Politische Ideengeschichte

P. I. ist eine im 19. Jh. entstandene Teildisziplin der Politikwissenschaft, die sich mit der »Geschichte des politischen Denkens« beschäftigt, also mit allen historisch überlieferten Formen des politisch geordneten Zusammenlebens von Menschen, ihrer gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen und ihrer angestrebten Ziele und Ideale. Gleiche Bedeutung haben die Bezeichnungen Politische Theoriegeschichte, Geschichte der politischen Philosophie, Geschichte der Staatsphilosophie etc. Zu unterscheiden sind drei Richtungen:

1) P. I. als historische Teildisziplin, deren zentrales Anliegen es ist, politische Ideen in ihrem zeitgenössischen Kontext zu untersuchen, d. h. die Argumente, Absichten und Wirkungsweisen in den jeweiligen Epochen zu verstehen und die besonderen Entstehungsbedingungen politischer Ideen zu rekonstruieren.

2) Im marxistischen und aufgeklärt kritischen Verständnis bedeutet p. I. v. a. Geschichte der politischen Ideologien, d. h. Ideen, Normen und Werte, die politische Herrschaft begründen, legitimieren und sichern. Marxistischer Grundgedanke ist, dass politische Ideen die Klasseninteressen widerspiegeln, d. h. (rückblickend) untersucht werden muss, welche Grundmuster die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse, Eigentumsordnungen, Klassen- und Gruppeninteressen ausgeformt haben und wie sich diese auf die jeweiligen Ideen, Theorien und politischen Ordnungsvorstellungen ausgewirkt haben.

3) P. I. als praktische politische Philosophie sieht ihre Aufgabe darin, das Wissen über die Besonderheiten politischer Vorgänge zu erweitern, zu bewerten und zu systematisieren. Im Mittelpunkt steht daher die Klärung von Begriffen und Normen (z. B. Freiheit, Gerechtigkeit) mit dem Ziel, »kritisches Ordnungswissen« (E. Voegelin) zu vermitteln. Die p. I. wird in jüngster Zeit durch (neuere) sozialwissenschaftliche Theorien und Methoden und durch Erweiterung des Blickfeldes über den europäischen Kulturkreis hinaus beeinflusst.

Die (abendländischen) politischen Ideen können historisch in drei Abschnitte untergeteilt werden:

1. Das Altertum, d. h. a) die Suche nach dem idealen Staat und einer gerechten Ordnung (Plato), b) Vergleich realer Staaten und dem tugendhaften Leben darin (Aristoteles), c) Untersuchung zur Staatsorganisation, der Herrschaft der Gesetze, d) der Unterscheidung zwischen Gottes Reich und dem irdischen Staat (Augustinus).

2. Das Mittelalter, d. h. die endgültige Trennung zwischen religiösem Glauben und politischem Willen (Glück und Frieden nicht nur als Gottesgabe).

3. Die Neuzeit, d. h. a) Entwicklung moderner Herrschaftstechniken (Machiavelli), b) Entwicklung der modernen Staatsidee und der Souveränitätslehre (Bodin), c) Überwindung des Naturzustandes (»der Mensch ist des Menschen Wolf«) durch den Staat und Beginn der modernen Vertragsidee (Th. Hobbes), d) Entwicklung der Gewaltenteilungslehre (J. Locke, Montesquieu), e) Entwicklung der Lehre von der Volkssouveränität (J.-J. Rousseau), f) Entwicklung und Garantie der Grundrechte und Menschenrechte, g) Schutz individueller Freiheiten und Rechte gegenüber dem Staat, d. h. Vorrang von Individuum und Gesellschaft ( Pluralismus) vor staatlichem Machtanspruch (US-amerikanische Verfassung), h) Idealisierung des Staates (Monismus) gegenüber der Gesellschaft (G. W. F. Hegel).

Siehe auch:
Politikwissenschaft
Ideologie
Normen
Herrschaft
Theorie
Freiheit
Gerechtigkeit
Staat
Gesetz
Grundrechte
Menschenrechte
Recht
Gesellschaft
Pluralismus
Verfassung
Konservatismus
Liberalismus
Politische Theorien
Souveränität
Sozialismus

Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 7., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz 2018. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.



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