Schiiten

S. (auch Schia, von arab. shîat Alî, „die Partei Alîs“). Die S. stellen mit einer Gesamtzahl von etwa 110 Mio. Menschen 10–15% der Muslime. Die größte schiit. Fraktion ist die Zwölferschia mit Zentren im Süd-Irak, Iran und auf dem Indischen Subkontinent sowie mit bedeutenden Minderheitsgruppen in Afghanistan, Libanon, Zentralasien, der Türkei und den arab. Golfstaaten. Von den in Deutschland lebenden ca. 2,8 Mio. Muslimen (1997) sind etwa 120 000–125 000 schiit. Bekenntnisses. Nach dem Tod des Propheten Muhammad zerstritten sich die Gläubigen in der Frage seiner Nachfolge als Leiter der Gemeinde. Während die Mehrheit der Muslime, die Sunniten, die vier sog. „rechtgeleiteten Kalifen“ anerkennt, halten die S. einzig den vierten von ihnen, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten Alî ibn Abî “âlib, für seinen rechtmäßigen Nachfolger. Sie berufen sich dabei auf zwei Aussprüche Muhammads, die sie in diesem Sinne interpretieren. Grundlegend für die Zwölferschia ist die Imâmatslehre, welche eine Kette von zwölf Imâmen annimmt, angefangen mit Alî als erstem und seinen Söhnen ³asan und Husain als zweitem und drittem Imâm. Das Imâmat wird an die direkten männlichen Nachkommen der Prophetenfamilie (Muhammad, Fâtima und Alî) weitergegeben, denen – bis auf Alî – das Recht auf weltliche Macht vorenthalten worden sei. Die Imâme gelten den S. als sündenlos und unfehlbar. Nach schiit. Lehre ist der Zwölfte Imâm nicht gestorben, sondern lebt in der Verborgenheit fort und wird eines Tages als Messias, „der Rechtgeleitete“ (Mahdî), erscheinen, um die Herrschaft der Tyrannen zu beenden und Gerechtigkeit walten zu lassen. Schiit. Auffassung zufolge starben die übrigen elf Imâme als Märtyrer, doch ist es v. a. das Martyrium des dritten Imâms ³usain, dessen bis in die Gegenwart von S. in Trauerfeiern während des Monats Muharram gedacht wird (Âshûrâ’). Im Gegensatz zu den Sunniten glauben die S., daß der Koran erschaffen sei. Die schiit. Rechtsprechung beruht auf dem Koran, der Überlieferung vom Tun und Lassen des Propheten und der Imâme sowie dem Konsens der Gelehrten und deren eigenständiger Rechtsfindung aufgrund rationaler Erwägungen. Bedingt durch ihre ablehnende Haltung gegenüber den zumeist sunnit. Herrschern entwickelten schiit. Rechtsgelehrte verschiedene Formen des Umgangs mit den Herrschenden. Traditionell waren sie auf polit. Abstinenz bedacht, auch wenn es immer wieder zu polit. Kooperation und zur Übernahme von Ämtern kam. Hierbei war S. in hohen Positionen die Tatsache von Nutzen, daß es ihnen erlaubt, ja sogar geboten war, das eigene Bekenntnis in einer diesem feindlich gesonnenen Umwelt oder zum Schutz der zwölferschiit. Gemeinde zu verbergen (arab., pers. taqîya). Polit. Aktivismus, um die weltliche Herrschaft mit der Scharia in Übereinstimmung zu bringen, der bis zum Sturz einer Regierung führen konnte, zeigte sich im 20. Jh. in der Iran. Revolution. Gegen Ende des 18. Jh. begann sich unter den zwölferschiit. Rechtsgelehrten eine Schule durchzusetzen (arab. usûlîya), die die Gläubigen in zwei Kategorien einteilte, nämlich die Gelehrten mit der Erlaubnis zu lehren (arab. mujtahid) und die theolog. nicht ausgebildete Mehrheit der Gläubigen (arab. muqallid). Da die Rechtsgelehrten den zwölften Imâm während seiner Verborgenheit verträten, müsse sich jeder Schiit der Lehre eines lebenden Gelehrten anschließen, denn nur diese seien befähigt, den Koran und die anderen Rechtsquellen des Islams zu interpretieren. Durch die Übereinstimmung der Gläubigen wird ein (oder mehrere) oberster Rechtsgelehrter, eine sog. „Instanz der Nachahmung“ (arab. marja at-taqlîd), bestimmt. Diese Gelehrten gelten jedoch keinesfalls als unfehlbar, ihre Entscheidungen sind vorläufig und können im Prinzip durch die Rechtsfindung eines anderen mujtahid aufgehoben werden.

Literatur:
Ende, W.: Der schiitische Islam, in: Ende, W./Steinbach, U. (Hg.): Der Islam in der Gegenwart, [5]2005, 70–89. – Halm, H.: Die Schiiten, 2005.

Autor/Autorinnen:
Anja Pistor-Hatam, Prof. Dr., Universität Kiel, Islamwissen¬schaft


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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