Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

5.9.2011 | Von:
Peter Philipp

Islamistische Bewegungen im Arabischen Frühling

In Tunesien wie auch in Ägypten haben "Nahda" und "Muslimbrüder" inzwischen verstanden, dass die von anderen betriebene Revolution des "Arabischen Frühlings" ihre vielleicht letzte Chance ist, politisch an Einfluss zu gewinnen. Sie haben offenbar auch verstanden, dass radikale Forderungen der Vergangenheit nicht mehr in die heutige Zeit passen. So spricht man nicht mehr davon, die seit Mitte des 20. Jahrhundert entstandenen Nationalstaaten abzuschaffen und einen arabisch-muslimischen Groß-Staat anzustreben, sondern man beteiligt sich am Demokratisierungsprozess: Die Muslimbrüder stimmten dem Referendum zur Verfassung zu, sie haben eine eigene Partei ("Freiheit und Gerechtigkeit") gegründet und wollen mit dieser bei den Wahlen antreten. So, wie die "Nahda" ebenfalls bei den Wahlen im Herbst kandidieren will. Was die politisch-ideologische Ausrichtung beider Gruppen betrifft, so dürfte diese sich eher am Vorbild von Erdogans AKP in der Türkei orientieren. Man zeigt sich – bisher zumindest – sogar noch bescheidener: Beide betonen, im Grunde nur an einer "Machtbeteiligung" interessiert zu sein und auch keinen Präsidentschaftskandidaten aufstellen zu wollen.

In anderen Teilen der arabischen Welt spielen religiös motivierte und radikale islamistische Gruppen zwar auch eine Rolle, in keinem dieser Länder sind die Entwicklungen aber so weit vorangeschritten wie in Tunesien und Ägypten. Und wenn Prognosen für diese beiden Länder schon schwer genug sind, dann sind sie im Fall der anderen nahezu unmöglich: In Libyen gehören "Muslimbrüder" zu den Rebellen und eine islamistische Gruppe soll verantwortlich sein für die Ermordung des übergelaufenen ehemaligen Innenministers Younes, über eine künftige Machtverteilung ist aber jede Spekulation zu früh.

In Jordanien und in Marokko gehören islamistische Gruppen mit zur Protestbewegung, in beiden Fällen aber wird das Königshaus dabei weitgehend von der Kritik ausgespart. Anders in Bahrain: Dort geht der Protest von einer schiitischen Mehrheit aus und das sunnitische Königshaus fühlt sich dadurch bedroht. Was wiederum sunnitische Radikale auf den Plan ruft, die die Schiiten als Gottlose oder Abtrünnige verunglimpfen sowie als Werkzeug des Iran. Ein explosives Gemisch von Ressentiments und Gefühlen, das nur mit Mühe unter Kontrolle gehalten wird.

In Syrien allerdings ist dieser Sprengstoff gerade dabei, sich zu entladen, wenngleich wieder unter umgekehrten Vorzeichen: Hier ist es die schiitisch-alawitische Minderheit unter Führung des Assad-Clans, die – obwohl nur knapp 10 % der Bevölkerung – nicht von der Macht lassen will. In der syrischen Geschichte war es wiederholt zu – meist lokalen – Machtkämpfen zwischen Alawiten und der sunnitischen Mehrheit gekommen, unvergessen ist vielen aber: Hafez el Assad, der Vater des heutigen Präsidenten Bashar, hatte 1982 in der Stadt Hama ein Blutbad unter der dortigen Bevölkerung angerichtet, die sich angeblich an einem Aufstand der Muslimbrüder beteiligt hatte. Bis zu 30 000 Tote soll dieses Massaker gefordert haben. Die neuen Kämpfe sind noch weit davon entfernt. Aber es deutet sich immer klarer ab, dass Syrien unaufhaltsam auf ein Chaos zusteuert, in dem nicht mehr Bürgerprotest und staatliche Repression im Vordergrund stehen, sondern religiös verbrämter Radikalismus. Auf beiden Seiten.

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