Herausforderung Salafismus

3.9.2015 | Von:
Ulrich Kraetzer

Die salafistische Szene in Deutschland

Die salafistische Szene ist die am schnellsten wachsende Strömung des radikalen Islam in Deutschland. Ihre Anhänger vertreten eine verfassungsfeindliche Ideologie, und ein Teil von ihnen wendet Gewalt an. Das Milieu ist aber sehr heterogen. In weiten Teilen ist die Szene weniger von der salafistischen Ideologie geprägt, sondern eher als subkulturell geprägte Jugendbewegung zu begreifen.

"Shariah police" in Wuppertal"Shariah police" in Wuppertal. Die salafistische Szene ist die am schnellsten wachsende Strömung des radikalen Islam in Deutschland. Ihre Anhänger vertreten eine verfassungsfeindliche Ideologie, und ein Teil von ihnen wendet Gewalt an. (© picture-alliance, ROPI)

Laut Bundesamt für Verfassungsschutz gab es im Jahr 2011 rund 3.800 Salafisten in Deutschland. 2013 rechnete die Behörde der Szene bereits 5.500 Anhänger zu. Ende Juni 2015 sprach das Amt sogar von 7.500 Salafisten. Auch Beobachter außerhalb der Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Szene in den vergangenen Jahren erheblichen Zulauf hatte. Die Zahlen sollten dennoch mit Vorsicht betrachtet werden. Denn einerseits ist nicht klar, ob die Behörden möglicherweise nur genauer hinschauen und daher mehr Anhänger als solche identifizieren. Vor allem aber ist die Zugehörigkeit zur salafistischen Szene nicht leicht zu definieren. Denn die Bewegung hat keine Vereinssatzung und kennt keine Mitgliederlisten. Die Frage, wer als "Salafist" bezeichnet werden kann, bleibt eine Frage der Definition.

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Die salafistische Szene in Deutschland: aktuelle Zahlen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz und andere Fachleute bezeichnen die salafistische Szene als die am schnellsten wachsende Strömung aus dem großen Spektrum islamistischer Gruppen. Circa 10.800 Personen bundesweit rechnet der Verfassungsschutz dem Salafismus zu (Stand Dezember 2017). Im Jahr 2011 waren es schätzungsweise 3.800 Personen.

Mehr: Gewaltpotenzial, Gefährder, Ausreisen und Rückkehrer


Die Menschen, die in der öffentlichen Debatte oder von den Sicherheitsbehörden als Salafisten bezeichnet werden, lehnen diese Zuschreibung zudem meist ab, nicht zuletzt weil der Begriff "Salafismus" in Deutschland sehr negativ besetzt ist. Sie bezeichnen das Wort "Salafist" daher gerne als "eine Erfindung der Medien". Allerdings verwenden sie mitunter die arabischen Bezeichnungen salafi oder ahl as-sunna wa-l-jamaa. Salafi bedeutet frei übersetzt: Nachfolger der Gefährten des Propheten Mohammed. Ahl as-sunna wa-l-jamaa bedeutet, ebenfalls frei übersetzt, Gemeinschaft von Menschen, die sich nach den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed richten. Meist kokettieren die Menschen, um die es in der öffentlichen Debatte über "Salafismus" geht, aber mit der Behauptung, "einfach nur Muslime" zu sein.

In den zentralen Punkten der Glaubenslehre stimmen die Anhänger der salafistischen Szene in Deutschland weitgehend überein. Wie alle gläubigen Muslime sind sie der Überzeugung, dass die Menschen nur Allah als ihren Schöpfer und Gebieter akzeptieren dürfen und seinen Geboten und Verboten bedingungslos folgen müssen. Jedoch dürfen nach Ansicht der Salafisten der Koran und die Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed (sunna) nicht im übertragenen Sinn verstanden und nicht mit den Mitteln der menschlichen Vernunft interpretiert werden. Salafisten betrachten die Texte vielmehr als eine im Wortsinne zu verstehende Bedienungsanleitung für die persönliche Lebensführung. Zudem sehen sie darin ein ideales Regelwerk für die Organisation von Staat und Gesellschaft, das den "von Menschen gemachten Gesetzen" überlegen ist. Das Recht, Gesetze zu erlassen, hat demnach nur Gott. Zum Grundprinzip der parlamentarischen Demokratie, dem Prinzip der Volkssouveränität, steht dieses Glaubensverständnis mindestens in einem starken Spannungsverhältnis, wenn nicht gar in einem unauflösbarem Widerspruch. Dies ist der wohl wichtigste Grund, warum ein Teil der salafistischen Szene vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Salafisten orientieren sich vorgeblich am Lebensstil des Propheten Mohammed, verklären die Frühzeit des Islam und geben vor, zurück zu den Wurzeln der Religion zu wollen. Entwicklungen der islamischen Religionsgeschichte lehnen sie als verbotene "Neuerungen" (bida) ab. Sie erheben den Anspruch, dass ihr Verständnis des Islam das einzig legitime ist. Damit versuchen sie, die äußerst heterogene Religion des Islam für sich zu vereinnahmen. Durch ihren Exklusivitätsanspruch werten sie nicht nur andere Glaubensgemeinschaften ab, sondern auch die große Mehrheit der Muslime, die den Islam anders interpretieren als sie selbst.

Trotz der gemeinsamen Überzeugungen ihrer Anhänger ist die salafistische Bewegung alles andere als homogen. Das gilt sowohl für die Szene in Deutschland als auch international. Bei der Frage, wie die salafistische Glaubenslehre (aqida) in Deutschland in die Praxis umgesetzt werden sollte, kommen Anhänger der Szene zu sehr unterschiedlichen Antworten.

Islamwissenschaftler, Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden und Radikalisierungsforscher haben viele Versuche unternommen, die Szene zu untergliedern. Die Kategorisierung in diesem Aufsatz orientiert sich, mit leicht anderen Begrifflichkeiten, im Wesentlichen an einer Einteilung der Islamismusexpertin Claudia Dantschke vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur. Demnach lässt sich die salafistische Szene in vier Strömungen einteilen: in puristische, politisch-missionarische, dschihadistisch-missionarische und dschihadistische Salafisten. Dabei ist zu beachten, dass es sich bei der Zuordnung zu diesen Kategorien ausnahmslos um Fremdzuschreibungen handelt. Denn zum Selbstverständnis von Salafisten gehört es, dass es keine unterschiedlichen Interpretationen des Islam geben kann.

Puristische Salafisten

Als puristisch bezeichnete Salafisten (andere Autoren nutzen die Begriffe quietistisch, moderat oder gemäßigt) konzentrieren sich darauf, die vermeintlichen oder tatsächlichen Gebote und Verbote Allahs in ihrer persönlichen Lebensführung einzuhalten. Sie beschränken sich in der Regel und sinnbildlich gesprochen darauf, den Koran auswendig zu lernen, lange Gewänder und einen Bart zu tragen, fünfmal am Tag zu beten und die Zähne möglicherweise ausschließlich mit einem Holzstäbchen zu reinigen. In individuell-psychologischer Hinsicht mag die ausschließliche Orientierung am vermeintlichen Lebensstil des Propheten Mohammed bedenklich sein – etwa wenn die Fixierung auf die Einordnung aller Dinge und Tätigkeiten in halal (erlaubt) und haram (verboten) manische Züge annimmt und in einer permanenten Angst vor der Hölle mündet. Im innerfamiliären Bereich kann sie zudem zu einer Einschränkung individueller Freiheitsrechte führen. Aus gesellschaftspolitischer Sicht sind puristische Salafisten jedoch eher unproblematisch, solange sie ihre Ansichten für sich behalten. In der öffentlichen Debatte werden sie kaum wahrgenommen.

Politisch-missionarische Salafisten

Szene-Anhänger, die von Sicherheitsexperten und Beobachtern sowie in der wissenschaftlichen Debatte als "politisch" oder "missionarisch" bezeichnet werden, sorgen dagegen regelmäßig für Schlagzeilen. Sie wollen die salafistische Interpretation der Gebote und Verbote Allahs nicht nur als Richtschnur für die persönliche Lebensführung etablieren. Sie arbeiten vielmehr aktiv daran, eine Staats- und Gesellschaftsordnung zu errichten, in der das salafistische Verständnis des islamischen Rechtssystems gilt, also eine extremistische Interpretation der Scharia. Dieses Ziel verfolgen sie nicht mit Gewalt. Sie wollen vielmehr möglichst viele Menschen zu ihrem Islam-Verständnis bekehren, so dass diese die angestrebte, vermeintlich islamische Gesellschaft aus eigenem Antrieb etablieren. Dafür engagieren sie sich beispielsweise bei Koranverteilungen, sie veranstalten oder besuchen sogenannte "Islamseminare" (seit einigen Jahren auch sogenannte "Benefizveranstaltungen" für Syrien) und konsumieren oder betreiben salafistische Propaganda im Internet.

Ihre Haltung, der zufolge die Scharia dem Grundgesetz und der Demokratie überlegen ist, tragen politisch-missionarische Salafisten offen zur Schau. Sie rufen ihre Anhänger dennoch dazu auf, deutsche Gesetze nicht zu verletzen. Denn auch der Prophet Mohammed habe die weltlichen Gesetze beachtet und nicht gegen die "unislamischen" Führer in Mekka rebelliert, bevor er in Medina das erste islamische Gemeinwesen unter den "Gesetzen Allahs" begründete. Die meisten deutschen Gesetze würden den Geboten und Verboten der Scharia zudem nicht widersprechen. Politisch-missionarische Salafisten werden also nicht automatisch zu Straftätern. Indem sie die "von Menschen gemachten Gesetze" als illegitim bezeichnen, agitieren sie aber gegen die Demokratie.

Als bekanntester Vertreter politisch-missionarischer Salafisten kann der in Nordrhein-Westfalen aufgewachsene Prediger Pierre Vogel gelten. Der einstige Profiboxer konvertierte 2001 zum Islam, besuchte einige theologische Seminare in Saudi-Arabien und avancierte in Deutschland zum Aushängeschild und wichtigsten Propagandisten der Salafisten-Szene. Mit mal unterhaltsamen, mal provozierenden Vorträgen erreichte er bei Open-Air-Veranstaltungen bis vor einigen Jahren bis zu 1.500 Zuhörer. In seinen Ansprachen und Video-Botschaften greift Vogel die Lebenswirklichkeit seiner meist jugendlichen Sympathisanten auf und bettet diese in die salafistische Ideologie ein.

Ein weiterer bekannter Vertreter politisch-missionarischer Salafisten ist Sven Lau. Er sorgte im Herbst 2014 für Aufsehen, als er seine Gefolgsleute in Wuppertal mit orangefarbenen Westen mit der Aufschrift "Shariah-Police" patrouillieren ließ.

Das Verhältnis politisch-missionarischer Salafisten zu religiös motivierter Gewalt ist uneindeutig. Der Prediger Pierre Vogel hat Terroranschläge gegen Zivilisten beispielsweise wiederholt verurteilt. Er begründet seine Haltung mit seiner Interpretation des Koran und mit Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed. Vor allem aber warnt er davor, dass Muslime nach islamistischen Terroranschlägen mit zunehmenden Repressionen rechnen müssten, sie selbst also den größten Schaden davon tragen würden. Das Leiden nicht-muslimischer Opfer und ihrer Angehöriger thematisiert Vogel dagegen kaum oder gar nicht.

Mehrdeutig ist auch Vogels Haltung zum bewaffneten Kampf dschihadistischer Gruppen in islamisch geprägten Krisengebieten wie Afghanistan, Irak oder Syrien. Es gebe einen Unterschied zwischen Terrorismus und Freiheitskampf, sagte der Prediger bereits 2010. Die Aussage wirkt unverfänglich. Vogel schafft damit jedoch eine argumentative Grundlage, auf der sich terroristische Gewalt als "Freiheitskampf" legitimieren lässt. Eine eindeutige Haltung zur Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat Vogel lange vermieden, vorgeblich weil er sich angesichts einer angeblich unklaren Informationslage kein Urteil erlauben könne. Später distanzierte er sich dann doch vom IS.

Dschihadistisch-missionarische Salafisten

Eindeutiger als politisch-missionarische Salafisten verhalten sich die Anhänger des dschihadistisch-missionarischen Flügels. Ihre Wortführer achten in ihren Ansprachen zwar darauf, die Grenzen des strafrechtlich Zulässigen nicht zu überschreiten. Ihre selektive Lesart der heiligen Texte und ihre einseitige Darstellung politischer Konflikte in islamisch geprägten Ländern lassen aber erkennen, dass sie der Sichtweise dschihadistischer Gelehrter aus arabischen Ländern folgen, die den bewaffneten "Heiligen Krieg" als individuelle Glaubenspflicht eines jeden Muslim betrachten. Wichtige Akteure dieses Flügels sind die Propagandisten der Gruppe "Die wahre Religion", Ibrahim Abou-Nagie, Said El-Emrani (alias Abu Dujana) und Ibrahim Belkaid (alias Abu Abdullah). Abou-Nagie, der organisatorische Kopf der Gruppe, wurde als Initiator der salafistischen Kampagne "Lies!" bekannt. Dabei verteilen Anhänger der Salafisten-Szene in Fußgängerzonen und an öffentlichen Plätzen kostenlose Korane in der deutschen Übersetzung. Die Aktion ist legal und für sich genommen unproblematisch. Sie dient jedoch der Kontaktaufnahme und kann ein Schritt eines Radikalisierungsprozesses sein. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stellte in einer internen Auswertung fest, dass mehr als 20 Prozent der aus Deutschland nach Syrien ausgereisten Dschihadisten zuvor Kontakt mit der "Lies!"-Kampagne hatten.

Im Verhältnis zum politisch-missionarischen Flügel hat die dschihadistisch-missionarische Strömung in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Ein Grund ist, dass Prediger wie Pierre Vogel und Sven Lau sowie ihre Gefolgsleute wieder mit der Gruppe "Die wahre Religion" zusammenarbeiten, welche Gewalt legitimiert. Vogel und Lau hatten sich zwischenzeitlich deutlich von der Gruppe distanziert. Die Grenzen zwischen den genannten Strömungen sind durch die Wiederannäherung durchlässiger und das Verhältnis der salafistischen Szene zur Gewaltfrage diffuser geworden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat sich die Unterteilung zwischen politisch-missionarischen und dschihadistisch-missionarischen Salafisten, die von vielen Beobachtern der Szene betont wird, ohnehin nie zu eigen gemacht. Das Amt subsumiert sie vielmehr unter der Bezeichnung "politische Salafisten".

Dschihadistische Salafisten

Während die hier als dschihadistisch-missionarisch bezeichneten Salafisten den bewaffneten "Heiligen Krieg" nur verbal legitimieren, üben dschihadistische Salafisten reale Gewalt aus. Sie lassen sich zum Beispiel in ausländischen Terrorcamps ausbilden oder kämpfen an der Seite von Terrorgruppen gegen "die Ungläubigen". Einige legitimieren, planen oder verüben auch Anschläge gegen Zivilisten außerhalb von Kriegsgebieten, etwa in den USA oder in Europa.

Eine wichtige Scharnierfunktion zwischen dem dschihadistisch-missionarischen und dem dschihadistischen Lager hatte die militant-islamistische Kameradschaft "Millatu Ibrahim" (Gemeinschaft Abrahams). Anführer der im Herbst 2011 gegründeten Gruppe waren der in Österreich aufgewachsene Mohamed Mahmoud (alias Abu Usama al-Gharib) und der Berliner Denis Cuspert (alias Abu Talha al-Almani). Mahmoud war 2008 in Wien zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er Terrorpropaganda verbreitet hatte. Nach seiner Entlassung reiste er nach Berlin und tat sich dort mit dem Kreuzberger Denis Cuspert zusammen. Cuspert wuchs in schwierigen Verhältnissen auf und war schon vor seiner Islamistenkarriere mehrfach vorbestraft. Nach einer bescheidenen Karriere als Gangster-Rapper "Deso Dogg" avancierte er ab 2009 zu einem der radikalsten öffentlich auftretenden Wortführer des Salafistenmilieus.

Dank seiner kriminellen Vergangenheit, seiner einfachen Sprache und seiner religiös verbrämten A-capella-Gesänge (anashid, Einzahl: nashid) gelang es Cuspert, Jugendliche aus bildungsfernen Schichten anzusprechen, die sich für theoretische Diskurse und stundenlange Vorträge, wie sie etwa unter puristischen Salafisten üblich sind, nie interessiert hätten. Statt den Koran zu rezitieren und Aussprüche des Propheten Mohammed auswendig zu lernen, perfektionierten sie die Internetpropaganda und produzierten aufwendige Videoclips mit Sound- und visuellen Effekten. Dabei nutzten sie jugendtypische Symbole und prägten eine subkulturelle Jugendbewegung. Dieser geht es weniger um religiöse oder ideologische Inhalte, sondern um einfache Parolen und die Möglichkeit, individuellen Frust innerhalb einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten abzubauen. Das Ausleben von Aggression und Gewalt wird hier pseudoreligiös legitimiert.

Beobachter bezeichnen die von "Millatu Ibrahim" geprägte Entwicklung als "Hooliganisierung" oder "Verproletarisierung" der Szene und sprechen von einer Bewegung des "Pop-Dschihad". Der typische Salafisten-Look früherer Tage ist in diesem Teil des Milieus kaum noch zu sehen. Das lange weite Gewand (jalabiya) ist der Tarnfleckjacke gewichen, das Häkelkäppi der Militärmütze.

Nachdem Anhänger der islamfeindlichen Partei Pro NRW mit dem öffentlichen Zeigen von Mohammed-Karikaturen provoziert hatten, zettelten Anhänger von "Millatu Ibrahim" im Mai 2012 in Solingen und Bonn regelrechte Straßenschlachten an. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ließ die Gruppe wenig später verbieten. Cuspert und Mahmoud reisten daraufhin mit etlichen Gefährten über Umwege nach Syrien. Cuspert stieg dort zum wichtigsten Propagandisten der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) für den deutschsprachigen Raum auf. Videos zeigen ihn bei Leichenschändungen. Die Justiz ermittelt gegen ihn, weil er an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein soll. Im Sommer 2015 wurde im Internet auch ein Tötungsvideo verbreitet, in dem Mahmoud zu sehen ist.

Dschihadistische Salafisten aus Deutschland in Syrien und im Irak



Laut Bundesamt für Verfassungsschutz sind bundesweit bis Ende Juni 2015 mehr als 700 dschihadistische Salafisten aus Deutschland in die Bürgerkriegsgebiete in Syrien oder im Irak gereist. Einige haben sich Truppen der Al-Kaida nahen Nusra-Front angeschlossen, andere zog es zu der tschetschenischen Gruppe Junud al-Sham. Die größte Anziehungskraft übt aber der IS aus, mutmaßlich wegen seiner militärischen Erfolge und einer geschickten Propaganda. Einige der Ausgereisten unterstützen die Terrororganisation nur in logistischer Hinsicht. Viele kämpfen aber auch, wobei die genaue Anzahl unklar ist. 85 der Ausgereisten sind laut Verfassungsschutz in den Kriegswirren ums Leben gekommen (Stand aller Zahlen: Ende Juni 2015).

Die Ausreisen nach Syrien sind in der salafistischen Szene zum beherrschenden Thema geworden. Mitarbeiter von Beratungsprojekten berichten zudem, dass die Anziehungskraft des IS zu verkürzten Radikalisierungsverläufen geführt habe. Früher seien Jugendliche über die Strömungen, die Gewalt ablehnen, in die salafistische Szene gekommen und hätten von da den Weg ins militante Lager gefunden. Nun würden einige unmittelbar zu dschihadistischen Salafisten stoßen. Die theologische Komponente der Ideologie spiele in diesen Fällen eine untergeordnete Rolle. Wichtiger seien die politische Propaganda zur Lage in Syrien, die romantisch verklärte Absicht, beim Aufbau des Kalifats mitzuhelfen, Männlichkeitsfantasien über den "Heiligen Krieg" und eine übersteigerte Abenteuerlust. Die Sicherheitsbehörden weisen zudem darauf hin, dass in jüngster Zeit auch viele Frauen in die Kampfgebiete gereist sind. Viele von ihnen sind geleitet von der romantisiert-verblendeten Vorstellung, als Frau eines "Heiligen Kriegers" einen wichtigen Beitrag zum Aufbau des "Kalifats" leisten zu können. In den Kampfgebieten erfolgt dann meist die Ernüchterung. Denn Terrororganisationen wie der "Islamische Staat" gestehen Frauen praktisch keine Rechte zu, so dass sie meist nicht ohne Begleitung dass Haus verlassen dürfen. Oft sind sie auch sexueller Gewalt durch die Kämpfer ausgesetzt und werden von einem Mann zum nächsten gereicht.

Gefahr durch Rückkehrer



Etwa ein Drittel der Ausgereisten ist nach Angaben des Verfassungsschutzes mittlerweile zurück in Deutschland. Nach Ansicht der Behörden geht von ihnen eine besondere Gefahr aus. Zwar seien einige desillusioniert oder traumatisiert. Andere seien aber abgestumpft und noch radikaler als vor ihrer Ausreise. Zudem sind sie geschult im Umgang mit Waffen und Sprengstoff. Die Sicherheitsbehörden befürchten, dass Organisationen wie der IS Rückkehrer beauftragen könnten, in Deutschland Terroranschläge zu verüben. Andere Rückkehrer könnten auch ohne Auftrag versuchen, Anschläge zu verüben.

Die Bundesanwaltschaft führt gegen Dschihadisten, die aus Syrien zurückgekehrt sind, wegen des Verdachts der Mitgliedschaft oder Unterstützung einer ausländischen Terrorvereinigung etliche Ermittlungsverfahren. Einige Rückkehrer wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Staatsanwaltschaften der Bundesländer ermitteln zudem in etlichen Fällen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Der IS ist in Deutschland offiziell verboten, und das Bundesinnenministerium hat der Organisation jegliche Betätigung untersagt. Im März 2015 wurde auch die Gruppierung "Tauhid Germany" verboten. Sie hatte als Nachfolgeorganisation von "Millatu Ibrahim" agiert, und ihre Anhänger zeigten offene Sympathien für den IS.

Fließende Grenzen und eine zunehmende Ausdifferenzierung

Die Untergliederung in puristische, politisch-missionarische, dschihadistish-missionarische und dschihadistische Salafisten ist ein Versuch, die Strömungen der salafistischen Szene greifbar zu machen. Die Grenzen sind jedoch fließend. In Gerichtsverhandlungen und durch journalistische Recherchen wurde deutlich, dass Szeneanhänger, die zunächst dem puristischen Spektrum zuzuordnen waren, sich zu dschihadistischen Salafisten radikalisiert haben und als selbst ernannte "Gotteskrieger" in ein Kriegsgebiet gereist sind.

Die Grenzen zwischen den Strömungen sind also einerseits durchlässig. Unter dem Eindruck der wachsenden Zahl dschihadistischer Syrien-Ausreiser hat sich das Milieu aber andererseits auch ausdifferenziert. So positionieren sich etliche Wortführer des moderaten Spektrums mittlerweile immer wieder und sehr eindeutig gegen den gewaltaffinen Teil der Szene. Sie stehen der salafistischen Glaubenslehre immer noch nahe und sind im gemäßigten Teil des Milieus gut vernetzt. Die "Verproletarisierung" und "Hooliganisierung" sehen sie aber äußerst skeptisch und lehnen es daher immer häufiger ab, der salafistischen Szene zugeschrieben zu werden. Von Anhängern des radikalen Rands des Milieus erhalten sie teils ernsthafte Bedrohungen. Es stellt sich daher die Frage, ob das einheitliche Label "Salafismus" für diese Prediger noch sinnvoll ist.

Wichtige Vertreter dieser Strömung sind der Wuppertaler Mohamed Gintasi (Abu Jibriel), die Berliner Ferid Heider und Abdul Adhim Kamouss oder der Dortmunder Abdelhay Fadil. Auch der Münchener Hesham Shashaa (Abu Adam) vertritt in vielen Punkten zwar eine Islam-Interpretation, die als konservativ, wenn nicht gar als fundamentalistisch bezeichnet werden kann. Er kann aber kaum als Salafist bezeichnet werden und engagiert sich dafür, Jugendliche zu deradikalisieren.

Beobachter halten die Zusammenarbeit mit diesen Predigern für einen Erfolg versprechenden Weg, um Jugendliche, die anders nicht zu erreichen wären, von dem Weg in die Militanz abzuhalten oder davon abzubringen. Kritiker verweisen dagegen auf die gemeinsamen ideologischen Wurzeln gemäßigter und dschihadistischer Salafisten. Sie führen Beispiele von späteren "Gotteskriegern" an, die zunächst Anhänger moderater Prediger waren, von diesen aber offenkundig nicht daran gehindert werden konnten, den Weg in die Militanz zu beschreiten.

Radikalisierungspotenzial, regionale Verteilung und Struktur der salafistischen Szene

Die Frage, wie viele Jugendliche für eine salafistische Radikalisierung anfällig sind, lässt sich kaum beantworten. Mitarbeiter von Beratungsprojekten berichten, dass die Anhänger der Bewegung aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen. Der überwiegende Teil ist männlich, etwa zwischen 16 und 28 Jahren alt. Die meisten sind gebürtige Muslime, es gibt aber auch deutschstämmige Konvertiten. Unter den Syrien-Ausreisern gibt es überproportional viele Jugendliche aus bildungsfernen Einwandererfamilien, von denen viele bereits vor ihrer Radikalisierung eine (klein-) kriminelle Karriere hinter sich hatten. Das ergab eine Auswertung des Bundesamtes für Verfassungsschutz, über die im September 2014 in vielen deutschen Medien berichtet wurde. Grundsätzlich scheinen Jugendliche in Lebenskrisen anfällig zu sein, die nach Identität und Gemeinschaft suchen, deren Familienverhältnisse gestört sind und die das Gefühl haben, in der Gesellschaft oder im persönlichen Umfeld nicht akzeptiert zu sein. Radikalisierungsexperten berichten, dass oft weniger die Ideologie ausschlaggebend ist, sondern das Gefühl, in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten Aufwertung und Identität zu erfahren. Empirische wissenschaftliche Studien gibt es hierzu nicht.

Besonders starke salafistische Strukturen gibt es in städtischen Ballungsräumen, etwa in Berlin, Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main oder Braunschweig. Als Hochburg gilt Nordrhein-Westfalen, etwa die Stadt Wuppertal, vor allem aber der Raum Köln-Bonn. Deutlich weniger Anhänger als in den Ländern der alten Bundesrepublik hat die salafistische Szene im Osten der Republik, mit der Ausnahme von Berlin und Leipzig.

Anders als oft angenommen werden die Prediger und Gruppen der deutschen Salafisten-Szene nicht aus dem Ausland gesteuert, sondern agieren autonom. Einrichtungen aus Saudi-Arabien, dem Mutterland der Ideologie, versorgen sie zwar kostenlos mit Publikationen salafistischer Gelehrter. Ansonsten decken sie ihre geringen Ausgaben aber eigenständig und durch Spenden von Einzelpersonen. Die Missionierung (dawa) erledigen die "einfachen" Anhänger ebenso unentgeltlich wie es in aller Regel die Wortführer der Szene tun. Die intellektuellen Fähigkeiten und die religiösen Kenntnisse der Prediger sind sehr unterschiedlich. Einige haben in arabischen Ländern islamische Theologie studiert, etwa der Braunschweiger Muhamed Ciftci in Saudi-Arabien. Die meisten sind aber Autodidakten, die ihr "Wissen" aus dem Internet bezogen haben und denen niemand eine Lehrerlaubnis erteilt hat.

In den Medien und der öffentlichen Debatte stehen die Salafisten wegen ihrer teils demokratiefeindlichen Ansichten und der Gewaltfrage aus nachvollziehbaren Gründen besonders im Fokus. Im Verhältnis zu den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland sind sie, trotz bislang steten Zulaufs, noch immer eine verschwindend kleine Minderheit. Die etablierten muslimischen Verbände (Ditib, VIKZ, Islamrat, Zentralrat der Muslime) gehen auf deutliche Distanz zu ihnen. Zum Beispiel beteiligten sich im September 2014 unter anderem der Islamrat und der Zentralrat der Muslime an einem bundesweiten Aktionstag gegen Extremismus und islamistische Gewalt. [1]

Fußnoten

1.
vgl. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-09/islamischer-staat-muslime-judenhass-aktionstag
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Autor: Ulrich Kraetzer für bpb.de
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