Metin Kaplan - Dossierbild Islamismus

5.7.2007 | Von:
Jochen Müller

"Ich bin ein Taliban..."

Islamismus und Jugendkultur

Gangsta-Rap und Pop-Islamisten

Ihre Suchbewegung kann indes sehr verschiedene und widersprüchlich erscheinende Formen annehmen. Das sollen zwei Beispiele aus dem Spektrum islamischer Jugendkultur verdeutlichen, die islamistische Züge aufweisen und derzeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Auf der einen Seite der stark migrantisch geprägte Gangsta-Rap: Hier zählt die provokative Bewunderung für Bin Laden und die Anschläge vom 11.9. ebenso so zum Repertoire wie eine verbal-militante Abwendung von Deutschland und den Deutschen oder ein extremer Bezug auf Tradition und Ehre. All das klingt mitunter schwer nach radikalem Islamismus - etwa wenn Bushido in seinem Song "11. September" rappt:

"Der 11. September, der Tag der Entscheidung, ich bin dieser Junge über den man las in der Zeitung, wenn ich will seid ihr alle tot, ich bin ein Taliban, ihr Mißgeburten habt nur Kugeln aus Marzipan... ich lass dich bluten wie die Typen aus den Twin Towers, meine Freunde tragen Lederjacken und sind stinksauer... ich bin King Bushido, zweiter Name Mohammed, ich hab ein Flächenbrand über deine Stadt gelegt...".

Tatsächlich haben wir es hier aber kaum mit einer militant-islamistischen Weltanschauung, sondern eher mit den Fantasien pubertierender Jungs zu tun. Solche Fantasien kommen an im Kiez und unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wo sie vor allem für junge Männer attraktiv sind, die sich auf ihrer Suche nach Identität und Perspektive in der Gesellschaft als Verlierer erleben. Kulturell und sozial marginalisiert wird ihnen unter Bezug auf den 11.9. oder mit der Ikonisierung Bin Ladens die Option von Stärke, Macht und Autonomie des Outlaws im Ghetto suggeriert. Wenn schon ganz unten, dann wenigstens oben auf – oder in den Worten Bushidos: "wir stürzen ab und ich ficke die Stewardess".

Ganz anders, betont angepasst und explizit gewaltlos, erscheint dagegen die Strömung des so genannten Pop-Islam. Ihr gehören muslimische Jugendliche beiderlei Geschlechts an, die sich, aus eher besser gestellten Elternhäusern stammend, auf der Grundlage des Islams erfolgreich in die Gesellschaft integrieren wollen. Sie wollen gute Bürger und gute Gläubige sein, dafür engagieren sie sich in sozialen Projekten. Sie sind Teil einer weltweiten Reislamisierungsströmung, die Internetseiten, TV-Sender, Modelabels oder Musikstars umfasst und wollen dort, wo sie wohnen, als Muslim leben. Dazu gehört auch, dass sie das öffentliche Bild vom Islam verbessern wollen und sich entschieden gegen islamistischen Terror wenden – etwa wenn Sami Yussuf, ein Idol der Bewegung, singt:

"Jeden Tag seh ich die Headlines, Verbrechen im Namen des Herrn. Menschen verüben Grausamkeiten in seinem Namen, sie morden und entführen, ohne sich zu schämen. Aber hat er uns Hass, Gewalt und Blutvergießen gelehrt? Nein... oh nein!".

Trotz dieser klaren Abgrenzung vom Jihad-Islamismus stehen diese Jugendlichen den gängigen Islamismus-Kriterien in vielen Punkten näher als die Fans von Bushidos Sprüchen: Sie sind ausgesprochen fromm und folgen in punkto Bekleidung, Heirat, Sexualität und Familie in der Regel sehr konservativen Maßstäben. Sie betreiben Dawa, d.h. sie wollen "den richtigen" Islam verbreiten – unter Muslimen wie Nichtmuslimen. Viele von ihnen orientieren sich stark an international aktiven islamistischen Predigern wie Yussuf al-Qaradawi und berufen sich auf die islamischen Quellen Koran und Sunna als Vorgaben nicht nur des privaten Lebens, sondern auch des politischen Handelns und der anzustrebenden Gesellschaftsordnung.

Letzteres würde sie nach den üblichen Kategorien (etwa der Ämter für Verfassungsschutz) zu Islamisten und Verfassungsfeinden machen. Tatsächlich müssen sich in ihren Augen aber Scharia und Grundgesetz gar nicht widersprechen – es käme, so sagen viele von ihnen, nur auf die Auslegung an (ijtihad).

Zwar üben dem Pop-Islam zuzurechnende Bewegungen und Gruppen wie die Lifemakers oder die Muslimische Jugend moralischen Druck auf Muslime aus, die anders leben, überlassen diesen aber die individuelle Entscheidung, ob sie etwa ein Kopftuch tragen oder Alkohol trinken wollen. Damit unterscheiden sie sich ausdrücklich von radikal-islamistischen Gruppen wie der verbotenen Hizb ut-Tahrir. Diese erklären Muslime, die nicht ihren Glaubensvorstellungen folgen wollen, zu Ungläubigen (takfir) und lassen auch in puncto Staat- und Gesellschaftsordnung nur ihr eigenes Islamverständnis gelten.

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