Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

5.8.2009 | Von:
Prof. Dr. Christoph Schuck

Islamismus in Südostasien

Militanter, landesfokussierter Islamismus

In mehreren Staaten der Region operieren militante islamistische Gruppierungen, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie – anderes als JI – primär geographisch eng begrenzte Ziele verfolgen.

Mit langjähriger Kontinuität kämpfen im Süden Thailands verschiedene islamistische Bewegungen – wahlweise für mehr Autonomie von Bangkok, vollständige Unabhängigkeit oder einen Anschluss an Malaysia. Aufgrund des starken Fokus auf Selbstbestimmung bzw. Unabhängigkeit wird zu Recht die Frage aufgeworfen, ob es sich dabei nicht mehr um einen ethnisch geprägten Konflikt handelt, bei dem der Islam vor allem eine identitätsstiftende Abgrenzungsrolle spielt (vgl. Islam 2006). Die ICG geht dementsprechend davon aus, dass islamistische Gruppierungen in Südthailand, wie etwa die Barisan Revolusi Nasional-Coordinate (National Revolutionary Front-Coordinate, BRN-C), keine nennenswerten Netzwerksverbindungen zu Al-Qaida oder JI unterhalten (ICG 2009: i).

In den muslimisch geprägten südlichen Landesteilen der Philippinen operieren Islamisten, die das Ziel verfolgen, sich vom überwiegend katholischen Restland abzuspalten. Dabei sind insbesondere drei Gruppierungen zu nennen, die sich zum Teil in erheblicher Konkurrenz zueinander bewegen: Zum einen ist dies die bereits genannte ASG, die nicht zuletzt durch die Entführung einer deutschen Familie auf sich aufmerksam gemacht hat. Vor allem nach dem Tod ihres damaligen Anführers Abdurajik Janjalani (1998) ist sie verstärkt in eine von Religionsfragen unabhängige Sphäre des organisierten Verbrechens abgeglitten (Gunaratna 2003, 167). Daneben beansprucht die Moro Islamic Liberaton Front (MILF) Aufmerksamkeit. Bei der MILF handelt es sich um eine Abspaltung der zunehmend marginalisierten Moro National Liberaton Front (MNLF), die sich zur Konfliktbeilegung für eine Verhandlungslösung mit der philippinischen Regierung einsetzte. Peter Kreuzer (2005) hat in seinen Studien nachgewiesen, dass sich neben dem Islam vor allem auch die Zugehörigkeit spezieller Clanstrukturen als maßgeblich für die Bildung einer Abgrenzungsidentität erweist. Der Islam fungiert damit also nicht als die alleinige Handlungsmotivation zur Rebellion der MILF und assoziierter Gruppen. Entsprechend schwierig gestalten sich bis heute Versuche der Konfliktbefriedung.

In Indonesien sind zwei islamistische Gruppierungen erwähnenswert, die sich im Kontext des Demokratisierungsprozesses formierten. Bei dem von Ja´far Umar Thalib angeführten Laskar Jihad (Kämpfer des Heiligen Krieges, LJ) handelt es sich um einen im Jahr 2000 gegründeten paramilitärischen Verband, der insbesondere auf den Molukken in Kämpfe gegen christliche Bevölkerungsgruppen eingriff. Hefner (2005b, 290) geht davon aus, dass der Aufbau des LJ von Teilen des indonesischen Militärs protegiert wurde und dass der Entzug dieser Unterstützung zur (temporären) Auflösung der Gruppe führte. Die Front Pembela Islam (Islamische Verteidigungsfront, FPI) dagegen, die sich als moralische Instanz definiert und zur Selbstjustiz neigt, vertritt die Auffassung, gegen alles "Unislamische" vorgehen zu müssen (Glücksspiele, Alkoholausschank in Restaurants, Essensverkauf während des Fastenmonats Ramadan, westliche Touristen, Menschenrechtsgruppen usw.). Dies, so die FPI, sei notwendig, da der indonesische Staat dazu nicht willens oder in der Lage sei (vgl. Hadiwinata 2007). Obwohl der Anführer Habib Rizieq Shihab wiederholt festgenommen worden ist, haben die Aktionen der FPI kaum nachgelassen.

Gewaltablehnender Islamismus

Neben dem gewaltbereiten Islamismus können auch gewaltablehnende Formen in Südostasien beobachtet werden. Diese können sich sowohl außerhalb des parteipolitischen Partizipationsspektrums – beispielsweise in Form von (vielfach privat finanzierten) islamistischen Bildungseinrichtungen – als auch innerhalb bewegen. Mit Blick auf letzteres sei exemplarisch auf Malaysia und Indonesien verwiesen: So hat sich zum Beispiel die Parti Islam Se-Malaysia (Islamische Partei Malaysias, PAS) wiederholt offen für die Einführung von Elementen der Shari´ah ausgesprochen. Weniger direkt verhält sich in Indonesien die Partai Keadilan Sejahtera (Gerechtigkeits- und Wohlfahrtspartei, PKS), die in den letzten Jahren, anders als in ihrer Gründungsphase, von öffentlichen Aufrufen zur Verankerung der Shari´ah weitestgehend abgesehen hat. Die islamistischen Tendenzen der PKS sind dennoch unübersehbar. Wie der damalige Vorsitzende Hidayat Nur Wahid im Gespräch mit dem Verfasser mitteilte, sei die PKS von Denkweisen der ägyptischen Muslimbrüderschaft inspiriert worden. Sie sei stets bemüht, mit ähnlich strukturierten Parteien im engsten Austausch zu stehen - darunter auch die Hamas in den palästinensischen Gebieten und die AKP in der Türkei (vgl. Schuck 2008, 205). Der PKS, so der aktuelle Vorsitzende Tiffatul Sembiring (2006), ginge es basierend auf den Leitsätzen des Islams darum, ein "spiritually" starkes Indonesien aufzubauen. Inwieweit dies mit dem Ansinnen einhergeht, "mit Hilfe eines Marsches durch die Institutionen [die] Vision einer Gottesordnung" (Tibi 2004, 18) in die Realität umsetzen zu wollen, bleibt abzuwarten.

Literatur

Abuza, Zachary (2007): Political Islam and Violence in Indonesia. New York.

Croissant, Aurel / Martin, Beate / Kneip, Sascha (Hrsg.) (2006): The Politics of Death. Political Violence in Southeast Asia. Berlin.

Fealy, Greg / Hooker, Virginia (Hrsg.) (2006): Voices of Islam in Southeast Asia. A Contemporary Sourcebook. Singapore.

Gunaratna, Rohan (2003): Inside Al Qaeda. Global Network of Terror. New York.

Hadiwinata, Bob S. (2007): Civil or Uncivil Society? Islamic Extremism and Democratization in Indonesia, in: Hadiwinata/Schuck (2007), 345-361.

Hadiwinata, Bob S. / Schuck, Christoph (Hrsg.) (2007): Democracy in Indonesia. The Challenge of Consolidation. Baden-Baden.

Hefner, Robert W. (2000): Civil Islam. Muslims and Democratization in Indonesia. Princeton.

Hefner, Robert W. (Hrsg.) (2005a): Remaking Muslim Politics. Pluralism, Contestation, Democratization. Princeton.

Hefner, Robert W. (2005b): Muslim Democrats and Islamist Violence in Post-Suharto Indonesia, in: Hefner 2005a, 273-302.

Huntington, Samuel P. 1996: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York.

International Crisis Group (ICG) (2005): Recycling Militants in Indonesia: Darul Islam and the Australian Embassy Bombing, Asia-Report No. 92.

International Crisis Group (ICG) (2009): Recruiting Militants in Southern Thailand, Asia Report No. 170.

Islam, Syed Serajul (2006): Ethno-Religious Conflict and Political Violence in Southern Thailand: Climax in the Early Twenty-first Century, in: Croissant et al. (2006), 37-71.

Kreuzer, Peter (2005): Political Clans and Violence in the Southern Philippines, PRIF Report No. 71.

Schuck, Christoph (2007): Islam und die Legitimität von Herrschaft: Erkenntnisse aus der konzeptionellen Heterogenität des Islams in Indonesien für Demokratie und Systemtransformation. Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB), Vol. 14, No. 1, 71-100.

Schuck, Christoph (2008): Die Entgrenzung des Islamismus. Indonesische Erfahrungen im globalen Kontext. Baden-Baden.

Schwarz, Adam (2000): A Nation in Waiting. Indonesia´s Search for Stability. Oxford. Sembiring, Tiffatul (2006): Interview mit der Jakarta Post: "Sharia a Reality and Asset of National Law", 04. Februar.

Stepan, Alfred / Robertson, Graeme B. 2003: An "Arab" more than a "Muslim" Election Gab, in: Journal of Democracy, Vol. 14, No. 3, 30-44.

Tibi, Bassam (2004): Der neue Totalitarismus. Heiliger Krieg und westliche Sicherheit. Darmstadt

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