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Koranexegese

(arab. tafsīr, «Erklärung», oder taʾwīl, «Ausdeutung»). Im Unterschied zur Bibelexegese im Christentum konzentriert sich die K. mehr auf den «äußeren Sinn» (Literalsinn) und weniger auf den inneren Sinn (allegor. Exegese). Sie diente von Anfang an der Erklärung einzelner Wörter und Sätze: Es ist oft nicht die Frage, welche Bedeutung eine koran. Aussage hat oder haben könnte, sondern zunächst, welche Aussage überhaupt vorliegt. In den ersten Jahrhunderten herrschte die glossierende Exegese vor, die nur kurze Erklärungen gibt, wobei Synonyme genannt oder Passagen paraphrasiert wurden. Daneben entstanden Lexika, die sich mit dem schwierigen Vokabular des Korans beschäftigen. Die Interpretation des Literalsinns ist bis heute zentral, obwohl dogmat. Verengung und nachlassende sprachliche Kompetenz oft dazu führen, dass weniger genau und unbefangen mit dem Text umgegangen wird. Die übliche Form der K. ist der fortlaufende Kommentar: Ein oder mehrere Verse werden im Wortlaut zitiert, anschließend folgen die Erläuterungen; bis in die Moderne gab es keine Schriften, die den Koran nach themat. Gesichtspunkten kommentierten. Selbst die exeget. Techniken waren lange Zeit unsys­tematisiert, und erst seit dem 14. Jh. wurden Handbücher der K. verfasst, etwa al-­Itqān fī ʿulūm al-­qurʾān («Die Vollendung der Koranwissenschaften») von al-­Suyūṭī (gest. 1505), das bis heute als Standardwerk gilt. Viele Sparten der K. dienen spezifischen Bedürfnissen, zumal das Material von einzelnen Gelehrten kaum zu überschauen ist. So kommentierten manche nur diejenigen Verse, die im Recht von Bedeutung waren. Daneben gibt es mystische Korankommentare, die dem Literalsinn wenig Beachtung schenken und sich der Aufdeckung des inneren Sinns (arab. bāṭin) widmen. Zwischen sunnit. und schiit. K. bestehen Unterschiede auf der inhaltlichen Ebene: Das Augenmerk der Schiiten liegt dabei auf der Person ʿAlīs und dem schiit. Imamat. Außerdem wurden die «Gründe der Offenbarung» (arab. asbāb an-­nuzūl) gesammelt, d. h. Überlieferungen, die von den Ereignissen berichten, die zur Offenbarung von Koranversen geführt hatten. Diese Überlieferungen geben Hinweise darauf, was in einem Vers konkret gemeint ist; die meisten von ihnen sind Teil der Sunna und der Prophetenbiographie. Das erklärt auch die Abneigung der Muslime, die Quellen über das Leben Muḥammads kritisch zu untersuchen, denn die Preisgabe der Prophetenbiographie hätte indirekt zur Folge, dass der koran. Wortlaut an vielen Stellen unklar bliebe. Die K. der letzten beiden Jahrhunderte ist v. a. eine Abkehr von traditionellen Sichtweisen. Die geistige Auseinandersetzung mit dem Westen, etwa im Korankommentar von Muḥammad ʿAbduh, brachte eine Konzentration auf diejenigen Punkte, die der Apologetik dienen oder Probleme des technischen Fortschritts behandeln. Dies gilt auch für die neueren Versuche, den Koran auf den Grundlagen westlicher Wissenschaft zu interpretieren; die Anwendung moderner literaturwissenschaftlicher Methoden, etwa durch N. H. Abū Zaid und M. Arkoun, hatten dagegen kaum Einfluss und stießen mehrheitlich auf Ablehnung. Den größten Bruch mit der Tradition bildet die moderne Abkehr vom Prinzip der Meinungsvielfalt (arab. ikhtilāf). Besonders fundamentalist. Gruppierungen sehen die K. als Mittel, um doktrinäre Meinungen oder polit. Ideologien zu vermitteln, wobei sie sich auf den bekannten Kommentar von Sayyid Quṭb berufen können. Der undogmat. Charakter der vormodernen K. macht aber ihre Bedeutung und ihren Reiz aus; die Anerkennung verschiedener Deutungen steht dabei im Zentrum dessen, was zu Recht als «Humanismus» bezeichnet worden ist (Toleranz). Trotz ihrer Bedeutung und Reichhaltigkeit ist die K. noch weitgehend unerforscht, obwohl besonders die kürzlich publizierten Kommentare des 8. Jh. auch ein neues Licht auf die Frühzeit des Islams werfen. Ein deutscher Korankommentar, der für den interkonfessionellen Dialog konzipiert ist, wurde von A. Th. Khoury erstellt. Es handelt sich dabei um das umfassendste Werk zum Koran in deutscher Sprache.

Literatur:
: Baljon, J. M. S.: Modern Muslim Koran Interpretation, 1961. – Gätje, H.: Koran und Koranexegese, 1971. – Gilliot, C.: Exégèse, langue, et théologie en ­Islam, 1990. – Goldziher, I.: Die Richtungen der islamischen Koranauslegung, 1920 (mehrfach nachgedruckt). – Körner, F.: Alter Text – neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute, 2006. – Krawulsky, D.: Eine Einführung in die Koranwissenschaften, 2006. – Wild, S.: Mensch, Prophet und Gott im Koran: Muslimische Exegeten des 20. Jahrhunderts und das Menschenbild der Moderne, 2001. – Eith, K.: Koranexegese bei Yaşar Nuri Öztürk. Ein traditionskritischer Entwurf des Islams in der Türkei, 2013.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Marco Schöller, Universität Münster, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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