Kolonialismus

K., eine „Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden“ (J. Osterhammel). Das Formenspektrum des K. reicht von der Zerstörung des vorkolonialen Herrschaftssystems und Übernahme der Verwaltungs- und Machtstrukturen durch die Kolonialisten über den Aufbau einer indirekten Kontrolle der Kolonie zur Sicherung eigener Wirtschaftsinteressen bis hin zur Ausübung eines repressiven Druckes durch die Kolonialmacht. Für die Zeit seit dem Ende des 19. Jh. wird der K. als Imperialismus bezeichnet, wobei hierunter alle polit. Anstrengungen subsumiert werden können, die ein Staat zur Schaffung und Erhaltung eines Imperiums unternimmt. In der islam. Welt begann die Kolonialzeit im 16. Jh., als Portugal einzelne Niederlassungen im Indischen Ozean gründete. Anfang des 17. Jh. erwarben die Niederlande Teile Südostasiens, während Frankreich in die Region des Senegal einfiel. 1760 begann die britische Durchdringung der nordind. Region Bengalen. Im östlichen Mittelmeerraum verursachte Napoleons Einmarsch in Ägypten (1798) zwar für die muslim. Gebiete gewisse Erschütterungen, führte jedoch nicht zu einer dauerhaften Okkupation des Landes. Im Jahre 1830 besetzten die Franzosen Algier, während die Briten gleichzeitig eine polit. Vormachtstellung in Nordindien einnehmen konnten. Zwischen 1830 und 1880 mußte Ägypten seine Wirtschaft für europäische Interessen öffnen und verlor großenteils seine staatliche Souveränität. Gleichzeitig wurden in Asien und Afrika die kolonialen Grenzen festgelegt, die lange Zeit Bestand haben sollten. Das russische Zarenreich drang in den Kaukasus und nach Zentralasien vor, Frankreich eroberte Westafrika und den westlichen Maghreb (1881 Tunesien, 1912 Marokko), und 1882 besetzten die Briten Ägypten. Hier – wie auch in Marokko und Algerien – fanden die neuen Kolonialherren protonationalist. Strukturen vor, welche dazu beitrugen, daß die Bewohner dieser Gebiete die Kolonialherrschaft mehr als anderswo als unrechtmäßig ansahen. Ein neuer Kolonisierungsschub setzte nach dem Ersten Weltkrieg mit der Aufteilung des Osman. Reiches ein. Syrien und der Libanon kamen unter französ., Palästina, Transjordanien und der Irak unter britische Verwaltung. Seine größte Ausdehnung in der Geschichte hatte der K. in den 1920er Jahren. Die Kolonialmächte schienen sich auf Dauer in ihren Kolonien einrichten zu wollen. Die Verwaltung wurde nach „wissenschaftlichen“ Kriterien geordnet und vereinheitlicht, die Infrastruktur in den Regionen stark verbessert und eine koloniale Exportwirtschaft aufgebaut, welche den Kolonien den Status von Rohstofflieferanten für die entwickelten Industrien Europas aufzwang. Obgleich diese Bemühungen auch nach dem Zweiten Weltkrieg fortgesetzt und z. T. sogar verstärkt wurden, begann die Zeit der „Dekolonisierung“ der nunmehr sog. Dritten Welt. Die Völkerbundmandate im Nahen Osten wurden aufgehoben und die meisten Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen: 1945 Indonesien; 1946 Syrien-Libanon; 1947 Indien; 1948 Israel; 1952 Libyen; 1956 Tunesien und Marokko; 1957 die „Malaiische Föderation“; 1962 Algerien. Der K. und die damit seit dem ausgehenden 19. Jh. verbundene Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit hat in den einheim. Kulturen deutliche Spuren hinterlassen. Der Kontakt mit der expansiven westlichen Zivilisation führte zu einer Bewußtseinsveränderung. Es ist zwar kaum einmal zum völligen Umsturz präkolonialer Weltsichten und Lebensführungen gekommen, doch läßt sich eine Infragestellung kultureller Selbstverständlichkeiten feststellen. Die Verarbeitung der Konfrontation mit dem europäischen Denken hat zu grundlegenden mentalen Veränderungen des Individuums wie der Gesellschaften geführt, ohne daß sich allerdings westliche Denkweisen ungebrochen hätten durchsetzen können.

Literatur:
Kiernan, V. G.: European Empires from Conquest to Collapse, 1815–1960, 1982. – Dirks, N. B. (Hg.): Colonialism and Culture, 1992. – Osterhammel, J.: Kolonialismus, 1995.

Autor/Autorinnen:
Stephan Conermann, Prof. Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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