter Dahlmann gegen den Verfassungsbruch des hannoverschen Königs (1837) zu anerkannten Wortführern der liberal-konstitutionellen Bewegung des Bildungsbürgertums. Die Mitarbeit von Politik-Professoren in der deutschen verfassungsgebenden Nationalversammlung in den Jahren 1848/49 stellte den Höhepunkt, aber auch die Wendemarke im öffentlichen Ansehen und in der politischen Bedeutung der Lehre der Politik in D dar. Gegen Ende des 19. Jh.s verschwand die zuvor angesehene und einflussreiche Universitätsdisziplin weitgehend aus dem akademischen Fächerkanon im Deutschen Reich.

2. Politische Wissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus



Mit der Einführung der demokratischen Verfassungsordnung in der Weimarer Republik (1919) verknüpfte sich in D das Experiment einer erneuten Etablierung der Politik als akademischer Wissenschaft. Es begründete sich auf programmatischen Einsichten von M. Weber und dem liberalen Publizisten und Politiker F. Naumann in die Notwendigkeit einer demokratischen Erziehung der → politischen Elite. Da die von dem preußischen Universitätsreformer C. H. Becker angestrebte Etablierung nicht nur der Soziologie, sondern auch der PW an den Universitäten nicht durchzusetzen war, konzentrierte man sich auf die 1920 in Berlin gegründete "Deutsche Hochschule für Politik" (DHfP).

Die DHfP übernahm eine Vielzahl von Funktionen, nicht nur als Volkhochschule und Fachschule, sondern ab 1927 auch als akademische Hochschule mit Forschungsabteilung. Diese Entwicklung wurde aber durch die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Jahr 1933 abgebrochen, die Hochschule wurde zu einer nationalsozialistischen Schulungsanstalt gleichgeschaltet und 1940 in die "Auslandswissenschaftliche Fakultät" der Berliner Universität integriert. Die Nationalsozialisten sprachen zwar auch von "politischen Wissenschaften", meinten damit aber kein eigenständiges Fach, sondern die Politisierung aller Disziplinen im Sinne ihrer Ideologie. Die Mehrzahl der demokratischen Dozenten der Deutschen Hochschule für Politik der Weimarer Zeit ging in die Emigration und wurde vor allem in den USA von der professionellen und selbstbewussten Political Science beeindruckt (vgl. Söllner 1996).

3. Wiedergründung in der Bundesrepublik



Erfolgreicher als bei den Bestrebungen in der Weimarer Republik, nicht nur eine demokratische Verfassungsordnung durchzusetzen, sondern auch durch die Etablierung der PW als einer Demokratiewissenschaft einen akademischen Beitrag zu diesen Bemühungen zu leisten, war man in der Bundesrepublik. Am Anfang dieser Aktivitäten stand 1948 die Wiederbelebung der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin als einer außeruniversitären Institution.

Entscheidend für die dauerhafte (Wieder-) Gründung der PW in Westdeutschland wurde aber ihre Durchsetzung als universitäres Lehrfach (vgl. Mohr 1988). Die Besatzungsmächte, insbesondere die Amerikaner, setzten sich über konservative Vorbehalte an den deutschen Universitäten hinweg und drangen im Rahmen ihrer Politik der "re-education", der Umerziehung der Deutschen zu Demokraten, im Jahr 1949/50 auf mehreren Konferenzen mit deutschen Universitätsrepräsentanten und Kultuspolitikern auf die Etablierung einer wissenschaftlichen Disziplin von der Politik. Die ersten Lehrstühle für "Wissenschaftliche Politik" wurden anfangs der 1950er Jahre, ausgehend vom Land HE, mit ausgewiesenen Antifaschisten besetzt, die in D überlebt hatten. Hinzu kamen Rückkehrer aus der Emigration, die vor allem in den USA mit der Political Science vertraut geworden waren.

Zur Etablierung der PW in der jungen Bundesrepublik gehörte nach amerikanischem Vorbild auch der Aufbau eines einschlägigen Fachverbandes und die Herausgabe einer Fachzeitschrift: 1952 wurde die "Deutsche Vereinigung für die Wissenschaft von der Politik" gegründet (seit 1959 "Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft", DVPW), die zunächst die Wiederbelebung der seit 1908 erscheinenden "Zeitschrift für Politik" erreichte und seit 1960 die "Politische Vierteljahresschrift" (PVS) als wissenschaftliches Periodikum herausgibt.

Das inhaltliche Profil der jungen bundesdeutschen PW ergab sich aus ihrem Selbstverständnis als "Demokratiewissenschaft": Ein Begriff, der schon auf der Waldleininger Gründungskonferenz vom Sept. 1949 verwandt wurde. Die ursprünglichen politikwissenschaftlichen Themenfelder ergaben sich aus der politisch-historischen Konstellation der (Wieder-) Gründung der Demokratie in (West-) Deutschland: Der Aufbau einer Demokratie erforderte an erster Stelle die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, insbesondere die Erklärung des Scheiterns der ersten deutschen Demokratie und der Machtergreifung der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933. In dieser Hinsicht leisteten in den 1950er Jahren junge Politikwissenschaftler wie K. D. Bracher und K. Sontheimer zeitgeschichtliche Pionierarbeit. Außerdem nahm die bundesdeutsche PW die Lehre und Forschung über die → DDR als den zweiten deutschen Staat und über die ihn beherrschende kommunistische Diktatur (später zur vergleichenden → Deutschlandforschung erweitert) auf. Das dritte Feld war die Theorie und Empirie der → Demokratie, insbesondere auf den Gebieten der Parlamentarismus-, → der Parteien- und der → Wahlforschung. Alle diese politikwissenschaftlichen Teilgebiete wurden durch die Rezeption der "politischen Klassiker" ideengeschichtlich fundiert.

Mit diesen Themengebieten, aber auch einem beschränkten Lehrpersonal – an den meisten westdeutschen Universitäten gab es, wenn überhaupt, nur einen politikwissenschaftlichen Lehrstuhl – leistete die bundesdeutsche PW in den 1950er Jahren primär einen Beitrag zum staatsbürgerlichen Studium Generale, zur allgemeinen → Politischen Bildung der Studierenden. Lediglich in Westberlin war das Fach schon einen Schritt weiter: 1952 wurden an der Freien Universität aufgrund eines Kooperationsvertrages mit der DHfP mehrere politikwissenschaftliche Lehrstühle eingerichtet und 1959, bei der Eingliederung der DHfP als "Otto-Suhr-Institut" in die FU, verfügte man bereits über 10 nach den politikwissenschaftlichen Teilgebieten differenzierte Professuren. Auf Drängen der Berliner Studierenden wurde ein eigenständiges Ausbildungsstudium für "Diplom-Politologen" eingerichtet.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wilhelm Bleek




 

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