Al-Qaida
Was als loser Zusammenschluss ohne genaue Ziele begann, entwickelte sich in den 1990er Jahren zur gefährlichsten Terror-Organisation von Islamisten: al-Qaida.Der Name al-Qaida (deutsch "die Basis") wurde erstmals gegen Ende des Afghanistankrieges 1988 verwendet. Ein prominenter saudi-arabischer Freiwilliger namens Osama Bin Laden (1957-2011) plante damals, diejenigen arabischen jungen Männer, die am Kampf gegen die Sowjetunion teilgenommen hatten, in einer neuen Organisation dieses Namens aufzufangen. Bin Laden hoffte so, den "Heiligen Krieg" (Jihad) gegebenenfalls in anderen Ländern fortsetzen zu können.
Al-Qaida wurde im August 1988 gegründet, doch handelte es sich damals um einen losen Zusammenschluss ohne genau definierte Ziele, so dass die Gruppe zunächst unbedeutend blieb. Als Organisation in der Form, in der sie die Anschläge des 11. September 2001 in New York und Washington ausführte, entstand al-Qaida erst Mitte der 1990er Jahre, als sich Bin Laden und seine Gefolgsleute mit der ägyptischen Jihad-Organisation unter dem heutigen al-Qaida-Chef Aiman az-Zawahiri (geb. 1951) verbündeten. Seit 2001 spiegelt sich diese Vereinigung auch in ihrem neuen Namen "Qaida al-Jihad" wieder.
1. Eine saudi-arabisch-ägyptische Gründung
Die Gründer der al-Qaida, Osama Bin Laden und Aiman az-Zawahiri, kannten sich bereits seit Mitte der 1980er Jahre, beschlossen aber erst 1995/96, eine gemeinsame Organisation zu gründen. Diese setzte sich zunächst mehrheitlich aus Saudi-Arabern und Ägyptern zusammen.
Saudi-Araber hatten während des Afghanistankrieges eine verhältnismäßig große Zahl von Kämpfern gestellt. Sie radikalisierten sich jedoch erst infolge des Zweiten Golfkrieges (1990/91). Auslösendes Moment war die Präsenz nicht-muslimischer Truppen auf saudi-arabischem Territorium. Damals bildete sich eine stark antiamerikanische islamistische Oppositionsbewegung, deren militanter Flügel von Bin Laden angeführt wurde und der schließlich in der al-Qaida aufging. Bin Laden musste sein Heimatland 1991 verlassen und hielt sich bis 1996 im Sudan und anschließend in Afghanistan auf. Die Entscheidung, den Kampf gegen die USA und das Regime der Familie Saud aufzunehmen, scheint jedoch frühestens Ende 1993 gefallen zu sein, als die saudi-arabische Regierung Bin Laden nahe stehende Oppositionelle verhaftete. Eine genauere Festlegung seiner Ziele und Strategien erfolgte erst aufgrund des Bündnisses mit der ägyptischen Jihad-Gruppe.
Die ägyptischen Gruppierungen zielten schon seit den 1970er Jahren auf den Sturz ihrer eigenen Regierung ab. Der erhöhte Verfolgungsdruck nach dem Attentat auf Präsident Anwar al-Sadat 1981 zwang viele von ihnen ins Exil nach Afghanistan und in den Sudan, von wo aus sie sich jedoch weiter auf künftige Auseinandersetzungen in ihrem Heimatland vorbereiteten. Zu einem Umdenken führte erst das Scheitern des Aufstandes in Ägypten zwischen 1992 und 1997. Ein Flügel der Organisation unter der Führung von Zawahiri änderte seine Strategie: Statt ausschließlich gegen das Regime des Präsidenten Mubarak vorzugehen, sollten die militanten Islamisten die USA angreifen, um sie dazu zu bewegen, ihre Unterstützung für Kairo aufzugeben. Nur dann würde sich gegebenenfalls die Möglichkeit ergeben, die Macht in Ägypten zu übernehmen. Zawahiri wurde ab 1996 zum Vordenker des Strategiewechsels vom "nahen Feind" (d.h. den Regimen der Heimatländer) gegen den "fernen Feind" (d.h. die USA und den Westen).
Ab 1996/97 begannen Bin Laden und Zawahiri den Aufbau der gemeinsamen Organisation in Afghanistan. Die Gelegenheit dazu bot ihnen der Aufstieg der Taliban, die weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten und der Qaida erlaubten, ihr Hauptquartier und ihre Trainingslager auf afghanischem Staatsgebiet einzurichten.
2. Autoritäre Führung und rudimentäre Organisation
al-Qaida war im Jahr 2001 keine homogene Organisation, sondern vor allem die Summe von Einzelgruppierungen, die meist landsmannschaftlich organisiert waren und eine innere Homogenität bewahrten, die Qaida als Gesamtorganisation fehlte. Die Ägypter waren eine dieser Einheiten; die saudi-arabischen Gefolgsleute Usama Bin Ladens stellten eine weitere Landsmannschaft, Rekruten aus Nordafrika stießen vor allem ab 1998 hinzu. Obwohl Qaida versuchte, die Differenzen zwischen den einzelnen Nationalitäten abzubauen, blieb ihr Integrationsgrad niedrig, und die Zusammenarbeit zwischen den Teilgruppen verlief keineswegs spannungsfrei. So kritisierten viele Mitglieder der al-Qaida noch bis 2010 die Dominanz der Ägypter in der Organisation.
Letztere spielten in der Führungsspitze von Qaida tatsächlich eine zentrale Rolle. Usama Bin Laden war zwischen 1998 und 2011 der unbestrittene Führer der Qaida, doch sein Stellvertreter und spätere Nachfolger Zawahiri nahm immer eine sehr prominente Position ein. Dem unmittelbaren Führungskreis gehörte mit dem "Militärchef" Muhammad Atif (Abu Hafs al-Masri) bis zu dessen Tode 2001 ein weiterer Ägypter an. Um diese drei Hauptfiguren, die die Organisation autoritär führten, bildete sich ein informelles Beratungsgremium, genannt Schura(=Konsultations)-Rat, in dem der erweiterte Führungszirkel der al-Qaida in Gestalt der Leiter einzelner "Fachausschüsse" vertreten war.
Bei diesen handelte es sich zunächst nur um die Zuständigkeitsbereiche führender Persönlichkeiten der Organisation, weniger um fest gefügte Institutionen. Für die Leitung der "Fachausschüsse" und der Trainingslager sowie für die Planung von terroristischen Operationen verfügte Qaida über eine etwas größere Zahl von mittleren Führungskadern. Der prominenteste unter ihnen war der Kuwaiti Khalid Shaikh Muhammad, der Chefplaner des 11. September. Das Fußvolk der Qaida bestand aus wenigen tausend Rekruten aus der gesamten arabischen Welt. Nur in Ausnahmefällen schlossen sich Nichtaraber der Organisation an.
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