Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

1.8.2011 | Von:
Reinhard Möller

Endzeitvisionen als Quelle islamistischer Gewalt?

c) Osama bin Laden und al-Qaida

Für den am 2. Mai 2011 von einer US-Spezialeinheit erschossenen saudischen Terroristenführer Osama bin Laden stand ebenfalls der Dschihad im Mittelpunkt seiner fundamentalistischen Weltsicht. Stark beeinflusst war der aus äußerst wohlhabender Familie stammende und selbsternannte Gottesgelehrte von seinem palästinensischen Lehrmeister Abdallah Azzan, der den Märtyrerkult verherrlichte.

Beim Vordringen von Ungläubigen in das Gebiet des Islam (z.B. Palästina, Afghanistan, Saudi-Arabien / US-Militärstützpunkte auf dem Territorium) werde – so einst bin Laden – der bewaffnete Dschihad zur Verpflichtung für jeden Muslim.

Am Widerstand der afghanischen Mudschaheddin zusammen mit tausenden von arabischen Glaubensbrüdern gegen die sowjetischen Truppen (1979-89) beteiligte auch er sich, vor allem in finanzieller Hinsicht. Anfang der 1990er Jahre baute er unter dem Schutz der Taliban die Terrororganisation al-Qaida mit zahlreichen Ausbildungslagern am Hindukusch auf. Und 1998 rief er dort zum Dschihad gegen Juden und Kreuzzügler auf, in erster Linie gegen die zum "großen Satan" dämonisierten USA und deren Verbündete.

Mit den von al-Qaida serienweise ausgelösten Terroranschlägen - mit den verheerenden Attacken in New York und Washington als Höhepunkt - versetzte er die ganze Welt in Angst und Schrecken. Amerika schlug mit seinen Verbündeten in Afghanistan zurück, beendete die Taliban-Herrschaft und schaltete al-Qaida aus – nicht aber den Drahtzieher hinter den meisten Anschlägen, bin Laden.

Al-Qaida ist allerdings heute noch als dezentralisiertes Terrornetzwerk resp. Leitstelle für extremistische Ideologie und Know-how für Dschihad-Operationen aktiv. Aufzeichnungen der Todespiloten von New York und Washington deuten darauf hin, dass diese sich mit radikal-islamistischen Einstellungen wie dieser identifizierten: "Für niemanden gibt es etwas Besseres, als die Verse des Korans zu lesen, wo Gott gesagt hat, dass man das, was man im jetzigen Leben hat, für ein anderes, besseres Leben im Himmel aufgeben solle." (zitiert nach Heine, 140)

Bin Laden selbst dürfte in gewissen Phasen seines Lebens davon überzeugt gewesen sein, dass gerade im Dschihad zu Tode gekommene muslimische Märtyrer von Allah mit dem unmittelbaren Zugang zum Paradies belohnt würden.

Fazit

Wie die Fallbeispiele zeigen, kann man davon ausgehen, dass bei einer kleinen Minderheit von radikalen, religiös geprägten Islamisten Zusammenhänge zwischen deren eschatologisch-apokalyptischen Anschauungen und den von ihnen ausgeübten oder angeordneten Gewaltakten bestehen. Endzeitvorstellungen wie die vom Dschihad als "heiligem Krieg", vom unmittelbaren Zugang islamistischer Märtyrer zum Paradies und dem künftigen Reich des Mahdi sind allerdings nur ein Element der Erklärung. Darüber hinaus sind weitere gewaltauslösende Faktoren objektiver wie subjektiver Art in den Blick zu nehmen. So z.B. krisenhafte Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des Nahen und Mittleren Ostens und die daraus resultierenden individuellen Nöte und Frustrationen.

Einfache monokausale Erklärungen greifen zu kurz. Es ist des Weiteren auch schwierig, authentischen Endzeitglauben von bloßer religiöser Rhetorik zu unterscheiden und Instrumentalisierungen von Eschatologie zu erkennen.

Wie ernst man auch immer eschatologisch-apokalyptische Aussagen nehmen mag: Die Verwendung von heilsgeschichtlichem Vokabular ist geeignet, ein Klima von extremer Entschlossenheit und Radikalität entstehen zu lassen, aus dem heraus sich Gewalt und Terror entwickeln können.

In westlichen Diskursen ist die gesamte Thematik ein wenig in den Hintergrund geraten. Islamwissenschaftler und Terrorismusexperten wären aber gut beraten, endzeitliche Orientierungen radikaler Islamisten in ihre Analysen einzubeziehen.

Literatur

Ahmad, Hisham A.: Hamas – From religious salvation to political transformation, the rise of Hamas in Palestinian Society, Jerusalem 1994.

Armstrong, Karen: Im Kampf für Gott, München 2004.

Büttner, Friedemann: Islamischer Fundamentalismus – Politisierter Traditionalismus oder revolutionärer Messianismus? In H. Bielefeldt und W. Heitmeyer (Hrsg.): Politisierte Religion, Frankfurt/Main 1998.

Halm, Heinz: Der Islam, München 2002.

Heine, Peter: Terror in Allahs Namen, Freiburg/Basel/Wien 2001.

Laqueur, Walter: Die globale Bedrohung, München 2001.

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