Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Islam und Recht


4.10.2007
Immer wieder berufen sich religiöse Fanatiker auf angebliche Gebote, die sie aus dem Koran ableiten. Dabei ist das islamische Recht durch die Notwendigkeit der Interpretation und Ableitung vielseitig ausgestaltet und regional sehr verschieden. Was steht hinter Begriffen wie Fiqh und Scharia?

Scheidungsverfahren vor einem islamischen Gericht in Ahmadabad, Indien, am 25.11.2008.Scheidungsverfahren vor einem islamischen Gericht in Ahmadabad, Indien, am 25.11.2008. (© AP)

Der Islam



Im Jahre 610 AD beginnen die Offenbarungen, die Mohammad aus der Sippe der Qureish in Mekka im heutigen Saudi Arabien erfährt. "Rezitiere im Namen Deines Herrn, Der erschaffen hat" (Sure 96) sagt Gottes Engel Gabriel - so die Überlieferung - und Mohammad spricht ihm nach. So bedeutet auch das arabische Wort "Qur'an" Rezitation. Im Laufe der nächsten 22 Jahre verkündet der Prophet Mohammad zunächst in Mekka und dann in Medina die Lehre von dem einen unsichtbaren Gott. Der Islam ist keine neue Religion, wie der Koran selber betont, sondern setzt das Judentum und das Christentum fort. Der Islam erhebt allerdings den Anspruch, die letzte und universale Gestalt der Religion zu sein, der die reine Form der Religion wieder herstellen soll.

Mohammads Predigten sind revolutionär und erregen den Unmut der Mekkaner. Im Jahre 622 muss er nach Medina emigrieren. Dort wird Mohammad Richter und Oberhaupt der islamischen Gemeinde, die aus 75 Personen besteht. Das Recht, das er spricht, besteht nicht aus feststehenden Regeln, sondern leitet sich aus den Offenbarungen und der Praxis der islamischen Gemeinde ab. Dies stellt die einzige Zeit in der islamischen Geschichte dar, in der man von der Einheit von Politik, Religion und Recht sprechen kann. Mohammad ist als einziger in der Lage alle aufkommenden Fragen zum Koran aufzufangen und ungeklärt gebliebene Probleme zu interpretieren.

Der Islam breitete sich schnell aus. Hundert Jahre nach dem Tod Mohammads reicht das islamische Reich im Nordwesten bis nach Spanien, im Osten bis Malaysia und Indonesien. Heute bekennen sich rund 1,5 Milliarden Menschen, also etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung, zum Islam. Diese Menschen und die Traditionen, denen sie verhaftet sind, haben ihr eigenes Bild des islamischen Glaubens geprägt und regionale und soziale Faktoren trugen zu einer außergewöhnlichen Vielfalt in der Ausgestaltung der islamischen Religion bei. Einer dieser Faktoren ist das Recht.

Das Recht



Das Verhältnis zwischen der Religion und der Rechtsordnung eines Landes hängt insbesondere davon ab, wie die Staatsform ist. So ist etwa der Iran seit 1979 als theokratischer Gottesstaat konzipiert, während die Republik Türkei seit ihrer Entstehung laizistisch ist. Nachdem beide Staaten eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung haben, stellt sich die Frage, welchen Anspruch der Islam auf die Rechtsordnung und ihre Gestaltung erhebt. Der Koran enthält keine präzisen Angaben über die Verfassung oder sonstige politische Organisation der islamischen Gemeinde. Nach dem Koran ist Gott das Oberhaupt der Gemeinde, alle Muslime sind gleich vor Gott und die Frömmsten unter ihnen genießen das höchste Ansehen. Der Koran gebietet den Gläubigen Gehorsam gegenüber Gott, dem Propheten und jenen, die an der Macht sind (Sure 4 Vers 59). Auch hinterlässt Mohammad bei seinem Tode im Jahre 632 keinen vollendeten Staat, sondern vielmehr ein Gemeinwesen mit einem hohen Grad an Zentralisation und einer Vorstellung vom Primat des Gesetzes oder einer höheren Autorität bei der Beilegung von Konflikten. Die Entwicklung politischer Institutionen, wie das Kalifat oder das Imamat bei den Schiiten, erfolgte durch die Muslime selbst.

Wie alle monotheistischen Religionen, beinhaltet auch der Islam den Glauben an einen Schöpfer, der durch das Medium von Offenbarern mit dem Menschen, seinem Geschöpf, kommuniziert, um ihm den richtigen, zum Heil führenden Weg zu weisen. Die Religion, hier der Islam, nimmt also für sich in Anspruch, neben den Pflichten der Individuen gegenüber Gott auch das Verhältnis der Menschen zueinander zu regeln. Diese Verhaltensvorschriften - moralische und ethische sowie alle Gebote und Verbote, die weltliche Belange berühren und die Glaubenslehre - haben alle ein gemeinsames Ziel: die Verwirklichung des Willen Gottes auf Erden. Das hat zur Folge, dass idealerweise die Religion den Rahmen festlegt, in dem sich das geistige, gesellschaftliche und soziale Leben der Gläubigen abspielt. Alle Bereiche des sozialen Seins sollen sich an den ethischen Grundlagen der Religion orientieren, um dem Ideal einer moralisch-religiösen, ethischen Gesellschaft so nah wie möglich zu kommen. Würden alle moralischen Vorschriften der Religion in jedem Aspekt des menschlichen Verhaltens eingehalten, wäre das Ideal erreicht, und es wäre nicht notwendig, ein Rechtssystem zu entwickeln.

Die heute identifizierbaren sozialen Kategorien von Recht, Moral und Ethik bilden das Ganze der Religion. Werden sie einzeln und isoliert voneinander betrachtet, so erscheinen sie in einem verfälschten Licht. Das bedeutet aber nicht, dass es kein Eigenleben des Rechts im Islam gibt. Es bedeutet nur, dass der Rechtsbegriff aus der Religion besondere Charakteristiken und Funktionen hat, die ein weltliches, säkulares System nicht hat. Während in säkularen Systemen Veränderungen in der Gesellschaft, Veränderungen im Recht verlangen, ist es Aufgabe des religiösen Rechts die Gesellschaft zu verändern, sie zu erziehen, und ihre Verhaltensweisen derart zu lenken, dass sie diesem unterstellten Willen Gottes entsprechen. Das Recht und die Rechtsordnung sind daher nicht unbedingt Instrumente im Dienste der Gesellschaft, sondern im Dienste Gottes.

Will man den rein religiösen, theologischen Teil des Glaubens von einem rechtlichen Teil unterscheiden, so kann man funktional vorgehen. Die Rolle der Theologie wäre dann, das, woran der Mensch glauben und die Ziele, die er verfolgen soll (etwa Gerechtigkeit, Keuschheit, Bescheidenheit, die fünf Säulen der Religion), zu definieren; die Rolle des Rechts, dem Menschen den Weg zu zeigen, wie diese Ziele verwirklicht werden können. In diesem Sinne ist auch das Wort Scharia (arab. aš-šarīca) zu verstehen, welches in der europäischen Rechtsliteratur oft mit "islamischem Recht" übersetzt wird, im wörtlichen Sinn jedoch "Weg zur Tränke" bedeutet und mit "religiösem Recht" wiederzugeben ist. Im übertragenen Sinne bezeichnet Scharia den Weg, den der Mensch gehen muß, damit er wieder zur Quelle (Gott) kommt.


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