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Politische Beteiligung/Politische Partizipation

1. Zum Begriff



In der → Politikwissenschaft hat der Forschungszweig Partizipationsforschung die politische Beteiligung (Partizipation) zum Gegenstand. Unter politische Partizipation fallen jene Verhaltensweisen von Bürgern, die als Gruppe oder allein freiwillig Einfluss auf politische Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen des → politischen Systems (Kommune, Land, Bund und Europa) ausüben wollen. Man unterscheidet konventionelle (verfasste, gesetzlich garantierte und geregelte) von unkonventionellen (nicht verfasste) Formen der politischen Partizipation. Durch eine inzwischen jahrzehntealte Partizipationsforschung wurden Kriterien entwickelt, die unterschiedliche Beteiligungsformen ausweisen. Niedermayer unterteilt die Gesamtheit partizipativer Aktivitäten der Bürger in folgende sechs Formen:
  1. Teilnahme an → Wahlen und Abstimmungen;
  2. Parteibezogene Aktivitäten;
  3. Gemeinde-, → Wahlkampf und Politiker bezogene Aktivitäten;
  4. legaler Protest;
  5. ziviler Protest und
  6. Politische Gewalt.
Zu a) Wahlbeteiligung und Messung von Abstimmungsergebnissen ist nicht nur eine leicht zu messende konventionelle Partizipationsform, sondern Studien zum → Wählerverhalten sind politikwissenschaftlicher Ursprung der Partizipationsforschung. Die Mitwirkung bei Wahlen – und damit die Auswahl des politischen Führungspersonals – auf den unterschiedlichen Ebenen bildet das Kernelement der Staatsbürgerrolle und ist die einfachste und egalitärste Partizipationsform im repräsentativen System Ds.

Zu b) Hierunter werden vor allem Mitgliedschaft und Mitarbeit in → Parteien verstanden. Sie sind über das Wählen hinausgehende Aktivitäten, die von knapp 2,5 % der Erwachsenen vorgenommen wird.

Zu c) Unter Gemeinde, Wahlkampf und Politiker bezogene Aktivitäten werden nur z. T. institutionalisierte, jedoch zeitlich begrenzte Formen politischer Beteiligung verstanden wie z. B. die zeitweilige Mitwirkung an lokalen Problemlösungen, aber auch die Teilnahme am Wahlkampf.

Zu d) Legaler Protest umfasst legale, nicht institutionalisierte Beteiligungsarten wie z. B. genehmigte → Demonstrationen. Die Legitimität solcher Partizipationsformen wurde in der ersten Phase ihres Aufkommens mit der Außerparlamentarischen Opposition in der zweiten Hälfte der 60er Jahre in Frage gestellt, doch haben sie im Laufe der Zeit auch ihre Legitimitätsbasis erhalten.

Zu e) Ziviler Ungehorsam beinhaltet nicht gewaltsame partizipative Aktivitäten, "die gegen geltendes Recht verstoßen und von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung nicht als legitime Art der Beteiligung am politischen Prozess verstanden wird" (Niedermayer 2005: 194).

Zu f) Politische Gewalt bedeutet die extremste Form politischer Beteiligung und schlägt sich in Gewalt gegen Sachen und Personen nieder.

Neben der politischen Partizipation findet sich auch der Begriff der sozialen Partizipation, der vor allem das ehrenamtliche und bürgerschaftliche Engagement umfasst. Diese auf soziale Integration gerichteten Aktivitäten können zwar durchaus politischen Charakter erreichen, sind aber in der Regel im ehrenamtlichen Bereich zu verorten.

2. Wahlbeteiligung



Bei den Bundestagswahlen ist – gemessen am internationalen Vergleich – eine recht hohe Beteiligungsrate zu vermerken. So gab es in den 50er und 60er Jahren Beteiligungsraten zwischen 85 und 90 %, wobei bei der Bundestagswahl 1972 sogar ein Höchstwert von 91,1 % erreicht wurde. Ab Mitte der 70er Jahre ging die Wahlbeteiligung jedoch deutlich zurück und erreichte bei der ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 mit 77,8 % ihren absoluten Tiefpunkt. Danach stieg die Beteiligungsrate leicht an und erreichte bei den folgenden Bundestagswahlen durchschnittlich 80 %. Mit dieser Partizipationsrate liegt D im europäischen Mittelfeld. Deutlich geringer sind die Beteiligungsraten jedoch bei den Landtagswahlen, den Kommunalwahlen und den Wahlen zum Europäischen Parlament. So gab es zwischen 1971 und 1975, also jener Zeit als auch die höchsten Beteiligungen bei Bundestagswahlen gemessen wurden, mit knapp 83 % die größte Wahlbeteiligungsrate, die jedoch seit dieser Zeit deutlich herunter gegangen ist. So betrug sie in der Wahlperiode 2001-2005 in ganz D nur noch 62,6 %. Bei der Wahl zum Landtag in ST wurde gar nur eine Wahlbeteiligung von 44,4 % der Wähler erreicht. Noch deutlich niedriger sind die Wahlbeteiligungsraten bei den Wahlen zum Europäischen Parlament, da diese Wahlen als Nebenwahlen angesehen werden. Auch steht bei den Europawahlen keine Regierung zur Abwahl, so dass für die Wähler die Bedeutung dieser Wahlen für sie oft nur schwer zu durchschauen ist. In den östlichen → Bundesländern sind die Beteiligungsraten bei Bundestags-, Landtags- und Europawahlen immer deutlich geringer als in den westlichen Ländern. Lediglich bei der ersten freien Wahl in der → DDR, der Wahl zur Volkskammer am 18.3.1990, erreichte die Beteiligungsrate mit 93,4 % einen absoluten Höchststand.

Seit gut drei Jahrzehnten ist ein deutlicher Rückgang der Wahlbeteiligung erkennbar. Einerseits wird damit ein Anpassungsprozess vollzogen, wie er sich auch in anderen westlichen Demokratien zeigt. Andererseits kann in dem Rückgang der Wahlbeteiligung auch ein Krisenphänomen des politischen Systems gesehen werden. Wie auch immer das Phänomen des Nichtwählens interpretiert wird, es gibt unterschiedliche Arten von Nichtwählern. Der unechte Nichtwähler – er ist der Wahlberechtigte, der aus organisatorischen Gründen nicht an der Wahl teilnehmen kann – unterscheidet sich vom echten Nichtwähler. Da ist zunächst der politikferne Nichtwähler, der der Politik allgemein einen geringen Stellenwert zuweist. Der protestierende Nichtwähler will mit seinem Verhalten Einfluss ausüben; er ist zwar am politischen Geschehen interessiert, ist jedoch mit dem Funktionieren des politischen Systems unzufrieden oder von dem politischen Personal und den Parteien enttäuscht. Wahlenthaltung ist in solchen Fällen eine bewusst vollzogene politische Entscheidung. Schließlich gibt es noch den rational-abwägenden Nichtwähler, der mit seiner Entscheidung einen bestimmten Nutzen für sich erwartet.

3. Parteibezogene Aktivitäten



Zum 1.7.2011 waren ca. 1,3 Mio. Menschen Mitglieder in politischen Parteien, d. h. ca. 2,2 % der über 16-jährigen Bürger, die in Parteien eintreten können. 1991 waren es noch 3,3 % gewesen. Von diesen Mitgliedern können etwa ein Fünftel bis ein Viertel als aktiv angesehen werden, wobei unter "aktiv" bereits ein zeitlich limitiertes Engagement von unter fünf Stunden pro Monat genommen wird. Bis gegen Ende der 70er Jahre/Anfang der 80er Jahre des 20. Jh.s stieg die Zahl der Mitglieder der Bundestagsparteien, um dann aber deutlich zurückzugehen. Die deutsche Wiedervereinigung führte auf der Parteienebene zu einer kurzzeitigen Steigerung der Mitgliedszahlen, die jedoch bald wieder nahezu auf die alten Zahlen zurückging. So erreichte die → SPD ihre höchste Mitgliederzahl 1976 mit 1.022.000 Mitgliedern, während sie 2010 mit 502.000 Mitgliedern ihren niedrigsten Stand aufweist. Die geringste Anzahl an Parteimitgliedern hatte die → CDU Anfang der 1950er Jahre, die Mitgliedszahlen lagen unter 250.000. Bis 1983 stieg die Zahl der Mitglieder beständig bis auf 735.000 an. Seitdem hat auch die CDU einen Rückgang ihrer Mitglieder und kommt im Jahr 2010 auf 505.000 Mitglieder. Dagegen konnte die → CSU ihren Mitgliederstand zunächst nahezu aufrechterhalten. Ihre höchste Mitgliederzahl erreichte die Partei in den Jahren der Wende, 1989/90, mit 186.000 Mitgliedern. Seitdem sind die Mitgliederzahlen auf 154.000 im Jahr 2010 zurückgegangen. Wie auch die CSU konnte die → FDP vom Fall der Mauer profitieren und verzeichnete 1990 einen Zuwachs auf 179.000 Mitglieder. Doch auch die FDP musste einen Rückgang der Mitgliedszahlen hinnehmen, so dass 2010 noch 68.000 FDP-Mitglieder gezählt wurden. → Bündnis 90/Die Grünen, 1993 aus westdeutschen Grünen und ostdeutschen Bündnis 90 zur gemeinsamen Partei zusammengeschlossen, verzeichnete 1998 die höchsten Mitgliederzahlen mit über 50.000 Parteiangehörigen. Doch auch diese Partei musste Einbußen hinnehmen, konnte inzwischen aber Mitglieder hinzugewinnen und zählte in 2010 ca. 52.000 Mitglieder. Die → Linkspartei/PDS hatte ebenfalls 1990 ihre höchste Mitgliederzahl mit 281.000; in diesem Jahr bestanden allerdings noch keine westdeutschen Landesverbände. Bei der Linkspartei/PDS machte sich der Rückgang der Mitgliedszahlen am stärksten bemerkbar: 2005 waren noch 61.000 Bundesbürger eingetragene Parteimitglieder. Durch das Zusammengehen mit der WASG in "Die Linke" 2007 kamen noch weitere 8.000 Parteimitglieder hinzu. 2010 zählte die Partei 73.000 Mitglieder.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wichard Woyke




 

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