Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbst gemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet.

21.4.2008 | Von:
Peter Philipp

Iran und Israel

Analog betrachten die iranische Führung, Hisbollah, Hamas und andere die Existenz Israels per se als "Besatzungsregime" und Israel als Fremdkörper in der Region. Und das nicht erst seit Ahmadinejad, sondern – was den Iran betrifft – seit der "Islamischen Revolution" 1979. Selbst ein im Westen so umworbener Präsident wie Ahmadinejads Vorgänger, der Reform-orientierte Mohamad Khatami, verfolgte in diesem Punkt keine andere Linie: Auch er nahm an den Versammlungen des "Qods" (Jerusalem-) Tages teil, bei denen Demonstranten "marg bar israïl" ("Tod Israel") forderten. Khatami ließ sich nie selbst zu solch radikalen Forderungen hinreißen, sein Außenminister, Kamal Kharazi, zeigte sich da schon resoluter: Auf die Frage eines arabischen Journalisten, ob Teheran israelisch-palästinensische Verhandlungen zu unterstützen oder doch wenigstens nicht zu behindern gedenke, meinte der Minister in einer Pressekonferenz: "Wenn die Palästinenser mit Israel verhandeln, dann ist das ihre Sache. Wir werden Israel aber nie anerkennen. Für uns ist das eine illegale Einrichtung".

Bei der Einschätzung von Ahmadinejads Haltung gegenüber Israel kommt aber noch ein Aspekt ins Spiel, auf den (nicht nur) die Islamwissenschaftlerin Mariella Ourghi verweist: Der iranische Präsident scheint sich mehr als seine Vorgänger als Wegbereiter des "Mahdi" zu sehen: Die Schiiten pflegen einen messianischen Glauben an die Rückkehr des 12. Imam, der im 9. Jahrhundert verschwand und dessen Wiederkehr eingeleitet und begleitet sein wird von großen Katastrophen und Bedrohungen des Islam. Die Hochstilisierung Israels und der USA zu den großen Feinden nicht nur der iranischen Führung, sondern des Islam schlechthin könne als eine Vorbereitung dieser Endzeitstimmung interpretiert werden, die Ahmadinejad kaum noch erwarten könne.

Unter den Iranern sind solche Gedanken nicht sonderlich verbreitet und viele belächelten die Erklärungen Ahmadinejads, er habe Visionen gehabt. So will er bei seiner ersten Rede vor der UN-Vollversammlung einen grünen Lichtschimmer gesehen und vermerkt haben, dass die Delegierten ihm sämtlich fasziniert zugehört hätten. Solche Beschreibungen, vom iranischen Präsidenten allen Ernstes verbreitet, überzeugen die meisten Iraner nicht, sie scheinen aber zu belegen, dass Ahmadinejad selbst daran glaubt, zu Höherem bestimmt zu sein.

Ohne es zu merken, vielleicht auch ohne es zu wissen, befindet er sich damit in großer Nähe zu denen, die er so vehement ablehnt und verteufelt und denen sich auch US-Präsident George W. Bush zugehörig fühlt: Evangelikale in den USA, die Israel unterstützen, weil sie glauben, dass das Kommen des Messias sich durch die große letzte Schlacht ("Armageddon") ankündigt, dass diese Schlacht bereits in vollem Gange sei und dass Israel sie bestehen müsse, damit der Messias überhaupt kommen kann.

Der iranische Präsident nutzt gleichzeitig zu propagandistischen Zwecken, dass ultra-orthodoxe jüdische Kreise (etwa die "Neturei Karta") den Staat Israel ablehnen, weil ihrer Meinung nach die Errichtung eines jüdischen Staates erst nach dem Kommen des Messias vorgesehen ist und der Mensch nicht dem göttlichen Zeitplan vorgreifen darf. Vertreter dieser Gruppen treten gelegentlich auch auf Konferenzen in Teheran auf, sie sind aber nicht mehr als "nützliche Idioten" im strategischen Planspiel Ahmadinejads, der sich natürlich nicht mit ihrer Vision vom Ergebnis der "großen Katastrophe" identifiziert, sondern der schiitischen von der Wieder-Erscheinung des "Mahdi".

Ob Ahmadinejad den "göttlichen Zeitplan" hierfür aktiv zumindest beschleunigen, wenn nicht sogar umsetzen will, bleibt eine Sache der Interpretation. Seine Gegner, besonders in Jerusalem und Washington, unterstellen ihm das jedenfalls und nehmen seine provokativen Erklärungen gegenüber Israel deswegen sehr ernst. Besonders in Verbindung mit seiner sturen Beharrlichkeit, sich allen Forderungen des Auslandes nach Beendigung der Uran-Anreicherung zu widersetzen.

Hieraus eine iranische Strategie zur Vernichtung Israels abzuleiten, ist auch trotz der aktiven Unterstützung Teherans für Gruppen wie "Hisbollah" und "Hamas" nicht zu belegen, anhand seiner bisherigen Atompolitik erst recht nicht: Der Iran, auch Ahmadinejad, betonen immer wieder, dass sie keine Atomwaffen anstreben und selbst Washington hat für solche Ambitionen bisher keine Beweise.

Der iranische Präsident gefällt sich aber darin, die von ihm ausgemachten Hauptgegner - Israel und USA – zu provozieren und ihren Niedergang vorherzusagen. Vielen Iranern ist das gar nicht recht, weil sie unter den Folgen zu leiden haben: Internationales Misstrauen, Druck, Sanktionen und Mangel an Sympathie – in internationalen Umfragen rangieren Iran und Israel am Ende der Beliebtheits-Skala – und einer latenten Kriegsgefahr: Präsident Bush wird seine Amtszeit wohl nicht noch mit einem Iran-Krieg beenden wollen, aber Jerusalem und Teheran schaukeln sich immer wieder gegenseitig hoch: Noch sind es Warnungen, dass ein Angriff katastrophale Folgen für die Gegenseite haben würde, aber bei manchem verstärkt sich das ungute Gefühl, dass die "Endzeit-Katastrophe" nicht mehr abgewartet werden muss, sondern dass sie bereits in vollem Gange ist.


bpb-Pressemitteilung (25.10.2018)

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