Herausforderung Salafismus

Pädagogische Ansätze zur Deradikalisierung im Bereich des religiös begründeten Extremismus


18.1.2016
Wie kann die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen gelingen, die extremistische Tendenzen aufweisen? Thomas Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network, das seit 2001 in der Prävention und Deradikalisierungsarbeit tätig ist. Ein Arbeitsfeld ist der gewaltorientierte Salafismus. Mücke schildert anhand von Fallbeispielen und Praxiserfahrungen die Grundsätze der Arbeit von Violence Prevention Network.

Was macht junge Menschen anfällig gegenüber den Einflüssen extremistischer Szenen? In vielen Fällen finden sich Krisensituationen, eine Anhäufung individueller Probleme – oder es geht einfach nur um Orientierungssuche und Identitätsfindung. Einen einheitlichen Radikalisierungsverlauf bei jungen Menschen gibt es jedoch nicht. Das zeigen die folgenden Beispiele aus der Arbeit von Violence Prevention Network (VPN):
  • Abdul mit kurdischen Wurzeln ist 15 Jahre alt und sitzt wegen Raubtaten und Körperverletzungen noch drei Jahre im Jugendvollzug. Danach möchte er nach Syrien und sich etwas "Großem" anschließen, dem Dschihad, und einmal im Leben etwas Richtiges tun, auch wenn es für ihn den Tod bedeuten würde. Hier in Deutschland sieht er keine Perspektive, seine Familie hat sich von ihm abgewandt. Über seine Religion hat er kein Wissen. Er weiß noch nicht mal, dass der "IS" gegen die Kurden kämpft.

  • Mehmet ist 17 Jahre alt und kommt aus einer intakten und aufgeschlossenen Familie. Er ist sich nicht sicher, ob er mit seiner muslimischen Identität in einem säkularen Staat so leben darf, wie er sich das vorstellt. In seiner Moschee bekommt er keine Antworten auf seine Fragen. Erst in salafistischen Gesprächskreisen zeigt man scheinbar Interesse für seine Religiosität. Er reist nach Syrien aus.

  • Anne ist 18 Jahre alt. Vor kurzem ist ihr Vater gestorben, zu ihrer Mutter hat sie ein angespanntes Verhältnis. Über Freundeskreise bekommt sie Kontakte zur salafistischen Szene, fühlt sich dort geborgen und aufgehoben. Aus Dankbarkeit will sie nach Syrien ausreisen und etwas gegen die "globale Ungerechtigkeit" tun.

  • Benjamin, 16 Jahre alt, ist ohne Vater aufgewachsen und hat in seinem Leben wenige Erfolge aufzuweisen. Er verfängt sich in kleinkriminellen Handlungen. Über einen Freund bekommt er Zugang zur salafistischen Szene und lang ersehnten Vaterfiguren. Sein Freund reist nach Syrien aus und stirbt dort. Benjamin hat es sich im letzten Moment noch einmal anders überlegt.

  • Mohammed ist 19 Jahre alt und in häuslichen Gewaltverhältnissen aufgewachsen. Weder in der Familie noch in der Gesellschaft fühlte er sich angenommen. Nach einer jahrelangen Gewaltkarriere sucht er eine moralische Rechtfertigung für seine Handlungen, ein Ventil für seinen aufgestauten Hass. Er phantasiert darüber, in die Kampfgebiete zu gehen.
Bei allen Unterschieden verdeutlichen die Beispiele, dass Radikalisierungsprozesse stets im Kontext der konkreten Lebensgeschichte und –ereignisse der jungen Menschen stehen. Und es zeigt sich auch, dass diese Menschen noch erreichbar sind und sich aus der Szene lösen können. Auch der Fortgang der Geschichte von Mehmet zeigt dies:

Mehmet sitzt in einen Café und erzählt seine Eindrücke von seiner neuen Ausbildung. Er hat vor Kurzem seinen Realschulabschluss geschafft. Er kann sich des Lebens wieder erfreuen. Es ist nur wenige Monate her, dass Mehmet im syrischen Kampfgebiet war und sich in einen Ausbildungslager des IS aufhielt. Heute weiß er, dass sein Leben am seidenen Faden hing. Im Lager bekam er damals immer wieder zu hören, dass er und die anderen nicht mehr zurückkehren könnten, da ihr früherer Staat sie jetzt verfolgen werde. Mehmet war nach seiner Ankunft in Syrien schnell desillusioniert. Eigentlich wollte er helfen, weil er es ungerecht fand, wie weltweit mit Muslimen umgegangen wird. Aber in Syrien erlebte er keine Religiosität, nur Gewaltverherrlichung und Hass. Fragen stellen durfte er nicht. Es hieß immer: Frage nicht, tue es. Er wollte schnell zurück – aber er machte sich Sorgen, wie seine eigentliche Heimat mit ihm umgehen würde, wenn er wieder deutsches Staatsgebiet betritt.

Mehmets Familie hat ihm bei der Rückkehr geholfen. Unterstützt wurde sie von den Beraterinnen und Beratern von Violence Prevention Network. Mehmet wurde nach seiner Rückkehr intensiv betreut. Er besuchte wieder seine Schule und konzentrierte sich auf seine Abschlussprüfungen. In vielen Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurden seine Erfahrungen in der extremistischen Szene aufgearbeitet. Früher hatte Mehmet Gesprächspartner für religiöse Fragen gesucht und war über Gleichaltrige auf die salafistische Szene getroffen. Nur einige Monate später war er in Syrien. Heute weiß Mehmet, dass das in der Szene vermittelte extremistische Gedankengut mit seiner Religion nichts Gemeinsames hat.

Mehmet hatte in den Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von VPN viele Fragen und Themen. Es ging bei den Gesprächen nicht darum, Mehmet mit Argumenten gegen seine extremistische Einstellung zu konfrontieren, mit sogenannten Gegennarrativen. Wichtig war vielmehr, dass Mehmet wieder fragen und eigene Gedanken zulassen durfte. Es ging darum, andere Sichtweisen anzuhören, ohne den Druck zu erleben, sie adaptieren zu müssen. Er sollte erleben, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen. Sein Bedürfnis nach Gemeinschaft versucht Mehmet heute anderswo zu erfüllen, von einer extremistischen Szene möchte er nicht mehr angesprochen werden. Auch seine Familie ist nachdenklicher geworden und möchte Mehmets eigene Wünsche in Zukunft mehr respektieren und unterstützen.


Warum ist die extremistische Szene in unsicheren Lebensphasen attraktiv?



Für die Arbeit mit jungen Menschen wie Mehmet ist das Wissen über Attraktivitätsmomente der extremistischen Szene wichtig, um nachhaltige Prozesse der Deradikalisierung umsetzen zu können. Denn letztlich arbeitet jede extremistische Szene mit nicht befriedigten emotionalen Bedürfnissen junger Menschen. Dies ist das Mittel, um neue Anhänger zu locken und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Extremistische Salafisten sind für junge Menschen in unsicheren Lebensphasen attraktiv, weil sie Identität, Halt und Orientierung geben können. Sie können verführerisch wirken, weil sie unter anderem folgende Angebote machen:
  • Identität, Geborgenheit und Gemeinschaft (auch spirituelle Heimat), unabhängig von nationalen und ethnischen Kategorien

  • Wissen mit einem exklusiven Wahrheitsanspruch (einzige und höhere Wahrheit), der zu einem überhöhten Selbstwertgefühl führen soll und die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ermöglicht

  • Eindeutige Wertezuschreibungen mit der klaren Unterscheidung zwischen "Gläubigen" und "Nichtgläubigen", "wertem" und "unwertem" Leben (dichotome Weltsicht, mit der Ungleichheitsideologien vermittelt werden)

  • Klare Orientierungen durch charismatische Autoritäten mit Gehorsamsanspruch: "Du musst nicht nachdenken, Du musst nur folgen"

  • Gerechtigkeitsutopien, die an die hoch ideologisierte Vorstellung von weltweiter Verfolgung von Muslimen (kollektive Opferidentität) anknüpfen, die solidarisch unterstützt werden müssen (Mitmachfaktor), um ihr Leiden zu verhindern

  • Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und Abgrenzung von der Erwachsenenwelt, der Gesellschaft

  • Die Möglichkeit, aufgestauten Hass durch Gewalthandlungen zu kompensieren und hierbei Gewalthandlungen "religiös" legitimieren zu können

Der Ansatz von Violence Prevention Network



Ziel von Violence Prevention Network ist es, junge Menschen, die extremistische Tendenzen aufweisen und/oder bereits ideologisierte Straftaten begehen, aus dem Radikalisierungsprozess zu lösen. Hierbei werden neben präventiven Ansätzen Maßnahmen der Intervention bei beginnenden Radikalisierungsprozessen sowie zielgerichtete Deradikalisierungsarbeit umgesetzt. Präventive Ansätze zielen darauf, die Ambiguitätstoleranz zu stärken. Zudem geht es um die Früherkennung und Vermeidung von Radikalisierungsprozessen. Bei der Deradikalisierungsarbeit geht es um jene, die einen Ausweg aus extremistischen Ideologien suchen.

Violence Prevention Network verfügt aufgrund seiner Spezialisierung über jahrelange Erfahrungen im Umgang mit radikalisierten jungen Menschen und versteht es, Mitglieder dieser Szenen anzusprechen, mit ihnen in den Dialog zu treten, sie zu Veränderungen zu motivieren und Distanzierungsprozesse zu menschenverachtenden Einstellungen auszulösen.

Eine besondere Herausforderung stellt die Arbeit mit radikalisierten Personen dar, die aus einem Krisengebiet nach Deutschland zurückkehren. Aufenthalte in den Hot Spots des internationalen Dschihads können wie Durchlauferhitzer der Radikalisierung wirken. Nicht jeder, der nach Syrien reist, endet zwangsläufig in den Armen "islamistischer" Kampfverbände; mancher reist auch ausdrücklich zu wohltätigen Zwecken. Und nicht jeder, der die Kampfeinsätze des militanten Dschihad überlebt, kehrt hoch radikalisiert in die Bundesrepublik zurück. Mancher klopft zutiefst desillusioniert wieder an die Familientüren, andere sind tief traumatisiert. Nicht selten trifft beides zu. Es sind vor allem Personen, denen in ihrer Heimat besonders schlechte Prognosen gestellt werden, die für die extremistische Versuchung besonders empfänglich zu sein scheinen. Es sind aber auch junge Menschen, die nicht aus prekären Familienverhältnissen kommen.

Eine Deradikalisierungsarbeit beinhaltet sowohl eine niedrigschwellige Bildungsarbeit, die es versteht, mit jungen Menschen Dialoge über schwierige Fragestellungen zu führen, als auch eine sozialarbeiterisch-pädagogische Perspektive, welche den Blick auf die Problemlagen junger Menschen richtet. Denn ohne eine soziale Perspektive führt eine "Entzauberung" der extremistischen Ideologie zu einer Dekompensation bei Menschen, die eigentlich eines sozialen Haltens bedürfen.

Der Arbeitsansatz von Violence Prevention Network basiert daher auf den folgenden Schwerpunkten:

Aufbau einer professionellen Arbeitsbeziehung:

Die Herstellung einer Vertrauensbasis zu dem Probanden stellt eine überaus anspruchsvolle Aufgabe dar, da es gilt, jene jungen Menschen zu erreichen, die von der Gesellschaft und den staatlichen Organen häufig hochgradig entfremdet sind. Dies ist der Grund warum sie sich – von der extremistischen Szene dazu gedrängt – abschotten.

Vermeidung von Selbst- und Fremdgefährdung:

Die extremistische Szene agiert auf hochaggressivem Niveau und fordert immer wieder zum Kampf gegen "Ungläubige" auf. In diesem Risikobereich müssen pädagogische Aktivitäten immer darauf ausgerichtet sein, Gefährdungen zu vermeiden. Hierzu ist die Kooperation mit nahestehenden Personen wie Familienangehörigen zentral, denn emotionale Schlüsselpersonen sind wichtige Hemmschwellen für zerstörerische Handlungen.

In dieser Phase ist es auch relevant, eine Verunsicherung bezüglich des extremistischen Gedankenguts zu erreichen, indem andere Sichtweisen geöffnet werden. Die Gestaltung des Prozesses der Deradikalisierung ist methodisch und inhaltlich abhängig vom Grad der Radikalisierung. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Notwendigkeit einer theologischen Auseinandersetzung parallel zur pädagogisch-psychologischen Intervention steigt, je weiter die Radikalisierung des Einzelnen fortgeschritten ist. Wenn ein Mensch sich mit dem Willen, für seinen Glauben zu töten, einer extremistischen Gruppierung anschließt, wird die Beraterin/der Berater im Deradikalisierungsprozess viel Zeit drauf verwenden müssen, die ideologischen Rechtfertigungsmuster zu irritieren und Zweifel an diesen zu säen.

Entwicklung und Zunahme der Dialogfähigkeit:

In der extremistischen Szene gibt es eine hochgradige Gehorsamsorientierung, verbunden mit einer Angstideologie. In den Gesprächen mit den jungen Menschen ist es zentral, dass sie wieder eigenständiges Denken entwickeln, andere Sichtweisen angstfrei annehmen können und wieder selbstbewusste und eigenverantwortliche Entscheidungen treffen können. Deradikalisierung kann nur dann nachhaltig gelingen, wenn sich der zu Beratende in einer Atmosphäre des respektvollen Umgangs, sowohl mit seiner Person als auch mit seinen religiösen Vorstellungen wiederfindet.

Entscheidend ist gerade bei dieser Zielgruppe, dass die theologische Auseinandersetzung keinen missionierenden, sondern einen dialogischen Charakter hat. Nur der ehrliche Respekt vor den vorhandenen Erklärungsansätzen ermöglicht es, dass sich die betroffenen Personen für den Prozess des Hinterfragens öffnen. Die argumentative Gegenrede führt hingegen zu Abwehr und zur Verfestigung radikaler Ideologien. Integration in gewünschte religiöse "Räume":

Im Rahmen der Ausstiegsbegleitung ist es förderlich, die Probanden in bestehende muslimische Communities und Gemeinden integrieren zu können. Der "Ausstieg" in diesem Feld von Extremismus erfordert, anders als zum Beispiel im Bereich des Rechtsextremismus, eine stabile (Neu-)Definition der Glaubensrichtung. Nicht der "Ausstieg" aus dem Islam ist das Ziel, sondern die Abkehr von radikalen und menschenverachtenden Sichtweisen und der damit einhergehenden Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt.

Entwicklung von Toleranz gegenüber Widersprüchlichkeiten:

Neue Sichtweisen zu eröffnen und unterschiedliche Sichtweisen annehmen zu können sind Grundprinzipien jeglicher Bildungsarbeit. Für Menschen, die in ideologischer Monokausalität verhaftet sind, kann dies nur prozesshaft entwickelt werden. Der etappenweise Einsatz von differenten Teams mit unterschiedlichen Weltanschauungen, wie auch der Aufbau neuer sozialer Beziehungen beziehungsweise der Reaktivierung früherer sozialen Kontakte unterstützen diesen Prozess. Aufbau eines neuen privaten Netzwerkes, Aufbau von differenten sozialen Kontakten jenseits der extremistischen Szene:

Die extremistische Szene will eine Gleichförmigkeit, indem sie Differenzen negiert und Ungläubigen das Existenzrecht abspricht. Sie sorgt dafür, dass "Neumitglieder" frühere soziale Kontakte (gegebenenfalls familiäre Beziehungen) abbrechen, soweit sich diese Personen nicht ebenfalls missionieren lassen. Junge Menschen unterliegen bei einem Verlassen der Szene der Gefahr einer möglichen individuellen Kompensation. Durch den Aufbau alternativer privater und öffentlicher Netzwerke wird die Distanzhaltung zur extremistischen Szene erleichtert.

Orientierung auf einen persönlichen Zukunftsplan jenseits des "politischen Kampfes":

Soziale Desintegration ist ein Ursachenfaktor für eine mögliche Radikalisierung oder Re-Radikalisierung. Daher sind schulische und berufliche Integrationsmaßnahmen für den Jugendlichen von besonderer Bedeutung, weil sie soziale Partizipationsmöglichkeiten und neues Selbstwertgefühl ermöglichen. Biographisches Verstehen:

Biographiearbeit bedeutet, dass die jungen Menschen die wirksamen Faktoren in ihrem Leben identifizieren und verstehen können (biographische Schlüsselkompetenz). An der Schnittstelle zwischen Biographie und Ideologie müssen Gewalthandlungen, ihre lebensgeschichtliche Entstehung, gewaltaffine Interpretationsregimes und mit ihnen die ideologisierten Anlassstrukturen von Hass und Gewalt thematisiert werden. Ziel ist es, beim jungen Menschen durch eine erhöhte Dialogkompetenz Selbsterkenntnisprozesse zu initiieren. Die Entstehung von Gewalt und menschenverachtenden Denkmustern wird als Bestandteil der eigenen Lebensgeschichte erkannt, und damit werden die Anlassstrukturen und Legitimationsmuster von ideologisierter Gewalt aufgeweicht.

Differenzierte Ansätze der Deradikalisierung – differenzierte Anforderungen an Beraterinnen und Berater



Die Geschwindigkeit, mit der sich Jugendliche radikalisieren, macht es oftmals erforderlich, zügig differenzierte, aufeinander abgestimmte Möglichkeiten der Deradikalisierungsarbeit umsetzen zu können. Dazu gehören:
  • Beratung, Begleitung und spezifisches Training für radikalisierungsgefährdete junge Menschen im Vorfeld von Straffälligkeit

  • Intervenierende Maßnahmen in Fällen sich abzeichnender Radikalisierung

  • Deradikalisierung, Beratung und Begleitung im Strafvollzug

  • Aussteigerbegleitung: Beratungs- und Dialogmaßnahmen mit Radikalisierten, Ausreisewilligen und Rückkehrern (z.B. Syrien)

  • Beratung für Angehörige in der Auseinandersetzung mit religiös begründetem Extremismus zur Erreichung der Zielgruppe
Für diese Tätigkeit sind besonders auch Beraterinnen und Berater mit muslimischer Identität erforderlich, die erfahren darin sind, mit radikalisierten Menschen einen offenen Dialog zu beginnen. Entscheidend ist nicht allein das Sachthema, sondern vielmehr die Personen und der Kontext in dem dieser Dialog geführt wird. Dass die Beraterinnen und Berater in diesen Prozessen eine wichtige Rolle einnehmen, ist offensichtlich – sie müssen verlässlich sein; sie müssen authentisch sein; sie müssen den Jugendlichen Identifikation und Reibungsfläche zugleich bieten, sie müssen sowohl Interesse zeigen als auch Neugierde wecken. "Etwas anderes kennenzulernen", wird für junge Menschen zuerst an den Menschen greifbar, die ihnen gegenüber sitzen, sie bei Ämtergängen begleiten, in Konflikten mit Eltern oder Lehrerkräften unterstützen; den Menschen, die ihnen zuhören, sich mit ihnen auseinandersetzen.

Die schwierigste Phase der Deradikalisierungsarbeit ist die Kontaktaufnahme. Da der junge Mensch sich selbst nicht an eine Beratungsstelle wendet, sind Hinweise aus dem sozialen Umfeld notwendig. Bedeutend sind hierbei besonders die ratsuchenden Familienangehörigen, da sie eine wichtiger Partner in der praktischen Arbeit sein können. Aber auch Freundeskreise, Moscheen, Schulen, Sicherheitsorgane, Jugendhilfeeinrichtungen, Jugendämter können hinweisgebende Instanzen sein.

Die Beraterinnen und Berater überprüfen die Hinweise und eruieren die Möglichkeiten eines Erstkontaktes mit der betroffenen Person. Der Kontakt erfolgt aufsuchend, zum Beispiel in der Familie oder bei einen Workshop in der Schule oder beim Beten in einer Moschee. Bei der Kontaktaufnahme wird darauf geachtet, wie der Gesprächsanlass den jungen Menschen erklärt wird, damit dieser sich nicht stigmatisiert fühlt. Der Erstkontakt ist entscheidend für den weiteren Prozessverlauf. Ziel ist es, bei den Probanden ein Interesse und eine Motivation für weitere Gespräche zu wecken, aber auch zu erkennen, ob akute sicherheitsgefährdende Faktoren vorliegen.

Der idealtypische Verlauf einer Intervention lässt sich wie folgt beschreiben:
  • Kenntnis bzgl. einer gefährdeten Person, z. B. durch Institutionen, Angehörige oder Elternberatungsprojekte

  • Überprüfung der Gefährdungssituation durch wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
  • Herstellen eines direkten Kontaktes zu der Person

  • Aufbau und Stabilisierung einer Arbeitsbeziehung

  • Entwicklung eines Hilfe- und Förderplans unter Einbeziehung des privaten und öffentlichen Unterstützungssystems vor Ort

  • Thematische Dialogarbeit und eventuell Durchführung eines spezifisches Training für radikalisierungsgefährdete und gewaltbefürwortende junge Menschen

  • Erarbeitung von Sofortmaßnahmen und langfristigen Ausstiegsstrategien

  • Umsetzung der verschiedenen pädagogischen Arbeitsschritte
Der zu beratende Fall ist abgeschlossen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
  • Kein Vorliegen einer Selbst- und Fremdgefährdung, das Begehen neuer Straftaten erscheint nicht wahrscheinlich

  • Keine Kontakte zur extremistischen Szene

  • Neuorientierung jenseits extremistischen Gedankenguts

  • Soziale Integration in den wichtigen Lebensbereichen ist erfolgt

  • Die Fähigkeit zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung ist erkennbar

  • Beteiligte Akteure (wie z.B. Familie, Schule, Sicherheitsorgane) sehen keinen weiteren Handlungsbedarf

Bedingungen für eine erfolgreiche Intervention:



In einer ersten Bilanz der Arbeit mit szenenangehörigen jungen Menschen lassen sich folgende Punkte für eine Ausstiegsmotivation und einen Veränderungsprozess als bedeutsam hervorheben:
  • Die Beraterinnen und Berater sind zur Erreichung der Zielgruppe aufsuchend tätig und lassen sich von ersten Abwehrreaktionen der Zielgruppe nicht abschrecken, sodass anfängliches Misstrauen der Jugendlichen überwunden werden kann. Dabei spielt die authentische Grundhaltung eine zentrale Rolle.

  • Die Beraterinnen und Berater nehmen die religiösen Themen und Fragestellungen ernst und gehen hierzu in eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung, die selbst komplexe Textanalysen beinhaltet. Oftmals geht um eine der folgenden Fragestellungen: Darf ein Mensch muslimischen Glaubens in einem säkularen Staat leben? Welche Werte vertritt die Religion, welches Menschenbild offenbart sich? Welchen Wert hat jeder Mensch an sich, auch wenn Menschen völlig unterschiedlich sind? Was heißt Verantwortung für sich, seine Umwelt und seine Mitmenschen zu übernehmen? Wie kann man frühere Fehler wiedergutmachen? Was sagt die Religion über Gewalt und Zwang? Was bedeutet Dschihad im religiösen Sinne? Koranverse zu verstehen ist nicht einfach, sie können missdeutet und missbraucht werden und müssen im jeweiligen historischen Kontext interpretiert werden.

  • Dieses "Ernstnehmen" thematischer und religiöser Fragestellungen führt dazu, dass sich die betroffenen jungen Menschen als Person angenommen fühlen und sich somit für pädagogische Themen wie Biographie, Diskriminationserfahrungen, Lebenskrisen und kritische Lebensereignisse öffnen können. Erst dann wird es möglich, die Hintergründe und Ursachen der individuellen Radikalisierungsverläufe zu bearbeiten. Die Jugendlichen lernen, über sich selbst zu reden und zu reflektieren. Sie werden von den Beraterinnen und Beratern immer wieder ermutigt, eigene Entscheidungen zu treffen und eigenverantwortlich zu handeln.

  • Die konkreten familiären und sozialen Integrationsmaßnahmen unterstützen und stabilisieren den Deradikalisierungsprozess. Dazu gehören unter anderem, Konfliktlagen innerhalb der Familie zu klären und Perspektiven für Schule und Beruf zu entwickeln.
VPN hat die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen ein starkes Interesse an regelmäßigen Zusammenkünften zeigen und professionelle Unterstützung annehmen, besonders auch in Fragen eigener Zukunftsgestaltung.

Verlässliche Partner statt extremistischer Eindeutigkeitsangebote



Die Arbeit mit radikalisierten und extremistisch beeinflussten jungen Menschen ist personalintensiv und muss auf einen längeren Zeitraum ausgerichtet sein. Nur durch einen tatsächlichen und kontinuierlichen persönlichen Kontakt kann eine nachhaltige Ausstiegsarbeit erfolgen, wie z. B. bei Mehmet, dem zu Beginn vorgestellten Fall. Er ist einer der Rückkehrer, über die allenthalben gesprochen wird, war in einem Kriegsgebiet und hat unvorstellbar schlimme Dinge gesehen und erlebt. Wichtig für ihn war es zuerst einmal, ihn zurück ins "Hier-und-Jetzt" zu holen. Die Gespräche haben Mehmet gezeigt, dass Religion komplex ist, dass man sich mit religiösen, politischen und gesellschaftlichen Fragen intensiv auseinandersetzen muss. Er kann heute nachvollziehen, dass die extremistische salafistische Szene eine missbrauchende und auf einfache Antworten ausgerichtete Auslegung von Religion verbreitet.

Die Szene suggeriert den jungen Leuten mit ihrem Eindeutigkeitsangebot auf sehr geschickte Art und Weise ein klares Weltbild mit einfach zu befolgenden Regelwerken. Gepaart mit der globalen Krise und dem humanitären Leid der Muslime auf der Welt, insbesondere in den islamisch geprägten Ländern, wird ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit vermittelt und die Gewalt als legitimes Mittel für eine Lösung all dieser Krisen verherrlicht.

Die eingangs genannten Jugendlichen haben die ersten Schritte des Ausstieges geschafft und haben aktuell keine Kontakte mehr zur extremistischen Szene. Sie stehen für über 130 junge Menschen, mit denen Violence Prevention Network aktuell in der Ausstiegsarbeit tätig ist. Es geht in dieser Arbeit darum, dass diese Menschen sich in dieser Gesellschaft angenommen fühlen, partizipieren können und berufliche wie private Ziele erreichbar gestalten können. Für diesen Weg braucht Mehmet verlässliche Gesprächspartnerinnen und -partner.
Thomas Mücke wurde am 2.5.1958 geboren. Er ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network, Dipl.- Pädagoge und Dipl.-Politologe. Thomas Mücke verfügt über langjährige Erfahrungen in der Arbeit mit Gewalttätern und Gewaltopfern und ist der Extremismusprävention und –bekämpfung seit 25 Jahren praktisch tätig. Er ist Ausbilder für Mediation und für das Antigewalt- und Kompetenztraining AKT®. Als Dozent, Referent und Coach arbeitet er bundesweit zu den Themenschwerpunkten: Radikalisierung und Deradikalisierung, politischer Extremismus, Konzepte und Methoden der Antigewaltarbeit.

Violence Prevention Network ist ein Verbund erfahrener Fachkräfte, die seit Jahren mit Erfolg in der Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter, der Extremismusprävention sowie der Antigewaltarbeit tätig sind. Unterschiedliche Professionen sowie Konfessionen zeichnen die Teammitglieder aus. Das Team von Violence Prevention Network arbeitet seit 2001 erfolgreich im Bereich der Verringerung von ideologisch motivierten schweren und schwersten Gewalttaten von Jugendlichen.

Kontakt



Thomas Mücke
Geschäftsführer
Violence Prevention Network e.V.
Handy: 01525-3598618
thomas.muecke@violence-prevention-network.de
www.violence-prevention-network.de

Kontakte zu Beratungsstellen:

Violence Prevention Network
info@violence-prevention-network.de
Tel +49 (0)30 91705-464

Beratungsstelle Hessen - Religiöse Toleranz statt Extremismus
hessen@violence-prevention-network.de
Tel +49 (0)69 272 999-97

Beratungsstelle Kompass (Berlin) – Toleranz statt Extremismus
kompass@violenve-prevention-network.de
Tel +49 (0)30 23 911-300

BAHIRA Beratungsstelle, Şehitlik Moschee Berlin
bahira@violence-prevention-network.de
Tel +49 (0)30 923 587-24


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Autor: Thomas Mücke für bpb.de
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