Herausforderung Salafismus
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Salafismus als Herausforderung für die Offene Kinder- und Jugendarbeit

Bildung zwischen Akzeptanz und Konfrontation ermöglichen


9.11.2017
Solange Jugendliche Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wahrnehmen, sind sie erreichbar – und es besteht die Chance, sie gegenüber den einfachen Welterklärungsmodellen salafistischer Gruppen zu stärken. Dabei steht die Jugendarbeit häufig vor einem Dilemma: Wenn sie Jugendliche ausschließt, die offen der salafistischen Szene angehören, könnte das eine Radikalisierung verstärken. Gleichzeitig muss die Jugendarbeit kritische Distanz wahren und darf nicht zur Bühne für extremistische Ideologien werden.

Jugendzentrum LimburgerhofJugendzentrum Limburgerhof. (Foto: Immanuel Giel / Public Domain, via Wikimedia Commons)

Salafismus als Thema für die Offene Kinder- und Jugendarbeit: Ein Einordnungsversuch



Es ist die zentrale Herausforderung für Jugendliche in der Adoleszenz, einen eigenständigen Lebensweg zu gestalten. Pädagoginnen und Pädagogen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit haben unter anderem häufig mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die von sozioökonomischer Benachteiligung betroffen sind. Angesichts mangelnder Zukunftsperspektiven und oft geringen schulischen Bildungserfolgen ist dieses Milieu anfällig für "Erlöser" wie salafistische Gruppen, die mit einfachen Botschaften predigen, dass alle anderen die Schuld haben, nur man selbst nicht – eine Haltung, die beinhaltet, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Situation nicht notwendig ist. Neben sozial oder bildungsbenachteiligten Jugendlichen können jedoch auch andere anfällig sein, zum Beispiel diejenigen, die unabhängig von ihrem Lebensstandard Diskriminierung erfahren haben. Salafismus hat auf alle Fragen die passende Antwort und reduziert die Haltung zur Welt auf eine rigorose Einteilung in gut oder böse, richtig oder falsch, Zugehörige zur eigenen Gruppe oder "Ungläubige".

Solange jedoch Jugendliche in Hinwendungsprozessen zum Salafismus die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit wie Jugendzentren, Offene Türen oder mobile Angebote besuchen, haben sich noch nicht komplett in ein salafistisches Milieu zurückgezogen. Sie sind noch sichtbar, und hier liegt für Pädagoginnen und Pädagogen die Chance, sie bei ihrer Identitätsarbeit zu unterstützen. Wie dies gelingen kann, ist Thema des vorliegenden Beitrages.

In unserer individualisierten und säkularen Gesellschaft ist es auf den ersten Blick verwunderlich, dass Jugendliche (zeitweise) ein Identitätsmodell ausprobieren, das durch eine spezielle Form des religiösen Fundamentalismus ausgezeichnet ist, der die Abwertung von Andersdenkenden einschließt. Auf den zweiten Blick erscheint der Salafismus in seiner jugendkulturellen Ausprägung unter anderem deshalb attraktiv, weil er ein enormes Protest- und Abgrenzungspotential gegenüber der Elterngeneration und anderen gesellschaftlichen Milieus bietet, wie dies in jüngster Vergangenheit von einigen Autoren angeführt wird.[1]Der Begriff der Jugendkultur kann allerdings nicht uneingeschränkt auf den Salafismus angewandt werden, da Symbole, Codes und Deutungsmuster durch Erwachsene gestaltet wurden und da es innerhalb der Szene keine klare Abgrenzung zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zu geben scheint.[2]

Gefordert ist von Pädagoginnen und Pädagogen ein genaues Beobachten sowie eine Offenheit und Affinität für Lebensfragen und Lebensgestaltungsversuche von Jugendlichen, insbesondere jene in prekären Lebenslagen und jene, die Ohnmachtserfahrungen machen. Eine Hinwendung zum Salafismus macht hellhörig für Ursachen, die es als pädagogische Fachkraft gemeinsam mit dem Jugendlichen zu ergründen gilt.

Die Auseinandersetzung mit dem Themenspektrum des Salafismus in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit erfolgt unter einer gesetzlich verankerten Bildungsperspektive. Das heißt: Jugendarbeit zielt grundsätzlich darauf ab, Lebenskompetenzen zu fördern und subjektive Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu unterstützen. Offene Kinder- und Jugendarbeit setzt dann Bildungsimpulse frei, wenn Meinungsverschiedenheiten berücksichtigt werden und in einen demokratischen Prozess der Willensbildung münden, der die Kompetenz vermittelt, Ideologien und Herrschaftsansprüche kritisch zu hinterfragen. Ein solches Verständnis von Offener Kinder- und Jugendarbeit als politische Bildung ist insbesondere in Zeiten aufkommender Attraktivität von Eindeutigkeitsangeboten (Salafismus, Rechtsextremismus) und ebenfalls salonfähiger islamfeindlicher Einstellungsmuster in weiten Teilen unserer Gesellschaft von besonderer Relevanz.

Aus welcher Perspektive und auf welcher Grundlage kann die Jugendarbeit tätig werden?



Offene Kinder- und Jugendarbeit ist in besonderem Maße von gesellschaftlicher Vielfalt und Veränderung geprägt – das schließt die religiöse und weltanschauliche Vielfalt ausdrücklich ein. Gesetzlich verankertes pädagogisches Ziel ist es, junge Menschen zur Selbstbestimmung zu befähigen sowie zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anzuregen und hinzuführen (vgl. §11 Abs. 1 SGB VIII). Dies wird dadurch erreicht, dass Jugendarbeit an den Interessen junger Menschen anknüpft und pädagogische Angebote von jungen Menschen mitbestimmt und mitgestaltet werden (vgl. ebd.).

Das heißt: Sowohl in Jugendeinrichtungen als auch in mobilen oder aufsuchenden Arbeitsarrangements zielt die Jugendarbeit darauf ab, langfristig angelegte, informelle Bildungsprozesse zu ermöglichen, welche die Lebenskompetenz junger Menschen fördern. In diesem Sinne soll dann von Bildung gesprochen werden, wenn Kinder und Jugendliche sich in ihrer Individualität (Ich-Bezug) und in ihrer Rolle als aktive Gestalter von demokratischer Zivilgesellschaft (Welt-Bezug) entdecken, und an sich selbst und an gesellschaftlichen Prozessen aktiv (mit)arbeiten. Somit ist es grundsätzlich Aufgabe von Jugendarbeit, Freiräume zu ermöglichen für das Ausprobieren, für Gemeinschaft, für selbstbestimmtes Lernen und das Treffen von Entscheidungen. Dies gilt auch für Jugendliche in Hinwendungsprozessen zum Salafismus.

Jugendarbeit sollte einen differenzierten Blick auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben, die sich vom Salafismus angezogen fühlen. Dies wird in der Praxis leider nicht immer idealtypisch umgesetzt. Zu einer differenzierten Arbeitsweise gehört, Jugendlichen nicht sofort ein Angebot zu machen, sondern sie zunächst genau zu beobachten und dabei das eigene Arbeitsfeld mit kritischer Distanz zu betrachten (zu "befremden") und immer wieder neu zu reflektieren. Dabei ist es notwendig, Antworten auf Fragen zu finden wie: Was wissen wir über die Jugendlichen? Welche biografischen, sozialen und kulturellen Bindungen und Entwicklungen prägen sie, in welchen Milieus leben sie? Welche damit verknüpften Weltsichten (Familie, Peer Group, Medien, Religionsgemeinschaft, Verein) haben sie geprägt? Welche Gesellschaftsbilder werden über sie vermittelt (Stichwort Islamfeindlichkeit)? Welche Versuche der Lebensgestaltung werden sichtbar?


Fußnoten

1.
Vgl. Toprak/Weitzel 2017, S. 47-59; El-Mafaalani 2017, S. 77-90.
2.
Dies bemerkte Silke Bear auf einer Fachtagung zum Thema Salafismus als Herausforderung für die Soziale Arbeit am 12.10.2017 an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen.

 

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