Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Islamismus - Was ist das überhaupt?

Definition - Merkmale - Zuordnungen


9.9.2011
Bei "Islamismus" denken viele nur an Terror und Gewalt. Dabei gibt es auch Islamisten, die keine Gewalt einsetzen bei der Verfolgung ihrer Ziele. Ihre Vision eines islamischen Staats verfolgen sie dennoch hartnäckig.

Hausdurchsuchung in einem islamischen Kulturzentrum in Berlin, 8. September 2011. Kurz vor dem Jahrestag von 9/11 sind in Berlin zwei Männer festgenommen worden. Möglicherweise hatten sie Anschläge geplant.Hausdurchsuchung in einem islamischen Kulturzentrum in Berlin, 8. September 2011. Kurz vor dem Jahrestag von 9/11 sind in Berlin zwei Männer festgenommen worden. Möglicherweise hatten sie Anschläge geplant. (© AP)

Einleitung und Fragestellung



Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist der Begriff "Islamismus" in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Debatte kontinuierlich präsent. Häufig wird er mit Bezeichnungen wie "islamischer Fundamentalismus", "Jihadismus" oder "radikale Muslime" synonym verwendet. Doch was damit genau gemeint ist, bleibt häufig unklar. Meist sollen mit "Islamismus" solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung begrifflich erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen. Diese Auffassung ignoriert, dass es sehr wohl auch Islamisten gibt, die nicht in der Gewaltanwendung ihr vorrangiges politisches Instrument sehen. Mit der einseitigen Fixierung auf diesen Handlungsstil beraubt man sich einer wichtigen Erkenntnis: Islamistische Auffassungen sind aus demokratietheoretischer Sicht grundsätzlich problematisch – unabhängig von einer latent oder manifest vorhandenen Gewaltbereitschaft.

Definition von Islamismus allgemein



"Islamismus"ist eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islam die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben. Der ideologische Ursprung der gemeinten Bewegung liegt in inner-islamischen Reformbestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die organisatorische Wurzel ist in der 1928 in Ägypten gegründeten "Muslimbruderschaft" zu sehen. Allen späteren Strömungen war und ist die Absicht eigen, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Dies bedeutet: Religion und Staat sollen nicht mehr getrennt und der Islam institutionell verankert sein. Damit einher geht die Ablehnung der Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Handlungsstile zwischen Gewalt und Politik



Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung sind keineswegs alle Islamisten grundsätzlich gewaltorientiert bzw. zu terroristischen Handlungen bereit. Idealtypisch lassen sich folgende vier Handlungsstile unterscheiden, wobei sie wiederum zwei Obergruppen zugeordnet werden können: Gemeint sind damit gewaltgeneigte und reformorientierte Strömungen, also ein "jihadistischer" und "institutioneller Islamismus" (Bassam Tibi). Für den letztgenannten Bereich wären etwa Parteien zu nennen, welche auf parlamentarischem Weg nach erfolgreichen Wahlen wirken wollen. Islamisten, die mehr auf die Sozialarbeit ausgerichtet sind, geht es um die Gewinnung von Anhängern durch Präsenz im Alltagsleben. Bei den gewaltgeneigten bis terroristischen Gruppen im Islamismus unterscheidet man zwischen denen, die lediglich in ihren Heimatländern Gewalttaten begehen, und denen, die auch in anderen Ländern solche Taten beabsichtigen. In der Realität mischen sich mitunter mehrere dieser Handlungsstile mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Verhältnis Islam und Islamismus



Wie sich Islam und Islamismus zueinander verhalten, darüber gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen: Die eine Auffassung geht davon aus, dass kaum ein Unterschied zwischen Islam und Islamismus bestehe, da der Islam sich als Religion auch auf die Lebensweise und damit ebenso auf die Politik beziehe. Diese Sicht erklärt letztendlich jeden Muslim zum Islamisten, was weder der Realität in den westlichen noch in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften entspricht. Die andere Auffassung postuliert, dass Islamisten den Islam lediglich im eigenen Interesse instrumentalisieren und daher kein Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus bestehe. Diese Deutung unterschlägt den grundlegenden Stellenwert der Berufung auf den Islam und der Identitätsbildung über diese Religion im Islamismus. Demgegenüber soll hier für die Auffassung von der "Islamismuskompatibilität des Islam" (Armin Pfahl-Traughber) plädiert werden, wonach die Islamisten zwar nicht die einzige, aber eine mögliche Deutung des Islam vertreten.

Anknüpfungspunkte in Basis und Geschichte des Islam



Dazu verweisen sie auf Aussagen im Koran und die Geschichte dieser Religion: Im Koran finden sich Aussagen, die einen Absolutheitsanspruch für den eigenen Glauben und Ausgrenzungstendenzen gegenüber Andersgläubigen zum Ausdruck bringen. Hierzu gehören auch abwertende und diffamierende Worte über die Juden, findet man doch im islamistischen Antisemitismus häufig einschlägige Bezüge und Zitate. Bereits die Frühgeschichte des Islam war nach muslimischer Überlieferung dadurch geprägt, dass Mohammed zunächst zwar nur als Prophet, danach aber auch als Politiker und Feldherr auftrat. Hieraus leiten Islamisten die Notwendigkeit ab, Religion und Politik wieder zu vereinen, denn schon Mohammed habe diese Einheit postuliert. Auch in seiner Nachfolge wurden Eroberungskriege im Namen der Religion geführt, zunächst aus dem arabischen Raum, später dann über das Osmanische Reich bis nach Europa hinein. Sie gelten Islamisten als historisch-politischer Bestandteil ihres Islamverständnisses.


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