Zahlen und Fakten: Europa
16.12.2018

Nettozahler und Nettoempfänger in der EU

Haushaltssalden der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), verschiedene Bezugsgrößen, 2017

Nettozahler und Nettoempfänger

Quelle: Europäische Kommission: EU-Haushalt 2017 – Finanzbericht; Eurostat: Online-Datenbank
Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Frage, ob sich mit der EU-Mitgliedschaft für einen Staat mehr Vor- oder Nachteile verbinden, lässt sich nicht mit einer buchhalterischen Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben bezogen auf den EU-Haushalt beantworten. Trotzdem wird dieses Thema gerade bei den "Nettozahlern" wiederkehrend diskutiert. Umso wichtiger ist es, nicht nur die absolute Höhe der geleisteten Zahlungen der Staaten zu betrachten (bei denen Deutschland seit Jahren an erster Stelle steht), sondern diese auch in Bezug zur jeweiligen Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl zu setzen – im Jahr 2017 waren bei diesen Betrachtungsweisen Deutschland und Schweden die größten Nettozahler.

Fakten

Aus der Differenz zwischen den finanziellen Leistungen, die die einzelnen Mitgliedstaaten an die Europäische Union (EU) abführen und den Leistungen, die sie von der EU erhalten, ergibt sich aus der Sicht der Mitgliedstaaten entweder ein positiver Saldo (Nettoempfänger) oder ein negativer Saldo (Nettozahler). Allerdings gibt es zahlreiche Faktoren, die die Ausgaben und Einnahmen der Staaten ungleichmäßig beeinflussen. So führen beispielsweise Küstenländer mit internationalen Häfen – wie die Niederlande – erhebliche Zolleinnahmen für importierte Güter ab, die in andere Mitgliedstaaten weitergeliefert werden. Andere Staaten – wie zum Beispiel Belgien – erhalten Kostenerstattungen für den Sitz großer EU-Organe. Die von der Europäischen Kommission berechneten "operativen Haushaltssalden" ermöglichen einen Vergleich, bei dem diese Faktoren weitgehend herausgerechnet werden.

Nach Angaben der Europäischen Kommission und bezogen auf das jeweilige Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Staaten war im Jahr 2017 Deutschland der größte Nettozahler der EU. Der negative Haushaltssaldo Deutschlands entsprach 0,32 Prozent des BIP. Darauf folgten Schweden (minus 0,29 Prozent), Österreich (minus 0,25 Prozent), Dänemark (minus 0,24 Prozent) und das Vereinigte Königreich (minus 0,23 Prozent). Auf der anderen Seite waren die größten Nettoempfänger im Jahr 2017 Litauen (plus 3,14 Prozent des BIP), Bulgarien (plus 2,92 Prozent) und Ungarn (plus 2,66 Prozent) sowie Griechenland und Estland (plus 2,10 bzw. 2,09 Prozent).

Eine etwas andere Reihenfolge ergibt sich, wenn die operativen Haushaltssalden auf die jeweilige Bevölkerung der Mitgliedstaaten bezogen werden. Mit durchschnittlich 139 Euro pro Kopf zahlte 2017 niemand so viel an die EU wie die Bürgerinnen und Bürger Schwedens. An zweiter und dritter Stelle standen Deutschland (129 Euro) und Dänemark (122 Euro). Österreich (106 Euro) führte ebenfalls mehr als 100 Euro pro Kopf an die EU ab. Hingegen erhielten Litauen und Estland rein rechnerisch 451 bzw. 357 Euro pro Kopf von der EU. Und auch in Griechenland und Ungarn (348 bzw. 321 Euro) lag der positive Haushaltssaldo 2017 bei mehr als 300 Euro pro Kopf.

Bezogen auf die absoluten Zahlen lag Deutschland im Jahr 2017 erneut auf Platz eins aller EU-Mitgliedstaaten: Der negative Haushaltssaldo Deutschlands lag bei 10,7 Milliarden Euro. Darauf folgten das Vereinigte Königreich (minus 5,3 Mrd. Euro), Frankreich (minus 4,6 Mrd. Euro), Italien (minus 3,6 Mrd. Euro) und Schweden (minus 1,4 Mrd. Euro). Auf der anderen Seite waren bezogen auf die absoluten Zahlen Polen (plus 8,6 Mrd. Euro), Griechenland (plus 3,7 Mrd. Euro), Rumänien (plus 3,4 Mrd. Euro), Ungarn (plus 3,1 Mrd. Euro) und Tschechien (plus 2,5 Mrd. Euro) die größten Nettoempfänger.

Bei diesen Rankings ist allerdings zu beachten, dass es sich um eine rein buchhalterische Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben bezogen auf den EU-Haushalt handelt. Die Frage, ob sich mit der EU-Mitgliedschaft für einen Staat mehr Vorteile oder mehr Nachteile verbinden, lässt sich nicht mit einer ausschließlichen Betrachtung des jeweiligen Saldos beantworten, da dieser zahlreiche Faktoren ausblendet. So zum Beispiel die politische Stabilität und Sicherheit, den freien Personenverkehr, den Binnenmarkt oder den Euro als Leitwährung.

Zudem fördert die EU laut Artikel 3 des Vertrags über die Europäische Union (EUV) "den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten". Und auch nach Artikel 174 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) setzt sich die Union "insbesondere zum Ziel, die Unterschiede im Entwicklungsstand der verschiedenen Regionen und den Rückstand der am stärksten benachteiligten Gebiete zu verringern". Abseits dieser vertraglichen Verankerung des Ausgleichs zwischen den EU-Mitgliedern ist auch dessen Wirkung nicht auf nationale Grenzen beschränkt: So fließt beispielsweise ein Teil der geschaffenen Nachfrage – direkt oder mittelfristig – zurück in die Nettozahlerländer oder die dortigen Verbraucher profitieren von Zahlungen im Agrarbereich.

Datenquelle

European Commission (Europäische Kommission): EU budget 2017 – Financial report; Eurostat: Online-Datenbank; Amtsblatt der Europäischen Union: Konsolidierte Fassungen des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (26. Oktober 2012)

Begriffe, methodische Anmerkungen oder Lesehilfen

Die operativen Haushaltssalden der Mitgliedstaaten werden als Differenz ermittelt zwischen den operativen Ausgaben (ausgenommen Verwaltung), die jedem Mitgliedstaat zugerechnet werden, und dem angepassten "nationalen Beitrag" jedes Mitgliedstaats. Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie in dem Abschnitt "Methode und Berechnung" im PDF-Icon Finanzbericht zum EU-Haushalt 2013 (PDF-Version: 8.800 KB).

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden. Das BIP ist gegenwärtig das wichtigste gesamtwirtschaftliche Produktionsmaß.

Bei einem Referendum des Vereinigten Königreichs am 23. Juni 2016 stimmten 51,9 Prozent für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union ("Brexit"). Am 29. März 2017 hat das Vereinigte Königreich dem Europäischen Rat seine Absicht zum Austritt aus der EU förmlich mitgeteilt und damit das Verfahren nach Artikel 50 des Vertrags von Lissabon angestoßen. Bis zum Abschluss der Austrittsverhandlungen bleibt das Vereinigte Königreich Mitglied der EU und zwar mit allen Rechten und Pflichten, die sich daraus ableiten.

Nettozahler und Nettoempfänger in der EU

Haushaltssalden der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), verschiedene Bezugsgrößen, 2017

Staaten Haushaltssalden 1
Anteil am BIP 2,
in Prozent
Euro pro Kopf in Mio. Euro
Deutschland -0,32 -128,9 -10.675,4
Schweden -0,29 -138,7 -1.403,5
Österreich -0,25 -105,8 -933,1
Dänemark -0,24 -121,5 -702,6
Vereinigtes Königreich -0,23 -80,7 -5.345,1
Italien -0,21 -59,2 -3.577,8
Frankreich -0,20 -68,0 -4.569,3
Niederlande -0,19 -81,0 -1.391,6
Belgien -0,16 -62,7 -715,7
Finnland -0,12 -50,0 -275,4
Irland -0,07 -35,7 -172,6
Luxemburg 0,04 23,1 13,9
Spanien 0,06 15,6 729,4
Zypern 0,27 58,8 50,8
Slowenien 0,34 70,2 145,1
Kroatien 0,55 63,8 261,9
Malta 1,00 220,1 104,7
Slowakei 1,17 180,0 979,6
Portugal 1,29 236,8 2.437,2
Tschechien 1,37 233,7 2.479,5
Rumänien 1,85 173,2 3.380,9
Polen 1,92 225,6 8.565,9
Lettland 1,98 272,6 527,3
Estland 2,09 357,1 471,1
Griechenland 2,10 348,3 3.740,7
Ungarn 2,66 320,9 3.137,5
Bulgarien 2,92 208,7 1.471,3
Litauen 3,14 450,5 1.265,5

1 operative Haushaltssalden nach Angaben der Europäischen Kommission

2 Bruttoinlandsprodukt


Quelle: Europäische Kommission: EU-Haushalt 2017 – Finanzbericht; Eurostat: Online-Datenbank


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