Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

28.11.2006 | Von:
Daniel Kilpert

Antisemitismus von links

Antikapitalisten gegen den Krieg

Auch die antikapitalistische Antiglobalisierungsbewegung sieht sich mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. Eine der größten und bekanntesten Gruppen des Spektrums ist die 1998 in Frankreich gegründete Gruppe Attac, um die es mittlerweile allerdings etwas ruhiger geworden ist. Im Dezember 2002 veröffentlichte Attac ein Papier, um sich von "rechten Rattenfängern" auf dem Antiglobalisierungsticket abzugrenzen. Selbstkritisch räumte man dort zum Beispiel ein, dass an einer von Attac München organisierten Anti-Kriegs-Kundgebung zwei Dutzend Neonazis unbehelligt teilnehmen konnten. So etwas wolle man in Zukunft verhindern. In einem Positionspapier aus dem Oktober 2003 schlug man aber schon wieder ganz andere Töne an und sah den "Kampf gegen die neoliberale Globalisierung" als untrennbar mit dem "Kampf (...) für das politische Selbstbestimmungsrecht der Palästinenserinnen und Palästinensern" verbunden.

Erwähnenswert ist ferner die Gruppierung Linksruck, die aktuell Einfluss auf die WASG bzw. Linskpartei zu nehmen sucht. Zu lesen ist auf ihrer Webseite zum Beispiel: "Zionismus ist eine politische nationalistische Bewegung, die darauf besteht, Juden müßten ihren eigenen Staat haben, weil Nichtjuden gesellschaftlich, von Natur aus und genetisch Antisemiten seien. Er entwickelte sich als Bewegung für die Juden in Osteuropa in direkter Konkurrenz zum Sozialismus." An anderer Stelle bezieht sich die Gruppe positiv auf den Islamismus: "Der militante Islam liegt richtig, wenn er den westlichen Imperialismus und sein Werkzeug im Mittleren Osten, den Zionismus, als Feind benennt. Er liegt richtig, wenn er einen ausgeweiteten Kampf gegen diesen Feind fordert." Als Demonstrations-Slogans werden dementsprechend auf der Linksruck-Webseite vorgegeben: "U.S.A. - internationale Völkermordzentrale" oder "Schluß, schluß, schluß mit dem Krieg - Intifada bis zum Sieg!"

"Deutsche, schüttelt eure Vergangenheit ab!"

Dass es auch innerhalb der Friedensbewegung einen erheblichen Klärungsbedarf in der Antisemitismusfrage gibt, zeigte etwa der Ostermarsch 2002 in Berlin. Dort wurden Plakate hochgehalten, auf denen z.B. zu lesen war: "Deutsche, schüttelt eure Vergangenheit ab! Die Israelis sind keine Opfer!". Fahnen der Hisbollah und Hamas wurden geduldet – wie im Übrigen auch bei allen Demonstrationen gegen den Afghanistan- und Irak-Krieg. Die taz schrieb dazu:
"Dass ein Ostermarsch von einer Gruppe für ihr Anliegen genutzt wird, ist spätestens seit den serbischen Demonstranten vor drei Jahren nichts Neues. Doch anders als damals, als der serbische Block mit seinen nationalistischen Parolen vom Rest der Demonstration faktisch isoliert war, geriet gestern der gesamte Ostermarsch mit seinen knapp 10.000 Teilnehmern zu einer antiisraelischen Demonstration. (...) Schon zur Auftaktkundgebung am Alexanderplatz (...) sagte Jutta Kausch von der Berliner Friedenskoordination: 'Im Nahen Osten herrscht ein furchtbarer Krieg, in dem fast ein Volk ausgelöscht wird.' (...) Von einer Verurteilung palästinensischer Selbstmordanschläge war auf dem gestrigen Ostermarsch keine Rede."
Als ein Offener Brief, unter anderem unterzeichnet von Ralph Giordano und Lea Rosh, die Friedensbewegung auf antisemitische Umtriebe bei Demonstrationen gegen den Irak-Krieg aufmerksam machen wollte, verweigerte diese über die Netzwerk-Friedenskooperative, die sich als eine Art Dachverband versteht, jegliche Diskussion und sah die Friedensdemonstranten diffamiert. Die Kritik des Aufrufes sei "ein Beitrag zur Kriegslogik".

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