Konservatismus

[lat.] K. (auch: Konservativismus) ist eine politische Weltanschauung, die die Stärken der Tradition hervorhebt, die herrschende politische Ordnung bewahrt bzw. stärkt und die vorgegebene Verteilung von Macht und Reichtum vor Kritik schützt. Die drei wichtigsten Prinzipien des K. sind daher Identität, Sicherheit und Kontinuität.

Der politische K. ist antimodernen Ursprungs; er entstand als Gegenbewegung zu den Ideen der Aufklärung und der Prinzipien von Vernunft und Kritik. Gegen diese setzt der K. auf die Festigung und den Vorrang des Glaubens und eine damit verbundene (göttliche oder weltliche) Ordnung, die (im Gegensatz zur Forderung nach Gleichheit in der Französischen Revolution) das hierarchische Element betont (E. Burke). Aus konservativer Sicht bilden Gesellschaften ein organisches Ganzes, in dem die Individuen und die sozialen Gruppen ihre unterschiedlichen Aufgaben zum Nutzen aller zu erfüllen haben und die Gesellschaft als Ganzes durch Gewohnheiten und Gebräuche zusammengehalten wird. Insofern ist für den K. eine Ordnung des Oben und Unten (in der eine Elite genauso notwendig ist wie Mittel- und Unterschichten) eine notwendige gesellschaftliche Bedingung. Fortschritt und Veränderung werden nicht grundsätzlich ausgeschlossen, bedürfen zunächst aber allgemeiner Zustimmung und Bewährung. Bei aller Vielfalt ist ein positives Verhältnis zum Umgang mit der Macht und der Ausübung von Macht ein wesentliches Element konservativen Denkens. Es lassen sich zwei Hauptströmungen bestimmen, die sich an der unterschiedlichen Bewertung der Rolle des Staates und des Individuums scheiden:

1) Im kontinental-europäischen K. spielt der (ggf. autoritäre) Staat eine zentrale, positiv bewertete Rolle. Auf ihn ist das konservative Ordnungsdenken gerichtet, er ist der »natürliche« Ort politischer Macht und Entscheidung und hat letztlich auch soziale Verantwortung zu übernehmen.

2) Im angloamerikanischen K. spielt das (ggf. selbst Ordnung schaffende) Individuum die zentrale, positiv bewertete Rolle, das durch nationale Identität und nationale Symbole (als Ausdruck gemeinsamer Werte und Ziele) noch bestärkt wird. Dagegen wird der Staat negativ als die Verkörperung anonymer Macht und Unfreiheit bewertet. Sicherheit ist das Resultat individueller Stärke und Durchsetzungsvermögens; individuelle Verantwortung und privatwirtschaftliche Prinzipien sind positiv mit dem K. verbunden.

Der spezifische dt. K. wurde entscheidend durch zwei politische Ergebnisse der Amtszeit O. v. Bismarcks geprägt:

1. Er entschärfte den Fundamentalkonflikt zwischen Wirtschaftsliberalismus und Arbeiterbewegung (d. h. die soziale Frage) durch Verbot der Sozialdemokratie (Sozialistengesetze) und den Aufbau eines (insofern konservativen) Sozial- und Vorsorgestaates (Sozialgesetzgebung).

2. Weiterhin gelang ihm eine Entscheidung des traditionellen (in F z. B. seit der Französischen Revolution, in den USA verfassungsrechtlich entschiedenen) Konfliktes zwischen Kirche und Staat um die Vorherrschaft in der Gesellschaft zugunsten des letzteren (Kulturkampf).

Die dauerhafte Lösung dieser zentralen gesellschaftlichen Konflikte sicherte in D (langfristig) die Autorität des antiliberalen Staates und festigte wesentlich die konservative Staatsidee. Die demokratischen Institutionen wurden daher in D vergleichsweise spät und (mit dem Ende des Ersten Weltkrieges) in einer Krisensituation errichtet. Der dt. K. stützte die Demokratie der Weimarer Republik nur in der kurzen Stabilitätsphase, tendierte ansonsten zu autoritären Lösungen und stimmte 1933 für das Ermächtigungsgesetz. Trotz Beteiligung am Widerstand (gegen Ende des Nationalsozialismus) hatte der K. nach dem Zweiten Weltkrieg nur geringe Bedeutung. Dazu trug auch die schnelle Entwicklung von CDU und CSU zu Volksparteien bei, die das konservative Element zwar aufnahmen, aber mit den christlich-sozialen, wirtschaftlich-liberalen und insbesondere den technisch-fortschrittlichen Strömungen verbanden. Heute trägt, auch aufgrund der langen Amtszeit (gemäßigt) konservativer Regierungen, der dt. K. die demokratischen Institutionen mit.

Siehe auch:
Liberalismus
Sozialismus

Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 6., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2016. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.




 

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