Osmanisches Reich

islam. Großreich in Europa, Asien und Nordafrika unter Herrschaft der Nachfahren des turkmenischen Stammesführers Osman (gest. 1324). Anfangs nur ein kleines Fürstentum im westlichen Kleinasien, brachten die Osm. im 14. und 15. Jh. Anatolien und weite Teile des Balkans und Schwarzmeerraums unter ihre Kontrolle. Mit der Einnahme Konstantinopels 1453 endete das Byzantinische Reich und Istanbul wurde zur Hauptstadt des Osm. Reichs (vorher Bursa, Edirne). 1516 – 1517 eroberten die Osm. den Maschrek und die Arabische Halbinsel, bald darauf den Maghreb außer Marokko. 1529 und 1683 belagerten sie Wien. Im 19. Jh. verloren die Osm. die Kontrolle über große Gebiete, es kam zur Ausbildung von Nationalstaaten auf dem Balkan und dem Ausgreifen der europäischen Kolonialmächte in den arabischen Provinzen. Die Niederlage des Osm. Reichs im Ersten Weltkrieg beendete die Herrschaft der Dynastie Osman und führte zur Schaffung der Staatenwelt auf dem Balkan und im Nahen Osten, wie sie bis heute im Wesentlichen fortbesteht. Die Republik Türkei wurde nach einem nationalen «Unabhängigkeitskrieg» unter der Führung Atatürks 1923 gegründet. – Die Jahrhunderte währende Stabilität des Osm. Reichs gewährleistete eine durch Steuerbefreiung privilegierte, dem Sultan loyale Elite, welche Militär, Verwaltung und Justiz kontrollierte. Diese rekrutierte sich in der Phase der Eroberungen vorwiegend aus im Balkan ausgehobenen christlichen Jungen, die für den Palast- und hohen Staats- sowie den Militärdienst ausgebildet wurden und dem charismatischen Sultan direkt verbunden waren. Zwischen der Mitte des 16. und dem späten 18. Jh., als sich Krisen- und Stabilisierungsphasen abwechselten, lenkten einflussreiche Wesire und Paschas in Istanbul und den Provinzen das Reich, während sich die Sultane oft aus der Tagespolitik zurückzogen und primär als übergeordnete Legitimationsinstanz dienten. Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel, Dezentralisierungstendenzen und die expandierenden europäischen Mächte machten einschneidende Reformen notwendig und führten im 19. Jh. erneut zu einer Konzentration der Macht in den Händen des Monarchen und zur Schaffung einer an westlichen Vorbildern angelehnten Bürokratie sowie eines modernisierten Militärs. Die in den Führungspositionen tätigen Absolventen ebenfalls westlich orientierter Bildungseinrichtungen konnten sich als neue intellektuelle Schicht neben der traditionellen Gelehrtenschaft etablieren. Ihr entstammten die wichtigsten Verfechter konstitutioneller Ideen. Mit der Revolution der Jungtürken 1908 und der Ab­setzung Sultan Abdülhamids II. (reg. 1876 – 1909) verlor die osm. Dynastie faktisch ihre Macht im Staat. 1922 wurde das Sultanat offiziell abgeschafft. – Die islam. Dynastie der Osmanen herrschte über eine Bevölkerung unterschiedlicher religiöser, ethnischer und kultureller Zugehörigkeiten. Die Islamisierung des vor allem von christlichen Griechen und Armeniern besiedelten Anatolien begann bereits in vor-­osm. Zeit mit dem Eintreffen turkmenischer Stämme im späten 11. Jh. und wurde getragen durch mystische Bruderschaften. Mit der osm. Eroberung der arab. Provinzen im frühen 16. Jh. und dem Ausbau staatlicher Verwaltung und Justiz verfestigte sich der islam. Charakter des Reiches. Die Rolle der sunnit. Gelehrten erstarkte, heterodoxe Vorstellungen wurden zunehmend bekämpft und die hanafit. Rechtsschule erlangte offiziellen Status. Als Herren der Heiligen Stätten in Mekka und Medina konnten sich die Sultane zu Hütern des Islams stilisieren; seit dem 18. Jh. bedienten sie sich durchgängig des Kalifentitels und signalisierten bis zur Abschaffung des Kalifats 1924 so ­ihren Vertretungsanspruch für die Gemeinschaft aller Muslime (Umma). Nicht-­muslim. Gemeinschaften genossen eine gewisse Autonomie, insbes. in der Rechtsprechung, waren aber zur Entrichtung der Kopfsteuer (cizye) verpflichtet. Dies änderte sich mit den Neuordnungen des 19. Jh., die u. a. die Gleichbehandlung aller Männer des Reiches unabhängig von Religion und sozialem Stand vorsahen und aus Untertanen des Sultans loyale osm. Staatsbürger machen sollten. – Während sich nach dem Zerfall des Osm. Reichs alle Nachfolgestaaten um Abgrenzung zur osm. Vergangenheit und die Konstruktion eines unabhängigen «nationalen» Erbes bemühten, erfährt die osm. Epoche in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt Aufmerksamkeit. Die Nationalgeschichtsschreibungen vieler Staaten v. a. auf dem Balkan, aber auch in den arab. Ländern beschrieben die osm. Epoche lange als unterdrückerische Fremdherrschaft und unterschlugen gezielt insbes. die prominente Rolle der lokalen Eliten bei der Herrschaftsausübung und die zahlreichen Übernahmen und Symbiosen, zu denen es über die Jahrhunderte des Zusammenlebens kam. Das Gegennarrativ der «Pax Otto­manica» verklärt das Osm. Reich als Paradebeispiel für Toleranz und friedliches Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Ethnien und negiert insbes. die institutionalisierten Ungleichheiten und die Anwendung von Gewalt bei der Herrschaftsausübung. Diese Sicht erfährt im Rahmen des «Neo-­Osmanismus» in der Türkei der letzten Jahre eine neue Blüte und sorgt regelmäßig für außenpolitischen Sprengstoff, v. a. in der Frage der Anerkennung des Genozids an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Auch innenpolitisch birgt der Umgang mit dem osm. Erbe in vielen Nachfolgestaaten des Osm. Reichs sowohl Identifikations- als auch Konfliktpotential. Die vermehrte Behandlung der osm. Epoche in Schulen und Universitäten, die verstärkte osm. Präsenz im Stadtbild und in der Populärkultur durch Restaurierungen und Wiederaufbauten historischer Gebäude sowie die Vermarktung osm. Li­teratur, Musik und Küche hat zu einer Neuentdeckung und oft Neuidentifikation mit der osm. Vergangenheit geführt. Während sich pseudo-­historische Seifenopern und Wasserpfeifencafés über die Türkei hinaus an Beliebtheit erfreuen, sind die türkische Geschichtspolitik und Erinnerungskultur gleichzeitig Anlass heftiger und z. T. gewalttätiger Auseinandersetzungen (z. B. die «Gezi Park-­Proteste» anlässlich der osmanisierenden Neugestaltung des Taksim-­­Platzes in Istanbul 2013). Kritiker betrachten das erwachte Interesse offizieller türkischer Stellen für das osm. Erbe nicht nur als Ausdruck des veränderten Selbstverständnisses einer neuen türkisch-­isl. Elite, sondern auch als ein Mittel zur Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Interessen. Die Erhaltung osm. Kulturgüter ist dabei eng mit dem Tourismus verknüpft, der einen bedeutenden Faktor der türkischen Wirtschaft darstellt und vielerorts vom osm. Erbe lebt.

Literatur:
Kreiser, K. / Neumann, C. K.: Kleine Geschichte der Türkei, 2009. – Finkel, C.: Osman’s Dream: The History of the Ottoman Empire, 2005.

Autor/Autorinnen:
Dr. des. Denise Klein, Leibniz-­Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Siehe auch:
Dynastien

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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