Wohlfahrtsverbände

Die Arbeiterwohlfahrt, der Caritasverband, das Diakonische Werk, der Paritätische Wohlfahrtsverband, das Rote Kreuz und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden werden als "Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege" bezeichnet. Als wesentliche Eigenschaft dieser Kategorie von → Interessengruppen gilt, dass sich ihre Tätigkeit auf das ganze Bundesgebiet sowie auf das gesamte Gebiet der Dienstleistungen der Wohlfahrtspflege erstreckt. Dabei müssen sie soziale Hilfen selber leisten und nicht nur fordern und fördern. Die verbandlichen Aufgaben und Zielvorstellungen, der institutionell ausdifferenzierte sozialstaatliche Handlungskontext sowie die aktuellen sozialpolitischen Reformmaßnahmen, aber auch die deutsche Einheit und die europäische Integration wirken auf die Struktur der Wohlfahrtsverbände (Wv) ein und machen diese zu äußerst komplexen Organisationen, was sich in ihren heterogenen, teils widersprüchlichen Binnenstrukturen, Verhaltensmustern und Bestandsproblemen niederschlägt (Rauschenbach u. a. 1995; Schmid/Mansour 2007).

Die starke Stellung und das große politische Gewicht der Wv. basieren auf spezifischen historischen Entwicklungen und Gesellschaftsstrukturen, v. a. dem Konflikt zwischen Staat und → Kirche im 19. Jh. und später starken christdemokratischen → Parteien. Dies ist für den deutschen → Sozialstaat charakteristisch und in Europa allenfalls noch in den Niederlanden anzutreffen (Schmid 1996). Zusammen beschäftigen sie beispielsweise 1,5 Mio. hauptamtliche MitarbeiterInnen, haben schätzungsweise ca. 2,5-3 Mio. ehrenamtliche Helfer und betreiben über 100.000 Einrichtungen in unterschiedlichen Rechtsformen mit mehr als 3,7 Mio. Betten bzw. Plätzen im Sozial- und Gesundheitswesen. Bezogen auf die einzelnen großen Verbände bedeutet dies, dass die Caritas mehr als 500.000 Personen, das Diakonische Werk etwa 450.000 Personen sowie der Paritätische 160.000 Personen und die AWO 150.000 Personen beschäftigen. Somit sind Wv. Träger von rund einem Drittel aller sozialen Dienstleistungseinrichtungen; sie entfalten ihre Aktivitäten im Bereich der Fürsorge, der ambulanten und teilstationären Einrichtungen, dem Gesundheitswesen sowie der Auslandshilfe. Allerdings weisen dabei die einzelnen Verbände unterschiedliche Schwerpunkte auf, wie beispielsweise das Rote Kreuz im Rettungswesen. Auch die konkrete Substanz und das Ausmaß an Wertbindung der Hilfeleistungen, v. a. der kirchlichen Verbände, verändern sich entlang organisatorischer, regionaler und handlungsfeldspezifischer Linien (Bundesarbeitsgemeinschaft 2010; Boeßenecker 2005; Schmid/Mansour 2007).

Bei den Wv.n sticht damit als erstes wesentliches Merkmal die dominante Funktion als sog. Freie Träger sozialer Einrichtungen und Dienste hervor, weshalb sie auch als Sozialleistungsverbände (U. v. Alemann) klassifiziert werden können. Zweitens nehmen Wv. eine zweideutige Rolle wahr, indem sie einerseits nach ihrem Selbstverständnis, ihrer historischen Entwicklung und dem rechtlichen Status private Institutionen darstellen, andererseits nehmen sie aber umfangreiche öffentliche Aufgaben wahr, sind hochgradig staatlich alimentiert und eng in das Sozial- und Gesundheitswesen eingebunden. Ihre Finanzierung erfolgt nach eigenen Angaben etwa zu je einem Drittel aus staatlichen Zuwendungen, aus Erstattungen der Sozialleistungsträger sowie aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Für die kirchlichen Verbände (Caritas und Diakonisches Werk) existieren darüber hinaus besondere arbeitsrechtliche Bedingungen. Drittens zeigt sich hier ein sehr hohes Maß an Kooperation, das die Beziehungen der Wv. untereinander und zum Staat prägt. Als zentrale politische Koordinierungsstellen fungieren dabei die Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege und der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge; ferner existiert ein breites interorganisatorisches Netz an Fachverbänden sowie föderative Organisationsstrukturen. Auf kommunaler Ebene sind die Wv. in den Jugendwohlfahrtssauschuss inkorporiert.

Diese fest verwurzelte Wahlverwandtschaft zwischen Staat und Wv.n ist zugleich für die Verbands- und Wohlfahrtsstaatsforschung relevant. Die Vielfalt des Angebots und die gesellschaftliche Verankerung der Freien Träger ist indes weniger im Rahmen des Pluralismuskonzepts, sondern nach dem Subsidiaritätsprinzip analysiert und legitimiert worden. Die zunehmende Einbindung der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege in die staatliche Sozialpolitikproduktion ist ferner als → Neokorporatismus interpretiert worden (Schmid/Mansour 2007). Dieser Sachverhalt bildet zugleich ein zentrales Element des christdemokratischen Typus des Sozialstaates, der sich gerade durch die Arbeitsteilung mit Wv.n bzw. durch den geringen Umfang staatlicher Sozialdienste von anderen westeuropäischen Modellen abhebt (Schmid 1996). Nach einem anderen einflussreichen Theorem üben die Verbände eine Mediatisierungs-, Puffer- und Filterfunktion aus und schotten den Staatsapparat gegen Ansprüche und Militanz von unten ab (Bauer 1978). In einer neutraleren Perspektive werden sie auch als Dritte-Sektor-Organisationen – d. h. als weder dem Markt noch dem Staat zurechenbar – bezeichnet.

Bei den Wv.n zeichnen sich seit einigen Jahren erhebliche Veränderungen ab, die als Wandel von der Wertegemeinschaft zur Dienstleistungsorganisation bzw. als Entstaatlichung und Ökonomisierung beschrieben worden sind. Ursache sind stärkere Wettbewerbsorientierungen zur Leistungssteigerung des Sozialstaats und der sozialen Dienste, das europäische Wettbewerbsrecht und soziokulturelle Wandlungsprozesse in den wichtigen Milieus. Ob die Wv. weiterhin ihre bemerkenswerte Organisationsgröße und sozialpolitische Schlüsselposition wahren können, ob sie sich erfolgreich modernisieren und dadurch eher Hybridformen annehmen, oder ob sie durch private Anbieter starke Konkurrenz erhalten und an Bedeutung verlieren, ist derzeit noch offen. Die Tendenzen der Modernisierung und Ökonomisierung werden jedoch zunehmend auf diesem Gebiet wirksam, wobei Einflüsse der Europäischen Union verstärkend zum Tragen kommen (Rauschenbach u. a. 1995; Gabriel 2001; Schmid/ Mansour 2007; Moos/Klug 2009). Darüber hinaus verschieben sich im Diskurs um "bürgerschaftliches Engagement die Gewichte von der Organisation zum Individuum, was ebenfalls Rückwirkungen auf die Wv. haben wird. Insofern ist das Feld weiterhin durch eine hohe Heterogenität und Komplexität gekennzeichnet.

Literatur



Bauer, Rudolph 1978: Wohlfahrtsverbände in der Bundesrepublik. Materialien und Analysen zu Organisation, Programmatik und Praxis. Ein Handbuch. Weinheim/Basel.

Boeßenecker, Karl-Heinz 2005: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in der BRD. Weinheim/München.

Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (www.bagfw.de): Jahresbericht (div. Ausgaben).

Gabriel, Karl (Hrsg.) 2001: Herausforderungen kirchlicher Wohlfahrtsverbände. Perspektiven im Spannungsfeld von Wertbindung, Ökonomie und Politik. Berlin.

Moos, Gabriele/Klug, Wolfgang 2009: Basiswissen Wohlfahrtsverbände. Stuttgart.

Rauschenbach, Thomas/Sache, Christoph/Olk, Thomas (Hrsg.) 1995: Von der Wertegemeinschaft zum Dienstleistungsunternehmen. Jugend- und Wohlfahrtsverbände im Umbruch. Frankfurt a. M. Schmid, Josef 1996: Wohlfahrtsverbände in modernen Wohlfahrtsstaaten. Soziale Dienste in historisch-vergleichender Perspektive. Opladen.

Schmid, Josef/Mansour, Julia 2007: Wohlfahrtsverbände: Interesse und Dienstleistung, in: Winter, Thomas v. (Hrsg.): Verbände in Deutschland. Wiesbaden.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Josef Schmid




 

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