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Unternehmerverbände

1. Zum Organisationstyp



Unternehmerverbände (U.) ist ein Sammelbegriff und zugleich eine Teilmenge der Interessenverbände. Angetreten sind U., um kollektives Handeln von wirtschaftlichen Konkurrenten zu organisieren, indem sie versuchen, gemeinsame Interessen gegenüber dem politischen System, den Gewerkschaften und der "Wirtschaft" selbst zu artikulieren, zu repräsentieren und durchzusetzen. Grundlegend ist das Vorliegen einer Organisation und die Fähigkeit, Interessen verfolgen zu können. Intendiert ist in vielen Feldern auch eine verbändegetragene, staatsfreie Selbstregulation der Wirtschaft. Die Erscheinungsformen der U. zeichnen sich durch eine große Vielfalt aus. In Bezug auf die verschiedenen Märkte, auf denen Unternehmen agieren, ist es zu einer organisatorischen Ausdifferenzierung in eine güter- und eine arbeitsmarktbezogene Verbändelandschaft gekommen. Weitere Differenzen ergeben sich aus: der Rechtsform (privatrechtlich, öffentlich-rechtlich), der Art der Mitglieder (natürliche Personen, Organisationen), der Anzahl der Ebenen (einfacher Verband, Verbände-Verband, Dachverband) und den Eintrittsmöglichkeiten (freiwillig, zwangsweise). Nach den unterschiedlichen Märkten und Arenen lassen sich folgende Verbände differenzieren: a.) Arbeitgeberverbände (AV): schließen mit den → Gewerkschaften bindende Regelungen (Tarifverträge) ab; vertreten die sozialpolitischen Interessen der Mitgliedsfirmen gegenüber staatl. und halbstaatl. Organisationen und beteiligen sich an staatlichen Gremien sowie an der Selbstverwaltung der Sozialversicherungen. b.) Wirtschaftsverbände (WV): vertreten die wirtschaftspolitischen Interessen gegenüber dem politischen System (sog. Lobbyismus) und betreiben auf der Ebene der Branchen eine koordinierende Politik. c.) Industrie- und Handelskammern (IHK): Wirtschaftliche Selbstregulation auf der regionalen Ebene mit partiell staatlichen Funktionen.

Aus Sicht der Unternehmen ist die Verbandsmitgliedschaft, in Abhängigkeit von den branchenspezifischen Marktbedingungen und den zur Verfügung stehenden eigenen Ressourcen, eine von mehreren Optionen zur Interessendurchsetzung: In erster Linie erfolgt diese über den Markt und auf der Basis eigener individueller Ressourcen, manchmal auch über Kartelle, Trusts oder andere informelle Absprachen sowie über direkte persönliche Einflussnahme auf die Entscheidungsträger der Legislative und der Exekutive.

Lange Zeit wurden die U. primär als alleine einflussnehmende "pressure group" gesehen; dies entspricht dem pluralismustheoretischen Ansatz. Im Zuge der Neokorporatismusforschung und neueren Netzwerkanalysen wurde der Akzent verlagert und die Wechselbeziehungen zwischen U., Staat und Gesellschaft integriert. Danach üben U. nicht nur Pressure-Funktionen aus, sondern auch staatsentlastende und selbstregulative Funktionen. In den letzten Jahren wurde zwar in der öffentlichen Debatte wieder verstärkt die einseitige, partikulare – zuweilen als demokratiegefährdend – betrachtete Dimension unternehmensverbandlichen Lobbyismus diskutiert. Auch wenn dies in Einzelfällen empirisch verifiziert werden kann, ist die Problemlage weitaus komplexer. Denn angesichts eines marktdefinierten Unternehmensinteresses, dem Vorhandensein alternativer Ressourcen und Durchsetzungswege ergibt sich für die U. nicht nur ein theoretisches Handlungsdilemma: Einerseits ist es relativ leicht, U. zu gründen, wofür auch ihre große Zahl spricht; es ist zugleich allerdings schwierig für die U., die Loyalität der Mitglieder zu erhalten und noch schwieriger, eine Verpflichtungsfähigkeit ihnen gegenüber zu erreichen. Darin besteht auch eines der zentralen Probleme hinsichtlich der Beteiligung von U. in tripartistischen Arrangements.

2. U. in der historischen Entwicklung



Bereits in der mittelalterlichen → Gesellschaft bestanden Zusammenschlüsse von wirtschaftlichen Konkurrenten, bspw. den Gilden und Zünften. Historischer Ausgangspunkt für U. in der Industrialisierung waren Standesvereinigungen sowie lose Zusammenschlüsse einzelner Unternehmen. Die ältesten Organisationen der Wirtschaft sind die IHKn, die sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jh.s nach französischem Vorbild entwickelten. 1861 wurde der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) als Dachorganisation aller Kammern gegründet. Die Entstehung von WV war eng mit der Entstehung des Nationalstaates verbunden. Verkehrs- und Zollverbände machten den Anfang. Als erster groβer industrieller Spitzenverband wurde 1876 der "Centralverband Deutscher Industrieller" (CVDI) als Kampfverband gegen die Freihandelspolitik gegründet, dem 1895 mit dem "Bund der Industriellen" (BDI) eine handfeste Konkurrenz erwuchs. 1919 kam es zur Vereinigung der beiden sich zuvor heftig bekämpfenden Gruppen im "Reichsverband der Deutschen Industrie" (RDI).

Die Entstehung der AV ist zwar primär auf die Gewerkschaften zurückzuführen, zugleich handelt es sich dabei um einen Ausdifferenzierungsprozess im Arbeitgeberlager, der häufig von den WV initiiert wurde. Meist bildeten sich AV während oder nach einem Streik. Als spontan gegründeten Anti-Streikvereinen war ihnen jedoch meist nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Da das Antistreik-Motiv für eine dauerhaftere Institutionenbildung unzureichend war, bedurfte es weiterer Motive und Einflüsse. Dazu gehörten die Sozialversicherungen, das Arbeitsrecht sowie Versuche, staatliche Aufträge nur noch an Unternehmen zu vergeben, die bereit waren, Tarifverträge abzuschlieβen. Von besonderer Bedeutung war, dass der gewerkschaftliche Einfluss in der Groβindustrie, die sich zunächst am vehementesten gegen Tarifverträge und Arbeitgeberverbände aussprach, um 1900 stark anwuchs. In der Frühphase des deutschen Kapitalismus stand der antigewerkschaftliche Charakter der Verbände im Vordergrund.

Es wäre zu kurz gegriffen, würde man die Bildung von U. nur auf die Abwehr staatlicher oder gewerkschaftlicher Politik zurückführen. Denn mit der Verbandsgründung legten sie die Grundlage für kollektives Handeln, das sich auch für eine über- und zwischenbetriebliche Kommunikation und Koordination eignete, die die Selbstorganisationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft förderte. Mit der Bildung des "Verbandes deutscher Metallindustrieller" 1890, war der wichtigste AV der deutschen Industrie als Branchendachverband schon früh gebildet worden. Ein entscheidender Anstoß für die flächendeckende Etablierung von AV ging vom Streik der Textilarbeiter im sächsischen Crimmitschau (1904) aus. Zwar konnte die Spaltung in Befürworter und Gegner von Tarifverträgen im Arbeitgeberlager damit nicht aufgehoben werden, aber der Weg hin zur flächendeckenden Bildung von eigenen sozialpolitischen Verbänden war damit irreversibel. In der 1904 gegründeten "Hauptstelle der deutschen Arbeitgeberverbände", die eher dem großbetrieblich ausgerichteten CVDI nahe stand, versammelten sich die den Tarifvertrag ablehnenden Kräfte (vor allem: Stahlindustrie). Im gleichen Jahr gründeten die dem BDI nahestehenden Kräfte den "Verein deutscher Arbeitgeberverbände" (VdA), worin sich primär die aus der Fertigungsindustrie kommenden Firmen engagierten, die den Tarifvertrag als Regelungsinstrument bejahten. 1913 wurde mit der Bildung der "Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände" (VDA) diese Spaltung auf der Dachverbandsebene aufgehoben.

Durch die Übertragung quasi staatlicher Hoheitskompetenzen im Ersten Weltkrieg (Hilfsdienstgesetz 1916), durch eine tripartistische Verhandlungsstruktur (Zentralarbeitsgemeinschaft: 1918-1922) und durch das kollektive Arbeitsrecht wurden die Arbeitgeberverbände gegenüber den Unternehmen aufgewertet. In der Zeit zwischen 1870 und 1933 schufen die U. ein Verbandsnetzwerk, das sowohl auf ehrenamtlicher wie auch auf professionell-bürokratischer Grundlage beruhte. Kennzeichnend für diese Mischung ist die formale Trennung zwischen ehrenamtlichen Repräsentanten, die in der Regel Eigentümerunternehmer waren sowie einer mehrheitlich aus akademisch ausgebildeten Juristen und Volkswirten bestehenden Geschäftsleitung, die die laufenden Kontakte zu den Mitgliedern wahrnahm. Als 1933 Gewerkschaften und AV durch die NSDAP aufgelöst wurden, blieben die wirtschaftlichen U., die vielfach bloβ organisatorische und nominelle Umstellungen bei ihrer Integration in das neue institutionelle Netzwerk des NS-Staates hinnehmen mussten, in modifizierter Form bestehen. Die Kammern wurden in Gauwirtschaftskammern umbenannt und RDI sowie VDA in der "Reichsgruppe Industrie" zwangsvereinigt.

3. U. in der Bundesrepublik



Zwischen 1945 und 1950 wurde die bis heute bestehende arbeitsteilige Struktur von Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband sowie Industrie- und Handelskammer in den meisten Branchen wieder aufgebaut. Im Idealfall vertreten die Wirtschaftsverbände primär die wirtschaftspolitischen Interessen ihrer Mitglieder gegenüber dem politischen System und die Arbeitgeberverbände bestellen mit den Gewerkschaften das Feld der Tarifpolitik. Doch diese Arbeitsteilung ist längst nicht in allen Branchen anzutreffen. Dort, wo ein Verband sowohl Arbeitgeber- als auch Tariffunktionen unter einem Dach vereint, spricht man auch von einem integrierten Verband; dort, wo eine Trennung vorliegt, von sogenannten reinen Arbeitgeberverbänden. Mit einiger Verzögerung, die durch die Lizenzierungspolitik der Dachverbände bedingt war, kam es zwischen 1949 und 1951 zur offiziellen Wiedergründung der Dachverbände unter neuem Namen: Als Dachorganisation der Wirtschaftsverbände wirkt nun der "Bundesverband der Deutschen Industrie" (BDI), der sich am 19.10.1949 gründete; als Spitzenorganisation der Arbeitgeberverbände gründete sich die "Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände" (BDA) am 28.01.1949. Der DIHT wurde ebenfalls 1949 gegründet und heißt heute "Deutscher Industrie- und Handelskammertag" (DIHK). Hinzu kommen noch der "Zentralverband des Deutschen Handwerks" (ZDH), die öffentlichen Arbeitgeberverbände und eine Vielzahl von Branchen, die nicht in der BDA oder dem BDI vertreten sind.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wolfgang Schroeder




 

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