Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.
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"Antiimperialistische" und "antideutsche" Strömungen im deutschen Linksextremismus


16.4.2008
"Nie wieder Deutschland!": Mit der deutschen Einheit erschien 1990 eine neue Strömung im linksextremen Spektrum. Die "Antideutschen" sind mittlerweile eine feste Größe, ihre Herausbildung aus der klassisch "antiimperialistisch" ausgerichteten extremen Linken durchaus bemerkenswert.

"Antideutsche" Demonstranten. Foto: Ralf Fischer / Agentur Ahron"Antideutsche" Demonstranten. Foto: Ralf Fischer / Agentur Ahron (© CC, Ralf Fischer / Agentur Ahron)

"Antiimperialismus" und "Antizionismus"



"Imperialismus", bei Lenin definiert als "höchstes Stadium des Kapitalismus", ist für Linksextremisten stets ein Gegenstand heftigster Ablehnung gewesen. Nach der klassischen marxistisch-
leninistischen Imperialismus-Theorie neigen "kapitalistische" Ökonomien und Staaten dazu, sich zwecks Maximierung des Profits Märkte für Rohstoffe, Arbeitskräfte und den Absatz von Produkten notfalls gewaltsam zu erschließen. "Imperialismus" führt in dieser Lesart einerseits zu Kolonialismus, andererseits zu Kriegen zwischen "kapitalistischen" Staaten um Marktanteile und Rohstoffe.

Diese Analyse legte für Linksextremisten eine zugleich "antiimperialistische" und "internationalistische" Ausrichtung nahe: Sie verstanden sich stets als solidarisch mit den "um ihre nationale Befreiung von kolonialistischer Ausbeutung kämpfenden Völkern". "Antiimperialistische Solidarität" wurde indessen nicht vorbehaltlos gewährt: Befreiungsbewegungen, die auf Einführung einer westlichen Demokratie abzielten, galten als "konterrevolutionär" und wurden nicht unterstützt. "Solidarität" empfingen lediglich solche "Befreiungsbewegungen", die ein "sozialistisches" Regime errichten wollten. Für deutsche Linksextremisten war zusätzlich - je nach ideologischer Orientierung - von Bedeutung, ob solche Bewegungen von der Sowjetunion oder von der Volksrepublik China bewaffnet und finanziert wurden. Die von manchen "Befreiungsbewegungen" verübten Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen wurden ignoriert. Generell blendeten die holzschnittartigen und bewusst parteilichen "antiimperialistischen" Sichtweisen je spezifische Hintergründe und Problemlagen von Konflikten in der Dritten Welt aus.

Dies galt seit den 1960er Jahren auch für den Nahost-Konflikt. Aus "antiimperialistischer" Perspektive avancierte das von Frankreich und den USA gestützte Israel zur "Kolonialmacht". Umgekehrt galten die von der Sowjetunion aufgerüsteten arabischen Staaten als "antikoloniale" Kräfte. Diesen Status erhielten nach dem Sechstagekrieg 1967 auch die Palästinenser: Die Wertschätzung für die - seinerzeit prosowjetische - PLO und die terroristische "Peoples Front for the Liberation of Palestine" (PFLP) erstreckte sich über das gesamte Spektrum des deutschen Linksextremismus. Sie reichte von der DKP über die maoistischen und stalinistischen so genannten K-Gruppen bis hin zu den terroristischen Organisationen "Revolutionäre Zellen" und "Bewegung 2. Juni", die 1976 gemeinsam mit palästinensischen Terroristen eine israelische Linienmaschine nach Entebbe entführten.

Eine solche "antiimperialistische" Grundhaltung zum Nahost-Konflikt kollidiert allerdings mit einem anderen zentralen Ideologem linker Extremisten: dem Antifaschismus. Der Palästina-Solidarität ging es nicht um differenzierte Kritik an der Politik Israels. Sie erklärte Israel zu einem "imperialistisch-zionistischen Projekt" und sprach ihm implizit die Existenzberechtigung ab. Die Übergänge dieser als "Antizionismus" drappierten Politik zu manifestem Antisemitismus - bei den "antiimperialistischen" palästinensischen Gruppen ohnehin grassierend - waren fließend, manchmal unübersehbar. Gleichwohl blieb die "antiimperialistische" Orientierung in der herkömmlichen Form bis heute im Mainstream der revolutionär-marxistischen und auch der autonomen Gruppen tonangebend.

Die "antideutsche" Strömung im Linksextremismus



Kritik und Gegenbewegungen zum "Antiimperialismus" entwickelten sich erst nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus zunehmend deutlicher. Unter Linksextremisten wuchs die Zahl derer, denen die orthodox-kommunistische Erklärung des NS-Regimes als Diktatur im Dienste der aggressivsten Teile des Kapitalismus (so genannte "Agentur"-Theorie) nicht ausreichte, weil sie die spezifisch antisemitisch-rassistische Komponente des Nationalsozialismus ausblendete. Als 1989/90 die deutsche Einheit auf der politischen Agenda erschien, bildeten sich "antideutsche" bzw. "antinationale" Gruppen, die ein "IV. Reich" befürchteten.

Sie unterstellten, dass einem Streben der Deutschen nach Wiedervereinigung zwangsläufig ein imperialistischer Ausgriff und ein Vernichtungskrieg gegen fremde Ethnien folgen müsse. Ob man sich diesen Mechanismus als historisch-kulturelle Vorbelastung oder sogar als biologisch-genetischen Defekt der Deutschen dachte, wurde nicht immer klar. Jedenfalls forderte ein Bündnis "Radikale Linke" 1990 mit der Parole "Nie wieder Deutschland" einen Verzicht auf die Einheit und die Auflösung des deutschen Volkes in eine multikulturelle Gesellschaft. Jahre später hatte die "antideutsch" akzentuierte Agitation paranoide und bisweilen groteske Züge angenommen. "Antideutsche" Autonome agitierten beispielsweise bei Gedenktagen zur Bombardierung Dresdens im Frühjahr 1945 mit Parolen wie "Keine Träne für Dresden" und "Deutsche Täter sind keine Opfer". Zynisch forderten sie mit Blick auf den alliierten Protagonisten der Flächenbombardements im zweiten Weltkrieg: "Bomber-Harris - do it again!"

Eine zweite Wurzel der "antideutschen" Position lag im Entsetzen über die Gleichgültigkeit linksextremistischer "Friedensdemonstranten" gegenüber irakischen Raketenangriffen auf Israel während des Golfkrieges im Winter 1991. Ein Teil des zerfallenden "Kommunistischen Bundes" (KB) und die linksextremistische Monatszeitschrift "Konkret" schwenkten auf einen "bellizistischen" Kurs: Sie befürworteten nunmehr die Militäraktion der USA und ihrer Verbündeten gegen den Irak aus einer pro-israelischen und damit glaubwürdig antifaschistischen Position heraus. Den herkömmlichen "Antiimperialismus" mit seiner "antizionistischen" und latent antisemitischen Fassade lehnten sie ab. In den folgenden Jahren entwickelten sich vor allem im Weichfeld der Autonomen "antideutsche" und "antinationale" Gruppen.


 


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