Herausforderung Salafismus

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3.9.2015

"Schulen sollten nicht alles alleine machen"

Was können Schulen tun, wenn sich Jugendliche radikalisieren? Im Interview berichtet Kurt Edler über seine Erfahrungen. Er ist ehemaliger Leiter des Referats Gesellschaft am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. Seit circa zehn Jahren berät er Schulen zum Thema Islamismus.

Fenster des Präventionsprogramms "Wegweiser" in WuppertalFenster des Präventionsprogramms "Wegweiser" in Wuppertal, das gewaltbereiten Salafisten beim Ausstieg aus der Szene helfen will. (© picture-alliance/dpa)

Wie können Lehrkräfte eine mögliche Radikalisierung bei ihren Schülerinnen und Schülern erkennen? Wann ist jemand überhaupt radikal?

Kurt Edler: Zur Orientierung in der Praxis kann man sagen: Radikal ist jemand, der bereit ist, sich über die Rechte, Interessen und Gefühle seiner Mitmenschen aus ideologischen Gründen hinwegzusetzen. Bei einem jungen Menschen erkennt man eine Radikalisierung zum Beispiel daran, dass er ernst und eifrig wird, sich häufig aufregt und leicht angegriffen fühlt, wenn es um bestimmte Positionen geht. Religiöse Radikalisierung geht oft damit einher, dass der junge Mensch anfängt, ständig über seine Religion zu sprechen oder sie auch in Symbolik und Kleidung, Gestik, Verhaltensweisen und Riten offen vor anderen praktiziert, also zum Beispiel öffentlich betet.

Ein religiös radikaler Schüler verteidigt sich häufig und fühlt sich angegriffen, wenn jemand anders gläubig ist oder eine andere Weltanschauung hat. Das zeigt sich in den schulischen Aktivitäten und im schulischen Alltag in vielfältigen Formen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen? Fordern diese Schüler einen eigenen Gebetsraum oder verteilen sie Koranexemplare in den Pausen?

Kurt Edler: Ja, richtig – das sind mögliche Beispiele. Allerdings ist bei allen Beispielen wichtig, dass sie nicht zwangsläufig Anzeichen für eine Radikalisierung sind. Andere Verhaltensformen sind, dass der betroffene Jugendliche anfängt, andere zu missionieren und nicht respektiert, dass es nach der demokratischen Verfassung und der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen auch eine negative Religionsfreiheit gibt – also das Recht, ohne Religion zu leben.

Einige Jugendliche weigern sich auch, in der Schule Aufgaben auszuführen, weil sie mit dem Inhalt nicht einverstanden sind, und an bestimmten Unterrichtsfächern teilzunehmen, wenn es beispielsweise um die Sexualkunde oder die Entstehung der Welt geht. Oft stellen die betroffenen Jugendlichen alles infrage, was zur Schule gehört.

Wie können Lehrkräfte denn einschätzen, ob das Verhalten des Jugendlichen tatsächlich eine Radikalisierung ist oder er damit "nur" sein Umfeld provozieren möchte?

Kurt Edler: Da kann man leider keine allgemeinen Tipps oder Ratschläge geben. Das müssen Lehrkräfte in der jeweiligen Situation herausfinden. Es gehört zur pädagogischen Kompetenz im Umgang mit Jugendlichen zu sehen, inwiefern sie das spielerisch und provokativ machen und damit die Lehrkraft delegitimieren und sich in den Mittelpunkt stellen wollen – oder ob darin Anzeichen einer Radikalisierung zu erkennen sind.

Wichtig ist, dass Lehrkräfte den Jugendlichen ganzheitlich betrachten, ihn nicht gleich in die politische Schublade stecken und schauen, was hinter seinem Verhalten und seinen Aussagen steckt.

Sie und die Mitarbeiter vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung beraten Lehrkräfte auch in genau solchen Fällen?

Kurt Edler: Ja, wir beraten immer dann, wenn wir den Eindruck haben, dass pädagogischer Handlungsbedarf da ist, aber die Kompetenz fehlt, und zwar auf ganz unterschiedliche Art und Weise – sowohl präventiv als auch aktiv bei konkreten Fällen: Wir klären die Lehrerschaft über islamistische Radikalisierung auf, halten Vorträge in Kollegien und vor Schülern und führen Fortbildungen und Workshops durch. Damit erreichen wir eine Basissensibilisierung an den Schulen.

Wir übernehmen aber auch konkrete Fallberatungen. Das heißt, wir sprechen mit Lehrkräften über den betroffenen oder gefährdeten Schüler und führen Einzelgespräche mit ihm. Zudem stellen wir den Schulen Hintergrundmaterial zur Verfügung. Wir haben beispielsweise Fragebögen erarbeitet, in denen Lehrkräfte die Verhaltensauffälligkeiten in der Lerngruppe eintragen und sich dann mit ihren Kollegen gezielt darüber austauschen können.

Außerdem geben wir den Schulleitungen Informationen, wie sie sich Hilfe holen und mit welchen außerschulischen Partnern sie zusammenarbeiten können. Diese Materialien sind hilfreich, aber nichts ist so wertvoll wie die pädagogische Kompetenz, mit jedem einzelnen Fall auch individuell umgehen zu können. Es ist wichtig, dass Lehrkräfte nicht in Schablonen denken und im Sinne einer Dramatisierung oder Verharmlosung unprofessionell handeln.

Wie kann es Schulen gelingen, weder zu dramatisieren noch zu verharmlosen?

Kurt Edler: Wie professionell oder unprofessionell Schulen mit dem Thema Islamistische Radikalisierung umgehen, erkennt man daran, ob Extreme gesucht werden.

Es ist unprofessionell, wenn Schulen überreagieren und eine völlig drakonische Maßnahme bei einem relativ harmlosen Verstoß verhängen. Wenn eine muslimische Schülerin aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen möchte, sollte die Schule mit der Schülerin und ihren Eltern ausloten, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit sie teilnehmen kann. Die Schülerin sollte aber nicht direkt einen Verweis bekommen.

Ebenso unprofessionell ist es aber auch, wenn Lehrkräfte eine Radikalisierung ignorieren. Es kommt vor, dass an Schulen Grundrechte massiv infrage gestellt werden. Dort werden Kinder gemobbt, weil sie einer anderen oder keiner Religion angehören. Das wird teilweise von Lehrkräften hingenommen, weil sie die Menschenrechte nicht verteidigen können.

Was raten Sie Lehrkräften konkret, wenn sie merken, dass sich eine Schülerin oder ein Schüler radikalisiert? Wie sollten sie vorgehen?

Kurt Edler: Zunächst sollten Lehrkräfte unbedingt mit dem Betroffenen reden. Wenn an einer Schule über einen Jugendlichen getratscht und dieser an den Pranger gestellt wird, ist das äußerst schädlich. Haben Lehrkräfte das Gefühl, dass sich Schüler still im Kopf radikalisieren, müssen sie auf den Schüler zugehen und ihm auch die Möglichkeit geben, den Verdacht zu entkräften, der gegen ihn gehegt wird. Gibt es natürlich Hinweise auf die Vorbereitung einer Straftat oder einer selbstschädigenden Handlung, müssen die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet werden.

Extrem wichtig ist, dass Lehrkräfte mit der Schulleitung über die Ereignisse sprechen. Denn diese ist für die Schule und damit für die Schülerinnen und Schüler verantwortlich.

Und wie geht es dann weiter?

Kurt Edler: Die Schulleitung informiert dann die Schulbehörde. Denn – ähnlich wie bei der Gewalt- und Suchtprävention – sind Vorkommnisse aus den Bereichen Radikalisierung und Extremismus meldepflichtig, auch wenn es dafür nur kleine Anzeichen gibt wie die verbal geäußerte Sympathie für einen sogenannten Gottesstaat.

Es darf nicht passieren, dass wir als Berater an eine Schule kommen und uns über einen Schüler berichtet wird, der schon seit zwei Jahren auffällig ist. Die Hamburger Schulen beispielsweise haben die Pflicht, der Schulbehörde besondere Vorkommnisse zu melden, und wenn sich Jugendliche radikalisieren, ist das ein besonderes Vorkommnis.

Was passiert, nachdem die Schule die (mögliche) Radikalisierung eines Jugendlichen gemeldet hat?

Kurt Edler: Wie das weitere Vorgehen aussieht, hängt vom konkreten Fall ab. Wichtig ist, dass sich alle Personen, die eng an dem betroffenen Schüler dran sind, wie Eltern und Lehrkräfte, vernetzen und gemeinsam beraten, was zu tun ist.

In Hamburg gibt es das Netzwerk "Prävention und Deradikalisierung", in dem viele verschiedene Akteure zusammenarbeiten – von Spezialisten aus dem psychologischen Bereich über Sicherheitsfachleute und Mitarbeiter aus dem Jugendschutz und der Sozialarbeit –, um optimale professionelle Hilfe zu gewährleisten. Dort erarbeiten wir derzeit eine Art Krisenplan, der Schulen zeigt, was sie tun können, wer helfen kann und wer zu beteiligen ist.

Hinweis: Auch in anderen Bundesländern gibt es Beratungsangebote. Eine Übersicht findet sich in der Datenbank Angebote der Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung.

Welche Vorgehensweise sieht denn so ein Krisenplan vor?

Kurt Edler: Der Krisenplan folgt keinem starren Muster, man muss letztlich immer von Fall zu Fall entscheiden, was zu tun ist. Es gibt aber eine festgelegte Interventionskette, die nach Falltypen unterscheidet.

Wichtig ist uns, dass Schulen nicht alles alleine machen. Lehrkräfte fühlen sich oft als pädagogische Einzelkämpfer, die für alles zuständig sind. Aber für vieles sind sie nicht richtig ausgebildet. Sie sollten zum Beispiel nicht auf eigene Faust Polizeikommissariate oder den Verfassungsschutz anrufen, solange es Unsicherheiten über vermeintlich strafbare Handlungen gibt. Das übernehmen wir, denn wir wollen verhindern, dass Lehrkräfte rein pädagogische Angelegenheiten an die Polizei herantragen. Wenn aber eine akute Gefahr besteht, sollte die Polizei verständigt werden.

Geben Schulen die Fälle mit der Meldung komplett an die Schulbehörde ab?

Kurt Edler: Nein, nur wenn ein Strafermittlungsverfahren eingeleitet wird, ist die Schule aus dem Prozess raus, auch wenn sie pädagogisch verantwortlich bleibt. Die Polizei setzt sich dann mit dem Jugendlichen auseinander. Solange das nicht der Fall ist, muss die Schule den Prozess weitersteuern. Was die Schule nicht erwarten darf, ist, dass ihr die Staatsanwaltschaft oder die Kriminalpolizei über die Ermittlungen berichten. Das wäre nämlich mit rechtsstaatlichen Prinzipien unvereinbar.

Und was können Schulen dann genau machen? Welche pädagogischen Maßnahmen sind denkbar?

Kurt Edler: Da ist vieles möglich: Je nachdem wie der Fall aussieht, können Schulen Elterngespräche führen oder einen Psychologen, Kulturmittler oder Imam bitten, mit dem Schüler zu sprechen. Erklärt sich ein Jugendlicher zum Beispiel explizit gegen Demokratie und Menschenrechte oder im Sinne einer Ungleichwertigkeitsideologie, so sollte es ein korrigierendes Gespräch geben. Dann muss geschaut werden, wie sich der Schüler zukünftig verhält und ob weitere Maßnahmen notwendig sind.

Wenn ein Jugendlicher vorgibt, aus religiösen Gründen nicht am Unterricht teilnehmen zu können, muss ihm klargemacht werden, dass er dann gegen die Schulpflicht verstößt. Die Religion kann ja nicht die Schulpflicht aushebeln. Da gibt es eine eindeutige Rechtslage, über die wir Berater die Schulen auch informieren.

Hamburg scheint ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut zu haben. Wie sieht die Lage in anderen Bundesländern aus?

Kurt Edler: Hamburg ist tatsächlich ein Pionier. Viele Bundesländer haben sich noch gar nicht systematisch mit dem Einfluss eines religiösen Extremismus auf Kinder und Jugendliche beschäftigt. Wenn Schulen damit Probleme haben, können sie sich aber an die bundesweite Beratungsstelle Radikalisierung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wenden.

Woran muss zukünftig noch stärker gearbeitet werden, um zu verhindern, dass sich Jugendliche radikalisieren?

Kurt Edler: Was wir brauchen, ist eine Peer-to-Peer-Aufklärungsarbeit. Denn viele Dinge wissen Jugendliche voneinander am besten – viel eher als Eltern und Lehrkräfte. Deswegen ist der wichtigste strategische Hebel aus meiner Sicht der Aufbau von demokratischer Abwehrkraft unter Jugendlichen im Sinne einer Selbstorganisation gegen den IS und den religiösen Fanatismus. Das muss in Zusammenarbeit mit jungen Muslimas und Muslimen geschehen.

Es gibt auch eine große Bereitschaft, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, denn viele machen sich Sorgen angesichts der Tendenz, die sie bei Geschwistern, Freunden oder Klassenkameraden beobachten.

Wichtig ist zudem, dass die verschiedenen Akteure lernen, miteinander auszukommen: Lehrer und Polizisten gehen ganz unterschiedlich mit dem Thema um und da kommt es oft zu Kommunikationsstörungen, weil man sich zu wenig in die anderen Berufsgruppen hineindenkt.

Darüber hinaus müssen alle Beteiligten ihre Berührungsängste überwinden und bereit sein, mit Radikalen zu reden. Wenn junge Menschen radikalisiert sind und erleben, dass um sie herum eine Mauer des Schweigens aufgebaut wird, ist das extrem schädlich, weil es die Radikalisierung erfahrungsgemäß vorantreibt.

Das Interview führte Frauke König.

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