Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

21.11.2006 | Von:
Philipp Gessler

Sekundärer Antisemitismus

Argumentationsmuster im rechtsextremistischen Antisemitismus

Holocaust-Leugnung oder -Relativierung

Ein Element des Sekundären Antisemitismus ist die Holocaust-Leugnung oder -Relativierung - also die Wahnvorstellung, der Massenmord an den Juden habe gar nicht stattgefunden oder habe weit weniger Menschen getötet, als die Geschichtsschreibung festgestellt hat. Sie geht häufig einher mit dem Wunsch, das Ausmaß der NS-Verbrechen verbal zu verkleinern, den Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung und Ermordung zu unterstellen oder die Kriegspolitik der Alliierten mit den Verbrechen der Deutschen aufzurechnen.

Auch die Abwehr der Wiedergutmachung oder der Vorwurf, die Juden zögen Vorteile aus der NS-Vergangenheit, finden sich in diesem Komplex. Gerade letzterer Vorwurf verbindet sich öfter mit alten antisemitischen Klischees einer "jüdischen Geschäftstüchtigkeit", eines angeblich großen "jüdischen Einflusses" oder der "jüdischer Rachsucht" (,Auge um Auge ...'). Dieses Grundmisstrauen findet seine scheinbare Bestätigung immer dann, wenn tatsächlich von jüdischer Seite Forderung nach dem Erinnern an die Vergangenheit oder nach materieller Entschädigung gestellt werden. Zwei vor wenigen Jahren unternommene Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen (52 oder 54 Prozent) der Aussage zustimmt, "die Juden" nutzten die Erinnerung an den Holocaust für ihre eigenen Zwecke aus. Auch etwa 20 Prozent der Studentinnen und Studenten in Deutschland glauben einer Umfrage zufolge: "Die Juden verstehen es ganz gut, das schlechte Gewissen der Deutschen auszunutzen."

Nicht zuletzt alte Menschen, die durch den offiziell propagierten Antisemitismus während der NS-Zeit in ihrer Kindheit und Jugend geprägt wurden, neigen vermehrt zur Holocaustleugnung oder -relativierung. Einer neuen Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge, veröffentlicht 2006, stimmen über acht Prozent der deutschen Bevölkerung dem Satz "Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden" zumindest überwiegend zu. Und durch alle Generationen geht die Forderung, den Juden nicht länger zu helfen. Rechtsextremen Gruppen ist es ein sehr wichtiges Anliegen, den Holocaust zu leugnen oder zu relativieren, delegitimiert dieser doch ihre eigene Ideologie. Allerdings wird dies meist nur andeutungsweise versucht, weil die Holocaust-Leugnung in Deutschland strafrechtlich geahndet wird.

Holocaust-Leugnung und Revisionismus bei islamistischen Fundamentalisten

Spätestens seit den periodisch wieder kehrenden Ausfällen des iranischen Staatspräsidenten Mamud Ahmadinedschad (er hat den Holocaust bereits als "Märchen" bezeichnet) ist auch breiteren Kreisen im Westen offenkundig geworden, wie stark Tendenzen der Holocaust-Leugnung oder -Relativierung in der islamischen Welt sind. Der zurecht heftig kritisierte Karikaturen-Wettbewerb zum Thema Holocaust in Teheran im Herbst 2006 und die für den 11. und 12. Dezember geplante Konferenz "Review of the Holocaust: Global Vision", bei der es nach den Worten des iranischen Vize-Außenminister Manuchehr Mohammadi auch darum gehen soll, "ob die Nazis Gaskammern nutzten", sprechen die gleiche Sprache. Als antisemitische Attacken zu lesen sind auch die wiederholten, fast unverhüllten Drohungen Ahmadinedschads, Israel sei ein unrechtmäßiger Staat, den man von der Landkarte fegen müsse. Es sind ernst zu nehmende judenfeindliche Angriffe - auch angesichts des möglichen Strebens des iranischen Regimes nach der Atombombe. Denn das Verschwinden des Staates Israel wäre de facto nur durch einen weiteren Massenmord an Juden möglich.

Israel ist auch der Schlüssel zum Verständnis dafür, warum Judenfeindschaft, vor allem aber Holocaustleugnung und -relativierung im islamistischen Fundamentalismus eine so große Rolle spielen. Zum einen geht diese Ideologie davon aus, dass es eine weltweite jüdische oder zionistische Verschwörung gibt, dessen Speerspitze in der islamischen Welt Israel darstellt. Zum anderen wird durch die Leugnung oder Relativierung des Holocaust ein Grundpfeiler des israelischen Selbst- und Staatsverständnisses attackiert: Wenn es, so die Logik dieser judenfeindlichen Ideologie, keinen Holocaust gab oder dieser weit weniger verheerend gewesen ist, als von der Geschichtsschreibung festgestellt, dann gab es auch keinen wesentlichen Grund für die Gründung des Staates Israel. Israel als (jüdischer) Staat soll durch Holocaustleugnung oder -relativierung delegitimiert werden.

Und hier treffen sich islamistische Fundamentalisten und NS-Revisionisten bzw. Neonazis, die auch auf der geplanten Konferenz in Teheran erwartet werden: Die Neonazis greifen Israel an, meinen aber vor allem die Juden. Die islamistischen Fundamentalisten greifen Juden an, sie meinen vor allem aber Israel. Ihre gemeinsame Waffe ist die Holocaustleugnung und -relativierung. Den Neonazis geht es darum, ihre eigene Ideologie des deutschen "Herrenmenschen"-Stolzes zu stabilisieren, den islamistischen Fundamentalisten darum, den Staat Israel zu destabilisieren. Der NPD-Bundesvorstand hat eine Einladung zur Teheraner Konferenz erhalten.


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