Herausforderung Salafismus

Prävention gegen neosalafistische Radikalisierung in Schule und Jugendhilfe

Voraussetzungen und Handlungsfelder


22.9.2015
Radikalisierungsprävention hat die Aufgabe, Probleme frühzeitig zu erkennen und anzugehen. Schule und Jugendarbeit bieten dafür grundsätzlich ideale Voraussetzungen, denn hier sind alle jungen Menschen beständig anzutreffen. Was sind die Handlungsfelder der Prävention? Was sind Voraussetzungen für ihr Gelingen im schulischen Kontext?

Die Sozialpädagogin Elena Pucci spricht am 08.01.2014 im Schülercafé der Heusteigschule in Stuttgart (Baden-Württemberg) mit Schülern. Schulsozialarbeiter sorgen dafür, dass Schüler ihre Problem bewältigen können und nicht in ihren Leistungen nachlassen.Stuttgarter Schüler mit Schulsozialarbeiterin (© picture-alliance/dpa)

Einleitung



Mehr als 700 junge Männer und Frauen, darunter auch einige minderjährige Schülerinnen und Schüler, sind nach Angaben des Verfassungsschutzes seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges in die Kampfgebiete ausgereist, um am Aufbau des sogenannten "Islamischen Staates" mitzuwirken (Stand: Juni 2015). Angesichts dieser hohen Zahl befassen sich Politik und Wissenschaft intensiv mit der Frage, wie weitere Ausreisen verhindert werden können.

Im Kontext der Gegenmaßnahmen kommt neben polizeilichen Maßnahmen der Präventionsarbeit eine wachsende Bedeutung zu. Die Radikalisierungsprävention ist in Deutschland – aber auch den anderen westeuropäischen Ländern – eine sehr junge Disziplin, die sich im Entwicklungsprozess befindet. Wie alle Präventionskonzepte folgt die Radikalisierungsprävention dem Handlungsprinzip, dass man einem negativen Ereignis beziehungsweise einer negativen Entwicklung mit Gegenmaßnahmen zuvorkommen müsse.

Radikalisierungsprävention hat also die Aufgabe, Problemlagen frühzeitig zu identifizieren, kritisch einzuschätzen und angemessene Maßnahmen zu ergreifen. Das Problem hierbei: Über ein wissensbasiertes Fundament und eine erprobte Methodik verfügen die Präventionsakteure derzeit – im Sommer 2015 – nicht. Viele Projekte und Maßnahmen, die durchaus erste Erfolge verzeichnen können, laufen in eher experimentellen Anordnungen.

Befasst man sich mit den vielfältigen Handlungsfeldern der Radikalisierungsprävention, rücken vor allem die Schule und die mit ihr verbundene Jugendhilfe (insbesondere Schulsozialarbeit) in den Fokus der Betrachtungen. Die Schule ist der einzige soziale Ort, an dem alle jungen Menschen über einen relativ langen Zeitraum beständig anzutreffen sind. Für Präventionsarbeit gleich welcher Art sind dort also ideale Voraussetzungen gegeben. Dieser Sachverhalt ist seit geraumer Zeit bekannt, und Präventionsprogramme gegen andere schädliche Phänomene wie Gewalt"", Diskriminierung oder Drogen sind daher längst ein fester Bestandteil des schulischen Alltags. Hinzu kommt nun die Radikalisierungsprävention. Damit diese in der Schule und dem angrenzenden Sozialraum erfolgreich implementiert und durchgeführt werden kann, sind jedoch einige Voraussetzungen zu erfüllen. [1]

Voraussetzzungen einer Radikalisierungsprävention in Schule und angrenzenden Sozialräumen



Von zentraler Bedeutung sind zunächst präzise formulierte Präventionsziele, die von möglichst allen schulischen Akteuren geteilt werden. Dazu gehören Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Elternschaft. Genau hier bestehen oft erhebliche Unschärfen. So ist zum Beispiel unklar, was genau verhindert werden soll. Manche schulischen Akteure halten den Salafismus insgesamt für ein bekämpfenswertes Phänomen, da dieser unter anderem die Gleichstellung von Männern und Frauen in Frage stellt. Andere hingegen beschränken sich ausschließlich auf gewaltbefürwortenden Salafismus.

Klärungsprozesse sind an diesem Punkt sehr wichtig, da nicht jede unliebsam erscheinende Form von Religiosität Gegenstand von präventivem Handeln sein kann. Zu bedenken ist in diesem Kontext auch, dass das Recht auf freie Religionsausübung ein hohes Verfassungsgut darstellt und staatliche Akteure in dieser Hinsicht einer Neutralitätspflicht unterliegen. Darüber hinaus sollte gesehen werden, dass muslimische Eltern in diesem Bereich eine hohe Sensibilität aufweisen. Hintergrund sind hier negative Erfahrungen aus Islamdiskursen, die mit pauschalen Zuschreibungen Muslime in ein fragwürdiges Licht rücken. Hinzu kommt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Ausgereisten – die Konvertiten – nicht aus muslimischen Sozialisationskontexten stammt.

In einem engen Zusammenhang mit der Zielsetzungsproblematik steht, dass eine Markierung verhindert werden muss. Projekte der Radikalisierungsprävention adressieren als Zielgruppe nicht selten allgemein muslimische Jugendliche und Moscheegemeinden. Eine solche Vorgehensweise kann – wenn auch unabsichtlich – zu einer negativen Markierung oder gar Stigmatisierung der Zielgruppe führen. Grundsätzlich gilt: Keine Schülerin und kein Schüler möchte von Lehrkräften oder anderen Akteuren in der Schule in einer Gruppe verortet werden, der Risikofaktoren zugeschrieben werden. Zuschreibungen und Bezichtigungen können junge Menschen verletzen.

Darüber hinaus kann eine fehlgeleitete Prävention schlimmstenfalls zu einer Umkehrung der Zielperspektive führen. Im Sinne einer self-fullfilling prophecy kann dies bedeuten: Wenn Akteure der Prävention eine Gefährdungssituation als real definieren, dann sind die Konsequenzen real – das heißt, die Akteure handeln entsprechend einer Gefährdungssituation." [2] Bisherige Projekterfahrungen, die unter anderem im Bundesprogramm "Demokratie leben" gesammelt werden konnten, zeigen, dass Zielformulierungen und Ansprachen erforderlich sind, die keine bestimmte soziale, ethnische oder religiöse Gruppe im Lebensraum Schule gesondert hervorheben.

Eine weitere Gelingensbedingung in der schulischen Präventionsarbeit stellt deren strukturelle Verankerung dar. Auch ein durchdachtes Präventionskonzept kann nur dann nachhaltige Erfolge vorweisen, wenn es im schulischen Alltag von den Fachkräften getragen wird und es klare personale Zuständigkeiten gibt. Überaus deutlich wird dies zum Beispiel in Clearingverfahren, die sich mit mutmaßlich radikalisierten Schülerinnen und Schülern befassen. Unter Clearingverfahren wird ein Maßnahmenbündel verstanden, mit dessen Hilfe geprüft wird, ob eine Radikalisierung vorliegt und wie dieser gegebenenfalls mit pädagogischen Mitteln begegnet werden kann. Ohne eine Fallführung und die systematische Einbindung aller relevanten Akteure aus Schule und Jugendhilfe können effiziente pädagogische Hilfestellungen nicht geleistet werden.

Schließlich bildet das fachliche Handeln eine unabdingbare Voraussetzung. Radikalisierungsprävention ist voraussetzungsreich. Die Akteure müssen mit den Erscheinungsformen des Neosalafismus [3] und Faktoren der Radikalisierung vertraut sein.

Von großer Bedeutung ist ferner eine profunde pädagogische Expertise. So verlangen Interventionsgespräche und Angehörigenberatung ein hohes fachliches Können und Achtsamkeit. Eine unangemessene oder dilettantische Vorgehensweise kann das Vertrauen der betroffenen Kinder und Eltern massiv erschüttern. In einem solchen Fall droht schlimmstenfalls der vollständige Kontaktabbruch.

Ebenen der Radikalisierungsprävention im schulischen Kontext



In der Radikalisierungsprävention werden in Anlehnung an Gerald Kaplan und Robert S. Gordon drei Ebenen unterschieden: 1. Primäre oder auch universelle Prävention, 2. Sekundäre oder auch selektive Prävention und 3. Tertiäre oder auch indizierte Prävention. [4] Alle drei Ebenen, auf denen jeweils Handlungsfelder mit spezifischen Anforderungen beschrieben werden können, spielen im schulischen und Jugendhilfekontext eine – wenn auch unterschiedlich gewichtete – Rolle.

Primäre oder auch universelle Radikalisierungsprävention

Pädagogische Maßnahmen der primären oder auch universellen Prävention weisen in der Regel keine Zielgruppenspezifik auf. Angesprochen sind alle gesellschaftlichen Gruppen. Pädagogische Maßnahmen in diesem Bereich zielen weniger auf Verhinderung, vielmehr wollen sie bereits bestehende erwünschte Haltungen stärken. In Schule und Jugendhilfe kommt dieser Präventionsebene eine sehr große Bedeutung zu. Deutlich wird dieser Sachverhalt zum Beispiel durch einen Blick in das nordrhein-westfälische Schulgesetz. Darin heißt es:

"(4) Die Schülerinnen und Schüler sollen insbesondere lernen
1. selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln,
(...)
3. die eigene Meinung zu vertreten und die Meinung anderer zu achten
4. in religiösen und weltanschaulichen Fragen persönliche Entscheidungen zu treffen und Verständnis und Toleranz gegenüber den Entscheidungen anderer zu entwickeln,

(5) Die Schule wahrt Offenheit und Toleranz gegenüber den unterschiedlichen religiösen, weltanschaulichen und politischen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Sie achtet den Grundsatz der Gleichberechtigung der Geschlechter und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin. Sie vermeidet alles, was die Empfindungen anders Denkender verletzen könnte. Schülerinnen und Schüler dürfen nicht einseitig beeinflusst werden." [5]

Die Erreichung dieser Zielsetzungen, die ähnlich formuliert auch in anderen Bundesländern in Schulgesetzen zu finden sind, erstreckt sich auf das gesamte Schulleben und ist Aufgabe aller schulischen Akteure. Darüber hinaus finden wir auf der Stundentafel die Fächer der Werteerziehung und des Religionsunterrichts. Diesen Fächern kommt unter anderem die Aufgabe zu, sich aktiv mit fragwürdigen Eindeutigkeitsangeboten oder Ideologien der Ungleichwertigkeit auseinanderzusetzen.

In unmittelbarem Bezug auf den Neosalafismus kommt insbesondere dem islamischen Religionsunterricht eine besondere Bedeutung zu. Auch wenn die Prävention nicht zu den Hauptaufgaben eines islamischen Religionsunterrichts zählt, erlangen hier Schülerinnen und Schüler im Idealfall von der 1. bis zur 10. Klasse unter anderem die Kompetenz, religiöse Inhalte und ihre Quellen kritisch zu reflektieren [6]. In den vergangenen fünf Jahren wurden hierzu hochwertiges Unterrichtsmaterial und Lehrwerke entwickelt. Aufgeführt sei hier nur das Lehrwerk "401 Hadithe für den Islamunterricht" [7] des Gießener Religionspädagogen Yasar Sarikaya, das eine eingeführte Hadithsammlung für den islamischen Religionsunterricht bietet. Der arabische Begriff Hadith (Bericht, Erzählung) bezeichnet im Kern die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed. [8] In der neosalafistischen Ideologie wird vor allem der Hadith missbraucht, der dekontextualisiert und im Literalsinn dargeboten wird, um mit einfältigen Botschaften Anhängerschaft zu gewinnen. Sarikayas Werk zeigt überzeugend auf, dass diese Lesart des Hadith nicht in der islamischen Tradition verbürgt ist. Nicht zuletzt aufgrund dieses Sachverhalts gehen einige Religionspädagoginnen und -pädagogen davon aus, dass eine profunde religiöse Bildung einen wichtigen Beitrag zur "Immunisierung" gegen radikale Inhalte leisten kann.[9]

Schließlich wären hier noch die zahlreichen Projekte anzuführen, die von Bildungs- und Jugendhilfeträgern im schulischen Kontext durchgeführt werden. Erfolgreich ist hier das Programm "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" [10]. Dieses moderierte Schulnetzwerk, dem mittlerweile weit über 1000 Schulen angehören, hat seit 2010 eine Reihe von Projekten gegen islamistische Eindeutigkeitsangebote durchgeführt. Hierzu zählen auch mehrere Handbücher für Lehrkräfte, die zum Beispiel umfassend zu Ideologien der Ungleichwertigkeit informieren. Hervorzuheben ist ferner die schulische Dialoggruppenarbeit des Berliner Trägers "Dialog macht Schule" [11], der seit dem Jahr 2013 hochwertige und langfristige Dialoggruppenangebote im Bereich der Sekundarstufe I durchführt. Vielversprechend ist dieser Ansatz vor allem aufgrund des Peer-Education-Ansatzes, der junge Studierende als Dialoggruppenmoderatoren in die Schule bringt.

Sekundäre Prävention oder auch selektive Prävention

Die sekundäre oder selektive Prävention umfasst pädagogische Maßnahmen, die sich an junge Menschen richten, deren Lebenssituation als "belastet" gilt oder die Risikofaktoren aufweisen. Auch dieser Bereich der Radikalisierungsprävention spielt in Schule und Jugendhilfe eine wichtige Rolle. Zum Handlungsfeld gehören jedoch nicht alle Schulen und mit ihr verbundene Sozialräume. Vielmehr geht es hier um schulische Lernorte, die erwiesenermaßen in "Brennpunkten" liegen (zum Beispiel Dinslaken-Lohberg und Wolfsburg) oder bereits manifeste Problemlagen aufweisen. Dies können zum Beispiel große Berufsbildungszentren sein. In diesem Bereich können indirekte und direkte Maßnahmen unterschieden werden. Zu den indirekten Maßnahmen zählen Fortbildungen für Lehrkräfte und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die unter anderem über Phänomene der Radikalisierung informieren und Handlungsoptionen aufzeigen. Zu den direkten Formaten zählen Fachberatungen und Infoveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler, auf denen zum Beispiel Aussteiger authentisch über ihre Erfahrungen mit der neosalafistischen Szene berichten. Derartige Veranstaltungen werden in NRW unter anderem im Rahmen des Präventionsprogramms "Wegweiser" [12] durchgeführt.

Tertiäre oder indizierte Prävention

Schließlich wäre der Bereich der tertiären oder indizierten Prävention anzuführen. Maßnahmen in diesem Bereich richten sich an Personen, die bereits manifeste Problemlagen aufweisen. Es geht also um junge Menschen, die sich bereits radikalisiert haben oder sich im Prozess der Radikalisierung befinden. Maßnahmen und pädagogische Interventionen sollen hier Radikalisierung unterbrechen. Ferner geht es darum, junge Menschen aus extremistischen Bewegungen herauszulösen. Im schulischen Kontext ist die tertiäre oder indizierte Prävention ein wichtiges Handlungsfeld, das an die Präventionsakteure jedoch hohe fachliche Anforderungen stellt. Auch hier können direkte und indirekte Maßnahmen aufgeführt werden. Zu den indirekten Maßnahmen zählen zum Beispiel zertifizierte Fortbildungen für Lehrkräfte und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die in mehreren Modulen detailreiches Wissen über Radikalisierungsverläufe vermitteln.

Weitere Schwerpunkte bilden die Vermittlung von Praxiskenntnissen in strukturierten Clearingverfahren und der Distanzierungsarbeit. Herausragend ist hier derzeit das 80 Stunden umfassende modularisierte Fortbildungskonzept "Neosalafismus – Prävention in den Handlungsfeldern politische Bildung, Schule, Jugendhilfe, Vereinsarbeit und Gemeinde", das von der bpb in Kooperation mit weiteren Partnern erstmalig vom 16. Januar bis 19. April 2015 in Bonn durchgeführt wurde oder das zertifizierte Programm der Donau-Universität Krems [13].

Zu den direkten Formaten zählen Verfahren und Methoden, die geeignet erscheinen, eine beginnende Radikalisierung zu unterbrechen. Von zentraler Bedeutung sind hier mehrstufige strukturierte Clearingverfahren, die auch über einen längeren Zeitraum Hilfestellungen für Schülerinnen und Schüler und deren Angehörige bereitstellen können. Im Rahmen eines solchen Verfahrens kann ein ganzes Bündel von Methoden und pädagogischen Maßnahmen zur Anwendung kommen. Neben einer präzisen Fallanalyse, die auf der Grundlage verlässlicher Indikatoren [14] durchgeführt werden sollte, zählen zum Maßnahmenfächer unter anderem Fallkonferenzen, Interventionsgespräche, externe Fachberatung und gegebenenfalls auch polizeiliche Unterstützung (zum Beispiel bei einer drohenden Ausreise).

Ob und wie diese und andere Maßnahmen zur Anwendung kommen, ist für jeden Fall jeweils aus den spezifischen Erfordernissen zu entscheiden. Wichtig ist hier eine durchgehende Prozesssteuerung, die den Interventionsverlauf im Blick behält. Eine wichtige Prämisse ist ferner die Beteiligung aller relevanten Akteure aus der Lebenswelt der Schülerin oder des Schülers.

Ausblick



Die Schule und die mit ihr verbundene Jugendhilfe spielen in der Radikalisierungsprävention eine zentrale Rolle. Angesichts der bislang anhaltenden Ausreisewelle stellt sich jedoch die Frage, ob die professionellen Akteure der Lebenswelt Schule die bestehenden Problemlagen angemessen und nachhaltig bearbeiten können. Hier sind Zweifel durchaus berechtigt.

Denn erstens kann konstatiert werden, dass die Lebenswelt Schule in den vergangenen zwei Dekaden stets neue Aufgabenfelder bewältigen musste. Neben dem klassischen Bildungsauftrag waren dies in den vergangenen Jahren auch zunehmend erzieherische Aufgaben, die offenbar in manchen Elternhäusern nur noch unzureichend bewältigt werden konnten. Lehrkräfte und Schulsozialarbeit sehen sich daher mit einem stets wachsenden Aufgabenfeld konfrontiert, welches viele Akteure an die Grenze der Belastungsfähigkeit geführt hat. In diesem Zusammenhang muss auch gesehen werden, dass die personellen Ressourcen an vielen Schulstandorten trotz neuer Aufgabenstellungen nicht gewachsen sind. An vielen großen Schulen, insbesondere großen Berufsbildungszentren, die teilweise über 4.000 Schülerinnen und Schüler beheimaten, gibt es mitunter nur eine oder zwei Fachkräfte für Schulsozialarbeit. Es liegt auf der Hand, dass in einem solchen personellen Setting eine funktionierende Radikalisierungsprävention nicht zu implementieren ist. In Gänze betrachtet ist die Jugendhilfe im schulischen Kontext zu schwach aufgestellt. An zusätzlichen personellen Ressourcen führt mittelfristig kein Weg vorbei.

Zweitens ist Radikalisierungsprävention immer auch eine Vernetzungsaufgabe, die von allen relevanten Partnern aktiv betrieben werden muss. Es bedarf gemeinsamer konzeptioneller Überlegungen und letztlich einer abgestimmten Präventionsstrategie, die sich auf der alltäglichen Agenda der schulrelevanten Akteure niederschlägt.

Drittens und schließlich bedarf die Präventionsarbeit einer wissenschaftlichen Fundierung. Die Methoden und Instrumente im Praxisfeld können nur dann optimiert werden, wenn das Radikalisierungsgeschehen und die darin wirksamen Faktoren einigermaßen bekannt sind. Bislang sind die Forschungsanstrengungen in diesem Feld unzureichend.


Fußnoten

1.
Für eine umfassende Darstellung der Präventionsproblematik siehe: Ceylan, Rauf; Kiefer, Michael: Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention, Wiesbaden 2013, S. 99-115.
2.
Ebd., S. 104.
3.
Während der Begriff "Salafismus" in der islamischen Ideengeschichte konnotiert ist und an die ersten drei, als vorbildlich betrachteten Generationen – die Generation des Propheten Muhammad mit eingeschlossen – der frühmuslimischen Gemeinde erinnert, bedeutet des Präfix "Neo" einen Bruch mit der historisch-theologischen Tradition. Einerseits wird zwar für die eigene religiöse Orientierung ein starker Bezug auf die frühislamische Geschichte genommen, andererseits erfährt sie eine erhebliche ideologische und methodische Veränderung. Daher spricht Olivier Roy von "entwurzelten Religionen" oder gar von einer "Mutation", wenn er die gegenwärtigen fundamentalistischen Bewegungen charakterisiert.
4.
Johansson, Susanne: Rechtsextremismusprävention und Demokratieförderung in den Feldern der Pädagogik, der Beratung und Vernetzung: eine kurze Begriffseinordnung und –abgrenzung, URL: https://www.biknetz.de/fileadmin/Dokumente/Oeffentlichkeit_herstellen/Themen/Aufsaetze/
Aufsatz_S._Johannson_REprävention_final.pdf
(08.08.2015).
5.
Schulgesetz NRW 2005, https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_detail_text?anw_nr=6&vd_id=3928&vd_back=N102&sg=&menu=1 (08.08.2015)
6.
zu islamischen Religionsunterricht siehe auch Bernd R. Bauknecht, Mit Islamischem Religionsunterricht gegen Extremismus. In: Wael El-Gayar, Katrin Stunk (Hg.), Integration versus Salafismus.
7.
Sarikaya, Yasar: 401 Hadithe für den Islamunterricht, Hückelhoven 2011.
8.
vgl. http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/islam-lexikon/21426/hadith
9.
Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse liegen hierzu nicht vor. Es kann jedoch festgestellt werden, dass große Teile der Ausgereisten offenbar keine umfassende religiöse Bildung in Anspruch genommen haben.
10.
http://www.schule-ohne-rassismus.org
11.
http://www.dialogmachtschule.de
12.
http://www.mik.nrw.de/verfassungsschutz/islamismus/wegweiser.html
13.
Siehe www.bpb.de/fortbildung-salafismus und http://www.donau-uni.ac.at/de/studium/neo-salafistischer-islamismus/index.php
14.
Es handelt sich hier um Indikatoren, die Radikalisierung anzeigen können. Hierzu zählen unter anderem problematische Einstellungsveränderungen und damit einhergehende Beziehungsabbrüche.
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Autor: Michael Kiefer für bpb.de
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