Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

4.10.2007 | Von:
Dr. Nadjma Yassari

Islam und Recht

Unter der Scharia darf man sich kein Gesetzeswerk, vergleichbar dem BGB, vorstellen. Scharia ist vielmehr ein Oberbegriff für die Gesamtheit der dem Menschen auferlegten Handlungsweisen. Ihre primären Quellen sind der Koran, und die Überlieferungen über die Taten und Worte Mohammads (arab. sunna). Daneben gibt es die sekundären Quellen: der Konsens (arab.arab. al-iğmā´) der Rechtsgelehrten und die Rechtsfindung durch die Juristen mittels Analogie (arab. al-qiyās) und Logik (arab. al-´aql).

Die Endredaktion des heute vorliegenden ist unter dem dritten Kalifen Othman (644-656 AD) erfolgt. Der Koran ist weder wissenschaftliches Werk noch Gesetzestext. Von den rund 6.200 Versen des Korans werden etwa 500 als Gesetzesverse bezeichnet, wobei sich der größte Teil mit dem rituellen Recht, wie dem Gebet, den Waschungen oder dem Fasten auseinander setzt. Aus etwa 80 bis 100 Versen können rechtliche Regeln entnommen werden. Diese Verse werden dem Erb-, Straf-, Prozess-, Ehe- und das Kaufrecht zugeordnet. Es handelt sich dabei um solche Bereiche, bei denen ein Regelungsbedarf bestand. Das gilt insbesondere für die Einführung eines Vermögens- und Erbrechts für die Frau, den Schutz der Waisen, die Anordnung von Treu und Glauben im Geschäftsverkehr und das Glücksspiel- und Zinsverbot. Da die Verse vor allem ethische Grundsätze setzen sollen, sehen sie meist von der Anordnung weltlicher Sanktionen ab. Aussagen in der Form "X ist, bei sonstiger Sanktion, verboten oder geboten" sind im Koran kaum zu finden. Der Zuwiderhandelnde und der Zurechthandelnde erfahren ihre Strafe oder ihre Belohnung meist erst im Jenseits.

Zur Ergänzung und Interpretation des Korans wurden die Überlieferungen des Propheten herangezogen. Das sind Sammlungen von Berichten über das Verhalten des Propheten und über das, was er verkündet oder geduldet hat; es handelt sich dabei um eine Kompilation von Rechtsfällen und vorbildlichen Verhaltensweisen.

Identifiziert man die Scharia im Wesentlichen mit diesen primären Quellen, so erhält man zunächst den Eindruck großer Geschlossenheit. Aber schon hier ist mehr Spielraum als gedacht: Koran und die Überlieferungen sind vielschichtig, nicht leicht zu verstehen und erlauben eine Vielzahl von Auslegungen. Dementsprechend unterschiedlich sind sie in Vergangenheit und Gegenwart gedeutet und angewandt worden. Die Anfänge der islamischen Rechtsgeschichte stehen ganz im Zeichen der Ableitung und der Entdeckung des göttlichen Willens in und aus den Quellen.

Die Aufgabe, die Verhaltensprinzipien zu entdecken bzw. sie aus den primären Quellen abzuleiten, oblag besonders qualifizierten Spezialisten, die al-muğtahid genannt werden und die Arbeit, die sie verrichteten, al-iğtihād. Iğtihād bedeutet im Arabischen "das Bemühen"; im juristischen Sinne geht es darum, eine selbständige Entscheidung zu treffen, um eine Rechtsfrage durch Interpretation der Quellen zu lösen.

Die von den Rechtsgelehrten erzielten Erkenntnisse konnten jedoch nicht ohne Weiteres allgemeine Gültigkeit beanspruchen, denn sie waren zunächst lediglich Ausdruck einer "subjektiven Vermutung" des einzelnen Gelehrten. Wenn in den Quellen die Antwort auf eine Frage eindeutig war, dann musste man sich nicht um ihr Verständnis bemühen, d.h. iğtihād anwenden, sondern man konnte die Vorschrift unmittelbar anwenden. Im Gegensatz dazu müssten jene Aussagen, die nicht direkt aus den Texten hervorgingen und die der Jurist unter Aufwendung seiner eigenen Fähigkeiten herausgearbeitet hatte, die also lediglich seine persönliche Meinung darstellten, auch als solche gekennzeichnet werden. Kam eine Mehrheit der Gelehrten zu den gleichen Ergebnissen, oder fanden gewonnene Einsichten die eindeutige Anerkennung der Mehrheit, steigerte sich die subjektive Vermutung zu sicherem Wissen. Die durch Konsens getragenen Rechtssätze wurden zur Rechtsquelle erhoben. Durch die Lehre vom Konsens fanden auch die Ansichten der jeweils herrschenden akademischen Kreise ihren Ausdruck. Er entwickelte sich zu einem wichtigen Instrument der Anpassung an soziale Veränderungen; der Konsens bildete in der Tat die Grundlage vieler Rechtsfiguren, die weder aus dem Koran noch aus den Überlieferungen hervorgehen. Der Konsens war in dem sich rasch ausbreitenden Islam durchaus ortsgebunden, beschränkt auf den jeweiligen geographischen Einflussbereich der sich langsam konkretisierenden Rechtsschulen, die es heute noch gibt.

Das als vierte Rechtsquelle genannte selbständige Denken der Juristen ist im Grunde nichts anderes als die Anwendung von iğtihād. Nach einem westlichen Verständnis ist es als Methode zu qualifizieren, um Vorschriften abzuleiten, die die Qualität einer Rechtsquelle erlangen. Diese Methode wird bei den Sunniten al-qiyās (Analogie), bei den Schiiten ´aql (Vernunft oder Logik) genannt. In der Sprache des islamischen Rechts bedeutet al-qiyās "die Übertragung einer Vorschrift von einem vorgegebenen, ausdrücklich formulierten Fall auf einen neuen, nicht im Text genannten." So wurde zum Beispiel das Verbot des Genusses von Rebwein auf andere berauschende Getränke, etwa Dattelwein, ausgedehnt, weil sie beide den Verstand trüben und zur Erfüllung der Gebote Gottes unfähig macht.

Das Ergebnis dieser Deduktionsarbeit wird Fiqh genannt. Fiqh bedeutet wörtlich das Verstehen oder die Einsicht. Die islamische Tradition unterscheidet akribisch zwischen dem abgeleiteten, entdeckten Fiqh-Recht und der Scharia als solche. Die Scharia ist göttlichen Ursprungs und versteckt sich in der Offenbarung, ohne eine juristisch präzise Artikulation erfahren zu haben. Der islamische Jurist bildet das notwendige Bindeglied zwischen Gott und den Menschen, in dem er das Fiqh-Recht formuliert. Dieses Fiqh-Recht ist daher das Ergebnis menschlicher, daher fehlbarer Analyse. Eine andere Art, dieses Verhältnis zu umschreiben, ist, Scharia-Recht als Gottesrecht und Fiqh-Recht als Juristenrecht zu bezeichnen.

Es bleibt somit festzuhalten: Das islamische Recht ist durch die Notwendigkeit der Interpretation und Ableitung vielseitig ausgestaltet und regional sehr verschieden. Es ist daher besser von den islamischen Rechten zu sprechen, je nachdem welche konkrete Rechtsschule oder welche Epoche der Geschichte angesprochen ist. Das islamische Recht ist das Recht der Muslime einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Gesellschaftsordnung. Es spiegelt deren Lebensarten und Bedürfnisse wieder. Es ist ein von Menschen mitgestaltetes Recht, welches durchaus fehlbar ist und einem menschlichen Eingriff nicht entzogen werden darf.

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