Umweltschutzverbände

1. Definition/Aktionsfelder



Umweltschutzverbände (Uv) sind Vereinigungen von Bürgern, die sich für den Schutz der Umwelt einsetzen. Im Gegensatz zu Bürgerinitiativen reagieren sie nicht nur auf einzelne lokale Umweltprobleme, sondern befassen sich dauerhaft und programmatisch mit einer Vielzahl von Umweltthemen. Zu ihren zentralen Aktionsfeldern gehört der klassische Naturschutz, wie z. B. der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und des Klimas sowie der Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten und von Öko-Systemen. Von ebenso großer Bedeutung ist der Schutz der Umweltmedien Luft, Wasser und Boden. Ferner engagieren sich die Umweltverbände auch für die umweltgerechte Ausgestaltung anderer Politikbereiche wie z. B. der → Energie-, → Verkehrs- und Agrarpolitik. Die Umweltbewegung wird in zwei Hauptströmungen unterteilt: den pragmatischen Umweltschutz und traditionellen Naturschutz sowie die politische Ökologie.

2. Entstehung/Aufgaben



In D sind Uv. in zwei Wellen entstanden. Bereits Ende des 19. Jh.s gründeten sich erste Natur- und Vogelschutzverbände. Der Schutz der Tier- und Pflanzenwelt wurde damals als Gegenpol zu der fortschreitenden Industrialisierung angesehen. Die zweite Welle begann in den späten 1960er Jahren und begründete die Umweltbewegung in ihrer heutigen Form. Dafür waren zwei Entwicklungen von besonderer Bedeutung. Zum einen erreichte die Problematik der Umweltverschmutzung und des Ressourcenverbrauchs eine höhere Sichtbarkeit. Zum anderen wurden die Umweltzerstörung und die Begrenzheit der natürlichen Ressourcen in Büchern wie "Grenzen des Wachstums" (Meadows u. a. 1972) und "Silent Spring" (Carson 1962) publikumswirksam thematisiert. In D war der Widerstand gegen den Ausbau der Atomenergie in Form der Anti-AKW-Bewegung der zentrale Kristallisationspunkt der neuen Umweltbewegung.

Seit den 1970er Jahren hat die Anzahl der Uv. und ihre Stärke ständig zugenommen. Zu den wichtigsten Uv.n in D zählen Greenpeace, der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der World Wide Fund for Nature (WWF). Diese vier großen Umweltverbände verfügen über beachtliche finanzielle und organisatorische Kapazitäten. Ihre Erträge aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen betrugen im Jahr 2010 rund 130 Mio. €, wovon Greenpeace mit fast 50 Mio. € und der WWF mit über 40 Mio. € den größten Anteil hatten. Die Zahl ihrer Mitglieder bzw. regelmäßigen Förderer beträgt fast 2 Mio. Ende 2010 hatte Greenpeace nach eigenen Angaben 566.000 Förderer, gefolgt vom NABU mit etwa 500.000 Mitgliedern, dem BUND mit 461.000 Mitgliedern sowie dem WWF mit 378.000 Unterstützern. Neben diesen finanz- und mitgliederstarken Verbänden existieren noch etwa 10.000 nationale, regionale und lokale Umweltorganisationen.

Nach der Wiedervereinigung haben sich die meisten Umweltgruppen der ehemaligen → DDR westdeutschen Verbänden angeschlossen. Die Initiativen und Verbände der früheren staatlichen Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU) gingen in den BUND. Der NABU gründete östliche Landesverbände. Die im Herbst 1989 aus kirchlichen Gruppen entstandene Grüne Liga blieb selbständig und schloss sich dem Dachverband Deutscher Naturschutzring (DNR) an, dem über 90 Uv. angehören. Ein weiterer Dachverband ist der 1972 gegründete Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. Auf europäischer Ebene erfolgt die Bündelung der vielfältigen Aktivitäten im Europäischen Umweltbüro (EEB).

3. Aktionsformen



Das Spektrum der Aktionsformen von Uv.n hat sich im Zeitverlauf gewandelt und ausdifferenziert. Die zunehmende Institutionalisierung der Umweltbewegung kann in drei Phasen unterteilt werden (vgl. Rucht 2007: 120 ff.). Die erste, bis etwa Ende der 1970er Jahre reichende Phase war primär durch "Politisierung und Konfrontation" gekennzeichnet. Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit einer aus Politik, Industrie und → Gewerkschaften bestehenden "Wachstumsallianz". Die Umweltverbände setzten primär auf öffentlichkeitswirksame Protestaktionen. In der zweiten, bis etwa in die Mitte der 1990er Jahre reichenden Phase wandelte sich die Akteurskonstellation hin zu einer "konfliktuellen Kooperation".

Verhandlungsformen, punktuelle Kooperationen sowie die Einbindung von Umweltverbänden in Konsultationsverfahren gewannen an Bedeutung, ohne dass die Interessensgegensätze und Konflikte aufgehoben wurden. Die dritte, bis heute anhaltende Phase zeichnet sich durch eine "Routinisierung" der umweltpolitischen Akteurskonstellation aus. Spezialisierung, Versachlichung und Professionalisierung der Uv. haben zugenommen und Lobbyarbeit sowie strategische Bündnisse mit Umweltverwaltungen und Unternehmen gegenüber protestorientierten Aktionsformen an Bedeutung gewonnen. Die Partizipations-, Informations- und Konsultationsangebote auf nationaler und europäischer Ebene wurden enorm ausgeweitet und können inzwischen selbst professionalisierte Uv. überfordern.

Mehr Klagerechte eröffnete 2002 das novellierte Bundesnaturschutzgesetz (BNat SchG) mit der Verbandsklage. Seitdem können anerkannte Naturschutzverbände gerichtlich gegen bestimmte Naturschutzvorschriften (u. a. Planfeststellungsbeschlüsse, Plangenehmigungen mit Öffentlichkeitsbeteiligung) vorgehen, ohne dass eine subjektive Rechtsverletzung vorliegen muss. Mit dem Ende 2006 in Kraft getretenen Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz (UmwRG) wurden die Rechte der Uv. über den Naturschutz hinaus ausgeweitet. Sie können nun auch, gegen bestimmte umweltrechtliche Zulassungsentscheidungen für Industrieanlagen und Infrastrukturmaßnahmen klagen. Mit dem Gesetz zur Neuregelung des Wasserrechts vom 31.7.2009 und dem Gesetz zur Neuregelung des Rechts des Naturschutzes und der Landschaftspflege vom 29.7.2009 wurden unter anderem das UmwRG geändert und das BNatSchG neu gefasst. Das geänderte UmwRG und das neue BNatSchG traten am 1.3.2010 in Kraft.

Insgesamt haben sich die Uv. als zentraler Bündnispartner staatlicher Umweltpolitik etabliert. Ihre Stärke und Kompetenz kann auch im internationalen Vergleich als wichtige Erfolgsbedingung von Umweltpolitik gelten (Jänicke/Kunig/Stitzel 2003).

Literatur



Carson, Rachel 1962: Silent Spring, Boston – dt. Fassung 1963: Der stumme Frühling. München.

Jänicke, Martin/Kunig, Philip/Stitzel, Michael 2003: Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik. Bonn. Meadows, Donella H./Meadows, Dennis L./Randers, Jørgen 1972: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart.

Radkau, Joachim 2011: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. München.

Roose, Jochen 2006: "Auf dem Weg zur Umweltlobby. Zur Vertretung von Umweltinteressen in Deutschland", in: Leif, Thomas/Speth, Rudolf (Hrsg.): Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland. Bonn, S. 272-289.

Rucht, Dieter 2007: "Alte Bündnisse und neue Allianzen in der Umweltpolitik", in: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)/Forschungsstelle für Umweltpolitik (ffu) (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven – Handlungsfelder der deutschen Umweltpolitik, Tagungsband zum Symposium "20 Jahre Bundesumweltministerium". Berlin, S. 120-124.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Lutz Mez




 

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