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Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

Linksextremismus in Deutschland im europäischen Vergleich

Eine komparative Betrachtung der gewaltorientierten und parteipolitischen Ebene


15.7.2014
Wie entwickelte sich der Linksextremismus in Frankreich, Griechenland, Italien und Schweden? Und welche Schlüsse kann man daraus für Deutschland ziehen?

Wie bedeutsam ist der Linksextremismus in Deutschland? Um diese Frage differenziert beantworten zu können, bedarf es einer Analyse mit Hilfe von Kriterien und Maßstäben. Dafür bietet sich eine komparative Betrachtung an, also die Methode des Vergleichs. Die Ebene dafür kann die frühere Entwicklung des Linksextremismus in Deutschland, der Rechtsextremismus als andere Form des Extremismus, aber auch der Linksextremismus in anderen Ländern sein. In diesem Text wird die letztgenannte Perspektive genutzt, wobei ein Blick auf die Entwicklung in Europa erfolgt. Um den Rahmen der Betrachtung nicht zu sprengen, findet der Vergleich nur mit vier anderen westeuropäischen Ländern statt: Frankreich und Italien wurden ausgewählt, da dort sowohl im gewaltorientierten wie parteipolitischen Linksextremismus bedeutende Potentiale bestanden. Griechenland bedarf als Land mit einer ausgeprägten Finanz- und Wirtschaftskrise hier Interesse. Und Schweden dient als weiteres Vergleichsobjekt, weil in diesem Land sowohl das Eine wie das Andere fehlte.

Linksextremismus in Deutschland



Bei der komparativen Betrachtung mit den genannten Ländern soll jeweils die gewaltorientierte wie die parteipolitische Dimension des Linksextremismus inhaltlich beachtet werden: Während die erstgenannte Form eine direkte Gefahr für die jeweils individuell Betroffenen darstellt, zielt die parteipolitische Entwicklung auf die gesamte Gesellschaft. Diese Differenzierung verdient auch für die Situation in Deutschland besondere Beachtung: Historisch-politischer Ausgangspunkt des dortigen Linksextremismus war für die parteipolitische Ebene die "Kommunistische Partei Deutschlands" (KPD), die 1918/1919 entstanden war. Bereits seit Beginn der Weimarer Republik lehnte sie erklärtermaßen den bestehenden demokratischen Verfassungsstaat ab und plädierte für einen Systemwechsel hin zu einer sozialistischen Diktatur wie in der Sowjetunion. Als Wahlpartei war die KPD in eingeschränktem Maße in der Arbeiterschaft verankert und verbuchte bei den zweiten Reichstagswahlen 1932 immerhin 16,9 Prozent der Stimmen für sich.

An diesen Erfolg konnte die KPD nach ihrer Neugründung 1945 nicht mehr anknüpfen. Bei den ersten Bundestagswahlen erhielt sie 1949 noch 5,7 und bei den zweiten Bundestagswahlen 1953 nur noch 2,2 Prozent der Stimmen. Nach dem Verbot 1956 kam es zwar 1968 zu einer informellen Neugründung als "Deutsche Kommunistische Partei" (DKP), konnte aber mit durchschnittlich 0,3 Prozent der Stimmen bei Bundestags- und Landtagswahlen in den 1970er und 1980er Jahren (mit Ausnahme von regionalen Hochburgen) keine Wahlerfolge verbuchen. Dies galt und gilt auch für die "Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands" (MLPD), die sich ebenfalls in der Nachfolge der historischen KPD mit allerdings maoistischem und stalinistischem Einschlag sieht. Die Partei erreichte bei Bundestags- und Landtagswahlen meist nur um die 0,1 Prozent der Stimmen. Zwar sind beide Parteien kontinuierlich bei Demonstrationen präsent, spielten und spielen aber bei Wahlen keine sonderliche Rolle.

Im Bereich des gewaltorientierten Linksextremismus kann eine subkulturelle und terroristische Form unterschieden werden: Für Letztere stehen die Gruppen "Rote Armee Fraktion" (RAF), "Bewegung 2. Juni" und "Revolutionäre Zellen" (RZ), die ab den 1970er Jahren mit Anschlägen auf Einrichtungen, aber auch mit Morden an Personen bekannt wurden. Während sich die "Bewegung 2. Juni" schon Ende der 1970er Jahre aufgelöst hatte, erfolgte dieser Schritt bei der RAF und den RZ erst in den 1990er Jahren. Insofern kann aktuell nicht von dem Bestehen eines Linksterrorismus gesprochen werden. Linksextremistische Gewalttaten gehen gegenwärtig von den Angehörigen der subkulturell geprägten Autonomen aus: Ihre Anschläge auf Einrichtungen und Gewaltakte gegen Personen nehmen gelegentlich eine hohe Intensität an. Gleichwohl beabsichtigen sie – aber primär aufgrund der geringen Vermittelbarkeit in die Gesellschaft hinein – keine Tötungen von Menschen. Indessen gehen Autonome mitunter äußert brutal gegen Polizisten vor.

Linksextremismus in Frankreich



Frankreich zählt neben Italien zu den wenigen westeuropäischen Ländern, wo die Kommunistische Partei bei nationalen Wahlen zeitweise herausragende Ergebnisse verbuchen konnte. Die "Parti communiste francais" (PCF) entstand 1920 und orientierte sich spätestens ab Mitte der 1920er Jahre bis zu deren Auflösung an der Politik der Sowjetunion. Ansätze zur Abwendung von dieser Prägung, die sich mit einer Orientierung an einem parlamentarischen Weg zum Sozialismus verbanden, wurden in den 1970er Jahren zugunsten einer Beibehaltung des traditionellen Kurses wieder zurückgenommen. Gleichwohl konnte die Partei bei den Wahlen zur Nationalversammlung hohe Zustimmungswerte verbuchen. Zwischen 1962 und 1986 erhielt man zwischen 22,5 und 9,8 Prozent der Stimmen. Nach der Auflösung der Sowjetunion erfolgten nur zaghafte Schritte der Erneuerung, was mit einen weiteren Rückgang der Stimmen von 1993 mit 9,2 auf 2012 6,9 Prozent erklärt. Bei den Europawahlen 2014 erhielt die PCF als Teil eines Wahlbündnisses 6,6 Prozent der Stimmen.

Darüber hinaus existieren zwei bedeutsamere trotzkistisch geprägte Parteien, die bei Präsidentschaftswahlen mitunter Achtungserfolge verzeichneten: Hierzu gehörte die "Ligue communiste révolutionnaire" (LCR) ("Revolutionär kommunistische Liga"), die 1968 als französische Sektion der "Vierten Internationale" gegründet wurde. Bei den Präsidentschaftswahlen erhielt deren Kandidat Olivier Besancenot 2002 4,3 Prozent und 2008 4,8 Prozent der Stimmen. 2009 ging die LCR in der Neugründung "Nuveau Parti anticapitaliste" (NPA) ("Neue antikapitalistische Partei") auf. Die "Lutte ouvrière" (LO) ("Arbeiterkampf") entstand mit dieser Bezeichnung als Partei 1968. Ihre Kandidatin zu den Präsidentschaftswahlen Arlette Laguiller erhielt 2002 5,7 und 2007 1,3 Prozent der Stimmen. Ein Listenbündnis von LCR und LO konnte bei den Europawahlen 1999 5,2 Prozent der Stimmen erreichen. Bei den Europawahlen 2014 kandidierte man wieder getrennt und erhielt mit 1,2 Prozent für die LO und 0,4 Prozent für die NPA nur noch geringere Zustimmung.

Bezogen auf den gewaltorientierten Linksextremismus spielte die "Action Directe" (AD) ("Aktion Direkt") als terroristische Gruppe eine bedeutende Rolle, führte sie doch wie ähnliche Gruppen in Deutschland und Italien einige Anschläge und Attentate durch: Die AD entstand 1979 und machte zunächst durch Angriffe auf öffentliche Gebäude vom Entwicklungshilfeministerium bis zu Polizeiwachen auf sich aufmerksam. Ab 1983 ging man zu Attentaten auf Personen über, wofür die Ermordung des Generals René Audran 1985 und des Renault-Chefs Georges Besse 1986 stehen. Für eine kurze Zeit kam es auch zu einer Kooperation mit der deutschen RAF. 1987 gelang der Polizei die Verhaftung von führenden Aktivisten, womit deren Wirken beendet war. Später spielten linksterroristische Gruppen in Frankreich keine Rolle mehr. Mitunter verübten gewaltgeneigte Klein-Gruppen, die den deutschen Autonomen ähneln, Sabotageaktionen gegen die französische Bahn. Diese Einzeltaten stehen aber nicht für eine Fortsetzung des Terrorismus.

Linksextremismus in Griechenland



Polizisten eskortieren Sarantos Nikitopoulos, ein Mitglied der terroristischen Gruppe "Epanastatikos Agonas" (Revolutionärer Kampf).Polizisten eskortieren Sarantos Nikitopoulos, ein Mitglied der terroristischen Gruppe "Epanastatikos Agonas" (Revolutionärer Kampf). (© picture-alliance/dpa)
Griechenland verdient hinsichtlich der Entwicklung des Linksextremismus besondere Aufmerksamkeit, da dort durch die sozioökonomischen Krisensituation ein starker Resonanzboden für extremistische Bestrebungen besteht. Die "Kommounistikó Kómma Elládas" (KKE) ("Kommunistische Partei Griechenland"), die mit dieser Bezeichnung 1924 gegründet wurde, konnte daraus bislang allenfalls in Ansätzen politischen Gewinn erzielen. Sie änderte nach 1990 nur marginal etwas an der dogmatischen Ausrichtung. Bei den Parlamentswahlen erhielt die KKE 2007 8,3 Prozent, 2009 7,5 Prozent und 2012 8,5 Prozent der Stimmen. Bei der zweiten Parlamentswahl 2012 sank der Anteil aber auf 4,5 Prozent. Für die KKE besteht mit der "Synaspismós tis aristerás ton kinimáton ke tis ikologias" (SYN) ("Koalition der Linken, der Bewegungen und der Ökologie") außerdem eine erfolgreichere Alternative für linke Wahlvoten. Dies machen auch die Ergebnisse der Europawahlen 2014 mit 6 Prozent für die KKE und 26,6 Prozent für die SYN deutlich.

Griechenland steht außerdem für einen aktiven Linksterrorismus, der zunächst mit der "Epanastatiki Organosi Dekati Devdomi Noemvri" (17N) ("Revolutionäre Organisation 17. November") verbunden war. Diese Gruppe, benannt nach dem Tag der brutalen Niederschlagung einer Protestaktion gegen die Militärdiktatur, führte von 1973 bis 2000 zahlreiche Bombenanschläge und Morde durch. Letztere richteten sich gegen griechische Industrielle und Politiker, aber auch gegen Diplomaten und Militärangehörige von NATO-Staaten. Erst mit der Festnahme einiger Aktivisten 2002 kann von einem Ende von 17N ausgegangen werden. Mit "Epanastatikos Agonas" ("Revolutionärer Kampf"), "Sechta Epanastaton" ("Sekte der Revolutionäre") und "Synomosia Pyrinon tis Fotias" ("Verschwörung der Feuerzellen") bestehen weitere linksterroristische Gruppen, die seit 2003 durch Anschläge auf Banken, Polizeiwachen oder Regierungsgebäude, aber auch durch die Verschickung von Paketbomben ins Ausland auf sich aufmerksam machten.

Und schließlich existiert eine besonders in Athen gut entwickelte und überaus gewaltgeneigte Autonomen-Szene, die vor allem die Protestaktionen von Jugendlichen und Studenten zu einschlägigen Aktivitäten nutzt. Nachdem 2008 während eines Polizeieinsatzes ein fünfzehnjähriger Demonstrant durch den Querschläger eines Warnschusses ums Leben kam, eskalierte die Gewalt bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Den Autonomen gelang es dabei zumindest zeitweise, auch Jugendliche außerhalb ihres Milieus zur Teilnahme an Ausschreitungen zu motivieren. Ihren Höhepunkt fanden die Gewaltexzesse in Schüssen auf Polizeibeamte, wobei ein junger Polizist schwer verletzt wurde. 2009 töteten dann drei Personen einen Angehörigen der Anti-Terror-Einheit der Polizei. Darüber hinaus gab es noch andere Angriffe mit Handfeuerwaffen und Sprengstoff, die bislang meist nicht aufgeklärt werden konnten. Hier besteht die längerfristige Gefahr einer engeren Kooperation von neuen griechischen Linksautonomen mit neuen griechischen Linksterroristen.

Linksextremismus in Italien



General James Lee Dozier: Am 17. Dezember 1981 wurde der ranghöchste Offizier im Nato-Hauptquartier Süd in Verona von den Roten Brigaden entführt. Die Polizei konnte ihn nach 42 Tagen am 28. Januar 1982 befreien.General James Lee Dozier: Am 17. Dezember 1981 wurde der ranghöchste Offizier im Nato-Hauptquartier Süd in Verona von den Roten Brigaden entführt. Die Polizei konnte ihn nach 42 Tagen am 28. Januar 1982 befreien. (© picture-alliance/dpa)
Italien steht für das europäische Land, in dem eine Kommunistische Partei nach 1945 bei freien Wahlen die höchsten Zustimmungswerte für sich verbuchen konnte. Durchschnittlich stimmte jeder vierte Wähler für die Partei, die über 1,5 Millionen Mitglieder hatte. Die "Partito Comunista Italiano" (PCI) ("Kommunistische Partei Italiens") entstand 1921 und orientierte sich ebenfalls lange Zeit an der Politik der Sowjetunion. Bereits in den 1950er Jahren konnte man erste Anzeichen einer Abgrenzung erkennen, welche in den 1970er Jahren im Anspruch auf einen eigenen und parlamentarischen Weg zum Sozialismus im Sinne des "Eurokommunismus" mündete. 1976 erhielt die PCI bei den Wahlen zum nationalen Parlament 34,4 Prozent der Stimmen. Nach der Auflösung der Sowjetunion und innenpolitischen Umbrüchen in Italien nannte man sich 1991 in "Partito Democratico della Sinistra" (PDS) ("Demokratische Partei der Linken") und 1998 in "Democratici di Sinistra" (DS) ("Demokraten der Linken") um.

Die Änderung des Namens stand auch für einen inhaltlichen Wandel, hatte die PCI sich doch hin zu einer demokratischen und nicht-extremistischen Linkspartei entwickelt. Indessen akzeptierten nicht alle Parteimitglieder diesen Schritt, was 1991 zur Gründung der "Partito della Rifondazione Comunista" (PRC) ("Partei der Kommunistischen Wiedergründung") führte. Sie nahm zwar Korrekturen an ihrer dogmatischen Auffassung des Kommunismus vor, orientierte sich aber weiterhin im Sinne dieses ideologischen Selbstverständnisses. Ähnlich verhält es sich mit der 1998 gegründeten "Partito dei Comunisti Italiani" (PdCI) ("Partei der italienischen Kommunisten"), die als Abspaltung von der PRC aufgrund deren seinerzeitiger parlamentarischer Tolerierung der Mitte-Links-Regierung entstand. Die damit einhergehende taktische Frage bildet die hauptsächliche Differenz beider Parteien. Mitunter kandidiert man gemeinsam auf Bündnislisten, ohne dabei besondere Erfolge vorweisen zu können: So kamen beide Parteien in dieser Konstellation 2008 gerade mal auf knapp über drei Prozent.

Hinsichtlich des gewalttätigen Linksextremismus machten in Italien die "Brigate Rosse" (BR) ("Rote Brigaden") zwischen 1970 und 1988 auf sich aufmerksam, verübten diese terroristischen Gruppen doch zahlreiche Banküberfälle, Entführungen und Mordanschläge. Interne Konflikte und zahlreiche Verhaftungen führten im Laufe der 1980er Jahre zu Krise und Niedergang der BR. Ab 1999 agierten Aktivisten einer "Nuove Brigate Rosse" ("Neue rote Brigaden"), die ebenfalls Morde durchführten. Zu ihren Opfern gehörte etwa 2002 der Professor für Arbeitsrecht Marco Biagi, der als Regierungsberater eine Lockerung des Kündigungsrechts eingefordert hatte. Mit der Versendung von Brief- und Paketbomben auch über die Grenzen Italiens hinaus machte seit 2003 eine nicht näher bekannte "Federazione Anarchica Informale" (FAI) ("Informelle Anarchistische Föderation") auf sich aufmerksam. Einschlägige Sendungen gingen etwa an Finanzbehörden und Polizeiwachen in Italien oder an die Deutsche Bank und die Europäische Zentralbank im Ausland.

Linksextremismus in Schweden



Die neuere Geschichte Schwedens ist von der Dominanz der Sozialdemokratie und der Etablierung eines Wohlfahrtsstaates geprägt. Die damit einhergehenden Entwicklungen erklären mit, warum die für Linksextremisten so bedeutsame soziale Frage in diesem Land nicht zu Erfolgen für sie führte. Gleichwohl existierte auch in Schweden eine kommunistische Partei mit einer kontinuierlichen Präsenz im nationalen Parlament: Bereits 1917 gründeten frühere Angehörige des revolutionären Flügels der reformerisch ausgerichteten sozialdemokratischen Partei "Sveriges socialdemokratiska vänsterparti" ("Schwedens sozialdemokratische Linkspartei"), die sich 1921 in "Sveriges kommunistiska parti" ("Schwedens kommunistische Partei") mit einer dezidiert marxistisch-leninistischen Ausrichtung umbenannte. Bis 1967 erhielt man bei den Reichstagswahlen zwischen 3,0 als niedrigstem und 6,4 Prozent der Stimmen als höchstem Wert (Ausnahme 1944: 10,3 Prozent).

Danach erfolgte ein erneuter Namenswechsel in "Vänsterpartiet kommunisterna" ("Linkspartei Kommunisten"), und 1990 ließ man den Zusatz "kommunisterna" zugunsten der heutigen Bezeichnung "Vänsterpartiet" (VP) wegfallen. Diese Änderungen standen auch für einen politischen Wandel: Es kam zu einer langsamen Abkehr von linksextremistischen Grundpositionen im Sinne des Marxismus-Leninismus hin zu einer linksdemokratischen Orientierung in Richtung des demokratischen Sozialismus. Hierbei handelte es sich aber um keine geradlinige und widerspruchsfreie Entwicklung, ging sie doch mit heftigen Konflikten innerhalb der Partei und mit zeitweisen Rückfällen in traditionelle ideologische Prägungen einher. Gleichzeitig forcierte die gelegentliche Kooperation mit der sozialdemokratischen Minderheitsregierung einschlägige Mäßigungsprozesse. Bei Reichstagswahlen konnte man nur 1998 mit 12 Prozent einen herausragenden Erfolg erzielen, ansonsten schwankte die Zustimmung von 1967 bis 2010 zwischen 3,0 und 8,4 Prozent der Stimmen.

Mit der "Kommunistiska partiet" ("Kommunistische Partei") bzw. "Sveriges kommunistiska parti" ("Schwedens Kommunistische Partei"), die 1970 bzw. 1995 von früheren Mitgliedern der heutigen VP als Abspaltungen gegründet wurden, existieren noch zwei marxistisch-leninistisch ausgerichtete linksextremistische Parteien. Da sie bei Reichstagswahlen aber meist noch nicht einmal über 0,01 Prozent der Stimmen hinaus kommen, spielen sie keine beachtenswerte politische Rolle. Außerdem existiert in Schweden im Bereich des Linksextremismus noch eine Autonomen-Szene, die aus unterschiedlichen Kleingruppen mit netzwerkartiger Struktur besteht. Als bedeutsame Gruppierungen gelten die "Antifascistisk aktion" ("Antifaschistische Aktion"), die "Global intifada" ("Globale Intifada") und die "Revolutionära fronten" ("Revolutionäre Front"). Ein großer Teil ihrer Anhänger sieht in aktiven und direkten Gewalttaten gegen Einrichtungen, aber auch gegen Personen ein legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele.

Parteipolitischer Linksextremismus im europäischen Vergleich



Um das Gefahrenpotential des Linksextremismus in Deutschland differenziert einschätzen zu können, bieten sich vergleichende Betrachtungen zur Situation in den vorgenannten europäischen Ländern an. Auch hierbei macht die gesonderte Betrachtung sowohl des gewaltorientierten wie des parteipolitischen Spektrums inhaltlichen Sinn. Als besonderes Problem besteht indessen für Deutschland die Frage einer diesbezüglichen Einschätzung der Partei "Die Linke". Während sie sich einerseits in ihrer realen Politik an die Regeln des demokratischen Verfassungsstaates hält, weist sie andererseits eindeutig extremistische Strömungen in ihren Reihen auf. Bei Wahlen sowohl auf Bundes- wie auf Landesebene darf sie als etablierte Partei gelten, kann "Die Linke" doch mit gelegentlichen Ausnahmen in den westlichen Ländern meist in die Parlamente einziehen. Allein von daher kommt man bei einer Einschätzung zur Bedeutung des parteipolitischen Linksextremismus – je nach Bewertung der Partei "Die Linke" - zu grundlegend unterschiedlichen Ergebnissen.

Ganz allgemein kann indessen für die parteipolitische Ebene konstatiert werden, dass vor 1989 linksextremistische Parteien bei Wahlen keine politisch relevante Rolle spielten. Demgegenüber gelang in Frankreich sogar die Beteiligung an einer Regierungskoalition auf nationaler Ebene. In Italien konnte die Kommunistische Partei seinerzeit angesichts hoher Wählerzustimmung auch im kommunalen Bereich politische Verantwortung übernehmen. Somit bestanden in beiden Ländern weniger Vorbehalte in der politischen Öffentlichkeit. Gleiches gilt für die "Vänsterpartiet" in Schweden. Deren seinerzeitiger Wandel erfolgte indessen unter anderen politischen Rahmenbedingungen, verloren sie doch nicht einen Status als Regierungs- oder Staatspartei wie bei der Partei "Die Linke" und ihrer Vorläuferorganisation. Betrachtet man die Ergebnisse bei Wahlen seit 1990, so zeigt sich in der Gesamtschau folgender Trend: Je ausgeprägter die Entwicklung weg vom früheren Marxismus-Leninismus waren, desto mehr Stimmen konnte man bei Wahlen auf sich ziehen.

Dies gilt auch für die orthodox-kommunistischen Kleinparteien DKP und MLPD, die bei Bundestags- und Landtagswahlen meist nur unter 0,3 Prozent der Stimmen erhalten. Ähnlich geringe Akzeptanz finden solche Parteien in anderen europäischen Ländern wie eben auch in Schweden. In Frankreich oder Italien liegen die Werte aufgrund der erwähnten historisch-politischen Gegebenheiten zwar höher, aber auch hier schmolz die Zustimmung auf unter fünf Prozent der Stimmen zusammen. Eine Ausnahme im Bereich der orthodox-kommunistischen Parteien bildet Griechenland. Dort konnte man mit einer antikapitalistischen Ausrichtung im Kontext der dramatischen Finanzkrise des Landes politisch punkten. Allerdings setzten sich bei Wahlen bezogen auf das linke politische Lager die gegenüber der Kommunistischen Partei Griechenlands gemäßigteren Kräfte als erfolgreichere Alternative für einschlägige Wahlvoten durch. In der Gesamtschau scheint zumindest in den westeuropäischen Ländern die Ära der orthodox-kommunistischen Parteien vorbei zu sein.

Gewaltorientierter Linksextremismus im europäischen Vergleich



Wie steht es demgegenüber um den gewaltorientierten bis terroristischen Linksextremismus im europäischen Vergleich? Zunächst kann man für die quantitativen Angaben zu Anhängerschaften und Delikten konstatieren, dass es hierfür keine einheitliche Datenbasis gibt und so genaue Vergleiche wie etwa mit dem Kriterium "Wahlergebnisse" nicht möglich sind. In den meisten europäischen Ländern findet man mehr oder minder stark entwickelte jugendliche Subkulturen, die sich mit einem anderen Lebensstil von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollen. Dabei formuliert man mitunter rigorose Auffassungen zu allgemein akzeptierten Einstellungen und Normen. Dies muss aber nicht immer notwendigerweise etwas mit Linksextremismus als politischem Phänomen zu tun haben. So lässt sich mitunter ein anarchistisches Selbstverständnis ausmachen, das aber nur im Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben in gesellschaftlichen Randbereichen im Sinne eines privaten und daher unpolitischen Lebensglücks besteht.

Anders verhält es sich demgegenüber mit Gruppen, die den oben in ihrer Besonderheit dargestellten Autonomen in Deutschland entsprechen. So bestanden und bestehen ähnliche linksextremistische Bestrebungen in Griechenland, Italien oder Schweden. Insbesondere bei den Aktionen im Rahmen des Handlungsfeldes "Antiglobalisierung" konnte man auch deren internationale Kooperation relativ gut beobachten. Darüber hinaus spielen sie im Kontext des Handlungsfeldes "Antifaschismus" eine bedeutende Rolle, die aber auch mit einem gezielt gewalttätigen Vorgehen gegen Rechtsextremisten einhergeht. In Schweden konzentrieren sich die einschlägigen Gruppen auf diesen Bereich. Demgegenüber spielt für die Autonomen in Griechenland aufgrund der dortigen Finanzkrise das Handlungsfeld "Antikapitalismus" eine wichtige Rolle. Hierbei gelang es den Aktivisten mitunter, andere Jugendliche, die von den sozialen Folgen der Finanzkrise betroffenen waren, für gewaltorientierte Aktionen im Rahmen einschlägiger Demonstrationen zu mobilisieren.

Im europäischen Vergleich handelt es sich bei den deutschen Autonomen um eine besonders stark entwickelte Strömung des gewaltorientierten Linksextremismus, wobei aber trotz regelmäßiger Anschläge aufgrund der eher niedrigen Gewaltintensität nicht von einem entwickelten Linksterrorismus gesprochen werden kann. Ohnehin haben sich die einschlägigen Gruppen in Deutschland endgültig im Laufe der 1990er Jahre aufgelöst. Gleiches geschah sogar noch etwas früher mit der "Action Directe" in Frankreich oder der "Brigate Rosse" in Italien. Die Ära des Linksterrorismus ist jedoch nur für bestimmte Länder vorbei: Seit Anfang der 2000er Jahre kam es in Griechenland und Italien zu einer Renaissance. Die einschlägigen Gruppen, worüber bislang nur wenig bekannt ist, scheinen sich im Unterschied zu ihren Vorläufern mehr im anarchistischen Sinne zu verstehen. Indessen begehen sie nicht nur Anschläge auf Gebäude oder Fahrzeuge. Briefbomben und Schüsse sollen auch Menschen töten oder verletzen.

Literatur



Backes, Uwe/Moreau, Patrick (Hrsg.): Communist and post-communist parties in Europe, Göttingen 2008.

Jesse, Eckhard/Thieme, Tom (Hrsg.): Extremismus in den EU-Staaten, Wiesbaden 2011.

Katsiaficas, Georgy: The suversion of politics. European autonomous social movements and the decolonisation of everyday life, Oakland 2006.

Mannewitz, Tom: Linksextremistische Parteien in Europa nach 1990. Ursachen für Wahlerfolge und –misserfolge, Baden-Baden 2012.

Pfahl-Traughber, Armin: Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme, Wiesbaden 2014.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber für bpb.de
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