Islamismus in Südostasien
Die Jemaah Islamiyah ist seit den Anschlägen auf Bali 2002 der Öffentlichkeit bekannt. Neben ihr sind in Südostasien viele islamistische Gruppierungen aktiv. Sie unterscheiden sich in ihrer Struktur, ihren Zielen und ihren Mitteln. Wie sind die Organisationen entstanden und welche Rolle spielen sie in der Region?
Abu Bakar Ba´ashir während einer Rede im Juni 2006. Er gilt als Mitgründer der Jemaah Islamiyah. (© AP)Allgemeine Verortung
Islamismus ist in Südostasien kein gesellschaftlich dominierendes Phänomen. Selbst in Ländern mit einem hohen muslimischen Anteil der Bevölkerung (z.B. Indonesien und Malaysia) überwiegt ein Islamverständnis, das keine Züge von Islamismus aufweist. Robert Hefner (2000) hat daher die Verwendung des Begriffs "civil Islam" vorgeschlagen. In Indonesien beispielsweise, dem größten überwiegend von Muslimen bewohnten Land der Welt, findet seit 1998 ein insgesamt erfolgreicher Demokratisierungsprozess statt. Dies verdeutlicht, dass die von Samuel P. Huntington (1996, 29) postulierte Allgemeinthese, die islamische Kultur sei für die problematische Demokratieetablierung in großen Teilen der muslimischen verantwortlich, nicht aufrecht erhalten werden kann.
Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass islamistische Gruppierungen in vielen Staaten Südostasiens über eine lange Tradition verfügen, die sich mitunter bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen lässt. So gab es beispielsweise in Indonesien zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Tendenz zur Islamisierung. Die Muslime wollten sich hiermit, etwa durch Gründung der Organisation Sarekat Islam, ökonomisch wie kulturell von den nicht-muslimischen Händlern und Kolonialherren abgrenzen (vgl. Schwarz 2000, 167). Der Islamismus nahm während der Kolonialzeit auch die Funktion wahr, die verschiedenen muslimischen Bevölkerungsgruppen des zukünftigen Indonesiens zu einen. Dies brach erst mit Beginn der Phase auseinander, in der Überlegungen konkreter wurden, wie ein unabhängiges Indonesien ordnungspolitisch ausgerichtet werden sollte. Dabei konnten sich die Anhänger eines auf den Gesetzen des Islams basierten Staates nicht durchsetzen. Dennoch opponierten diese seit der Unabhängigkeit – mit unterschiedlicher Intensität – kontinuierlich gegen das nach ihrer Vorstellung zu säkulare Staatssystem.
Mit dem Wissen, dass sich in Südostasien historisch gewachsene Islamismusstrukturen mit neueren Entwicklungen verbinden, werden im Folgenden in exemplarischer Auswahl islamistische Akteure der Region besprochen. In Anlehnung an das an anderer Stelle vorgelegte Islamismuskonzept (Schuck 2008, 30-57) wird auch hier eine Islamismusdefinition zugrunde gelegt, die sich nicht über die eingesetzten Mittel, sondern über Ziele erfassen lässt – konkret: das spezifische Verständnis der gottbasierten Herrschaftslegitimation (vgl. Schuck 2007). Deshalb werden auch solche Akteure berücksichtigt, die Gewalt ablehnen aber trotzdem die Einführung der Shari´ah propagieren – anders als bei Riexingers Begriffsbestimmung sind zudem auch traditionalistische oder apolitische Gruppierungen eingeschlossen.
Islamistische Gruppierungen in Südostasien
Gegenwärtig gibt es eine kaum überschaubare Anzahl von verschiedenen islamistischen Gruppierungen in Südostasien. Manche von ihnen sind bereits längere Zeit aktiv, andere Gründungen in jüngerer Zeit. Einige sind gut organisiert und international vernetzt, andere dagegen verfügen über einen kaum nennenswerten Einfluss. Alle Gruppierungen verfolgen jedoch das Ziel, den Islam in Gesellschaft und Politik zu stärken und legislativ zu verankern – zumindest auf lange Sicht. Dennoch gilt für die verschiedenen islamistischen Gruppierungen in Südostasien das, was Stepan und Robertson (2003, 40) zu Recht auch mit Blick auf den Islam festgestellt haben – nämlich, dass dieser "multivocal" sei: Zwischen den verschiedenen islamistischen Gruppierungen gibt es zwar (per definitonem) einen Konsens zur erwünschten Rolle des Islams allgemein. Im Grad der Organisation, den kurzfristigen Zielen, der internationalen Vernetzung und vor allem in der Mittelwahl unterscheiden sie sich jedoch erheblich. Aus diesem Grund kann im Folgenden nur ein Ausschnitt der in der Region aktiven islamistischen Gruppierungen besprochen werden.
Militanter, landesübergreifender Islamismus
Hier ist insbesondere die Jemaah Islamiyah (Islamische Gemeinschaft, JI) zu nennen. Bei der JI handelt es sich um eine militante islamistische Organisation, die das Ziel verfolgt, einen islamischen Staat in Südostasien (mit Teilen Australiens) zu etablieren. Sie ist daher nicht einem einzelnen Staat der Region zuzuordnen, auch weil innerhalb wahhabitischer Konzepte Erscheinungsformen wie Staaten, Nationalismus oder Patriotismus als "anti-Islamic" abgelehnt werden (vgl. Lewis 2004, 119). Die Wurzeln der JI entsprechen den eingangs beschriebenen Kontinuitätsstrukturen; die International Crisis Group (ICG) hat unlängst dokumentiert, wie stark sich der Zusammenhang zwischen dem indonesischen Darul Islam (Haus des Islams, DI) und der JI gestaltet (vgl. ICG 2005). Ausgangspunkt der Organisation ist ein pesantren (islamisches Internat) in dem Ort Ngruki in der Nähe von Solo in Zentraljava. Gegründet wurde es unter der Bezeichnung Pondok Ngruki 1973 von Abu Bakar Ba´ashir und dem mittlerweile verstorbenen Abdullah Sungkar. Handlungsspezifisch trat die JI vor allem im Anschluss an den Fall des indonesischen Suharto-Regimes im Jahr 1998 in Erscheinung – das dadurch zunächst entstandene Machtvakuum begünstigte die (Wieder-)Ansiedlung der Führungskader und den Aufbau von Strukturen (vgl. Abuza 2007, 5). Das klar militante Profil der JI besitzt verhaltens- wie kommunikationsstrategisch Ähnlichkeiten zum Al-Qaida Netzwerk (vgl. Schuck 2008, 171-184), was in den beiden Bombenanschlägen (2002, 2005) auf der Ferieninsel Bali gipfelte. Bei diesen wurden mehrere hundert Menschen getötet. Insbesondere hinsichtlich des Trainings hat JI auch mit anderen Islamistengruppen wie z.B. der philippinischen Abu Sayyaf Group (ASG) zusammengearbeitet (Gunaratna 2003, 19). Bemerkenswert sind die Erfolge, die Sicherheitskräfte gegen die JI in letzter Zeit haben verbuchen können. So wurden viele der Drahtzieher der Bali-Attentate mittlerweile verhaftet, darunter Riduan Isamuddin ("Hambali").
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