Autonomer am 1. Mai 2009 in Berlin, bewaffnet mit Flasche und Stein.

Autonome Zentren


9.2.2012
Autonome Zentren sind die Herzen der militanten linksextremen Szenen. Ihre Betreiber betrachten sie als Mittel, um die bestehende politische Ordnung zu beseitigen. Trotzdem sollten Autonome Zentren nicht ausschließlich als Gefahr verstanden werden.

Das autonome Wohn- und Kulturzentrum Köpi (auch Køpi) in der Köpenicker Straße 137 im Berliner Ortsteil Mitte.Das autonome Wohn- und Kulturzentrum Köpi (auch Køpi) in der Köpenicker Straße 137 im Berliner Ortsteil Mitte. (© Karsten Dustin Hoffmann)

Einleitung und Definition



Autonome Zentren wie die Köpi137 in Berlin oder die Rote Flora in Hamburg sind oft Anlass für öffentliche Diskussionen und Polizeieinsätze. Dort, wo sich eine Autonome Szene bildet, strebt sie nach Besetzung eines Gebäudes. Kursieren Räumungsgerüchte, solidarisieren sich schnell Hunderte, manchmal Tausende. Im Bereich politischer Extremismus stellen die Autonomen einen bedeutenden Faktor in der Bundesrepublik dar. Ihre Zentren sind wichtige Schnittstellen[1], daher überrascht die geringe Zahl der Publikationen zu diesem Thema. Welche Ziele wollen die Autonomen erreichen? Welche politischen Wirkungen können sie mit ihren Zentren entfalten?[2]

Nicht bei allen von Autonomen besetzten oder bewohnten Häusern handelt es sich um politische Zentren. Ausschlaggebend ist, dass sich ein Autonomes Zentrum als solches versteht, und seine Nutzer sich mehrheitlich mit den ideologischen Grundsätzen der Bewegung identifizieren. Charakteristisch ist die parallele Nutzung durch mehrere, unabhängig voneinander agierende Gruppen, die dort Diskussionen führen, Aktionen planen und koordinieren.[3] Die Räume sind selbstverwaltet. Eine kommerziell ausgerichtete Kneipe kann zwar Treffpunkt der Szene sein. Aus autonomer Sicht kann sie aber aufgrund des Widerspruchs von Profitorientierung und Antikapitalismus kein Autonomes Zentrum sein. Eine Besetzung ist dagegen keine Voraussetzung. Häufig fungieren auch staatlich geduldete und/oder finanzierte Projekte als Autonome Zentren. Darüber hinaus entstammen nicht alle Nutzergruppen der Autonomen Szene. Konzerte und Tanzveranstaltungen sprechen sogar Menschen aus dem bürgerlichen Spektrum an.

Ziele



In der Öffentlichkeit und in der Forschung herrscht die Auffassung, Autonome definierten sich über das "Dagegensein". Oft werden sie mit linken Gewalttätern gleichgesetzt. Beides ist bei genauerem Hinsehen nicht haltbar. Weder sind alle linken Gewalttäter Autonome, noch sind alle Autonomen in der Praxis Gewalttäter. Tatsächlich erfordert das Engagement in dieser Bewegung ein stark ausgeprägtes politisches Bewusstsein. Zwar sind die Aktivisten "gegen die HERRschenden Verhältnisse" – gleichwohl machen sie sich intensiv darüber Gedanken, wie ein "besseres" menschliches Miteinander zu organisieren sein könnte.

Die Autonomen lehnen jede Form von Herrschaft ab. Diktatorische Regime, parlamentarische Systeme – selbst die direkte Demokratie ist aus ihrer Sicht abzulehnen, da hier stets eine Mehrheit über eine Minderheit herrscht. In der Utopie der Autonomen gibt es keine festen Strukturen. Konflikte werden individuell bewältigt, indem alle Betroffenen zu einem Plenum zusammenkommen und dort diskursiv zu einer Lösung gelangen. Da das Überstimmen der Gegenmeinung auch eine Form von Herrschaft darstellt, gilt das Konsensprinzip: Es wird solange diskutiert, bis alle einem Vorschlag zustimmen. Dass diese Form der Organisation unproduktiv und anfällig für Störungen und Manipulationen ist, mussten die Aktivisten der Roten Flora in Hamburg schon knapp zwei Jahre nach der Besetzung feststellen: Als es darum ging, Verträge mit der Stadt zu schließen, setzten sich immer wieder diejenigen im Plenum durch, die eine Ellbogenmentalität an den Tag legten. Häufig wurde das 100-Prozent-Quorum nicht erreicht. Deswegen einigten sich die Besetzer auf die Formel: "75 Prozent ist Konsens", die bis heute gilt.

Man muss den Autonomen bei all ihrem Fanatismus zugestehen, dass sie nicht fanatisch an einer "reinen Lehre" festhalten, sondern ihre ideologischen Ansätze als nicht-realisierbare Idealtypen verstehen. Im Gegensatz zu den orthodoxen kommunistischen Strömungen sind die Autonomen sehr selbstkritisch, deswegen entstehen auch viele interne Konflikte, z.B. über Sexismus und Antisemitismus. Auch im Fall der Roten Flora in Hamburg ist diese Selbstkritik zu erkennen: Hier haben Aktivisten eingeräumt, selbst erheblich zur Gentrifizierung des Viertels beigetragen zu haben, da das alternative Flair des Viertels maßgeblich vom Autonomen Zentrum geprägt wurde und deswegen immer mehr wohlhabende Menschen mit "kreativen" Berufen zugezogen sind. (Vgl. Blechschmidt, Andreas: Im 'Gleichgewicht des Schreckens'. Autonomer Kampf gegen Umstrukturierung im Hamburger Schanzenviertel, in: StadtRat (Hrsg.): Umkämpfte Räume, Hamburg u. a. 1998, S. 84-99).

Das Autonome Zentrum "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel.Das Autonome Zentrum "Rote Flora" im Hamburger Schanzenviertel. (© Karsten Dustin Hoffmann)
Der Extremismus der Autonomen liegt nicht im erstrebten Endzustand, sondern in der Frage, wie er zu erreichen ist. An diesem Punkt lässt sich eine deutliche Parallele zu orthodox-kommunistischen Gruppierungen feststellen. Es geht den Aktivisten darum, einen glorifizierten Heilzustand zu erreichen, und dafür sei es legitim, die Rechte anderer massiv zu beschneiden. Es gebe Feinde, die mit körperlicher Gewalt bekämpft werden dürfen. Darunter fallen nicht nur Rechtsextremisten, sondern alle, die am politischen System festhalten: Konservative, Liberale, Sozialdemokraten etc.

Das, was Autonome von anderen Linksextremisten unterscheidet, ist vor allem die Freiraumstrategie – ein Ansatz, mit dem eine "Herrschaftsfreie Gesellschaft" erschaffen werden soll. Die Autonomen setzen nicht auf Chaos wie die Punks, nicht auf den Marsch durch die Institutionen, nicht auf Terror und nicht auf Parteiarbeit. Sie wollen "Freiräume erkämpfen" – das bedeutet, keine bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen zu nutzen (bei Wahlen kandidieren, Fördermittel erhalten etc.), sondern völlig von der Gesellschaft entkoppelt zu agieren – zumindest in der Theorie. Alles beginnt mit einem "Freiraum", in dem alternative Konzepte erdacht, geplant und gelebt werden. Der nächste Schritt der Freiraumstrategie ist nicht, dieses Zentrum als Basis für einen revolutionären Umsturz zu nutzen. Der nächste Schritt ist die Erweiterung des ersten und die Gründung des nächsten Freiraums (und so weiter) – bis die Freiräume so groß sind, das sie zusammenwachsen können und irgendwann die ganze Welt ein Freiraum ist.

Mittel



Um diesen Freiraum herzustellen, kommt es zunächst zur Besetzung und Gründung eines Autonomen Zentrums. In der Regel gründen sich an Orten mit starken Szenen zunächst die sogenannten Infoläden. Sie vertreiben Szeneutensilien (Aufnäher, Anstecker, Flugblätter, "Spuckis" etc.), bieten Kaffee und Sitzgelegenheiten. Die Aktivisten erhalten die Möglichkeit, in Kontakt miteinander zu kommen; Interessierte können sich unverbindlich der Szene annähern. Die Infoläden vernetzen sich mit ähnlichen Projekten an anderen Orten, tauschen Material und Informationen aus. In einem zweiten Schritt beginnt ein kleiner Kreis mit ersten symbolischen Besetzungen ("Scheinbesetzungen"). Ihr Ziel ist, Aufmerksamkeit über die Presse zu erlangen, um für die reale Besetzung ausreichend Unterstützer um sich zu scharen. Aber auch "stille" Besetzungen (wie im Fall der Hamburger Hafenstraße) sind möglich. In diesen Fällen versuchen die Aktivisten, die Besetzung so lange wie möglich geheim zu halten, um sich im Gebäude einzurichten und um die produktive Nutzung als Argument gegen eine Räumung anführen zu können. Nach der Gründung eines Autonomen Zentrums sind die Infoläden nicht mehr erforderlich und verzeichnen weniger Besucher. Sie schließen oder gehen im Autonomen Zentrum auf.

Grundsätzlich sind zwei Arten Autonomer Zentren zu unterscheiden. Während die einen ausschließlich Versammlungs- und Veranstaltungszentren darstellen (z.B. die Rote Flora), dienen die anderen auch als Wohnstätten (z.B. die Köpi137). Letzteres hat sich für die Betreiber allerdings als nachteilig erwiesen, da häufig persönliche Konflikte unter den Bewohnern entstehen und mit zunehmendem Lebensalter deutlich weniger politische Aktivitäten von ihnen ausgehen. Daher tendieren die Autonomen heute zur Gründung von Veranstaltungszentren wie jüngst im Fall des AZ Köln. Ihr Aufbau erfolgt nach einem einheitlichen Muster: Eine "Volxküche" gewährleistet die Ansprechbarkeit des Zentrums und offeriert vegane Lebensmittel; eigene Zeitschriften dienen zur Theoriediskussion und zur Mobilisierung. Druckgruppen übernehmen die Vervielfältigung der rechtlich oft grenzwertigen Texte; die "Archive der Sozialen Bewegungen" deren Archivierung. Daneben bildet sich eine unüberschaubare Zahl kleinerer Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Dadurch ist die Szene in der Lage, Spezialisten auszubilden und effektiver zu arbeiten.

Eine Demonstration linker Gruppierungen vor dem AZ "Rote Flora".Eine Demonstration linker Gruppierungen vor dem AZ "Rote Flora". (© Karsten Dustin Hoffmann)
Eine Rolle im Straßenkampf spielen Autonome Zentren nur in Ausnahmefällen. Zwar machen die Betreiber unmissverständlich klar, dass Gewalt in ihren Augen ein legitimes Mittel darstellt – allerdings möchten sie ihre Errungenschaften nicht aufs Spiel setzen. Daher sehen sie in der Regel davon ab, ihre Zentren in Straßenkämpfe zu verwickeln. Auch für die Planung illegaler Aktionen eignen sich die Zentren nicht, denn gerade sie stehen im Fokus der Medien und der Strafverfolgungsorgane. Viele Aktivisten gehen davon aus, in den Zentren abgehört zu werden.

Wirkungen



Die politischen Funktionen Autonomer Zentren haben sich im vergangenen Jahrzehnt erheblich gewandelt. In den achtziger und neunziger Jahren waren sie als Kommunikationszentren unersetzlich – mangels Alternativen. Genau diese bietet jedoch das Internet. Viele linksextreme Gruppen betreiben regionale Informationsseiten, die dezentral und unabhängig voneinander arbeiten. Das macht Autonome Zentren jedoch nicht überflüssig, wie insbesondere am Beispiel der Roten Flora ersichtlich ist: Das Zentrum hat in den vergangenen Jahren an Popularität gewonnen. Chartgrößen wie Jan Delay und Wir Sind Helden zeigen sich solidarisch und geben Konzerte. Bis zu 500 Gäste empfängt die Rote Flora an einem solchen Abend. Bei einem Eintritt von bis zu 8 Euro und einem geschätzten Durchschnittsverzehr von 10 Euro pro Person erzielt sie einen Monatsgewinn im fünfstelligen Bereich.[4] Gewöhnlich verursachen Personal, Steuern und Schankgebühren hohe Kosten – allerdings nicht im Fall Autonomer Zentren, die ihre Veranstaltungen als private Feiern deklarieren und keine Gelder abführen.

Ihrem Ziel, die politische Ordnung der Bundesrepublik abzuschaffen, sind die Autonomen in den letzten Jahren jedoch nicht näher gekommen. Es gelang ihnen kaum, mehr "Freiräume" zu schaffen oder sie zu vergrößern. Vielmehr konzentrierten sie sich darauf, die bestehenden Zentren zu erhalten, denn sie machen die Autonomen angreifbar: Zum einen können strafbewährte oder unmoralische Äußerungen einer konkreten Gruppe zugeschrieben (und somit strafrechtlich verfolgt und gesellschaftlich geächtet) werden. Zum anderen beklagen die Aktivisten immer wieder Brandanschläge: Allein 2011 waren die Zentren in Salzwedel und Hanau sowie das Kreuzberger Georg-von-Rauch-Haus betroffen.

Probleme bereiten nicht nur externe Konflikte. Unter den Aktivisten entstehen Meinungsverschiedenheiten, die ohne ein Zentrum vermutlich nie entstehen würden: Bei finanziellen Überschüssen kommt es zu Verteilungskonflikten – bei Defiziten kommt es darüber zum Streit. Angebliche sexuelle Übergriffe unter den Aktivisten dominieren die Diskussion in Autonomen Zeitschriften.[5] Massive Konflikte bis hin zu körperlichen Übergriffen entstehen zwischen israelfeindlichen Antiimperialisten und israelfreundlichen Antideutschen. Dennoch sind Autonome Zentren keine Kurzzeiterscheinungen. Offenbar sind die internen Konflikte so groß, dass sie die Aktivisten zeitlich binden, jedoch nicht so groß, dass sie zur Beendigung eines Projektes führen.

Fazit



Autonome Zentren sind die Herzen der militanten linksextremen Szenen. Ihre Betreiber betrachten sie als Mittel, um die bestehende politische Ordnung zu beseitigen und sie durch eine "Herrschaftsfreie Gesellschaft" zu ersetzen. Gewalt stellt für sie ein legitimes Mittel dar. Vor allem die mythologische Funktion Autonomer Zentren ist keineswegs zu unterschätzen. Die Zentren sind für die Aktivisten der Beleg für die Vitalität der Autonomenbewegung und den Sinn des eigenen politischen Handelns.

Trotzdem sollten Autonome Zentren nicht ausschließlich als Gefahr verstanden werden. Sie sind gleichermaßen eine Chance, das Gewaltpotential Autonomer Gruppen zu hemmen. Die praktischen Funktionen der Zentren sind gering: Zwar erzielen die Aktivisten Einnahmen und sie erhalten Räume für politische Veranstaltungen, aber dafür investieren sie einen Großteil ihrer Zeit, ihrer Energie und teilweise sogar ihr Geld in den täglichen Betrieb. Auch hier muss jemand die Fußböden und Toiletten schrubben, das Dach ausbessern oder Mausefallen in der Volxküche aufstellen. Je mehr Ärger die Aktivisten mit Gebäude und Organisation haben, desto weniger Zeit bleibt ihnen für politische und vor allem militante Aktionen. Eine intelligente Tolerierung eines solchen "Autonomen Disneylands" kann aus demokratischer Sicht effektiver sein als eine Räumung. Denn vor allem fürchten sich die Aktivisten vor dem "Würgegriff der herzlichen Umarmung"[6], der die Bewegung langfristig zum Stehen bringt. Die Autonomen brauchen zur Mobilisierung ein klares Feindbild – ein Staat, der sich um Deeskalation bemüht, eignet sich dafür nicht.


Fußnoten

1.
Vgl. Sebastian Haunss/Darcy Leach: Scenes and Social Movements, o. O. 2004.
2.
Vgl. Karsten Dustin Hoffmann: „Rote Flora“. Ziele, Mittel und Wirkungen eines linksautonomen Zentrums in Hamburg, Baden-Baden 2011.
3.
Vgl. Ronald Hitzler u.a.: Leben in Szenen, Opladen 2001, S. 156.
4.
In der ersten Version des Textes ging der Verfasser aufgrund eines Zeitzeugeninterviews von einem maximalen Eintrittspreis von 15 Euro aus. In den Jahren 2010 bis 2013 lagen die Eintrittspreise nach Aufzeichnungen des Verfassers jedoch im Höchstfall bei 8 Euro
5.
Vgl. Karsten Dustin Hoffmann: Zeitschriftenporträt Zeck, in: Uwe Backes/Alexander Gallus/Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Band 21/2009, Baden-Baden 2010.
6.
Der Begriff wird seit den neunziger Jahren in der Szene diskutiert, vgl. Zeck 85/1999, S. 9.

 

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