>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.
1 | 2 Pfeil rechts

"Nazi-Outing"

Ziele, Funktionen und Probleme


21.5.2012
"Nazi-Outing" meint das Publizieren privater Informationen von tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsextremisten. Diese Methode des politischen Kampfes vor allem der Antifa ist allerdings höchst problematisch: Das "Meldesystem" ist fehleranfällig, das Veröffentlichen privater Informationen im Zweifel strafrechtlich relevant. Und überhaupt: Ist dieser massive Eingriff in die Freiheitsrechte anderer moralisch vertretbar?

Nazi-Outing-Website mit der Aufforderung, die abgebildeten Personen zu benennen. (verfremdeter) Screenshot vom 21.05.2012, https://linksunten.indymedia.org/de/node/6761.Nazi-Outing-Website mit der Aufforderung, die abgebildeten Personen zu benennen. (verfremdeter) Screenshot vom 21.05.2012, https://linksunten.indymedia.org/de/node/6761.

Einleitung



Achtung Neonazi – Nazis raus aus der Anonymität". Diese Aufforderung stand auf einem Flyer, den die Antifa-Gruppe einer Kleinstadt im Norden Deutschlands Anfang 2011 in der Öffentlichkeit verteilte und auch im Internet veröffentlichte. Der offensiven Überschrift folgten der vollständige Name, die Privatadresse, die Handy- und Festnetznummer eines mutmaßlichen Rechtsextremisten aus der Gegend und einige aufklärende Hinweise auf das "moderne Image", das sich "Neonazis" mittlerweile geben. Außerdem zeigte der Flyer Fotos des Angezeigten und Informationen zu einschlägigen Veranstaltungen, die er besucht haben soll.

Für keinen der Passanten dürfte es ein Problem dargestellt haben, sich von der politischen Gesinnung des angeprangerten Jugendlichen ein Bild zu machen. Stieß er sich daran, konnte er den "Neonazi" aufgrund des Flyers aufsuchen. Solch ein Vorgang ist kein Einzelfall. Nur erlangen derartige linksautonome Aktionen, die sich im "analogen Leben" abspielen, nur selten Bekanntheit über die Szene und die direkte Umwelt eines geouteten (vermeintlichen) Rechtsextremisten hinaus. Zu zweifelhafter Prominenz kam das Portal nazi-leaks.net. Bis Ende 2011 konnte sich dort, wer wollte, über tatsächliche und vermeintliche "Neonazis" informieren und selbst Daten einreichen, "eine Art Wikileaks für Antifaschisten"[1].

Definition und Praxis



Worum handelt es sich hierbei? Um persönliche Fehden? Politische Rachefeldzüge? Der von der Antifa verteilte Flyer sowie "nazi-leaks.net" sind Ausdruck eines Phänomens, das sich seit einigen Jahren vermehrter Beliebtheit im politischen Linksextremismus, gerade bei Autonomen erfreut: "Nazi-Outing". Dabei publizieren Sympathisanten und Mitglieder der Antifa private Informationen über einen oder mehrere tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten: Namen, Adressen, Telefonnummern, besuchte Veranstaltungen, schulische Bildung, Fotos, Berufsstand, Arbeitgeber, Partner, Accountdaten zu sozialen Netzwerken, Parteiaffinität usw. Die Geouteten sind zum Teil Jugendliche. Die Kommunikationskanäle reichen vom persönlichen Flyerverteilen und Plakatekleben über "Home-Visits" (Nachbarn werden via Megafon, Transparent und Flugzettel über die politische Gesinnung des/der Rechtsextremisten informiert) und "Besuche" in Vorlesungen bis hin zu einschlägigen Internetseiten (nazi-leaks.net). Angesprochen sind unbeteiligte Dritte, die von der politischen Gesinnung eines ihrer Mitbürger erfahren sollen; tatsächlich aber werden Outings größtenteils in einschlägigen Internetforen, wie "linksunten.indymedia.org", "de.indymedia.org", den Seiten der örtlichen Antifa ebenso in linksautonomen Zeitschriften wie der "Interim" mit Genugtuung erörtert. Weil "Nazi-Outings" meist Mitglieder der in Städten organisierten Antifa durchführen, finden die Aktionen in erster Linie dort statt: in Hamburg, Bremen und Köln zum Beispiel.

"Outing" hat seinen Ursprung in der Schwulen- und Lesbenbewegung der 1980er/1990er Jahre und ist der Szenebegriff für die Benennung prominenter Homosexueller (z. B. Alfred Biolek, Boy George, Hape Kerkeling) durch Dritte, um ihnen ein Bekenntnis zu ihrer sexuellen Orientierung zu entlocken. Damit sollte die gesellschaftliche Akzeptanz von und der offene Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe erzwungen werden.[2] Das jüngere Phänomen des "Nazi-Outings" unterscheidet sich in drei wesentlichen Punkten vom sexuellen Outing:
  1. In die Öffentlichkeit getragen wird nicht die sexuelle, sondern die politische Orientierung.
  2. Opfer sind nicht Menschen des übergeordneten öffentlichen Interesses ("Prominente"), sondern in aller Regel Privatpersonen.
  3. Auf die Förderung gesellschaftlicher Akzeptanz von Rechtsextremismus zielt keiner der linksextremistischen Outer – mögen ihre Beweggründe noch so uneinheitlich sein.
An beiden Outing-Formen ist wiederum der massive Eingriff in die Freiheitsrechte des Geouteten problematisch, denn er weiß von den Aktionen zuvor nichts.

Die noch recht junge politische Erscheinung blieb vom Fokus der Wissenschaft bislang verschont, wurde allenfalls vereinzelt in der Politik und in den Medien erörtert[3]. Eine erste Analyse der (scheinbaren und tatsächlichen) Ziele und Funktionen des "Nazi-Outings" soll dem Phänomen näherkommen. Außerdem stehen die Wirkungen sowie moralische, rechtliche und demokratietheoretische Bedenken im Vordergrund.

Ziele und Funktionen



Der Antifaschismus steckt schon im Namen der Antifaschistischen Aktion (Antifa)[4], die Beweggründe für ein "Nazi-Outing" gehen in der Szene aber auseinander. Das liegt in erster Linie an den Eigenschaften autonomer Linksextremisten: Sie sind organisations- wie autoritätsscheu und betonen Individualität. Einer unrepräsentativen Stichprobe des Verfassers nach verfolgen "Antifaschist_Innen" verschiedene Ziele, wenn sie "Nazis aus der Anonymität ans Licht der Öffentlichkeit [zerren]"[5]. Einige von ihnen fordern die Öffentlichkeit auf, Rechtsextremisten "jeglichen gesellschaftlichen Rückhalt und die Akzeptanz zu entziehen" und "sich gegen Nazis [zu] wehren"[6]. Sie zielen mithin auf couragiertes Verhalten gegenüber dem Rechtsextremismus, dessen Repräsentanten sie benennen. Andere wollen schlicht zur "vollständige[n] Enthüllung rechter Zusammenhänge" und zur "Aufklärung der Gesellschaft" beitragen,[7] also informieren.

Diese Motivzuschreibungen beruhen wohlgemerkt auf Eigenangaben der Linksextremisten gegenüber der Öffentlichkeit, beispielsweise in Pressemeldungen. Dass dies die einzigen Ziele sind, muss bezweifelt werden, obwohl sie Ausdruck des Missionierungsbewusstseins linksautonomer Kreise sind. Welche Motive außerdem hinter "Nazi-Outings" stehen, eröffnet sich durch andere Botschaften, die sich auf Flyern und auf Internetseiten finden. In einem Artikel, der Irrtümer bei der Identifikation von "Nazis" erörtert, behaupten die Autoren, Ziel sei es, mit Outings die "Aktivitäten, Strukturen und Vernetzung […] transparent" zu machen. Nur wenige Zeilen später ergänzen sie allerdings, sie beabsichtigten außerdem, Rechtsextremisten "aus der Anonymität zu reißen, ihnen das Leben in ihrem Umfeld zu erschweren"[8]. Dies deckt sich mit einer Aussage an anderer Stelle, es gehe darum, Rechtsextremisten "das Leben zur Hölle [zu] machen"[9]. Damit ist wohl in erster Linie die solchen Outings folgende soziale Isolation gemeint, der sich die Opfer gegenübersehen und die von Autonomen bewusst ins Auge gefasst wird. Gesellschaftliche Missionierung und der Angriff auf Rechtsextremisten in Form sozialer Vernichtung können bei "Antifaschist_Innen" mithin als zwei Seiten des "Nazi-Outings" gesehen werden.

Beide Handlungsmotive ergeben sich aus dem Feindbild "Faschismus": "Nazis" sind für Autonome keine politischen Gegner, die überzeugt oder mit denen Kompromisse gefunden werden können; sie gelten als Feinde, mit denen gewaltfreie politische Interaktionen schon der "gesunde Menschenverstand" verbietet. Aus der menschenverachtenden Ideologie der Rechtsextremen leiten Autonome die Legitimation ab, "Nazis" fundamentale Menschenrechte abzusprechen. So streiten Linksautonome den Rechtsextremen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ("Neonazis haben kein Recht auf verpixelte Bilder!"[10]) ebenso ab wie das Recht auf Privatsphäre ("Keine Ruhe für Neonazis!"[11]) – beides Rechte, die das Grundgesetz wie die im Vertrag von Lissabon verbriefte Europäische Menschenrechtecharta aus gutem Grund allen Menschen zubilligen, unabhängig von deren politischen Ansichten. Warum tun dies Linksextremisten? Ihre Abscheu gegenüber der menschenverachtenden Ideologie von "Nazis" speist sich aus Angst und Wut über Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Wie andere Feindbilder auch erfüllt das hinter "Nazi-Outings" stehende Feindbild existenzielle Funktionen für die Szene – mag sie sich darüber im Klaren sein oder nicht: Es hilft ihr,
  • sich gegen den Mainstream abzugrenzen (Identifikationsfunktion),
  • durch Bedrohungsszenarien das Zusammengehörigkeitsgefühl zu steigern (Integrationsfunktion),
  • die komplexe politische Lage schnell zu strukturieren (Komplexitätsreduktionsfunktion) und – dies wird beim "Nazi-Outing" besonders deutlich – ihre kommunikative Macht und so ihren gesellschaftlichen Einfluss auszubauen (Propaganda- und Rekrutierungsfunktion).[12]
Der "Antifaschismus" von Linksextremisten nimmt also – ebenso wie ihr "Antikapitalismus", ihr "Antirepressionismus" oder ihr "Antiamerikanismus" – eine stabilisierende Funktion für die Szene ein, ist ein instrumentalisiertes Feindbild.[13] "Nazi-Outing" lässt sich am ehesten als das in die Tat umgesetzte Feindbild "Antifaschismus" begreifen. Es ist einerseits Ausdruck der Wut über "Nazis", denn Linksautonome verschaffen ihrem authentischen Hass so einen geeigneten Ausdruck. Andererseits nimmt es die bereits genannten Funktionen eines Feindbildes ein: Die Szene reproduziert ihr extremistisches Denken und ihr Selbstverständnis als Kämpfer für die vermeintlich gute Sache (Identifikationsfunktion). Daneben schaffen derartige Aktionen innerhalb der Antifa-Gruppen ein Zusammengehörigkeitsgefühl: Geplant, durchgeführt und ausgewertet werden können "Nazi-Outings" nur gemeinsam (Integrationsfunktion). Daneben erlauben es das Feindbild "Nazi" und sein Ausdruck "Nazi-Outing" die komplexe und unübersichtliche Realität mit ihren tausendfachen Nuancen und Positionen zu vereinfachen in einen schlichten Kampf von Gut gegen Böse (Komplexitätsreduktionsfunktion). Schließlich finden sich auf Outing-Flyern neben den enthüllenden Informationen häufig Aufrufe zur Beteiligung an "antifaschistischen" Demonstrationen. Es ist leichter, Akzeptanz für eigene Positionen zu finden und jemanden anzuwerben, wenn man gegen den ohnehin gesellschaftlich geächteten Rechtsextremismus tatkräftig zu Felde zieht, anstatt vermummt zu demonstrieren, theorielastige Schriften zu verteilen oder Steine gegen Polizisten zu werfen und Innenstädte zu verwüsten (Rekrutierungsfunktion). Nebenbei gelingt es ihnen, politische Begriffe zu prägen – ganz selbstverständlich sprechen sie synonym von "Nazis", "Schweinen" und "Faschisten" – womit nicht nur Rechtsextremisten gemeint sind, sondern auch Politiker und Polizisten.


Fußnoten

1.
Patrick Beuth, Anonymous sammelt Nazi-Daten, in: DIE ZEIT vom 2. Januar 2012.
2.
Siehe Warren Johansson und William A. Percy: Outing: Shattering the Conspiracy of Silence, Harrington Park Press, 1994.
3.
Siehe stellvertretend: Katharina Iskandar, "Nazi-Outing", unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ linksextremismus-nazi-outing-1626811.html, aufgerufen am 4. April 2012.
4.
Siehe hierzu einführend: Armin Pfahl-Traughber (2008), Antifaschismus als Thema linksextremistischer Agitation, Bündnispolitik und Ideologie. Eine Analyse zu ideengeschichtlichen Hintergründen und strategischen Funktionen eines Kampfbegriffs.
5.
Siehe https://linksunten.indymedia.org/de/node/56580, aufgerufen am 4. April 2012.
6.
Siehe http://de.indymedia.org/2012/04/327828.shtml, aufgerufen am 4. April 2012.
7.
Siehe https://linksunten.indymedia.org/de/node/56580, aufgerufen am 4. April 2012.
8.
Siehe http://www.linksnavigator.de/node/2725, aufgerufen am 4. April 2012.
9.
Siehe http://de.indymedia.org/2009/09/260082.shtml, aufgerufen am 4. April 2012.
10.
Siehe http://linksunten.indymedia.org/de/node/56580), aufgerufen am 4. April 2012.
11.
Siehe https://linksunten.indymedia.org/de/node/56955, aufgerufen am 4. April 2012.
12.
Vgl. Eckhard Jesse (2005), Funktionen und Strukturen von Feindbildern im politischen Extremismus, in: Bundesministerium des Innern: Feindbilder und Radikalisierungsprozesse. Elemente und Instrumente im politischen Extremismus (2. Auflage), S. 5-22, hier: S. 13-17.
13.
Der intentionale Aspekt wird hier außer Acht gelassen. Wer ihn hinzuzieht, kann von einer Instrumentalisierung nicht sprechen.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Dossier

Rechtsextremismus

Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer. Weiter... 

Publikation zum Thema

Coverbild Linksextremismus in Deutschland

Linksextremismus in Deutschland

In seiner Bestandsaufnahme skizziert der Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber die radikale Linke in Deutschland. Er stellt die Gruppen, Netzwerke, Organisationen und Parteien systematisch vor und schätzt auch das Gefahrenpotenzial der unterschiedlichen Akteure ab.Weiter...

Zum Shop

Veranstaltungsdokumentation (Juni 2017)

Linksextremismus und linke Militanz - Phänomene, Kontroversen und Prävention

Ist Gewalt ein Unterscheidungskriterium zwischen demokratischer und extremistischer Linke? Gibt es inhaltlich-ideologische Unterschiede? Die Fachtagung ging diesen Fragen nach und bot Einblicke in verschiedene Handlungsfelder und Strömungen. Weiter...