Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus
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Islamismus in Schule und Unterricht


21.7.2011
Blitzartige Radikalisierungsprozesse bei jungen Muslimen sind keine Einzelfälle mehr. Was können Jugendarbeit und Schule tun, um das zu verhindern?

Der deutsche Islamist Abu Ibraheem Al-Almani in einem Werbefilm der "Islamischen Bewegung Usbekistans".Der deutsche Islamist Abu Ibraheem Al-Almani in einem Werbefilm der "Islamischen Bewegung Usbekistans". (© Quelle: myvideo.de, Screenshot vom 25.07.2011)

Bünyamin E., der von seinen Schulkameraden Bünno genannt wurde, war ein unauffälliger junger Mann, der tagsüber auf einem Bauernhof jobbte und bis zum Jahr 2009 die Abendrealschule in Wuppertal besuchte. Im Sommer 2010 verschwand der Schüler aus seinen gewohnten Lebenszusammenhängen. Bünno hatte den Entschluss gefasst, "Imran Almani" zu werden. Fortan wollte er Teil des "Jihads" in Afghanistan sein. Für den jungen Kombattanten war dies ein kurzer Weg. Bereits am 4. Oktober, kurz vor seinem 21. Geburtstag, starb Bünno durch einen US-Drohnenangriff unweit der pakistanischen Provinzstadt Mir Ali.

Für die Sicherheitsbehörden war Bünyamin E. ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Seine Radikalisierung zum Jihadisten vollzog sich offenbar sehr schnell. Einen nicht unerheblichen Einfluss, so mutmaßt man heute, hatte das salafistische Umfeld der Schababannur-Moschee in Wuppertal. Dort predigte auch Abu Jibriel, einer der erfolgreichen deutschen Jugendprediger, der sich neuerdings auch als Schauspieler im jungen Genre islamischer Unterhaltungsfilm erprobt.

Blitzartige Radikalisierungsprozesse bei jungen Muslimen sind keine Einzelfälle. Seit geraumer Zeit stellen die Sicherheitsbehörden vermehrt Radikalisierungsverläufe vorzugsweise junger Muslime und Konvertiten fest. Sichere Zahlen gibt es hierzu allerdings nicht. Das Bundeskriminalamt schätzt die Zahl der sogenannten islamistischen "Gefährder" auf 130. Auf welchem Wege junge Menschen in jihadistische Netzwerke hineingelangen und welche Faktoren Radikalisierung begünstigen, ist nach wie vor unklar. Als gesichert gilt lediglich, dass radikalislamistische Websites, die in großer Zahl im Internet vorzufinden sind, eine erhebliche Rolle spielen. Dies zeigte insbesondere der Fall des Frankfurter Attentäters Arid U., der im März 2010 zwei US-Soldaten tötete. Nach Ermittlungslage verfügte der Attentäter über keine personellen Verbindungen zu jihadistischen Netzwerken. Der Ideologietransfer lief fast ausschließlich über Internetplattformen.

Jihad und Islamismus



Der militante Islamismus ist jedoch nur ein Teil des Problems. Das islamistische Spektrum, das auf Jugendliche Einfluss auszuüben versucht, ist erheblich breiter. Nur ein kleiner Teil zeigt sich gewaltbereit. Die meisten salafitischen Jugendprediger und islamistischen Netzwerke, die öffentlich in Erscheinung treten, lehnen Gewalt ab. Allen gemein ist jedoch die umfassende Ideologisierung des Islams, die nach Mohammed Arkoun den Islam als die einzig wahre Religion darstellt, die den ewigen Pakt Gottes mit den Menschen entspricht. Der Islam enthalte das vollendete Recht für alle Gesellschaften und müsse zur Regelung aller Angelegenheiten herangezogen werden. Dieser Grundsachverhalt findet seinen Niederschlag in vier Tendenzen:

1. Islam als alleiniges Orientierungssystem für alle privaten und gesellschaftlichen Angelegenheiten

Es wird davon ausgegangen, dass der zur Ideologie transformierte Islam umfassende Antworten auf alle Fragen des privaten und gesellschaftlichen Lebens bereithält. Dies bedeutet, dass Islam zur Regelung aller politischen, juristischen, ethischen, kulturellen und ökonomischen Angelegenheiten herangezogen werden muss.

2. Literalismus

Um Spaltungen in der der Umma zu vermeiden, müsse man wieder zur ursprünglichen Botschaft des Korans zurückfinden. Dieser sei unantastbar und sola scriptura zu lesen, da alle Aussagen bereits in unmissverständlicher Klarheit vorhanden wären.

3. Exklusivität

Die eigenen aus der unmittelbaren Koranlektüre gewonnenen Prinzipien werden als absolut und unhinterfragbar gesetzt. Eine Diskussion über die Prinzipien wird grundsätzlich abgelehnt. Positionen, die auf anderen religiösen Grundlagen beruhen – seien es innerislamische oder außerislamische – sowie Positionen, die auf säkularen Weltanschauungen basieren, erzeugen Intoleranz und Ablehnung.

4. Antisemitismus

Ein weiteres häufig vorzufindendes Merkmal islamistischer Ideologie ist eine ausgewiesene antisemitische Rhetorik und Weltsicht. Zentral ist hier die dem modernen Antisemitismus entnommene Figur des jüdischen Verschwörers, der mit Rückgriff auf Narrative des Korans zum zentralen Widersacher der islamischen Umma erklärt wird.


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