Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Der "Islamische Staat": Interne Struktur und Strategie


23.4.2015
Der Islamische Staat hat sich über Jahre hinweg entwickelt. Anders als al-Qaida strebt er eine lokale Herrschaft an. Und hat für die Verfestigung seiner Macht entsprechende Strukturen ausgebildet.

Der Kalif des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, am 2.12.2014.Der Kalif des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, am 2.12.2014. (© picture-alliance/AP)

Die Ursprünge und Entwicklungen der gegenwärtigen jihadistischen Organisationen im Nahen Osten lassen sich schematisch über drei aufeinander bezogene Prozesse nachzeichnen. Die extremste Erscheinungsform, der "Islamische Staat", ist in Reaktion auf die von den USA angeführten Angriffe auf den Irak und infolge der nachfolgenden Besatzung entstanden. Unter despotischen Regime-Cliquen, den um sich greifenden anarchischen Zuständen und Menschenrechtsverletzungen konnten bewaffnete Kampfgruppen mit ihrer islamisch grundierten Befreiungs- oder Vergeltungsrhetorik entstehen, gedeihen und über ihren lokalen Kontext hinaus an Anhängerschaft gewinnen. In den verschiedenen Entwicklungsstufen sind bestimmte Führer an unterschiedlichen Orten in Erscheinung getreten, die zugleich jeweils eigene Generationen an jihadistischen Kämpfern hervorbrachten und eigene ideologische Akzente, Strategien und Taktiken setzten. Zu den Anführern der ersten Generation zählen Abdullah Azzam und Osama bin Laden, die zu Beginn die al-Qaida-Organisation gegründet haben. Diese war damals das Resultat der Kombination aus drei unterschiedlichen Komponenten:
  1. Der Wahhabi-Salafismus Saudi-Arabiens (Osama bin Laden), gekoppelt an
  2. die Übernahme dynamischer Strukturen der Muslimbruderschaft (Abdullah Azam) und an die
  3. Neo-Jihadistische Bewegung aus Ägypten (Aiman az-Zawahiri).
Das Resultat war die Entstehung der ersten Organisation von Jihadisten mit überregionaler Ausprägung. Abu Musab az-Zarqawi steht für die zweite Generation von Jihadisten und trat seit 2003 im Irak als al-Qaida-Vertreter in Erscheinung.

Die regionale Zweigstelle al-Qaidas im Irak entwickelte sich indessen in mehreren aufeinanderfolgenden Stadien, bis daraus die Organisation "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" entstand. Im Sommer 2014 (29.06.2014) rief sie die Wiederbelebung des "islamischen Kalifats" in den Regionen aus, die unter ihrer Kontrolle standen. Somit repräsentiert die IS bzw. ISIS die dritte Generation der sogenannten jihadistischen Gruppen.

Wie haben sich diese Organisationen im Laufe der Zeit entwickelt? Welche Strategie haben die jeweiligen Führungs-Generationen verfolgt und welche Strukturen hervorgebracht?

Entwicklung der Strategie und der Ziele



Erste Generation
Der ehemalige Chef und Begründer von al-Qaida, Osama bin Laden, erklärte kurzerhand: "Wir führen einen Jihad gegen die Kreuzfahrer und Juden". Er meinte damit den in weiten Teilen ehemals kolonialisierter Länder des Nahen und Mittleren Ostens sogenannten "westlichen und zionistischen Imperialismus" und nicht die Religionen als solche. Al-Qaida traf damit einen empfindlichen Nerv, der in einer weit verbreiteten Unzufriedenheit über die dortigen Regimes und die Eingriffe von außen umgeschlagen war.

Dazu entwickelten die al-Qaida und ihre Tochterorganisationen eine klare Strategie des dynamischen Angriffs nach dem Prinzip der gegenseitigen Abschreckung, indem sie netzartige und zugleich flexible Strukturen aufspannten, durch die sie den Gegner an jedem Ort der Welt schmerzhaft angreifen und sich anschließend wieder schnell zurückzuziehen konnten. Besonders deutlich ist dies an den folgenden Angriffen und Anschlägen geworden, die von al-Qaida verübt wurden:
  • World Trade Center in New York im Jahre 1993
  • Khobar Towers in Saudi-Arabien im Jahre 1996
  • US-amerikanische Botschaften in Kenia und Tansania 1998
  • US-Schiff Cole in Aden in Yemen, im Jahre 2000
Die Art von Angriffen waren zur damaligen Zeit als unmittelbare Reaktion auf die Präsenz der amerikanischen Streitkräfte in der Golfregion unternommen worden, außerdem wegen fortdauernder Tyrannei und undemokratischer Staatsordnungen in der arabischen Region. Diese Rahmenbedingungen führten in den darauf folgenden Jahren dazu, dass die jihadistischen Organisationen kontinuierlich durch neue Mitglieder erstarken konnte, die deren Angriffe zunächst als – aus ihrer Warte – legitime Akte der Verteidigung und Vergeltung unterstützen wollten.

Zweite Generation
Im Jahr 2003 griff az-Zarqawi auf sein altes Netzwerk aus Herat/Afghanistan zurück und gründete eine neue Gruppe, die später "al-Tawheed wa al-Jihad" genannt wurde. Am 8. Oktober 2004 hat sich diese Gruppe al-Qaida angeschlossen. Sie wurde dann in "Qaida al-Jihad in Bilad al-Rafedeen" umbenannt, zu Deutsch "der Stützpunkt des Jihad im Zweistromland". Seitdem hat sich diese Gruppe als eine Art Zweigstelle der al-Qaida im Irak verstanden.

Zarqawis Zielsetzung hat sich mit der Zeit sukzessive fortentwickelt: Von der ursprünglich anvisierten Befreiung des Iraks von der amerikanischen Besatzung hin zum Sturz der dortigen schiitischen Regierung. Schließlich ist daraus ein weit angelegter Kampf zur "Errichtung eines Islamischen Staates" erwachsen. Die skrupellose und ungezügelte Natur des von ihnen geführten Kampfes ist zu einem großen Teil in Gefechte mit anderen islamischen Gruppierungen umgeschlagen, zunächst in Gefechte zwischen sunnitischen und schiitischen Lagern und schließlich in einen umfassenden Kampf zwischen verschiedenen sunnitischen und schiitischen Fraktionen.

Im Laufe der Zeit wurde deshalb immer fraglicher, ob die Gruppe um az- Zarqawi herum sich selbst noch als Untereinheit der al-Qaida verstand oder von ihr so geführt und betrachtet wurde. Die Auswertung von Informationen aus dem von bin Laden genutzten PC nach seinem Tod haben nämlich zahlreiche Hinweise auf die gespannten Beziehungen unter den Führern der al-Qaida und der Bewegung mit der Selbstbezeichnung "al-Tawhid wa-l-Jihad" geliefert. Die Spaltung blieb zunächst auf ideologischer Ebene bestehen, wurde überwiegend hinter den Kulissen geführt und trat somit nur selten in die Öffentlichkeit.

Dennoch wurde über die Gefechte unter verschiedenen muslimischen Gruppierungen der ursprünglich proklamierte "Kampf gegen die Kreuzfahrer und die Juden" verwässert und davon überlagert, dass er faktisch zu einem blutigen Kampf unter verschiedenen muslimischen Gruppierungen geworden war. Durch interne ideologische Konflikte wurde zudem der Zusammenhalt unter den im Rahmen der Bewegung agierenden radikal-islamistischen Parteien geschwächt. Über diese Innere Spaltung der einzelnen jihadistischen Gruppierungen haben sich wiederum zwei weitere Strömungen in den Jahren 2012 und 2013 entwickelt, die uns gegenwärtig unter den Namen "Jebhet al-Nusra" und "Islamischer Staat" geläufig sind.

Zarqawi war jedoch schon im Juni 2006 getötet worden und hatte zunächst eine stabile und agile Organisation hinterlassen. Im Oktober 2006 kündigte sein Nachfolger (Abu Omar al-Baghdadi) programmatisch die Etablierung "des Islamischen Staates im Irak" an. Damit war als strategische Ausrichtung unter seiner Führung die Gründung eines sunnitischen Staates auf irakischem Boden benannt, um weitere Anhänger unter der seit 2003 stark benachteiligten sunnitischen Bevölkerung zu gewinnen.

Dritte Generation

Abu Bakr al-Baghdadi übernahm die Führung, nachdem sein Bruder Abu Omar im April 2010 von amerikanischen Streitkräften getötet worden war. In dieser Phase lag das Augenmerk der Kämpfer in erster Linie darauf, Bodengewinne zu erzielen. Der Bewegung ging es zunehmend um die Erlangung von Macht, um den Gewinn von Einfluss und um lokale Ressourcen. Damit richteten sie sich gegen alle anderen Gruppierungen, die sich in den entsprechenden Gebieten betätigten. Längst konzentrierte man sich nicht mehr auf das irakische Territorium, sondern ging darüber hinaus, so dass Kämpfe auf syrischem Boden auf die Eroberung erstens von Gebieten mit größeren Öl- beziehungsweise Nahrungsressourcen abzielten oder aber zweitens auf Städte mit strategischer Bedeutung (Verwaltungszentren oder Nähe zu Grenzübergängen), sowie drittens auf Ortschaften, die einer künftigen Expansion den Weg ebnen konnten. Al-Baghdadi erklärte schließlich den Krieg gegen all jene jihadistischen Kämpfer, die nicht die eigenen Vorstellungen teilten. Die Folge dieser Haltung war, dass man dem Zusammenhalt mit anderen islamischen Strömungen zur Bekämpfung des auswärtigen Feindes keine Bedeutung mehr beimessen wollte.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-sa/3.0/ Autor: Ghiath Bilal für bpb.de

 

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