Dynastien

Herrscherfamilien. In der islam Welt wurde Herrschaft jahrhundertelang v. a. als dynast. Herrschaft organisiert. Die ersten vier Nachfolger des Propheten Muḥammad als Herrscher der islam. Gemeinschaft (umma), die sog. «Rechtgeleiteten Kalifen», wurden zwar durch Wahlen bestimmt, aber schon während der Regierung des vierten Kalifen ʿAlī (656 – 661) gewann das dynast. Prinzip die Vorherrschaft. Eine Fraktion der Muslime, die Schiiten, vertrat die Auffassung, dass nur die Nachkommen des Propheten aus der Ehe seiner Tochter Fāṭima mit ʿAlī Kalif sein können. Die Mehrheit der Muslime, die später als Sunniten bezeichnet wurden, erklärte die Abstammung von den Quraish, dem in Mekka zur Zeit des Propheten dominierenden Stamm, dem auch Muḥammad selber angehörte, zu einer Bedingung für die Übernahme des Kalifats. Diejenigen Muslime, die weiterhin an dem Prinzip der Kalifenwahl festhalten wollten und der Abstammung keine Bedeutung beimaßen, blieben in der Minderheit (Ibāḍiten). Die sunnit. D. der Umayyaden aus dem Hause des dritten Kalifen ʿUthmān (gest. 656) führte die islam. Gemeinschaft von 661 bis 750 von Damaskus aus und konnte noch bis zum Beginn des 11. Jh. ein auf Spanien sowie zeitweise Teile des Maghreb begrenztes Kalifat behaupten. Im Maschrek u. a. Regionen der östlichen islam. Welt regierten zwischen 750 und 1258 die ʿAbbasiden ein weiteres sunnit. Kalifat mit Zentrum in Bagdad, bis ihre Herrschaft infolge des Angriffs der Mongolen unter dem Enkel Dschingis Khans Hülagü (gest. 1265) erlosch. In Konkurrenz zu den ʿAbbasiden etablierte sich in Ägypten die ismāʿīlit. D. der Fatimiden (969 – 1171). Eine Anzahl von Sultanaten (Sultan) entstand ebenfalls schon während der ʿAbbasidenzeit. Sie waren theoret. den Kalifen unterstellt, de facto aber weitgehend unabhängig, ja konnten teilweise den Kalifen unter ihre Kontrolle bringen. Als wichtige Herrscherhäuser sind die Seldschuken, die von 1055 – 1157 in Bagdad regierten, sowie der Zweig der Rūm (bedeutet hier Anatolien) – Seldschuken (1077 – 1307) mit ihrem Zentrum in Konya zu nennen; weiter die Ayyubiden-­Sultane (1171 – 1250), unter ihnen der berühmte Saladin, in Ägypten und Syrien. Im Maghreb und Spanien dominierten die D. der Almorawiden (arab. al-­murābiṭūn, «die in einem Wehrlager leben», «Glaubenskämpfer») im 11. und 12. Jh. und die der Almohaden (arab. al-­muwaḥḥidūn, «die Bekenner der Einheit Gottes») von 1130 – 1269, welche beide aus religiösen Reformbewegungen hervorgingen. Eines der bedeutendsten ­islam. Reiche nach dem Ende des Kalifats entstand unter den Mamluken (1250 – 1517) in Ägypten, Syrien und der Arab. Halbinsel. Dabei handelte es sich um eine Herrschaft ehemaliger Militärsklaven (arab. mamlūk), in deren Rahmen die Vererbung des Sultans­amtes ausgeschlossen war – eine der seltenen Ausnahmen von der ansonsten dominierenden dynast. Herrschaftsform. Nachkommen des Mongolen Hülagü bildeten im 13. und 14. Jh. die D. der Ilkhaniden in Persien und Mesopotamien, die 1295 den Islam annahm. Die Timuriden aus dem Hause des mongol. Khans Tīmūr Lenk ­(Tamerlan, 1336 – 1405) herrschten im iran.-indischen Raum. Der Timuride Bābur (1483 – 1530) begründete das Reich der Moguln auf dem Indischen Subkontinent (1526 – 1857). Im 16. Jh. entwickelten sich weitere große islam. Reiche: in Iran das der schiit. Safawiden (1502 – 1722), in Marokko das der Saʿditen (1509 – 1659). Die Os­manen, Nachkommen des turkmen. Stammesführers Osman (gest. 1324), gewannen seit dem Ende des 13. Jh. zunehmenden Einfluss zunächst in Anatolien, dann auf dem Balkan und konnten Anfang des 16. Jh. ihre Herrschaft auf die arab. Länder mit Ausnahme ­Marokkos ausdehnen. Die osman. Herrschaft endete mit der Gründung der Republik Türkei nach dem Ersten Weltkrieg, trotz großer Anstrengungen, das Reich zu modernisieren und auf diese Weise den europäischen Mächten ebenbürtig zu machen. In Iran verfolgten die Qājāren (1794 – 1925) eine ähnliche Politik. Die aus den ­Qājāren hervorgegangene Pahlawi-­D. wurde 1979 durch die Re­volution unter Führung Khomeinis gestürzt. Gegenwärtig bestehen noch einige D. in der islam. Welt, darunter in Marokko die ʿAlawiden (König Muḥammad VI.) und in Jordanien die Hashimiten (König ʿAbd Allāh), die ihren Anspruch teilweise auf ihr Scharifentum gründen, allerdings keine Schiiten sind. Ansätze dynast. Herrschaft sind darin gesehen worden, dass einige Präsidenten arab. Länder ihre Söhne als Nachfolger aufbauten (z. B. Ṣaddām Ḥusain im Irak) bzw. dass tatsächlich ein Präsidentensohn an die Macht gelangte (Bashshār al-­Asad nach seinem Vater Ḥāfiẓ).

Literatur:
Endreß, G.: Der Islam. Eine Einführung in seine Geschichte, 1997. – Krämer, G.: Geschichte des Islam, 2005.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Ralf Elger, Universität Halle, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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