Arabische Literatur

Bereits im 5. Jh. trat die arab. Sprache als voll ausgebildete Literatursprache in Erscheinung. Die eng mit der beduin. Lebenswelt verbundene vorislam. Dichtung erhielt aufgrund ihrer Funktion als kollektives Gedächtnis der Araber und wertvolle Referenz in Fragen der Koranauslegung schon in der Frühzeit des Islams eine normierende Funktion und begründete so poet. Konventionen, an die selbst heutige Dichter zuweilen noch anknüpfen. Dazu gehört v. a. Formales. Die Gedichte behalten Metrum und Reim des ersten Verses über ihre ganze Länge – zuweilen mehr als 100 Verse – bei (man spricht von „Monometrik“ bzw. „Monoreim“). Syntakt. und wichtigste gedankliche Einheit ist der Einzelvers („Molekularität“). Im allgemeinen galten deshalb der Literaturkritik nicht ganze Gedichte, sondern jeweils nur einzelne „schöne“ Verse als besonders gelungen. Auch ist aus diesem Grunde die Position des Einzelverses innerhalb der Versabfolge eines Gedichts, im Gegensatz zur Position des Wortes im Vers, recht variabel. Nicht selten sind Gedichte deshalb in mehreren Varianten überliefert. In vielen Fällen haben sich von einem einstigen Gedicht sogar nur einzelne Verse oder Versgruppen erhalten, weil die Tradenten nur diese für überlieferungswürdig befanden. Trotz der weitreichenden Selbständigkeit des Einzelverses haben sich aber auch – wenngleich zuweilen recht lose – Gattungsnormen für Aufbau und Inhalt des Gedichtganzen herausgebildet. Ein derart bestimmtes sehr verbreitetes Genre ist die schon aus vorislam. Zeit stammende Kaside (arab. qasîda). Der Typisierung des Gelehrten Ibn Qutaiba (gest. 889) zufolge besteht dieses polythemat. Langgedicht aus drei Teilen: 1. Liebeserinnerung mit Klage über den Verlust der Geliebten (Einleitung); 2. Aufbruch mit anschließender Reisebeschreibung, früher oft ein Wüstenritt; 3. der Hauptteil, in dem der Dichter einen Herrscher, Stamm oder sich selbst rühmt oder Gegner schmäht. Die im Laufe der Zeit klassisch gewordenen inhaltlichen und formalen Gattungskonventionen wurden freilich immer wieder neu gedeutet und das Genre so dem sich wandelnden Geschmack und veränderten Bedürfnissen angepaßt. So kommt es, daß die Kaside auch heute noch von Dichtern und Hörern weithin sehr geschätzt wird. Ähnliches gilt für kürzere Gedichtformen wie etwa das Weingedicht oder das Ghasel (arab. ghazal, „Liebesgedicht“). – War der vorislam. Beduinendichter v. a. Dichter seines Stammes und der Wüste (erkennbar z. B. in den unter dem Namen Muallaqât vereinten Kasiden des Imru’ l-Qais, Zuhair, Labîd u. a., sowie in zahlreichen Gedichten der ³amâsa-Sammlung), so hat die Poesie der Folgezeit vielfach einen urbanen und höfischen Hintergrund (z. B. al-Mutanabbî, 915–965). Auch für die Mystik wurde sie sehr bedeutend (z. B. Ibn al-Fârid, gest. 1235; Ibn al-Arabî, 1165–1240), hier jedoch meist mit kürzeren Gattungen. Eine starke Rhetorisierung erfuhr die Poesie durch die muhdath- (arab. „modernen“) Dichter des 8./9. Jh. (Bashshâr ibn Burd, 714–783; Abû Nuwâs, gest. 814/15; Abû Tammâm, gest. 845; Ibn al-Mutazz, 861–908). Charakterist. für deren badî- (arab. „innovativen“) Stil, ein Produkt der Verlagerung der ehemals beduin. Dichtung in die urbanen Zentren und an die neuen Herrscherhöfe, ist die Verwendung von vielfältigen, z. T. hochelaborierten Wort- und Sinnfiguren, von Zitat und Parodie. Sie bereiten die konzeptuelle Komplexität und Dichte eines später beliebten Concetto-Stils vor. – Bis zum 19. Jh. galt das Dichten, wie die Wissenschaften u. a. Künste, als erlern- und lehrbare, weil bestimmten Regeln unterworfene Fertigkeit. Davon zeugen zahlreiche Prosodie- und Rhetorik-Handbücher, deren bekanntestes von al-Jurjânî (gest. um 1080) stammt. Es kam nicht so sehr darauf an, etwas wirklich Neues zu schaffen, als vielmehr darauf, unter virtuoser und geistreicher Ausnutzung der kanonisierten Möglichkeiten Bekanntes überraschend neu erscheinen zu lassen. – Der Prosa wurde eine an die Poesie heranreichende Literarizität bis zum 19. Jh. – vom Koran einmal abgesehen – allenfalls in stark rhetorisierten Formen wie dem hohen Kanzleistil der Hofsekretäre (arab. inshâ’) oder der artifiziellen Reimprosa der Makame (arab. maqâma), einer Art anekdot. Picaro-Erzählung (al-Hamadhânî, 968–1008; al-³arîrî, 1054–1122) zugebilligt. Ansonsten genoß sie nur dann Wertschätzung, wenn sie dem Ideal geistreich-witzigen Zerstreuens, erbaulich-nützlichen Unterhaltens oder kultivierten Bildens und Lehrens genügte. Davon zeugt das sehr umfangreiche Schrifttum der „feinen Bildung“ (arab. adab). Ein früher Vertreter war al-Jâhis (ca. 776–868/69), z. B. mit seinem Buch „Die Geizhälse“. In späterer Zeit nimmt das adab-Schrifttum immer mehr enzyklopäd. Charakter an, so im Kitâb al-Aghânî („Buch der Lieder“) von Abû l-Faraj al-Isfahânî (897–967) oder im “auq al-hamâma („Halsband der Taube“) von Ibn ³azm (994–1064). – Die seit alters mündlich tradierten Heldenepen, Darbietungen professioneller Geschichtenerzähler und Mimen oder auch das Schattenspiel waren als Literatur des „niederen Volkes“ aus dem Kanon der „hohen“ Literatur der gebildeten Elite ausgeschlossen. – Mit vielen jahrhundertealten dichter. Traditionen brach die a. L. erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Dafür wurde besonders die von einem erstarkenden Bildungsbürgertum getragene Abkehr vom manierist. Ideal sprachlicher Gesuchtheit sowie die Auffassung vom Gedicht als einem natürlichen, lebendigen Organismus ausschlaggebend. Mit der Entwicklung hin zu mehr „Natürlichkeit“ und mehr subjektivem Empfinden ging auch eine Aufwertung der einfacheren Prosa einher. Seither hat sich die a. L. zahlreiche neue Formen angeeignet, in der Dichtung besonders den Freien Vers (Badr Shâkir as-Sayyâb, 1926–1964; Nâzik al-Malâ’ika, geb. 1923; Abd al-Wahhâb al-Bayyâtî, geb. 1926), in der Prosa die Kurzgeschichte und den Roman. Auch das Drama/ Theater konnte sich etablieren. Sozialhistor. läßt sich die Entwicklung der modernen a. L. als Geschichte einer durch die technischen Möglichkeiten des Buchdrucks, die Entwicklungen im Verlagswesen und die Verbesserung der Bildungssituation bedingten Verbreiterung der Leserschichten verstehen. Ästhet.-stilist. ist es v. a. in der Prosa und Dramatik die Geschichte einer Angleichung an dominante globale Modelle. Anders als in der Poesie knüpfte man hier kaum an eigene epische und dramat. Traditionen an, da diese zur „niederen“ Literatur gerechnet wurden. – Für die Entwicklung der Prosa und des Theaters lassen sich seit Ende des 19. Jh. grob folgende Strömungen beobachten: Eine belehrend-moralisierende Literatur, die dem Gemeinwohl Nutzen bringen sollte, wurde v. a. im 19. Jh., aber auch noch bis zum Ersten Weltkrieg verfaßt. Hauptvertreter sind Jurjî Zaydân (1861–1914) und Salîm al-Bustânî (1848–1884). Für eine empfindsam-romantizist. Richtung (ca. 1900–1925) stehen Jubrân Khalîl Jubrân (1883–1931) und Mustafâ Lutfî al-Manfalûtî (1867–1924). Patriot.-sozialreformer. (1910–1930) waren die sog. „Neue Schule“ in Ägypten, darunter Muhammad Taymûr (1891/92–1921) und sein Bruder Mahmûd (1894–1973), sowie in deren Folge Autoren wie “âhâ ³usayn (1889–1973) und Tawfîq al-³akîm (1898/1902–1987). Seit den 1930ern entstand eine gesellschaftsanalyt.-chronist. Literatur (Najîb Mahfûs; Yûsuf Idrîs, 1927–1991; Tawfîq Yûsuf Awwâd, 1911–1989). In den 1960er Jahren und besonders nach 1967 (Juni-Krieg, Niederlage des Nasserismus) begannen viele Autoren, sehr ideologie- und selbstkritisch zu schreiben (Laylâ Baalbakkî, geb. 1934; at-“ayyib »âlih, geb. 1929; »unallâh Ibrâhîm, geb. 1937). Gleichzeitig entstand eine „Neue Sensitivität“ (E. al-Kharrât), der es um eine Neubegründung der Ästhetik und des Verhältnisses von Literatur zu Wahrheit und Wirklichkeit ging und die deshalb oft stark experimentelle Züge trug. Seither deckt die arab. Prosa das gesamte Spektrum postmodernen Schreibens ab, häufig auch mit spieler. Rückgriffen auf das alte Erbe, einschließlich der einst nicht zur „hohen“ Literatur gerechneten volkstümlichen Heldenepen und "Tausendundeine Nacht"(Yahyâ at-“âhir Ab-dallâh, 1938–1981; Jamâl al-Ghîtânî, geb. 1945; Emîl ³abîbî, 1921–1996; Zakariyyâ Tâmir, geb. 1931). – Die Poesie durchlief ähnliche Phasen. Ende des 19. Jh. entstand ein „Neoklassizismus“ (Ahmad Shawqî, 1868–1932), die 1920/30er Jahre waren von der „Romantik“ gekennzeichnet (Jubrân, die „Dîwân“-Schule, die „Apollo“-Gruppe), während sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine „sozialrealist.“ littérature engagée entwickelte. Seit den 1960er Jahren ist wie in der Prosa eine Loslösung vom Realismus festzustellen. Insgesamt bietet die Poesie heute ein vielfältiges Bild: Panegyr. Kasiden im „klassischen“ Stil auf die Herrscher autokrat. Staaten stehen neben patriot. und sozial oder polit. engagierten kürzeren, häufig auch vertonten Strophengedichten (Amal Dunqul, 1940–1982; Mahmûd Darwîsh, geb. 1942) sowie, auf der anderen Seite des Spektrums, den zuweilen „hermet.“ wirkenden Schöpfungen der Vertreter eines poet. Ästhetizismus (Adonis, geb. 1930). Liebeslyrik in volksnaher einfacher Sprache (Nizâr Qabbânî, 1923–1999) steht neben Philosophischem und Mystischem, hochsprachliche neben Dialekt-Dichtung. – Jenseits des etablierten säkularen Literaturbetriebes propagieren seit den 1980er Jahren einige religiöse Gruppen eine von „islam. Werten“ bestimmte Literaturproduktion und -kritik. – Kontrovers diskutiert wird die Frage, ob die von Arabern verfaßte, selbst aber nicht arabophone Literatur, insbesondere die französischsprachige Literatur des Maghreb (Kateb Yacine, 1929–1989; Mohammed Dib, geb. 1920; Albert Memmi, geb. 1920; Tahar Ben Jelloun, geb. 1929; Assia Djebar, geb. 1936) zur a. L. gezählt werden soll. In jedem Falle geht heute von maghrebin. sowie von im außerarab. Exil, v. a. in London, Paris, USA, lebenden Autoren eine große innovative und belebende Wirkung aus. – Sehr viele Werke sowohl der klassischen als auch der modernen a. L. liegen inzwischen in guter deutscher Übersetzung vor.

Literatur:
Gätje, H. (Hg.): Grundriß der arabischen Philologie, Bd. 2: Literaturwissenschaft, 1987. – Heinrichs, W. u. a. (Hg.): Orientalisches Mittelalter, 1990. – Irwin, R. (Hg.): Night and Horses and the Desert. An Anthology of Classical Arabic Literature, 2000. – Keil, R. (Hg.): Hanîne. Prosa aus dem Maghreb, 1989. – The Cambridge History of Arabic Literature, Bde. 1–3 (1983, 1990, 1992). – Walther, W.: Kleine Geschichte der arabischen Literatur. Von der vorislamischen Zeit bis zur Gegenwart, 2002. – Weidner, S. (Hg./Übers.): Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung, 2000.

Autor/Autorinnen:
Stephan Guth, PD Dr., Universität Bern, Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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