Die muslimische Jugendszene
Welchen Einfluss haben zum Teil radikale Jugendorganisationen auf muslimische Jugendliche? Wie sind muslimische Jugendliche in Deutschland organisiert?
Proteste gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen vor der dänischen Botschaft in Berlin, Samstag, 11. Februar 2006. (© AP)Einblicke in einige sunnitisch-panislamische Jugendszenen
Für viele Jugendliche, die unter dem Label "muslimische Jugendliche" gefasst werden, ist die Religion zwar ein wichtiger Teil ihrer Identität, aber nur eine Minderheit definiert sich selbst primär religiös. Dieses Segment der sich primär religiös definierenden muslimischen Jugendlichen teilt sich in zahlreiche Gruppen und subkulturelle Milieus auf, da sich die religiösen Orientierungen entsprechend der Konfessionen, der verinnerlichten religiösen Dogmatik und auch der politischen oder ideologischen Positionierung sehr unterscheiden. Diese Jugendszenen sind zum Teil klar voneinander abgegrenzt, zum Teil überschneiden sie sich aber auch.
Für die Komplexität muslimischer Jugendkulturen spielt neben den unterschiedlichen religiösen Interpretationen auch die soziale Schichtung eine Rolle sowie die Anbindung an islamische Organisationen. So werden ethnische/nationale Bezüge am stärksten in einem eher mittelständischen, sozial integrierten und bildungsnahen Milieu von religiösen Bekenntnissen verdrängt, während es in den bildungsferneren Milieus oft zu einer Mischung von Religion und nationaler Herkunft kommt. Auch politische Konflikte in den Herkunftsländern der Familien prägen nationale Orientierungen der Jugendlichen. Das ist besonders bei Jugendlichen aus arabischen Ländern zu beobachten, quer durch alle sozialen Milieus. Bei den Jugendlichen türkischer Herkunft resultiert die Kombination aus ethnischer/nationaler und religiöser Orientierung aus einem von verschiedenen islamischen Organisationen oder dem Elternhaus geprägten Religionsverständnis, das als "türkisch-islamische Synthese" bezeichnet wird. Herkunft, türkische Sprache und Kultur erhalten dabei eine quasi religiöse Bedeutung. Innerhalb dieses heterogenen Spektrums gibt es gezielte Bestrebungen, die internen Abgrenzungen und Segmentierungen zu überwinden und zu einer tatsächlichen und nicht nur nach außen dargestellten "Einheitlichkeit" zu gelangen. Die Grundlage dafür bildet eine panislamisch ausgerichtete, also von Nationalität, Sprache und Kultur losgelöste Islaminterpretation (1). Das Verbindende ist allein die Religion, Herkunft und Sprache sind sekundär, weshalb diese Gruppen sehr pragmatisch die jeweilige Verkehrssprache, hierzulande also Deutsch, zur Kommunikation nutzen. Die sunnitisch-panislamischen Gruppierungen werden zwar von Jugendlichen türkischer oder arabischer Herkunft dominiert, insgesamt sind sie aber sehr multinational zusammengesetzt und üben auch auf junge deutsche Konvertiten beiderlei Geschlechts eine gewissen Anziehungskraft aus. Doch auch dieses Milieu ist wieder unterteilt in verschiedene Szenen.
Milli-Görüs-Jugend
Die größte Jugendszene der sunnitisch-panislamischen Strömung dürfte die Milli-Görüs-Jugend sein, allein aufgrund der seit über 30 Jahren in Europa und speziell in Deutschland etablierten dichten Infrastruktur und intensiven Kinder- und Jugendarbeit der Milli-Görüs-Organisation. Die Anzahl der Mitglieder des Jugendverbandes (Milli Görüs Jugend) beläuft sich auf sieben- bis achttausend aktive und noch einmal so viel weniger aktive Mädchen und Jungen, also insgesamt etwa 15.000 Jugendliche in Europa (etwa 80% davon in Deutschland). Zwar ist diese Szene in der gelebten Mitgliedschaft noch sehr stark sprachlich und kulturell türkisch orientiert und geprägt, die zugrunde liegende Milli-Görüs-Ideologie des inzwischen über 80jährigen Milli-Görüs-Führers Necmettin Erbakan ist in ihrer Theorie jedoch auf einen Panislamismus ausgerichtet und in ihrem Kern eine türkische Spielart der arabischen Muslimbruder-Ideologie. Vor allem in den bildungsnahen Kreisen der Milli-Görüs-Jugend (IGMG-Genclik) treten die tradierten türkisch-kulturellen Elemente immer stärker zugunsten der panislamischen Orientierung in den Hintergrund.
Als der IGMG-Jugendverband im April 2005 zur 10. Jugendkonferenz ins belgische Genk einlud, kamen etwa 5.000 Besucher, gut die Hälfte waren Frauen und ein gutes Drittel war unter 18 Jahren. Wie immer bei den IGMG-Großveranstaltungen wurde der greise Erbakan per Telefon zugeschaltet. In seiner Rede an die Jugendlichen betonte Erbakan die Erwartungen der Organisation an die junge Generation. Er forderte sie auf, als gute Muslime aktiv zu werden, da sie das Bild der Muslime prägen und dieses Bild müsse ein positives, ein perfektes sein. Mit der Ende 2006 gestarteten Jugendoffensive wendet sich die IGMG jedoch primär an die Erwachsenen, die sich stärker um die Jugendlichen kümmern sollen, denn "schließlich gibt es noch zehntausend Jugendliche, die wir noch erreichen müssen und die vielen Problemen ausgesetzt sind. ... Es ist nicht genug, sie zu organisieren; wir müssen sie in unsere Gemeinschaft aufnehmen und sie für die Zukunft und für die Gesellschaft erziehen. Unser größter Wunsch ist, dass diese Jugendlichen im Sinne des Islams als gläubige, fleißige, ehrliche und erfolgreiche Personen in der Gesellschaft einen bedeutenden Platz einnehmen." (2)
Das dazugehörige Projekt, welches der IGMG - Jugendausschuss nun starten wolle, wird als "zeitgenössische Dar-ul Erkam Schule" ("Gesprächskreise 2000") bezeichnet und soll gleichzeitig überall in Europa stattfinden. Es ist ein Projekt, das auf Nachbarschaft und Bekannte im Haus, in der Straße usw. abzielt, die zum Gespräch auf lokaler Ebene eingeladen werden sollen. Eingeladen sind dabei vor allem Jugendliche, "und alle, die sich jung fühlen". In diesem Programm, so die Planung, "werden Themen über den Glauben und das Gebet angesprochen. Vor allem aber werden wir die islamische Geschichte und das beispielhafte Leben unseres Propheten (saw) und seiner jungen Gefährten kennen lernen. Somit werden wir das Gemeinschafts- und Brüderlichkeitsbewusstsein stärken." Die Mütter und Väter sollen die Jugendlichen ermutigen, an diesem Programm teilzunehmen und ihre Wohnungen als Ort der Gesprächsrunden zur Verfügung stellen. "Wir als Milli Görüs möchten die Jugendlichen in aller Hinsicht fördern. Wir sehen es als unsere Pflicht, ihnen jugendgerechte Begegnungsorte anzubieten. Es ist unsere größte Aufgabe, sie zu fleißigen, zielstrebigen und mit gutem Benehmen ausgestatteten Menschen zu erziehen." Dazu brauche man die Zusammenarbeit mit den Eltern, erklärt die IGMG.
Neben dieser eher traditionellen Jugendarbeit des Verbandes über die Eltern, laufen seit einiger Zeit Versuche einer Umstrukturierung der Jugendabteilung der IGMG zu einem IGMG-Jugendverband mit dem Ziel, den Jugendlichen auf Bundes-, Regional-, Landes- und Lokalebene mehr Autonomie zu gewähren und damit die Mitbestimmung und Aktivierung der Jugendlichen zu erhöhen. Letztendlich ist es der Versuch, die Jugendlichen bei der Organisation zu halten und zu verhindern, dass sie in die zahlreichen alternativen muslimischen Jugend-Szenen abwandern, die wesentlich unabhängiger von den Direktiven der Erwachsenen sind.
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