Städtepartnerschaften

1. Definition



Die Idee der Städtepartnerschaft (Sp) entstand hauptsächlich nach dem Zweiten Weltkrieg als Initiative der Basis, um die durch zwei Weltkriege in Europa aufgerissenen Wunden zu heilen. Sp.en gehören zu öffentlichkeitswirksamen und langfristig effektiven Methoden, um Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzuführen (vgl. Andersen u. a. 2010: 10), im Mittelpunkt steht der Austausch der Bürger über das Instrument Sp. Eine einheitliche Definition des Begriffes Sp.en existiert nicht, die am weitesten verbreitete in D ist die Definition der deutschen Sektion des Rates der Gemeinden und regionen Europas (RGRE). Diese definiert Sp.en als förmliche, zeitlich und sachlich nicht begrenzte Partnerschaft, beruhend auf einem Partnerschaftsvertrag (Partnerschaftsurkunde). Dabei umfasst der Begriff der Sp. auch die Partnerschaften der Kreise oder Gemeinden. Davon abgrenzend zählt sie noch die Freundschaft als eine Verbindung, die auf einer Vereinbarung beruht, zeitlich oder sachlich aber begrenzt ist (z. B. Projektpartnerschaft) sowie den Kontakt als eine Verbindung ohne förmliche Festlegung auf. Sp.en sind Teil der kommunalen Außenpolitik.

2. Quantität der Städtepartnerschaften



Die Städtepartnerschaftsbewegung wird von der wissenschaftlichen Literatur vernachlässigt, eine Überraschung angesichts der quantitativen aber auch qualitativen Ausmaße, die diese Bewegung eingenommen hat "als größte Friedensbewegung der Welt" (Woesler 2006: 412). Zwar existieren keine vollständigen Zahlen über die Anzahl der Sp.en in D, die deutsche Sektion des RGRE spricht von 5.238 deutsch-internationalen Sp.en (RGRE Stand 2011, es handelt sich dabei um freiwillige Angaben der Kommunen, dementsprechend wird die Zahl realiter höher sein). Dabei werden vom RGRE die deutsch – deutschen Sp.en, insbesondere die zahlreichen ost- westdeutschen Sp.en nicht mitgezählt, deren Anzahl sich nochmals um ca. 1.000 bewegen dürfte und die einen entscheidenden Einfluss auf das Gelingen des Wiedervereinigungsprozesses hatten (→ Innere Einheit). Für seine Mitgliedsstaaten (37 Länder Europas) zählt der Dachverband des RGRE (CEMR) 17.100 Sp.en, die die Kommunen der Länder miteinander unterhalten (CEMR 2011). Die Angaben verschiedener Organisationen über die Anzahl der Sp.en sind nicht vergleichbar, da eine einheitlich verbindliche Definition des Begriffs Sp.en fehlt. Schaut man sich die Länderverteilung der deutschen Sp.en an, dominiert insbesondere Frankreich (2.023) vor Großbritannien (464) und Polen (395). Insgesamt dominieren die Länder Europas und hier vor allem die der EU (→ Europapolitik), die Begegnungen innerhalb der Sp.en seit 1989 finanziell fördert. Ca. 90 % der deutschen Sp.en sind in Ländern der EU, sie haben dabei einen erheblichen Anteil am Gelingen des europäischen Integrationsprozesses.

3. Geschichtliche Entwicklung



Es waren insbesondere drei Initiativen, die die Sp.en in D etabliert haben: Eine Initiative begann sehr zeitnah nach dem Zweiten Weltkrieg, als Engländer, Amerikaner, Kanadier und Belgier kommunale Vertreter Ds in ihre Heimatländer einluden, um ihnen dort einen Einblick in eine auf demokratischer Grundlage funktionierende Kommunalverwaltung zu gewähren. Daraus sind in den Jahren 1948-1950 einige Sp.en entstanden wie Hannover-Bristol oder Bonn-Oxford (vgl. Woeseler 2006: 413). Zudem ist die Initiative von Schweizer Professoren und Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg hervorzuheben – Hans Zbinden, Eugen Wyler sowie Adolf Gasser – mit ihren Initiativen zur Gründung der Internationalen Bürgermeisterunion für deutsch-französische Verständigung (IBU) und des RGRE, in den die IBU 1985 organisatorisch eingegliedert worden ist. Die Idee bestand darin, die Kommune als Keimzelle der → Demokratie zu stärken, um einen weiteren Weltkrieg unmöglich zu machen. Aus den Kontakten französischer und deutscher Bürgermeister während der IBU-Treffen ist 1950 schließlich die erste deutsch-französische Sp. zwischen Montbéliard und Ludwigsburg entstanden. Der Dachverband des RGRE bildet die europäische Sektion des Weltverbands der Kommunen (UCLG).

4. Aktivitäten



Die Aktivitäten innerhalb der Sp.en erstrecken sich in alle Bereiche, von den freundschaftlichen Begegnungen bis hin zur konkreten inhaltlichen Arbeit – multinationale Jugendcamps, Workshops mit Menschen mit Behinderungen oder Auszubildenden- Schüler- und Studierendenaustausche sind dabei nur ein kleiner Ausschnitt. Viele Bürger hatten ihren ersten Auslandsaufenthalt über eine Sp. In neuester Zeit nimmt besonders der Verwaltungsaustausch – Konferenzen zu aktuellen Städteproblemen wie Migration, Demographie, Städtebau, Nachhaltigkeit (→ Umweltpolitik) etc. – einen immer größeren Stellenwert ein. In diesem Zusammenhang ist die Etablierung neuerer thematischer Netzwerke wie z. B. Polis, ein Netzwerk europäischer Städte zur Entwicklung innovativer Transportsysteme in Städten oder breiter aufgestellter Netzwerke wie der Zusammenschluss europäischer Großstädte in Eurocities erwähnenswert.

5. Ausblick



Sp.en stehen vor bzw. sind einem erheblichen Wandlungsprozess ausgesetzt. Die Fahrt in das nahe europäische Ausland ist angesichts fortschreitender Globalisierung und der Konkurrenz durch Billig-Flieger kein besonderes Ereignis, insbesondere für erlebnishungrige Jugendliche, mehr. Es müssen vermehrt andere Formen der Kooperationen gefunden werden, damit Sp.en weiter einen Beitrag leisten können für ein friedlicheres Zusammenleben der Völker.

Literatur



Andersen, Uwe/Fischer, Sigmar/Kuschke, Wolfram/Pfundheller, Kai/Woyke, Wichard 2010: Von Städtepartnerschaften zu kommunalen Netzwerken? – Kommunale Vernetzung als Motor bürgerschaftlichen Engagements in einer europäischen Öffentlichkeit? Bezug über: http://www.auslandsgesell schaft-deutschland.de/home/index.php? option=com_content&task=view&id=33& Itemid=74

Bautz, Ingo 2002: "Die Auslandsbeziehungen der deutschen Kommunen im Rahmen der europäischen Kommunalbewegung in den 1950er und 60er Jahren. Städtepartnerschaften – Integration – Ost-West-Konflikt. Publiziert im Internet durch die Universitätsbibliothek Siegen. Im abzurufen unter: http://deposit.ddb.de/cgibin/dokserv?idn=965779882&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=965779882.pdf

Grunert, Thomas 1981: Langzweitwirkungen von Städtepartnerschaften. Ein Beitrag zur europäischen Integration. Kehl am Rhein/Straßburg.

Woesler, Dietmar 2006: Städtepartnerschaften in neuem Licht in: von Alemann, Ulrich/Münch, Claudia (Hrsg.): Europafähigkeit der Kommunen. Die lokale Ebene in der Europäischen Union. Wiesbaden. S. 412-433.

Internet



CEMR 2011: Numbers by Country, im Internet abzurufen unter: http://www.twinning.org/ en/page/numbers-by-country.html

RGRE 2011: Datenbank der kommunalen Partnerschaften, im Internet abzurufen unter: http://www.rgre.de/


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Kai Pfundheller




 

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