Osmanisches Reich

Der turkmenische Stammesführer und Gründer der osman. Dynastie Osman (gest. um 1324) sowie seine Nachkommen – anfangs nur Herren eines kleinen Fürstentums (beylik) im westlichen Kleinasien – brachten im 14. und 15 Jh. weite Teile des Balkans, den Nordschwarzmeerraum und Anatolien unter ihre Kontrolle. Den Mashrek und die Arabische Halbinsel eroberten die Osmanen 1516–1517, bald darauf auch den Maghreb außer Marokko. 1529 und 1683 belagerten sie Wien. Residenzstädte waren das westanatol. Bursa, seit etwa 1369 Edirne in Rumelien und seit 1453 Istanbul. Im 19. Jh. verlor das O. R. große Gebiete. Die Niederlage im 1. Weltkrieg, den das O. R. auf Seiten der Mittelmächte geführt hatte, mündete in der Besatzung eines Großteils der osman. Territorien durch die Siegermächte. Nach einem „nationalen Unabhängigkeitskrieg“ unter der Führung Atatürks wurde 1923 die Republik Türkei gegründet. – Die Jahrhunderte währende Stabilität des O. R.s gewährleistete in erster Linie die Existenz einer dem Sultan loyalen und kompetenten Elite, der „Osmanli“. Teile davon stellten die durch „Knabenlese“ (devschirme) v. a. im Balkan ausgehobenen christlichen Jungen, die in Istanbul für den Palast- und hohen Staats- sowie den Militärdienst, speziell für die Elitetruppe der Janitscharen, ausgebildet wurden. Die im Vergleich zu anderen islam. Reichen besonders hierarch. organisierten Karrierewege in Verwaltung, Militär und Justiz sicherten lange die Effizienz der zentralstaatlichen Organe. Gegenüber den Untertanen des Sultans waren die „Osmanli“ durch Steuerbefreiung privilegiert. Nicht-muslim. religiöse Gemeinschaften im O. R. genossen eine gewisse Autonomie, v. a. in der Rechtsprechung, waren aber zur Entrichtung der Kopfsteuer (cizye) verpflichtet. In den urbanen Zentren des O. R.s blühten besonders während der Herrschaft Sultan Süleymans I. (1520–1566) und der „Tulpenzeit“ unter Ahmed III. (1703–1730) Wissenschaften, Kunst und Architektur. In der Frühzeit des O. R.s waren neben dem Islam viele heterodoxe, meist schamanist. Vorstellungen lebendig. Im 14. Jh. fand getragen durch mystische Bruderschaften eine tiefere Islamisierung statt. Mit der Ausdehnung und Festigung staatlicher Verwaltung und der Justiz erstarkte die Rolle der islam. Gelehrten. Die sunnit. Rechtsschule erlangte offiziellen Status im Reich. Als Herren der Heiligen Stätten in Mekka und Medina konnten sich die Sultane zu Hütern des Islams stilisieren; seit dem 18. Jh. bedienten sie sich durchgängig des Kalifentitels und signalisierten so ihren Vertretungsanspruch für die Gemeinschaft aller Muslime (Umma). Seit dem ausgehenden 16. Jh. bedrohten Dezentralisierungstendenzen (etwa durch mächtige Lokalgouverneure und Provinznotabeln) sowie die expandierenden europäischen Mächte zunehmend die Einheit des Reiches. Als Reaktion wurden tiefgreifende Reformen durchgeführt. Relativ erfolgreich waren dabei die Tanzîmât (Verordnungen) zwischen 1839 und 1876, die eine an westlichen Vorbildern angelehnte Bürokratie sowie ein modernisiertes Militär schufen. Die in den Führungspositionen tätigen Absolventen ebenfalls westlich orientierter Bildungseinrichtungen konnten sich als neue intellektuelle Schicht neben der traditionellen Gelehrtenschaft etablieren. Ihr entstammten die wichtigsten Verfechter konstitutioneller Ideen. Mit der „Revolution“ der Jungtürken 1908 und der Absetzung Abdülhamids II. (1876–1909) verlor die osman. Dynastie faktisch ihre Macht im Staat. 1922 wurde das Sultanat, zwei Jahre darauf auch das Kalifat abgeschafft. – Seit den 1970er Jahren ist in der Türkei eine Rückbesinnung auf die osman. Tradition erkennbar. Intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit osman. Geschichte und Kultur und die Wiederbelebung traditioneller Kunsthandwerke sind ebenso Zeugnisse dafür wie die Popularität histor. Romane und Filme, der osman. Hofküche oder auch Wasserpfeifencafés im osman. Stil. In von Parteien islam.-osman. Couleur regierten Gemeinden werden öffentlich ausgerichtete Feierlichkeiten wie zum Fastenmonat Ramadan oder zum Jahrestag der prestigereichen Eroberung Istanbuls vermehrt in Anlehnung an die osman. Tradition gestaltet. Die Kultur der religiösen Minoritäten des O. R.s wird durch türkische, griechische, armenische und jüdische Musikproduktionen und Konzerte sowie Publikationen ebenso neu belebt wie die mystischen Bruderschaften. Dass die Aufarbeitung „schwarzer Flecken“ osman. Geschichte, etwa die Verfolgung und Deportation der Armenier im 1. Weltkrieg, nur langsam voranschreitet, trägt der Türkei nicht selten internationale Kritik (USA, Frankreich) ein. Die gemeinsame osman. Vergangenheit belastet zeitweise auch das Verhältnis der Türkei zu ihren Nachbarstaaten. Der Status der Muslime in vielen Ländern Südosteuropas ist problemat., so wanderten etwa in den 1980er Jahren im Rahmen von Slawisierungsmaßnahmen Türken, die seit osman. Zeit in Bulgarien ansässig waren, in die Türkei aus. In der Nationalgeschichtsschreibung der meisten Staaten Südosteuropas und der arab. Welt wurde das osman. Zeitalter lange als dunkle Epoche der Fremdherrschaft dargestellt, von der man sich erst seit dem 19. Jh. in „nationalen Befreiungskriegen“ lösen konnte. In der jüngeren Vergangenheit weisen besonnene Beobachter jedoch zunehmend auf die kulturellen Leistungen der osman. Provinzverwaltungen hin, sichtbar etwa an von ihnen gebauten Moscheen, Karawansereien, Uhrtürmen und Bahnhofsgebäuden, die bis heute das Bild vieler urbaner Zentren in den einst osman. Ländern mitbestimmen. Das gesteigerte Bewußtsein offizieller türkischer Stellen für die Erhaltung osman. Kulturgüter in der Türkei sowie außerhalb der Grenzen der heutigen Türkei in den letzten Jahrzehnten ist sowohl Ausdruck des veränderten Selbstverständnisses einer neuen türkisch-islam. Elite als auch ökonom. Überlegungen geschuldet. Der Tourismus, der einen bedeutenden Faktor der türkischen Wirtschaft darstellt, lebt vielerorts vom osman. Erbe.

Literatur:
Kreiser, K. / Neumann, C. K.: Kleine Geschichte der Türkei, 2003. – ‘nalcik, H.: The Ottoman Empire. The Classical Age 1300–1600, 2003.

Autor/Autorinnen:
Denise Klein, M.A., Universität München, Turkologie

Siehe auch:
Dynastien

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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