Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Die Salafiyya-Bewegung in Deutschland


21.5.2012
Am 5. Mai 2012 eskaliert in Bonn eine Demonstration gegen eine Pro-NRW-Kundgebung gewaltsam. Im Verlauf der Auseinandersetzungen verletzt der Salafist Murat K. mit gezielten Stichen mehrere Polizisten, zum Teil schwer. Kurz zuvor hatten Salafisten mit einer Koranverteilaktion in deutschen Städten auf sich aufmerksam gemacht. Wer sind die Extremisten, welche Ziele verfolgen sie?

epa03207189 Muslims pray during a demonstration of the right-wing extremist party Pro NRW in front of the Koenig Fahd Akademie in Bonn, Germany, 05 May 2012. About 25 supporters of Pro NRW faced 300-4000 counter-demonstrators. EPA/HENNING KAISERGegendemonstranten am 5. Mai 2012 in Bonn. Hunderte junge Muslime, viele davon Anhänger des fundamentalistischen Salafismus, waren im Stadtteil Bad Godesberg zusammengekommen, um gegen eine Kundgebung von pro NRW zu demonstrieren. (© picture-alliance/dpa)

Die Salafiyya-Bewegung in Deutschland



Salafisten verstehen sich als eine Erneuerungsbewegung, die es sich zum Ziel setzt, den Ur-Islam und seine damaligen Kulturzustände wiederherzustellen. Es handelt sich bei den Anhängern der Salafiyya um sunnitische Muslime, die für sich in Anspruch nehmen, den wahren Islam zu vertreten. Die Selbstbezeichnung ahl-al-salaf (Anhänger der Altvorderen) drückt eine Überzeugung aus, wonach nur die Vertreter der ersten drei islamischen Generationen den Islam richtig lebten.[1] Sie lehnen es ab, die Aussagen des Islam fortzuentwickeln und den zeitlichen Umständen anzupassen. Demnach soll der Islam von allen Zusätzen (Bida´) und Erweiterungen gereinigt werden und in seinem Ursprung gemäß der Vorgaben der Salaf gelebt werden. Hierfür müsse die Lebenswelt der Gläubigen nach den Vorgaben der Schari´a gestaltet und am Vorbild der ersten drei islamischen Generationen orientiert werden.[2] So verlangt die Salafiyya von ihren Anhängern die strikte Einhaltung des muslimischen Rechts und der traditionellen Einzelvorschriften des islamischen Lebensstiles bezüglich des Auftretens, der Kleidung, der Segregation, der Geschlechter etc.

Ein Kennzeichen der Salafiyya ist die Forderung nach einer wörtlichen Auslegung des Korans, die jegliche allegorische Deutung zu einem Missbrauch werden lässt. Damit gelten Vertreter anderer Konfessionen innerhalb des Islams wie z.B. die Schiiten als Ungläubige, die mittels des Djihads bekämpft werden müssen.

Die Salafiyya-Ideologie ist von einer dualistischen Einteilung der Menschen in Gläubige und Ungläubige geprägt. Als gläubig gilt nicht der gewöhnliche Muslim, sondern nur derjenige, der die Verhaltensvorschriften der Salafiyya minutiös befolgt und ihre theologischen Ansichten vorbehaltlos übernimmt. Salafisten exkommunizieren nichtsalafistische Muslime und erklären sie zu Ungläubigen. Diese Methode ist eine ihrer schärfsten Waffen und wird als takfir bezeichnet. Prinzipiell kann man das Denken des Salafismus als dualistisch charakterisieren. Man ist für oder gegen Gott, gut oder böse bzw. gläubig oder ungläubig.

Politische Ambitionen der Salafiyya



Oft wird das Verhalten von Salafisten als Aufbegehren gegen die Zerstörung der islamischen Kulturen interpretiert. Ein Blick in die Gedankenwelt der Salafisten verdeutlicht jedoch, dass sie Philosophie, Musik, Literatur und Poesie der islamischen Zivilisation als "Werk des Teufels" bekämpfen und jede Form von Volksreligiosität als Unglaube ablehnen. Ihre Auffassung des Islams entspricht damit nicht der islamischen Tradition, vielmehr ist sie eine aktuelle Konstruktion mit einer klar definierten politischen Agenda.

Salafisten verfolgen das Ziel der totalen Transformation der Gesellschaft. Dabei wird das westliche Konzept von Demokratie und Menschenrechten als unislamisch abgelehnt. Diese Feindschaft basiert auf dem Grundgedanken, dass der westliche Staat als Aggressor das salafistische Projekt einer islamischen Neuordnung verhindert. Die von ihnen mittelfristig angestrebte Islamisierung soll sowohl den privaten als auch den öffentlichen Bereich dominieren. Damit verfolgen sie eine radikale Ideologie, die durchaus als Antithese zur liberalen Demokratie verstanden werden kann. Sie handeln entlang einer radikalen Interpretation der islamischen Vorstellung von Da´wa, dem Missionieren zum Islam. In diesem Kontext muss auch die Koranverteilaktion in Deutschland im Frühjahr 2012 interpretiert werden.

Die Tatsache, dass nur ein Teil der Salafiyya-Anhänger Gewalt als legitimes Mittel für diese Transformation betrachtet, macht diese Gruppen nicht minder gefährlich. Sie agieren entlang einer polarisierenden Mischung aus traditionellen Vorstellungen und politischen Ambitionen. Die der Salafiyya innewohnenden Weltanschauungen liefern das notwendige Rüstzeug für militante Jihadisten. Anders formuliert, nicht jeder Salafiyya-Anhänger ist ein Gewalttäter, allerdings legitimiert die Salafiyya und fordert in letzter Konsequenz den gewaltsamen Jihad. Von den Denkern der Bewegung werden so Mission und militanter Kampf als zwei Seiten einer Medaille, als Jihad, gelehrt. Dabei profitiert die Gruppe – ob kampforientiert oder missionarisch – von mitunter legalen Strukturen, die sie in Deutschland unterhält.

Aufgrund ihrer eindeutigen Demokratiefeindlichkeit und der von ihnen angestrebten Überwindung der Verfassung werden salafistische Bestrebungen in Deutschland von den Sicherheitsbehörden als ernstzunehmende Bedrohung eingestuft und entsprechend beobachtet.

Salafismus in Deutschland - eine Jugendprotestbewegung



Als transnationale religiöse Bewegung entfaltet sich die Salafiyya in Deutschland innerhalb der muslimischen Diaspora-Community und entwickelt sich zu einer beachtlichen Größe. Nicht zuletzt seit dem 11. September 2001 tauchen vor allem muslimische Jugendliche immer wieder als Problem in deutschen Debatten auf. Die Integrationsdebatte verengte sich auf den Islam, der Diskurs wurde in Richtung Sicherheitspoltik gewendet. Durch den salafistischen Terror weltweit entstand gleichzeitig ein islamfeindliches Klima. Wilhelm Heitmeyer konstatiert in seiner Studie "Deutsche Zustände" hierzu: "Islamfeindlichkeit ist konsensfähig, auch bei jenen, bei denen es bisher nicht zu erwarten war."[3]

Die auf diese Weise verstärkten Identitätskrisen bringen Jugendliche dazu, in eine "negative Identität"[4] zu flüchten, so dass das Gefühl sozialer Minderwertigkeit zu einem negativen Selbstbild verinnerlicht wird. Merkmal der negativen Identität ist das fehlende Vertrauen in die Umgebung. Negative Identitäten sind sozial unerwünschte oder vom Individuum als Abweichung von der Norm bewertete Verhaltensmuster. Negative Identität äußert sich hauptsächlich als Trotz und Ablehnung gegen gesellschaftliche Vorgaben. Auf dieser Ebene können keine normalen sozialen Beziehungen aufgebaut werden, denn in einer instabilen und widerspruchsvollen Kultur ist es Menschen kaum möglich, eine stabile Persönlichkeit zu bilden. Reflexartig reagiert ein Teil dieser Jugend darauf mit der Idealisierung der eigenen islamischen Identität. Die Probleme werden auf den "verschwörerischen Westen" projiziert, der den Islam bzw. das Fremde schlecht mache. Diese Reaktion ist Ausdruck einer tiefempfundenen Ohnmacht, welche ihrerseits die Folge massiver gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ist. Im Ergebnis lässt sie sich auf schwache soziale und familiäre Strukturen zurückführen. Eine solche ethisch labile Zwischenwelt spüren junge Menschen besonders. Sie orientieren sich an kulturellen Bewegungen und suchen nach neuen Formen der Identität und des sinnstiftenden Selbstverständnisses ihrer Lebensverhältnisse. Eine Identitätskrise macht Jugendliche anfällig dafür, sich autoritären Gruppen und Bewegungen anzuschließen, die ihnen feste Normen und Werte vorschreiben. Dies erklärt unter anderem die Tatsache, dass viele junge Menschen in salafistischen Gruppen aktiv sind.

Salafistische Gruppen vermitteln diesen jungen Menschen eine positiv konnotierte Gruppenidentität und das Gefühl, ihnen aus ihrer Krise herauszuhelfen. Dabei ist immer zu bedenken, dass kollektive Identitäten strategische soziale Konstruktionen[5] sind, die sich durch eine enge Verflechtung von Ideen, Weltanschauungen, Religionen und Ideologien sowie soziokulturellen Werten konstituieren. Die Interaktionen innerhalb der Salafiyya-Gruppe bewirken, ähnlich wie in anderen Gruppenbildungsprozessen, dass über einen längeren Zeitraum hinweg Rollenmuster, Interaktionsketten und Gruppenstrukturen entstehen und bestimmte Gruppenziele, Werte und schließlich ein Kollektivbewusstsein entwickelt werden, nach dem die Mitglieder ihr Verhalten ausrichten. Die Entstehung des Zusammengehörigkeitsgefühls einer Gruppe hat automatisch zur Folge, dass sie zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern, zwischen "uns" und den anderen, zwischen "wir" und "ihr" unterscheidet. Das bedeutet, dass in dem Moment, wo sich eine Gruppe gebildet hat, deren Angehörige sich naturgemäß von anderen Menschen abgrenzen, welche nicht zu dieser Gruppe gehören. Dies wäre nicht besonders problematisch, wenn der Diskurs der Salafiyya in Deutschland nicht derart polarisierend und hasserfüllt wäre. Dieser Hass nährt sich aus einer salafistischen Weltanschauung, die totalitäre Kategorien vorgibt. Die dualistische Weltsicht und die fehlende Fähigkeit zur Reflexion sind zentrale Eigenschaften der Salafiyya. Der von ihren Anhängern gepflegte Hass auf das Fremde ist eine fanatische Überkompensation, also eine psychologische Bewältigungsstrategie, die auf persönlichem Scheitern und empfundener Benachteiligung beruhen.[6]

Die Diskussion über die Bildung von Identität und die angebotene salafistische Weltanschauung als Alternativprojekt innerhalb der islamischen Jugendszene[7] ist daher von besonderer Bedeutung für die demokratische Grundordnung und mit der Debatte über Neonazismus vergleichbar. Die Durchsetzung einer solchen negativen Defensividentität, wie wir sie im salafistischen Diskurs beobachten können, radikalisiert junge Menschen und gefährdet den gesellschaftlichen Frieden. Wichtige Vertreter der Salafiyya in Deutschland wie Pierre Vogel, Reda Seyam oder Hassan Dabbagh profitieren davon, sie pflegen und katalysieren zugleich diese Fehlentwicklung.


Fußnoten

1.
Vgl. Ali-Jum´a, Mohammad (2010): Der Begriff und das Problem seiner Umsetzung (arabisch), 2. Auflage, Beirut.
2.
Vgl. Dallal, Ahmad (2000): Appropriating the Past: Twentieth-Century Reconstruction of Pre-Modern Islamic Thought, in: Islamic Law and Society 7, no. 1 (Leiden, 2000): 347.
3.
Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2010): Deutsche Zustände: Folge 9. Berlin, S. 69.
4.
Foroutan, Naika / Schäfer, Isabel (2009): Hybride Identitäten – muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr 5, 2009, S. 12f.
5.
Finnemore, Martha / Kathryn Sikkink: International Norm Dynamics and Political Change, in: International Organization 1998 52: Nr. 4, S. 887-917.
6.
Hole, G.: Fanatismus. Der Drang zum Extrem und seine psychischen Wurzeln, Gießen 2004, S. 26.
7.
Cavuldak, Ahmet (2011): Jugendszenen in Deutschland – zwischen Islam und Islamismus, in Konrad-Adenauer-Stiftung, Analysen & Argumente, Ausgabe 97 Oktober 2011, Berlin. Darin werden die Debatte über die Vielfalt innerhalb der islamischen Jugendszenen und die Bedeutung dieser Vielfalt im Identitätsbildungsprozess muslimischer Jugendlicher deutlich.
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