Herausforderung Salafismus

9.9.2015 | Von:
Peter Neumann

Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus

Wer gilt eigentlich als Extremist? Was bedeutet Radikalisierung? In welchem Zustand kann man jemanden als erfolgreich deradikalisiert bezeichnen? Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Unterschiedliche Konzepte sorgen in der Debatte über Extremismus immer wieder für Missverständnisse.

ExtremismusNiemand glaubt, dass Menschen über Nacht zu Extremisten werden, und bei der Radikalisierung geht es deshalb nicht ausschließlich um das Vorhandensein bestimmter Faktoren und Einflüsse, sondern auch – und gerade – um deren Zusammenspiel, Entwicklung und Verlauf. (© bpb, Sebastian Kauer)

In Zeitungsartikeln tauchen Begriffe wie "Radikalisierung", "Deradikalisierung" und "Extremismus" häufig auf, werden aber meist ohne Erklärung oder Definition verwendet. So heißt es zum Beispiel, der Werdegang der zwei Brüder, die mutmaßlich für die Anschläge von Boston im April 2013 verantwortlich waren, sei "typisch" für die "Radikalisierung von Einzeltätern"[1]. Doch was bedeutet das? Und wie unterscheidet sich ein "Radikalisierter" von einem "Extremisten"? Ist es möglich, sich zu entradikalisieren? Und wenn ja, in welchem Zustand gilt man als erfolgreich deradikalisiert?

In diesem Beitrag grenze ich Konzepte wie Radikalisierung, Extremismus und Deradikalisierung voneinander ab. Denn wichtigen Debatten, Kontroversen, ungelösten Fragen und auch Missverständnissen im Bereich der Terrorismus- und Extremismusforschung liegen oft unterschiedliche Definitionen und Verständnisse dieser Konzepte zugrunde.

Radikalisierung als Prozess

Wie beim Wort "Terrorismus" besteht unter Wissenschaftlern keine Einigkeit über die Definition des Begriffs "Radikalisierung". "Radikal" stammt vom lateinischen Wort für Wurzel (radix) und wurde im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel war "Radikalismus" das Motto liberaler Reformer, während im 20. Jahrhundert oft marxistische Revolutionäre als Radikale galten.[2] In beiden Fällen ging es um eine drastische Abwendung von den geltenden gesellschaftlichen Verhältnissen und die Errichtung eines anderen politischen Systems.

Im Kontext ihrer jeweiligen Zeit galten Radikale immer auch als Extremisten. Der Prozess, durch den sie zu Extremisten wurden, war ihre Radikalisierung. Was genau dieser Prozess beinhaltet und womit er endet, ist unter Wissenschaftlern umstritten, nicht aber, dass es sich um einen Prozess – also eine Anzahl von Vorgängen, die sich über einen gewissen Zeitraum hinweg abspielen – handelt. Anders ausgedrückt: Niemand glaubt, dass Menschen über Nacht zu Extremisten werden, und bei der Radikalisierung geht es deshalb nicht ausschließlich um das Vorhandensein bestimmter Faktoren und Einflüsse, sondern auch – und gerade – um deren Zusammenspiel, Entwicklung und Verlauf.

Für die Politikwissenschaftlerin Zeyno Baran zum Beispiel ist der Mechanismus ähnlich dem eines Fließbands, auf dem verschiedene Elemente und Einflüsse Schritt für Schritt hinzukommen.[3] Der Sozialpsychologe Fathali Moghadam vergleicht die Radikalisierung mit einem Treppenhaus, in dem sich Personen – je nachdem, wie extrem ihr Denken und Handeln ist – auf verschiedenen Stufen befinden.[4] Clark McCauley und Sophia Moskalenko stellen sich den Prozess als eine Pyramide vor, in der die Anzahl der Radikalisierten geringer wird, je extremer deren Denken und Verhalten ist.[5] So unterschiedlich die Metaphern und Modelle auch sein mögen, alle gängigen Theorien visualisieren Radikalisierung nicht als Ereignis, sondern als eine Art Progression, in deren Verlauf sich das Denken und/oder Handeln einer Person oder Gruppe ändert.

Extremismus

Als Prozess, durch den Personen oder Gruppen zu Extremisten werden, lässt sich Radikalisierung deshalb sehr einfach definieren. Schwieriger ist es, den Endpunkt dieses Prozesses zu beschreiben: Was genau ist ein Extremist? Für den politischen Philosophen Roger Scruton ist das Konzept zweideutig. Auf der einen Seite geht es um politische Ziele und Ideen, die den fundamentalen Werten und Überzeugungen einer Gesellschaft diametral entgegenstehen.[6] In einer westlichen Demokratie wie Deutschland wäre dies jegliche Form von religiöser und rassischer Vorherrschaft sowie alle Ideologien, die an demokratischen Prinzipien, Freiheits- und Menschenrechten rütteln.

Andererseits, so Scruton, kann der Begriff Extremismus auch die Methoden beschreiben, die politische Akteure zur Durchsetzung ihrer Ziele verwenden. Wer Mittel einsetzt, die "das Leben, die Freiheit und die Menschenrechte von anderen beeinträchtigen oder aufs Spiel setzen",[7] der ist nach Scruton ein Extremist – ganz egal, welche Ziele er oder sie damit verfolgt. Der Umweltschutz zum Beispiel wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung als positiv und erstrebenswert betrachtet. Wer dieses Ziel allerdings mit illegalen und gewalttätigen Mitteln verfolgt – etwa durch Anschläge auf Fabriken oder die Entführung von Industriemanagern – ist dennoch ein Extremist.

Aus der Zweideutigkeit des Extremismusbegriffs ergibt sich eine Vielzahl an Debatten und Kontroversen. Von einigen Liberalen und Libertären wird beispielsweise argumentiert, dass extremistische Ziele und Ideen an sich "unproblematisch" seien, solange sie friedlich und mit legalen Mitteln verfolgt würden. Die Beobachtung (nicht-gewaltbereiter) Extremisten durch den Staat sei demzufolge eine Einschränkung der Meinungsfreiheit und die hierfür verantwortlichen Behörden fungierten als eine Art "politische Polizei".[8] Das Gegenargument ist, dass auch "legalistische" – also nicht-gewaltbereite, scheinbar systemtreue – Extremisten eine ernsthafte Bedrohung für den sozialen Frieden und die freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellen könnten. Die Lehre aus dem Aufstieg der Nationalsozialisten – so der österreichische Philosoph Karl Popper – sei, dass tolerante Gesellschaften die Pflicht hätten, sich gegen jegliche Art von Extremisten zu verteidigen: "Wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen."[9] Hieraus leitet sich das Prinzip der "wehrhaften Demokratie" ab.

Für Wissenschaftler ergibt sich aus der Zweideutigkeit des Begriffs eine Notwendigkeit zur Abgrenzung. Viele Forscher unterscheiden deshalb zwischen "kognitiven Extremisten" – also Menschen, deren Ziel- und Wertvorstellungen dem gesellschaftlichen Konsens drastisch widersprechen – und "gewaltbereiten Extremisten".[10]

Kognitiver Extremismus

Auch der Begriff des "kognitiven Extremismus" ist jedoch alles andere als klar. Die Worte "radikal" und "extrem" als Bezeichnung für bestimmte Ideen, Ziele und Wertvorstellungen besitzen keine universelle Gültigkeit. Sie setzen ein Wissen darüber voraus, was in einer bestimmten Gesellschaft oder zu einem gewissen Zeitpunkt als "moderat" oder "Mainstream" gilt. Was die eine Gesellschaft für "radikal" hält, das gehört in einer anderen zum allgemeinen Konsens. Und was heute als "extremistisch" gilt, ist vielleicht morgen schon unverrückbarer Teil der staatlichen Ordnung.

Politisch Linke tun sich deshalb mit Begriffen wie Extremismus und Radikalisierung häufig schwer. Für sie ist Radikalismus weder problematisch noch negativ, sondern – ganz im Gegenteil – notwendige Voraussetzung dafür, dass sich Gesellschaften fortschrittlich entwickeln. Besonders in den Vereinigten Staaten sind die Geschichtsbücher voll mit Beispielen von Personen und politischen Bewegungen, die zunächst von Staat und Gesellschaft als "extremistisch" gebrandmarkt wurden, deren Ziele aber heute als akzeptiert und erstrebenswert gelten. Wer sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Abschaffung der Sklaverei aussprach, der war nach Meinung der (damaligen) Mehrheit ein "gefährlicher Extremist"; dasselbe galt für Frauen, die 100 Jahre später für ihr Wahlrecht kämpften und für den Bürgerrechtler Martin Luther King Jr., der in den 1950er und 1960er Jahren von der Bundespolizei FBI beobachtet und drangsaliert wurde.[11]

Befürworter des (kognitiven) Extremismusbegriffs halten dem entgegen, dass es innerhalb moderner demokratischer Gesellschaften einen normativen Grundkonsens gebe – Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit vor dem Gesetz –, durch den sich Willkür bei der Klassifizierung bestimmter Ideen und Ziele vermeiden lasse.[12] Dennoch zeigen die oben genannten Beispiele, dass auch dieser (vermeintlich solide) Wertekanon unterschiedlich interpretiert werden kann und sich die Bedeutung von Normen im Laufe der Zeit ändert. Darüber hinaus wird deutlich, dass sich in autoritären Staaten, wo es keinen solchen Wertekompass gibt, Begriffe wie "Extremismus" und "Radikalismus" leicht zur Verfolgung Oppositioneller instrumentalisieren lassen.

Fußnoten

1.
Innenminister Hans-Peter Friedrich warnt vor radikalisierten Einzeltätern, 25.4.2013, http://www.focus.de/politik/deutschland_aid_971064.html« (4.6.2013).
2.
Vgl. David R. Mandel, Radicalization: What Does It Mean?, in: Thomas Pick/Anne Speckhard/Beatrice Jacuch (eds.), Homegrown Terrorism: Understanding the Root Causes of Radicalisation Among Groups with an Immigrant Heritage in Europe, Brüssel 2009.
3.
Vgl. Zeyno Baran, Fighting the War of Ideas, in: Foreign Affairs, 84 (2005) 6, S. 68–78.
4.
Vgl. Fathali M. Moghadam, The Staircase to Terrorism: A Psychological Exploration, in: American Psychologist, 60 (2005) 2, S. 161–169.
5.
Vgl. Clark McCauley/Sophia Moskalenko, Mechanisms of Political Radicalization: Pathways Toward Terrorism, in: Terrorism and Political Violence, 20 (2008) 3, S. 415–433.
6.
Vgl. Roger Scruton, The Palgrave Macmillan Dictionary of Political Thought, Basingstoke 20073.
7.
Ebd., S. 132.
8.
Vgl. Mark Sedgwick, The Concept of Radicalization as a Source of Confusion, in: Terrorism and Political Violence, 22 (2010) 4, S. 479–449.
9.
Karl Popper, The Open Society and Its Enemies, Vol. 1: The Spell of Plato, New Haven, CO, 19715, S. 265.
10.
Vgl. Lorenzo Vidino, Countering Radicalization in America: Lessons from Europe, United States Institute for Peace Special Report, November 2010, S. 5.
11.
Vgl. Timothy McCarthy/John McMillian, The Radical Reader: A Documentary History of the American Radical Tradition, New York 2003, S. 3f.
12.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2011, Berlin 2012, S. 16.
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Autor: Peter Neumann für bpb.de
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