Nation of Islam

auch Black Muslims genannt. Der Prozeß der Industrialisierung und Urbanisierung führte zu Beginn des 20. Jh. zu einer Binnenmigration schwarzer Landarbeiter aus dem Süden der USA in die industriellen Zentren des Nordens (Chicago, Detroit, New York). Kulturelle Entwurzelung, soziale Deklassierung, Konkurrenz zu den europäischen Emigranten und virulenter Rassismus der weißen Bevölkerung förderten die Herausbildung einer eigenen schwarzen Identität, die sich zunächst durch die gemeinsame Erfahrung der Sklaverei und die gemeinsame afrikan. Herkunft konstituierte. Anfang des 20. Jh. formten sich erste islam. Organisationen unter der schwarzen Bevölkerung, wobei „Islam“ zunächst als eine Chiffre für kulturelle Abgrenzung zur christlichen weißen Bevölkerung stand. Ihren Ursprung hatte die Bewegung der Black Muslims im Ghetto von Detroit, wo seit 1930 der selbsternannte Minister (Prediger) Wallace Fard unter der schwarzen Bevölkerung missionar. wirkte. Fards Lehre bestand aus dem Verbot bestimmter Nahrungsmittel, v. a. sah er es als seine Aufgabe, den Schwarzen ihre vermeintlich authent. islam. Identität wiederzugeben. Allerdings beschränkte sich der islam. Charakter seiner Lehre auf bestimmte Termini und enthielt keineswegs konkrete Inhalte. Fard verschwand unter ungeklärten Umständen 1932, worauf sein engster Vertrauter, Elijah Muhammad, die Führung der Bewegung übernahm. Unter ihm erfolgte die Systematisierung der Lehre, die er in dem Pamphlet Message to the Blackman in America zusammenfaßte. So konstruierte er eine bizarre Kosmogonie und Mythologie, die zwar islam. Elemente und Begriffe enthält, in wesentlichen Teilen jedoch auf ein biblisches Repertoire zurückgreift, das unter den chiliast.-apokalypt. baptist. Sekten im Süden weit verbreitet war. Die N. I. vertrat zunächst einen konsequenten Separatismus von der weißen Bevölkerung und verwarf den Mythos des American way of life. Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Organisation ein von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtetes Phänomen. Dies änderte sich schlagartig, als Malcolm X zu einem der engsten Vertrauten Elijah Muhammads aufstieg und als charismat. Prediger der Organisation eine kontroverse, aber wirkungsvolle Stimme gab. Zwischen 1959 und 1963 avancierte die N. I. zu einem aggressiven Gegenpol zur universalist. ausgerichteten schwarzen Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King, die eine gleichberechtigte Integration der Schwarzen in die amerikan. Gesellschaft forderte. Elijah Muhammad und v. a. Malcolm X denunzierten die Bürgerrechtsbewegung als Vertreter der bereits assimilierten schwarzen Mittelschicht und forderten einen strikten, rassist. begründeten Separatismus. Ihre Mitglieder rekrutierten sich v. a. aus sozial schwachen Schichten in den großen Industriestädten, besonders erfolgreich war auch die Missionierung von Strafgefangenen. 1963 überwarf sich Malcolm X mit seinem Mentor Elijah Muhammad, was zu seinem Ausschluß aus der N. I. führte. Nach seiner Ermordung (1965) durch Mitglieder der N. I. verebbte das öffentliche Interesse an der Organisation. Nach dem Tod Elijah Muhammads (1975) kam es unter seinem Sohn Wallace Fard Jr. zu einem grundlegenden Kurswandel und einer Annäherung an den sunnit. Islam konservativer Prägung. So wurden Gottesdienste in Arabisch gehalten, der islam. Mondkalender verwendet und die Bewegung in „Islam. Mission in Amerika“ umbenannt. Zudem wurden die paramilitär. Gruppen abgeschafft und der bis dato als göttlich verehrte Fard zu einem Vertreter der islam. Mystik uminterpretiert. Im Februar 1981 kam es unter einem ehemaligen Vertrauten Elijah Muhammads, Louis Farrakhan, zur Wiedererstehung der N. I. Die sozialen Rahmenbedingungen der frühen 1980er Jahre ermöglichten, daß die Organisation v. a. unter den „gangs“ in Los Angeles und New York zahlreiche Mitglieder rekrutieren konnte. Neben dem bereits unter Elijah Muhammad vorhandenen Separatismus kam unter Farrakhan ein zunehmender Antisemitismus hinzu, der Ende der 1980er Jahre zu kontroversen Diskussionen in der amerikan. Öffentlichkeit führte. In den 1990er Jahren verfolgte Farrakhan einen moderateren Kurs. Die N. I. hat heute nach divergierenden Schätzungen 2–3 Mio. Anhänger und Sympathisanten. Viele Rap-Musiker, etwa Public Enemy (Professor Grip, Chuck D.), Ice-T, Ice Cube oder Sister Souljah, stehen Farrakhan und seiner Organisation nahe.

Literatur:
Lincoln, C.: The Black Muslims in America, 1994.

Autor/Autorinnen:
Tim Epkenhans, Dr., OSZE-Akademie Bischkek


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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