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Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.
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Das Politikverständnis in linksautonomen Publikationsorganen


21.12.2011
Bislang hatte die Herausgabe von Zeitschriften eine wichtige Integrationsfunktion: Sie diente der heterogenen autonomen Szene zur Kommunikation und Information. Fraglich ist jedoch, wie sich die Rolle der traditionellen autonomen Printmedien angesichts der explosionsartigen Verbreitung des Internets weiterhin entwickeln wird.

Demonstrantion gegen den bevorstehenden G8-Gipfel am 1. Mai 2007 in Berlin.Demonstrantion gegen den bevorstehenden G8-Gipfel am 1. Mai 2007 in Berlin. (© AP)

Einleitung



Für den äußeren Betrachter ist die autonome Szene in der Bundesrepublik nur schwer fassbar und zugänglich. Sie tritt nicht als geschlossene Gruppierung auf, gilt als organisationsscheu, und der überwiegende Anteil ihrer Mitglieder lehnt es ab, mit Staat, Medien oder Wissenschaft in einen Dialog zu treten. Um dennoch Kenntnis über diese verhältnismäßig heterogene Gruppierung zu gewinnen, dienen der Wissenschaft und den Sicherheitsbehörden in erster Linie die von der Szene herausgegebenen Publikationsorgane. Gemeint sind damit vor allem Zeitschriften. Im Gegensatz zu Büchern, die unter Autonomen nie eine vergleichbare Bedeutung erlangten, [1]erfüllen Zeitschriften für die Mitglieder der autonomen Szene einige wichtige Funktionen und konnten sich als wesentlicher Bestandteil autonomer Aktivität etablieren.[2] Zwar gilt es zu bedenken, dass die Zeitschriften die Szene nicht in ihrer Gänze abbilden, gleichwohl sind sie eine unverzichtbare Quelle, um ein genaueres Bild der autonomen Szene zu erhalten. Im Folgenden soll die linksautonome Zeitschriftenlandschaft in Deutschland genauer in den Blick genommen werden.[3]

Merkmale und Funktionen der Zeitschriften



Seit den 1980er-Jahren entstand in der noch jungen autonomen Szene der Bundesrepublik eine Fülle von Zeitschriften. Von diesen fanden jedoch nur wenige eine bundesweite Verbreitung und konnten sich folglich über mehrere Jahrzehnte auf dem "Markt" etablieren. Der überwiegende Teil der Zeitschriften rekrutierte seine Leserschaft primär in dem jeweiligen regionalen Umfeld.[4] Oft waren und sind die Zeitschriften eng mit einer Gruppe oder einem autonomen Zentrum verknüpft. So ist etwa die Hamburger Autonomenzeitschrift "Zeck", die einflussreichste und bedeutendste Zeitschrift der Autonomen in Norddeutschland, eng an das autonome Zentrum Rote Flora gebunden.[5] Ein weiteres Beispiel ist die Zeitschrift "Arranca", die von der FelS, einer sich selbst als linksradikal bekennenden Gruppe aus Berlin, initiiert wurde.[6]Eine genaue Anzahl der Zeitschriften, die mittlerweile innerhalb der autonomen Szene verbreitet werden, liegt nicht vor. In den Verfassungsschutzberichten der Jahre 2007, 2008 und 2009 wird angegeben, dass mehr als 50 Szenepublikationen im Umlauf sind. Erhältlich sind diese größtenteils in sogenannten Infoläden, ausgewählten Buchläden bzw. im Internet. Innerhalb der Szene erfüllen die Zeitschriften einige praktische Funktionen. Sie informieren zunächst über geplante oder durchgeführte Aktionen. Darüber hinaus bieten sie oftmals ein Forum für szeneinterne Diskussionen. Letztere kreisen in der Regel um Fragen einer verbesserten Zusammenarbeit und der Organisation innerhalb der autonomen Szene oder dienen der Abwägung unterschiedlicher politischer Positionen. In der Vergangenheit wurden bereits viele Zeitschriften mit dem Anspruch gegründet, zu einer besseren Vernetzung innerhalb der Szene sowie zu einer Einigung unterschiedlicher autonomer Strömungen beizutragen. Dieser hohe Anspruch wurde jedoch in allen Fällen nicht erreicht.[7]

Die Spaltung[8] innerhalb der Szene trug in den vergangenen Jahren vielmehr dazu bei, dass die einzelnen Zeitschriften mittlerweile zunehmend nur noch jeweils eine Richtung repräsentieren.[9] Viele Zeitschriften der autonomen Szene verzichten auf sogenannte konventionelle Publikationsstandards, bedienen sich eines eigenen Jargons sowie einer veränderten Orthografie.[10] Beispielhaft sind dafür Begriffe wie "Wagensportliga"[11] oder "Volxsport",[12] mit denen die Beschädigung oder Zerstörung von Kraftfahrtzeugen bezeichnet wird. Als Stilmittel bedient man sich oftmals der Ironie, vor allem in Zusammenhang mit Bekennerschreiben. Folgendes Zitat bringt dies zum Ausdruck: "Wir haben heute Abend unser Gründungsfest mit einigen Autos gemeinsam gefeiert. Dazu haben wir sie mit einem modernen Design versehen."[13] Als traditionelles Charakteristikum autonomer Zeitschriften gilt zudem die Praxis, eingesandte Briefe und Artikel von Einzelpersonen oder Gruppierungen ungefiltert abzudrucken.[14] Anzumerken ist jedoch, dass dieses Konzept weder in der Vergangenheit bei allen Zeitschriften Anwendung fand noch heutzutage uneingeschränkt auf Zustimmung stößt. Während sich einige Zeitschriften schon von Anfang an dezidiert gegen den Verzicht auf eine redaktionelle Bearbeitung entschieden,[15]rückten einzelne Szeneblätter von dem proklamierten Anspruch redaktioneller Selbstbeschränkung in der Praxis mehrfach ab. Beispielhaft steht dafür die Szenezeitschrift "Zeck", die in einigen Fällen nicht darauf verzichtete, das Abdrucken bestimmter eingereichter Texte abzulehnen bzw. Kürzungen an Artikeln vorzunehmen.[16]

Die Entscheidung entweder lediglich als Dienstleistungsorgan zu fungieren, in dessen Zuständigkeitsbereich Produktion und Vertrieb fallen, oder als unabhängige Redaktion eigene inhaltliche Impulse zu setzen, erwies sich für die meisten Redaktionen in der Praxis als problematisch und führte mitunter zur Spaltung.[17] Die Autorinnen und Autoren, die Beiträge in autonomen Periodika veröffentlichen, bevorzugen in der Regel, anonym zu bleiben. Vor dem Hintergrund strafrechtlicher Schritte, die mehrfach auf der Grundlage von Paragraf 129a Strafgesetzbuch (StGB) gegen Zeitschriften eingeleitet wurden, ist dies jedoch weniger eine Frage des Stils, als eine zwingende Notwendigkeit. Unbehagen mit den eigenen Publikationsorganen, insbesondere einzelnen Zeitschriften, äußerten Mitglieder der autonomen Szene in der Vergangenheit bereits mehrfach. Kritisch heißt es etwa in einer Ausgabe der Zeitschrift "radikal": "Die Theoriefeindlichkeit der Autonomen hat heute mit zum Resultat, dass sie nicht die Medien hervorbrachten, die sie in die Lage versetzen würden, ihre durch Implosion des Realsozialismus, Zerfall der neuen sozialen Bewegungen und deutschen Rechtsruck verursachten Krisen- und Resignationsprozesse angemessen diskutieren zu können".[18] Die vereinzelte Unzufriedenheit mit der eigenen Zeitschriftenlandschaft macht auch der Umstand deutlich, dass in einigen Fällen die Entstehung von Periodika aus der Kritik an bereits bestehenden Szeneblättern resultierte. In der ersten Ausgabe des bundesweit vertriebenen Szeneblatts "Interim" rechtfertigen die Initiatoren die Herausgabe der Zeitschrift damit, dass die Zeitschrift "radikal" sich in der Illegalität versteinert habe und das Periodikum "Autonomie" zu einem Organ der Theoretiker geworden sei.[19] Jahre später wird wiederum der "Interim" von den Herausgebern der Zeitschrift "Arranca" vorgeworfen, dass sie entgegen ihres Anspruches kein Diskussionsforum biete, sondern sich zu einer Flugblattsammlung entwickelt habe.[20]

Das Politikverständnis in den Zeitschriften



Bislang brachte die autonome Szene kein ideologisches Programm hervor und formulierte kaum eigene Inhalte.[21] Zwar werden oftmals anarchistische und kommunistische Theoriefragmente aufgegriffen,[22] gleichwohl lässt eine chronologische Betrachtung linksautonomer Zeitschriften keine Entwicklung eines eigenen ideologischen Konzepts erkennen. Autonome betreiben vielmehr eine Art Kampagnenpolitik und arbeiten sich von Thema zu Thema. Die verschiedenen Kampagnen werden im Wesentlichen unter die Themenfelder Faschismus, Repression, Atomkraft, Kapitalismus, Globalisierung, Antisemitismus, Geschlechterverhältnisse und Gentrifizierung subsumiert.[23] Eine Analyse autonomer Periodika verdeutlicht ferner eine schwerpunktmäßige Auseinandersetzung mit zwei Akteuren. Gemeint ist damit zunächst der politische Kontrahent, die rechtsextreme Szene. Aufrufe zu Demonstrationen gegen Neonazis sowie der Versuch, rechtsextreme Strukturen aufzudecken, sind häufige Inhalte der Beiträge, die in linksautonomen Zeitschriften veröffentlicht werden. Um rechtsextreme Strukturen zu entlarven, werden beispielsweise privatwirtschaftliche Unternehmen, die der rechtsextremen Szene ihre Dienstleistungen zur Verfügung stellen, benannt.[24] Der zweite Akteur ist der Staat. Die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates erfolgt dabei nicht nur subtil, sondern kommt in einigen Zeitschriften angesichts der Veröffentlichung von Bekennerschreiben sehr offen zum Ausdruck. [25] Beinahe gebetsmühlenartig taucht in den Beiträgen autonomer Periodika die Forderung auf, dass eine Änderung der herrschenden Verhältnisse herbeizuführen ist.[26] Die Ungenauigkeit und Vagheit dieser politischen Zielsetzung lässt viel Raum für Interpretation und trägt dazu bei, dass Differenzen sowie Widersprüche verborgen bleiben.

Von der autonomen Szene wird der Vorwurf des schwachen inhaltlichen Fundaments als Versuch bezeichnet, mit dem ihre politischen Inhalte entleert werden sollen. Dementsprechend wird betont: "Dabei ist wohl nichts politischer als die Tatsache, dass wir den Herrschenden nichts mehr zu sagen haben, dass wir innerhalb ihrer Spielregeln und im Rahmen ihres durchorganisierten Alltags sprachlos geworden sind".[27] Zur Durchsetzung ihrer politischen Zielsetzung ist für Autonome die Anwendung von Gewalt unverzichtbar. Zwar zeigt ein Vergleich verschiedener Szenezeitschriften, dass die Häufigkeit der Beiträge, in denen Gewalt legitimiert wird, erheblich variiert, ein dezidierter Gewaltverzicht lässt sich gleichwohl in den von der Autorin untersuchten Periodika nicht nachweisen. Neben der Veröffentlichung von Bekennerschreiben autonomer Aktivisten oder Positionspapieren einzelner Gruppierungen diente das Thema Militanz bereits in mehreren Zeitschriften als Gegenstand kontrovers ausgetragener Debatten.[28] Diese lassen erkennen, dass über einige Fragen bislang keine Einigkeit erzielt werden konnte. Dazu zählt etwa die Frage, welche Form der Gewalt als legitim erachtet wird. Einige Autonome lehnen etwa die Tötung von Einzelpersonen, unter die auch die sogenannten Handlanger des Staates subsumiert werden, explizit ab.[29] Gleichzeitig räumen jedoch andere ein, dass unter besonderen Umständen, wie der Verschärfung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Tötung von Menschen als legitimes Mittel in Betracht gezogen werden könnte.[30]


Fußnoten

1.
Vgl. AK Wantok (Hrsg.), Perspektiven autonomer Politik, Münster 2010, S. 399.
2.
Vgl. ebd., S. 394 – 399.
3.
Die Autorin stützt ihre Analysen in erster Linie auf die Zeitschriften "radikal", "Interim", "Phase 2" und "Arranca".
4.
Einige Beispiele sind: "s’Blättle" (Stuttgart), "Ausbruch" (Freiburg), "Swing-autonomes Rhein-Main-Info" (Rhein-Main Gebiet), "ruhrgebietsinfo", "Unfassba" (Münster), "Land unter" (Norddeutschland), "RAZZ" (Hannover), "sabot" (Hamburg), "kassiber" (Bremen) und "KommPost" (Weimar).
5.
Vgl. Karsten Dustin Hoffmann, Zeitschriftenporträt: Zeck, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse, Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Baden-Baden 2009, S. 239 –256.
6.
Die Berliner Gruppe "Für eine linke Strömung" (FelS) existiert seit 1991.
7.
Vgl. Autorenkollektiv (Hrsg.), 20 Jahre radikal – Geschichte und Perspektiven autonomer Medien, Siegen 1996, S. 188 f.
8.
Einige Themen, zu denen insbesondere die Frage der Palästinasolidarität zählt, haben in den vergangenen Jahren zu einer Polarisierung innerhalb der autonomen Bewegung beigetragen.
9.
Vgl. AK Wantok (Hrsg.) (Anm. 1), S. 396.
10.
Vgl. ebd., S. 395.
11.
radikal, (Frühjahr 1997), S. 15.
12.
Ebd.
13.
Ebd.
14.
Vgl. AK Wantok (Hrsg.) (Anm. 1), S. 395.
15.
Beispielhaft ist dafür etwa die Zeitschrift "Arranca".
16.
Vgl. K. D. Hoffmann (Anm. 5), S. 241.
17.
Vgl. radikal (Anm. 11), S. 10 ff.
18.
Ebd., S. 13.
19.
Vgl. Interim, Nr. 1 (Mai 1988), S. 2.
20.
Vgl. "Arranca", Nr. 0 ( Januar 1993), S. 3.
21.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Die Autonomen. Portrait einer linksextremistischen Subkultur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1998) 9 –10, S. 36 –46.
22.
Vgl. Clash, Nr. 6 ( Juni 1992), S. 3; Interim, Nr. 503 (Mai 2000).
23.
Zu den bekanntesten zählt die "Kein Mensch ist illegal"-Kampagne. Es sei in diesem Zusammenhang jedoch darauf hingewiesen, dass diese Kampagne nicht ausschließlich von Autonomen initiiert wurde.
24.
Vgl. Interim, Nr. 502 (April 2000), S. 10.
25.
Beispielhaft ist dafür die Zeitschrift "Interim".
26.
Vgl. radikal, Nr. 130a, S. 4; Arranca (Anm. 20), S. 13 –20.
27.
radikal, Nr. 92 (1981), S. 6.
28.
Vgl. Interim, Nr. 498 (März 2000).
29.
Vgl. radikal, Nr. 130a, S. 19; Interim, Nr. 498 (März 2000), S. 8.
30.
Vgl. Interim (Anm. 28), S. 8.

 

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