Traditionalismus

intellektuelle Richtung in muslim. Ländern, die «das Ergebnis der histor. Entwicklung des islam. Mittelalters so weit wie möglich zu bewahren» sucht und damit «der unreflektierten Islam-­Verbundenheit der breiten Volksschichten sehr nahe» steht (F. Steppat). Diese Position wird in erster Linie von den muslim. Gelehrten vertreten, die – ähnlich den Anhängern des Reformislams – das von den Modernisten (Modernismus) gutgeheißene Konzept der europäischen Aufklärung mit «Säkularismus», «Materialismus» und «Individualismus» assoziieren und als Teil des Kolonialismus ablehnen. Die Traditionalisten, deren geistiges Zentrum die Azhar in Kairo darstellt, stützen ihre Welt­anschauung auf die über Jahrhunderte tradierten Normen und Vorschriften. Sie stehen jeder Veränderung dieses althergebrachten Seinsverständnisses, sei es durch reformist. oder modernist. Ansätze, ablehnend gegenüber. Der Herausforderung durch Europa kann ihrer Meinung nach nur durch die konsequente Fortführung der alten Ordnung begegnet werden. Die konservativen muslim. Gelehrten halten sich für die einzig berechtigte Instanz, über die durch die neuen Lebensverhältnisse hervorgerufenen Fragen Entscheidungen zu fällen. In der Regelung dieser Fragen wollen sie den traditionellen Überlieferungen das entscheidende Wort zukommen lassen. Nur den Gelehrten stehe die Verwaltung des überlieferten Wissens sowie die Auslegung der normativen Texte Koran und Hadith zu. Generell fordern die Traditionalisten die Orientierung aller gesellschaftlichen Beziehungen – einschließlich der Herrschaftsausübung – an der Scharia. In vielen islam. Ländern haben sich die Gelehrten im Laufe der Zeit mit der Staatsmacht arrangiert. Ihr vornehmlicher Wirkungsbereich bleibt oftmals auf das Personenstandsrecht beschränkt, doch spielen sie als Repräsentanten des offiziellen Islams im öffentlichen Bewusstsein eine sehr große Rolle. Gerade die einfachen Gläubigen akzeptieren die Tra­ditionalisten als Wächter der Moral, zumal sich diese in ihren Stellungnahmen auch immer wieder gegen die Anhänger der radikalen, aber auch der moderaten Reformisten wenden.

Literatur:
Ahmad, A.: Die Auseinandersetzung zwischen al-­Azhar und der modernistischen Reformbewegung in Ägypten von Muhammad Abduh bis heute, 1963. – Eccel, A. C.: Egypt, Islam, and Social Change. Al-­Azhar in Conflict and Accomodation, 1984. – Steppat, F.: «Die politische Rolle des Islam», in Ders. (Hg.): Vorträge zum XXI. Deutschen Orientalistentag, 1983, 22 – 36.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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