Reformislam

Vielen muslim. Intellektuellen machte am Ende des 19. Jh. nicht nur die materielle Überlegenheit des Westens zu schaffen, sondern auch das Minderwertigkeitsgefühl, das sie angesichts der ideolog. Diffamierung der islam. Gesellschaften durch den Westen empfanden. Wie manche andere Europäer auch war der französ. Philosoph Ernest Renan (gest. 1892) der Auffassung, daß die Muslime aufgrund ihrer Religion intellektuell nicht in der Lage seien, Fortschrittsdenken im westlichen Sinne zu entwickeln. Islam und Wissenschaft sowie Islam und Zivilisation seien prinzipiell miteinander unvereinbar. Die „Gründungsväter“ des islam. Reformismus, Jamâl ad-Dîn al-Afghânî, Muhammad Abduh, Rashîd Ridâ und Abd ar-Rahmân al-Kawâkibî (1854–1902), die sich gegen diese Herabwürdigung zur Wehr setzten, gingen von der Grundannahme aus, daß die vermeintliche intellektuelle Rückständigkeit ihre Ursachen in einem verkrusteten, inflexiblen Islamverständnis habe, welches v. a. auf einem blinden Gehorsam (arab. taqlîd) gegenüber den von der islam. Jurisprudenz ausgearbeiteten und mittlerweile überholten Normensystemen beruhe. Sie plädierten daher für eine innere Reform des Islams: Mittels rationaler Überlegung sollte eine freiere, der Zeit angepaßte Auslegung der islam. Grundtexte Koran und der prophet. Überlieferung im Hadîth (Ijtihâd) möglich werden, eine Forderung, die allerdings schon von früheren Reformern erhoben worden war. Die Reformisten suchten die Antworten auf ihre Fragen durch die Neubetrachtung der koran. Aussagen und die gezielte Auswahl und Auslegung der als gültig befundenen ³adîthe zu erhalten. Sie wollten so an den wahren Islam der Altvorderen anknüpfen, wobei mit Hilfe der neugewonnenen Prinzipien eine Reformierung innerhalb der Gesellschaft und mit Zustimmung der polit. Herrschaft, ohne also einen revolutionären Umsturz zu propagieren, angestrebt wurde. Da die Reformisten allerdings durch ihre Kritik an der islam. Jurisprudenz die Stellung der islam. Gelehrten als alleinige Sachwalter der Scharia radikal untergruben, erfuhren sie von dieser Seite einen erbitterten Widerstand. Bis heute ziehen sich die Fragestellungen, die dem reformist. Bestreben nach einer Neuinterpretation des Islams zugrunde lagen, durch die Debatten innerhalb der polit. Öffentlichkeit in den islam. Ländern: 1) Wie ist es zum Niedergang der islam. Zivilisation gekommen? Daß der Islam als Abschluß der Offenbarungen die letztgültige Religion ist, stand gänzlich außer Zweifel. Es ging den Reformisten allein darum, die ehemals gegebene, ideale Umsetzung der islam. Ordnungsvorstellungen auf Erden wiederzubeleben. 2) Wie soll man mit der arroganten Überlegenheit des Westens umgehen? Die Reformisten wiesen entschieden die unterschiedlichen Herabsetzungen durch den Westen zurück. Dem Westen komme weder aus ethnischen noch aus intellektuellen Gründen eine Vorrangstellung zu. Der intellektuellen Diffamierung durch den Westen, die Muslime seien aufgrund ihrer Religion geistig nicht imstande, ähnliche Leistungen hervorzubringen, wurde aufs heftigste widersprochen. Im Grunde – so die Reformisten – habe Europa nur wissenschaftliche und gesellschaftliche Ansätze weiterentwickelt, die schon lange vorher von den Muslimen formuliert und ausgearbeitet worden seien. 3) Wie muß man dem europäischen Imperialismus entgegentreten? Durch die Besetzung islam. Länder durch europäische Mächte und die wirtschaftliche Abhängigkeit von diesen schlug die anfängliche Bewunderung des Westens – z. B. durch Muhammad Alî, Ismâîl, Rifâa at-Tahtâwî oder Alî Mubârak (1824–1893) – bei den Reformisten in eine feindselige Haltung um. Das einzige, was man vom Westen wollte, war der Erwerb von Kenntnissen, die den Zugang zu Mitteln erleichterten, mit denen man sich gegen den europäischen Imperialismus zur Wehr setzen konnte. 4) Wie kann eine islam. Einheit, eine muslim. Umma wiederhergestellt werden? Es war eines der Hauptziele der Reformisten, dem europäischen Imperialismus eine starke muslim. Einheit entgegenzustellen. So wurde in verschiedenen Ländern das Konzept des Panislamismus formuliert, mit dem man die Europäer zurückschlagen könne. Gleichzeitig wurde der Gegensatz von Christentum und Islam betont, der es erlaubte, das Konzept des Heiligen Krieges wiederzubeleben. – Die Ansätze und Ideen von al-Afghânî und Muhammad Abduh waren für viele Intellektuelle der kommenden Generationen anregend und befruchtend. Ein großer Teil hielt an diesen Grundprinzipien fest, ging aber dann daran, sie auf unterschiedliche Weise auszuarbeiten und zu interpretieren. Obgleich heutzutage der Reformismus nicht mehr die inhaltliche Geschlossenheit und unbeirrbare Dynamik der Zwischenkriegszeit hat, sorgt er dennoch ständig für neue Impulse innerhalb der von Muslimen geführten Debatte um die rechte Interpretation der Offenbarung und die daraus abzuleitenden gesellschaftlichen Konsequenzen. (Traditionalismus, Modernismus)

Literatur:
Conermann, S.: Mustafa Mahmud (geb. 1921) und der modifizierte islamische Diskurs im modernen Ägypten, 1996. – Sharabi, H.: Arab Intellectuals and the West. The Formative Years, 1875–1914, 1970. – Steppat, F.: Die politische Rolle des Islam, in: Ders. (Hg.): Vorträge zum XXI. Deutschen Orientalistentag, 1983, 22–36.

Autor/Autorinnen:
Stephan Conermann, Prof. Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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